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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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30.

Der Frühling kam, da hatte es Ursula schwer, und manchmal mußte sie denken: so ist gewiß den Zugvögeln zumute, die im Bauer sitzen.

Mit dem wachsenden Licht der Tage steigerte sich Ursulas Verlangen nach dem Lande, nach ihrem Lande ins Unermeßliche. Es gab Stunden, wo sie krank davon war und dumpf und bewegungslos dalag. Aber sie wollte sich nicht aus ihrer Bahn schleudern lassen. Und immer hielt sie sich vor: Mit allem, was Du um Eichhof leidest, lernst Du für seinen Besitz. Ich werde nicht fahnenflüchtig, so wenig wie Anselm es wird.

Dann zeigte sich Onkel Bolko. Auf diesen Flatterfahrer war wie immer kein Verlaß. Um so fester hielt sie die Stunden mit ihm und alles, was er sagte.

Von Jochem erzählte er, daß der wieder im Lande sei. Aus Andalusien habe er einen ganzen Eisenbahnwagen voll maurischer Gewebe 265 mitgebracht. Im übrigen sei er abwechselnd tiefsinnig und voll süßen Weines.

Das gab Ursula einen Stich ins Herz. Und dann schalt sie sich, wie anfällig man in der Stadt werde, so rührselig und von so überspanntem Gewissen.

Onkel Bolko war auch nicht mit ihr zufrieden. »Kind,« sagte er, »das geht nicht auf die Dauer. Du paßt nicht in dieses Geschäft. Kann Dein Mann nicht den Bilderhandel aufgeben und Kompagnon von Deinem alten Herrn werden? Der hätte gewiß nichts dagegen.«

Sie machte grelle Augen und sträubte ihr Gefieder. »Soll das heißen, daß er allein nicht mit Eichhof fertig wird?«

»Nein, soll es nicht heißen. Aber das heißt es, daß heute jeder Landmann Geld in seinen Laden braucht.«

All der Jammer aber käme bloß daher, daß sie alle kein Verständnis für die Ausnutzung großzügiger Erfindungen hätten. Er wisse ein Lied davon zu singen. Und dann entwickelte er ihr seine neueste Idee. Er wäre jetzt daran, brauchbare Akkumulatoren herzustellen, die die Winterstürme als wohlfeile Kraft für die Frühjahrsbestellung aufsparten. 266

Der Morveldtsche Schwung in ihm riß sie immer wieder fort. Und inniger dachte sie an Anselm, schmerzlicher an Jochem.

Als er ging, begleitete sie ihn ein Stück. Und dann auf dem Heimweg sah sie etwas, was ihre von Eichhof, Rotenmoor und ihrer ganzen Jugend bewegte Seele vollends erschütterte.

Sie kam durch eine enge Nebenstraße. Kinder spielten in der Nachmittagssonne auf dem Asphalt. Sie waren sehr laut, in Berlin muß man schreien, wie soll man sich hier anders verständigen? Abseits aber von dem Lärm auf dem Bürgersteig neben einer Hausschwelle saß ein kleiner Mann, fünfjährig etwa, unberührt von der Welt, ganz in sich und seine Sehnsucht versunken. Er führte den abgebrochenen Stiel eines Zinnlöffels in der Hand, und mit diesem Löffelstiel hob er seine Schätze. Was waren diese Schätze? Erdkrumen waren es, ganz winzige Teilchen, die er mühselig zwischen den Steinen herauskratzte. Und wie ein Geiziger wachte er über diesen Goldsand seines Glückes. Wenn er etwas verschüttete, nahm er es zwischen Daumen und Zeigefinger, kein Körnchen durfte verloren gehen, und schaffte es so auf einen kleinen Pappdeckel, der trug schon einen Erdhügel, nicht größer als der alte 267 Fingerhut, der als Kuchenform daneben stand – aber es war doch Erde.

Ursula beugte sich nieder zu dem Kinde. Es war häßlich und hatte ein altes mürrisches Gesicht. Aber in den Augen war ein tiefer Glanz, der von dem großen Heimweh aller Erdenkinder stammte. Da mußte sie ihm das blonde Haar streicheln und drückte einen Kuß darauf. Und durch ihre Traurigkeit und ihr Mitleid fühlte sie so stark wie niemals: Wenn mir doch ein Kind gegeben würde! Einen Jungen will ich haben, dem Eichhof gehören wird, unser Land. Dann geht alles zum Guten.

Denn gut ist es nicht, so wie es ist!

Sie stürmt schonungslos auf ihr Leben ein. Ist nicht in Halbheit alles zerstückt? Halb ist sie bei ihrem Manne und halb lebt sie wo anders. Und seine Liebe, seine große Liebe – begnügt die sich nicht mit ihrem halben Leben?

Warum wird sie nicht so von ihm besiegt, daß sie alles geben muß, daß sie nichts mehr hat, daß sie nichts ist außer ihm? Warum überwindet er sie nicht? Warum vergewaltigt er sie nicht? Warum zerdrückt er nicht ihr zweites Dasein mit mächtigen Armen? Und wenn sie daran vergeht!

Und dann kommt das Schlimme wieder, das bis zur Feindseligkeit Böse. Dann suchen ihre 268 streitbaren Fraueninstinkte wieder nach seinen Schwächen – lauern auf sie, sehnen sie herbei. Und haben sie eine erwischt, so wird diese mit grimmiger Güte, mit kosender Grausamkeit gehätschelt und gepäppelt, daß sie ins Maßlose wächst. Seine Sorgfalt, sich zu kleiden, ist überaus ergiebig, eine Zuneigung für edle Krawatten, eine gepflegte Kunstfertigkeit, sie auf sieben verschiedene Arten zu binden, wird zu einer drohenden Lächerlichkeit aufgetrieben. Ein leichtes pedantisches Gehabe, das er mit wachsender Gelehrsamkeit angenommen, den steifen Zeigefinger aufzuheben, gedeiht zu einem komischen Ungeheuer.

Bernd spürt nun doch etwas von dem gefangenen Singvogel, von den klagenden Lauten, dem schmerzlichen Flügelschlagen.

»Pfingsten fahren wir nach Eichhof!« verheißt er ihr. Er hat auf einen freudigen Blick gerechnet, und was er findet, ist Ablehnung.

»Nein, nein, ich möchte nicht.«

Er schüttelt den Kopf, aber dann beruhigt er sich bald und forscht ihrem Widerstand nicht weiter nach.

Und sie, gequält von dieser bequemen Bereitschaft, sie ringt mit sich, ob sie ihm nicht alles sagen soll. Daß sie kein Heim hat in dieser sachten Zufriedenheit. 269

Daß es sie zu dem Schmerzhaften treibt! Ja, ja, das tut es. Viel mehr sind meine Gedanken bei Anselm und bei Jochem sogar, dem Verwundeten.

Und einmal sagt sie ihm: »Weißt Du, was ich möchte? Ich möchte Dir einen großen Schmerz zufügen.«

Da lächelt er nur und nimmt ihren Kopf, küßt sie auf Stirn und Mund und sagt leise: »Das kannst Du doch nicht!« In ihr aber wächst ein Feuer, ein Zorn und eine Lust.

»Doch kann ich es! Und wenn Du glaubst, ich hab' Dich genommen, weil ich Dich lieb habe – ich glaube, ich hab' es nur getan aus Angst vor einem anderen.«

Er lächelt wieder, aber nicht so frei, ein Gram und ein Bedenken zittert hinein. Das tut ihr fast wohl. Und als er sie dann ernsthaft fragt: »Du bist so anders – bist Du denn nicht glücklich?« – da stößt sie ihm ein »Nein!« wie ein Messer ins Herz.

Da ist der Schmerz, den sie gewollt hat. Jetzt ist der Getroffene ihr nahe, jetzt fliegt zu diesem Schmerz ihr Trost, ihre Zärtlichkeit, ihre Liebe.

Sie nimmt seine Hand, sie streicht ihm übers Haar. »Ich hab' Dich lieb. Und bin doch nicht von ganzem Herzen froh. Und hab' Dich doch lieb!« 270

Nach diesem allem war Bernd sehr nachdenklich geworden, und die Gewißheit ließ ihn oft im Stich. So manches Mal, wenn er sie zu Bett gebracht und sich dann noch in seinem Zimmer an den Schreibtisch gesetzt hatte, wenn nun die süße Sicherheit ihres letzten Kusses nicht mehr bei ihm blieb, so riß ihn wohl eine plötzliche Angst aus seiner Bilderwelt.

Und ob er flüchtete zu der glühenden Hoheit der Renaissance, ob er die spröden Säume der besonnten Quattrocentogewänder faßte und weiter sich trug bis in die schattigen Quellgründe von des Trecento herber Naturnähe, zu den Füßen Giottos, den er lieb gewonnen – auch hier war er nicht sicher vor seiner Sorge.

Machtlos – war er nicht im Grunde machtlos über die Frau, die er liebte? Sie, die nicht mitgehen wollte, die er nicht ganz mitnehmen konnte in seines Geistes Land? Für die es nichts gab als ihre Heimaterde? War es nicht fast ein Unglück, daß sie sich hatten liebgewinnen müssen? War es nicht eine Vermessenheit, daß er sie fortgetragen hatte von ihrem Grunde?

Sie forttragen, das war das Schwerste nicht. Sie halten, sie halten!

Und dann lief er ins Schlafzimmer, er mußte sie sehen, daß sie noch bei ihm war. Und er setzte sich still an ihr Bett und blickte ihrem Schlafe zu. 271

 

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