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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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29.

Sie haben einen Gewalthaber unter Bernds weiteren Verwandten, einen Geheimrat, der so begabt ist, Millionär zu sein und im Aufsichtsrat verschiedener Banken zu sitzen. Als das junge Paar bei ihm Besuch machen wollte, waren sie nicht angenommen, er lag in der Klinik, der Blinddarm war ihm herausgeschnitten.

Jetzt war er wieder hergestellt und gab zur Feier seiner Genesung ein Fest, zu dem auch die beiden geladen waren.

Die Gesellschaften bei ihm haben kein Gepräge, hatte Bernd ihr gesagt, weil er so wenig wie seine Gattin eins besitzt. Aber man sieht dort viel.

»So gehen wir,« meinte Ursula tapfer. »Mir ist gerade nach vielem zumute.«

Im Vestibül trafen sie mit Vetter Hans zusammen, der Familie Godenrath ungeratenstem Sohn. Er war heute schon ein grauer Sünder, früher 254 Seeoffizier, dann wegen eines Ehrenhandels verabschiedet, jetzt schriftstellernd und Karikaturenmaler. Bernd breitete scherzhaft schützend seine Fittiche über Ursula: »Vor dem Zeichner hüte Dich!« Aber sie fand in dessen herben und mutigen Augen so viel junge Ungezogenheit, sie hielt ihn fest, er sollte ihr Bundesgenosse sein.

»Kriegen Sie keinen Schreck, wenn Sie unseren Herbergsvater sehen,« so warnte er sie. »Sein Kopf sieht aus wie ein geschnitzter Kürbis.«

»Und was ist in dem Kürbis?« fragte sie schelmisch.

»Grütze,« antwortete er, wie er sollte.

Bernd sah die beiden kopfschüttelnd an. »Ihr scheint Euch ja was Schönes vorgenommen zu haben!«

Sie fanden den Hausvater in getragenster Haltung, von Glückwünschenden umringt.

Dieser Gesalbte des Mammons hatte sich nie so interessant gefühlt wie jetzt in seiner Unvollständigkeit, und es geschah von selbst, daß aus ihr ein Kultus wurde.

In seinem sogenannten Arbeitszimmer, auf einer Konsole von antiker Seelengröße stand ein Glas, in dem Glas war Spiritus, in dem Spiritus wurde 255 der Wurmfortsatz aufbewahrt, gerettet für die Nachwelt. Und Völker pilgerten hinzu und beugten das Knie vor dem geheimnisvollen Glied des illustren Mannes, der in mystischer Getragenheit dabeistand, er, der dieses Fetisches großer Bruder war.

Ursula war ratlos, betäubt von dieser großen Stunde, da der geheime Blinddarm Cercle abhielt. Da half ihr Hans, wie er es sich geschworen hatte und wie es seine Pflicht war. Mit seinem ahnungslosesten Gesicht, ganz liebenswürdig und ganz familiär, fragte er die Dame des Hauses: »Sagen Sie doch mal, gnädigste Cousine, welche Hälfte Ihres Mannes ist Ihnen nun lieber, die mit oder die ohne Spiritus?«

Alles wehrte sich verständnislos oder krümmte und verrenkte sich in wilder Verlegenheit. Ursula aber lachte frei und war gerettet. Und nun vertraute sie sich gänzlich Hans zu weiterer Führerschaft an. Sie wußte, er würde ihr mit Vorliebe Ungerechtigkeiten und Uebertriebenes zu kosten geben, aber nach solcher Einführung war das gerade, was sie brauchte.

Und nun sah sie die Welt mit seinen Augen.

Die Säle hatten sich ganz gefüllt. »Viel Künstler und wenig Menschen,« sagte der Mentor. 256

Gekalkte Gesichter drohten durch die Fernen, seidene Hüften prallten sich in lockender Verblendung, über gepuderte Schultern tasteten sich Worte von matter Verliebtheit.

Eine Jungfrau sang Süßigkeiten.

Ein Jüngling saß allein in weher Schönheit, gläubig schwamm sein Geist aus diesem Meer von Lichtern, aus dieser leuchtenden Luft der Wohlgerüche, verbog und verschlang sich in den Linien der Möbel und Uhren, der Beleuchtungskörper, Teppiche und Tapeten, da wo sie am irrsinnigsten waren, und fiel dann taumelnd zwischen die Marmorkniee einer tanzenden Salome.

Eines hehren Greises Nahen durchschauerte die Menge. Ein Priester und Sänger alles Wahren, Schönen, Gutschmeckenden – nie fehlte er bei einem gehaltvollen Symposion. Mächtig und gebietend ragte sein Schnabel, kahl war sein Haupt, graue Federn krausten sich und krochen in seinen Nacken. Ein heiliger Marabu schritt er durch die Andacht der Reihen.

Die brave Masse verfeinert sich zu bös beweglichen Gruppen, die Gruppen verschlimmern sich zu Paaren. Aus Tausenden von Blicken und Worten grüßen sich unendliche Lügen, leuchtend in unschuldiger Selbstverständlichkeit. 257

Die Musikkapelle spielt die lächelnden Diebstähle eines Anerkannten von geliebtem Schmelz.

Die Spätesten der Gäste kommen. Eine lilienblasse Sängerin, die börsenmännermordenden Augen gesenkt, in hochgeschlossenem schmucklosen Kleide – wie eine tugendhafte Vision betet sie durch die fleischgefüllten Räume. Niemand hat sie je öffentlich dekolletiert gesehen. Auch auf der Bühne nicht. Schützend hält die Mythologie die Hände über ihre Büste. Die Sage sagt, daß der mühsam abgewehrte Messerstich eines Wahnsinnigen ihr quer übers Brustbein gegangen sei. Nimbus aber ist selbst an der Börse ein gangbares Papier. Wobei überflüssig zu erwähnen, daß die Herren Jobber von einem Nimbusen der Sagenhaften scherzen.

Börsenwitz und Theaterklatsch lümmeln sich auf den Polstern und machen sich beliebt.

Und die Musik stiehlt immer weiter und lügt so süß –

An kleine Tische setzt man sich, an Tische mit dumpfen, heißen, sterbenden Blumen – auf den weißen Tüchern tanzen die flimmernden Lichter der Kristalle, die fiebernden Flammen des roten Weins.

Schlürfende Lippen, schwelgende Zungen, gekitzelte Gaumen überall. 258

Und dazwischen fressen sie das Fleisch der Nachbarinnen.

Bis der Tanz die in ihre Arme führt, die lebhaft sind von Tatkraft oder Selbstbetrug. Und die Luft zittert von dreister Glut, von verwelkenden Wünschen, von neurasthenischem Geflacker – – –

Ursula blieb an der Hand ihres Führers, feindlich, fern und boshaft blickte sie in ein Meer sich trübender und wirrender Menschlichkeiten. Die guten, festen und freundlichen Ufer verschmähte sie zornig. Mit Bernd kam sie bloß ein paarmal auf kurze Zeit zusammen.

Er drückte ihre Hand. »Nun, wie ist Dir?«

In ihren Augen war ein fernes, kaltes Licht. »Wie bei fremden Völkerschaften.«

Da drohte er zu Hans hinüber. »Ja, Ihr beiden, Ihr seid schon die richtige Kompanei.« Doch ließ er sie mit vollem Bedacht in diesen Händen.

Dann hatte sie genug von dem Bösen und der eigenen Bosheit. Sie waren unter den ersten, die gingen. Als sie im Wagen saßen, sagte Bernd: »Du hast Dir also was Schönes eingebrockt mit Deinem Karikaturisten. Wenn man Euch jetzt hört, habt Ihr einen Parademarsch von Kakodämonen abgenommen.« 259

»Was ist das?« fragte sie und dehnte sich schläfrig zu ihm hin.

»Es war auch genug Stilles und Erfreuliches da. Meine Professorsleute aus Zehlendorf – Menschen zum Liebgewinnen. Er hat mir von seinen Bienen erzählt. Die Frau ist übrigens auch Quellenfinderin.«

»Warum hast Du mich nicht auch dahin geholt?«

»Ganz gut, daß Du erst mal Deinen Blutdurst stillst.«

»Ich glaub', ich hab' genug. Wir wollen so bald so was nicht wieder tun.«

Heute hielt ihre Müdigkeit alles nieder. Am anderen Morgen aber kam es herauf.

»Ich werd' das nicht los,« rief sie, »ich kriege den Geschmack nicht von der Zunge.«

»Glaubst Du nicht, daß die meisten von den Ungeheuern, die Dir unser Hans an die Wand gemalt hat – daß die im Grunde unglückliche Menschen sind!«

»Wenn die Menschen diese Gesellschaften nicht brauchten, würden sie sie doch nicht haben!«

»Das alles ist nicht so einfach. Und die einzelnen sind gewiß nicht so wie diese Gesellschaften. Glaub' 260 mir, daß auch von ihnen viele, sehr viele ihren dunklen See und ihre wilden Schwäne haben.«

Das war ein ernster Verweis. Doch nicht so schwer gemeint, wie er sie traf. Schmerzlich schlossen sich ihre Augen. Dann fuhr sie auf: »Weißt Du, was ich jetzt fühle? Daß ich in der Fremde bin.«

»Kind –«

»Fühlst Du es nicht auch, daß ich nicht hierhergehöre! Warum hast Du mich hergeholt? Was hast Du mich nicht gelassen, wo ich war?«

Erschreckt nahm er ihren Kopf. Hatte er mit seinen Worten so die Sehnsucht geweckt? Konnte ein Heimweh solche Gewalt über sie haben – jetzt, da er sie in den Armen hielt!

War diese Sehnsucht nun doch das Mächtigste in ihr? Mächtiger als alles, was er ihr zu geben vermochte?

Nein – nein – er erhob sich zu seiner alten Gewißheit – was in ihr zuckte, war nur sein unbedachtes Wort. Sie war ja ein Kind, und sanft mußte man mit ihr fahren.

Er zog ihren Kopf an seinen Mund und steckte ihr das Ohr voll Küsse und lieber Worte. Sie wurde ruhiger unter seinen Lippen. Dann begleitete sie ihn durch den Tiergarten nach dem Bureau. 261

In den Bäumen hing Rauhreif. Mit bläulichem Rauch legte sich das Winterlicht um die Stämme und flocht sich wie hilflos in die Kronen, ein weher Traum von Sonne.

Warum war sie von dieser großen Traurigkeit in Eichhof niemals traurig geworden? Mit einer trunkenen Verträumtheit hatte sie all das Schöne gefühlt, das in dem Trauern war. Hier aber wurde sie niedergedrückt von dumpfen Schatten.

Einen Baum – nur einen Baum will ich haben, der mir gehört! Und will die Arme um ihn legen und an ihm hinsinken und weinen, daß ich ihn habe. Fremd – fremd sind diese und feindselig und hassen mich, wie ich sie hasse! –

Am Nachmittag kam Anselm zu ihr, Lebewohl zu sagen, da er auf die Kriegsschule mußte. Das gab wieder ein bezwungenes, schmerzliches Beieinander. Wie Bildsäulen wurden die beiden, wie von Erz. Und ihr Abschiednehmen war starr und hart.

Als Bernd am Abend seine Frau begrüßte, musterte er sie und fragte: »Wie siehst Du nur aus? Seit wann hast Du die Falte zwischen den Brauen!« Er fuhr zärtlich mit glättendem Finger darüber. »Du hockst zuviel zu Hause! Wir wollen ausgehen, wir wollen Musik hören!« 262

»Ach nein, laß mich hier bei Dir sitzen.«

Bernd schrieb an einer großen Arbeit, die ihm eigentlich gegen seinen Willen zugefallen war. Sie lag abseits von seinem engeren Studiengebiet. Er mußte sich heftig in die italienische Malerei vertiefen.

Wenn er so ganz begraben war, dann konnte es ihr wohl im Blute prickeln, daß sie ihn mutwillig stören mußte. Sie lief zu ihm an seinen Schreibtisch, legte sich ihm gegenüber, die Knie auf den Stuhl, die Ellenbogen auf den Tisch und in die Hände den Kopf wie ein ungezogenes Mädchen. Dann nahm sie ihm die Feder aus der Hand und sagte: »Jetzt bist Du imstande, ein Lebenswerk darüber zu schreiben, ob diese käsige Judith von Romanino ist oder von einem seiner Schüler. Und wenn von einem seiner Schüler, dann von welchem seiner Schüler. Und wenn es nun wirklich anders ist, denk' mal, Bernd! Denk' mal das Unglück für die Angehörigen!«

Und sie freute sich an den kleinen roten Wellen, die in sein Gesicht treiben wollten, und hoffte mit wachenden Augen, es würde etwas Großes daraus, so eine Art richtigen Zornes – und wärmte sich doch auch wieder daran, daß er so gütig blieb, 263 und daß sich gar die Hilflosigkeit des verstörten Gelehrten in seine jungen Züge stahl. Dann küßte sie diese Hilflosigkeit und nahm ihn an sich: »Du bist mein Lieber und ich wollte, daß Du mich brauchtest und auf mich angewiesen wärst –«

»Bin ich das nicht?«

»Ich glaube, Du könntest ganz gut auch ohne mich leben! Und wenn ich nicht bei Dir wär' –«

»Willst Du mit dem Unsinn nicht aufhören!« Er nahm sie und sein Mund ließ sie nicht weiterreden. 264

 

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