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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2.

Als sie aus dem Gehölz heraustrat, blickte sie weithin über das Land, das ihr gehörte. Bis an den schwarzblauen Waldrand dort am Horizont ging der Pflug ihres Vaters. Hier vorn war der Roggen abgeerntet, an die hundert Morgen Stoppelfelder dehnten sich zu ihren Füßen, in der äußersten Ecke, wo schwerer Boden ansetzte und geradeaus die Rübenfelder sich hinzogen, während zur Seite der reifende Weizen fernhin seinen satten Glanz ausbreitete, hier weideten gerade die Schafe des Gutes unter des alten Fehlandt und seiner beiden Spitze Fix und Fax getreulicher Hut.

»Den will ich besuchen,« dachte Ursula. Und sie schritt geradenwegs über die Stoppeln zu ihm hin.

Als sie kam, faßte er flüchtig an seinen mächtigen, grobgeflochtenen Strohhut, der wie ein altes Strohdach war, so schwarzgrau und voll Moos, unter der windschiefen Krempe hervor boten ihr die beiden 21 Augen verschiedenen Gruß. Das linke war fröhlich und sprang jung und munter umher wie ein Lämmlein, das rechte, über das halbgelähmt das Lid herabhing, war ein verschlafener und verdrossener stößiger alter Schöps.

Dicht, fast zärtlich trat Ursula an die Herde hinan und beinahe in sie hinein, der Staub, den die vielen stelzenden Füße und die stoßenden, rupfenden Mäuler in dem trocknen Boden aufregten, störte sie nicht, der strenge, fettige Dunst, der aus den krausen Fellen in die flimmernde Luft hineinschwälte, tat ihrer landmännischen Nase eher wohl als wehe. Die Hunde, die sie kannten und mit der gebührenden Zurückhaltung der Hofhunde sie liebten, schlichen wedelnd ihr näher und legten sich in gemessenem Abstand zu ihren Füßen. Fix, der Dienst getan hatte, atmete offenen Maules über die ausgereckte Zunge und sah mit den klugen Augen verehrungsvoll zu der Herrin empor. Ungezwungener überließ sich Fax ganz seinen fröhlichen Gefühlen, wälzte sich wohlig auf dem Rücken und benutzte die Gelegenheit, mit den Stoppeln sich die Flöhe auszukämmen.

Von den Schafen wandte sich Ursula dem Hüter zu, reichte ihm die Hand und fragte freundlich: »Na, Fehlandt, wie geht's Dir?« 22

Er neigte den Kopf, und die eine Gesichtshälfte schmunzelte ihren Dank. Zu einer Antwort aber und weiteren Freundlichkeiten schwang er sich nicht auf. Er blickte sachgemäß über die Herde, einige von den Schafen zerstreuten sich in zu große Nähe des Rübenfeldes, da gab er Fax einen Wink, der sofort die Runde machte, die Plänkler zurücktrieb und den ganzen Flügel eine Schwenkung vollziehen ließ.

Ursula wurde auch sachgemäß, sie packte seinen Arm und deutete auf einen Jährling in der Herde, der taumelnde Bewegungen machte.

»Du, das sieht mir ganz nach Drehkrankheit aus,« sagte sie bestimmt.

»Dunner ja, das tut es!« Der Alte mußte ihr zustimmen.

Sie ging näher an das kranke Tier hinan. »Das ist von der neuen Devonshire-Zucht, nicht?«

»Jawoll.«

»Und Vater glaubte, daß die besonders widerstandsfähig wären! Schuld bist Du aber natürlich. Die Wurmmittel bei Deinen Kötern haben doch wohl nicht angeschlagen. Das mußt Du jetzt aber gründlich nachholen.« 23

»Was ich tun konnt', das is gescheh'n, gnädiges Frölen. Natürlich nehm' ich sie jetzt noch 'mal in die Kur. Aber was die annern Hunde in Eichhof sünd, die müssen auch 'ran. Sonst nutzt allens nicks. Un mit die is es bisher versehen.«

»Ich werd' mit Vater sprechen und für alles sorgen. Schon damit ich nicht so oft Hammelbraten bei Euch zu essen kriege.«

Sie gibt ihm die Hand und geht. Langsam wandert sie durch die Felder. Sie denkt, daß sie in drei Tagen wieder in die Stadt muß und dies alles verlassen. Das Herz ist ihr schwer.

Sie macht einen weiten Umweg. Der führt sie an die Fohlenkoppel, und hier nimmt sie längeren Aufenthalt. Den Graben überspringt sie, windet sich durch die Ginsterbüsche und klettert über das Rick. Jetzt ist sie drinnen bei ihren Lieblingen.

Vor Jahren hat der Eichhof größere eigene Zucht gehabt. Auch Vollblüter hat der Herr gezogen, der in seinen jungen Jahren selbst als Rennreiter in den Sattel gestiegen. Aber eine Reihe von Mißerfolgen in schwierigen Zeitläuften hat ihm dann die größte Einschränkung des ganzen Betriebes aufgezwungem Längst züchtet der Eichhof keine Rennpferde mehr. 24

Nur ein einziges Vollblut ist unter den Tieren. Das ist der alte »Landsknecht«, ein Saraband-Sohn, der hier das Gnadenbrot genießt. Als letzter hat der Wallach die Farben des Herrn von Eich auf der Rennbahn getragen, ein treuer Steepler, der stets sein Bestes willig hergegeben und als guter Steher in einigen wertvollen längeren Rennen siegreich gewesen ist. Seine neunzehn Jahre drücken ihn nicht allzu schwer, noch ist er rüstig, bei gutem Appetit und fröhlicher Laune. Adelsstolz kennt er nicht. Die Halbblüter und kaltschlägigen Tiere, die um ihn sind, läßt er niemals seine Abstammung empfinden.

Wieviel dünkt sich gegen ihn die dreijährige Fuchsstute, die jetzt der Herrin entgegentrabt! Freilich, die Halbblüterin ist wundervoll, geradezu rennmäßig gebaut, ein ganz klein wenig Hirschhals, aber tadellos rein und edel die Linien von Widerrist und Kruppe, und der Kopf von feinem und spitzem arabischen Schnitt. Kokett trägt sie den Nacken und dreht die Hüften, daß die Sonne noch mehr in dem braungoldenen Haar auffunkelt.

Sie weiß, sie ist der Herrin Beste, und der meiste Zucker gehört ihr. Schon greift Ursula in die Mähne und zaust sie zärtlich, dann klopft sie den Hals, legt die Backe gegen die bebenden Nüstern und reibt das 25 Gesicht an dem zarten Flaum. Und nun holt sie den Zucker aus der Tasche. Immer mehr fordert »schön Rottraut« mit Kopfnicken, Schnauben und Scharren. Aber jetzt wehrt ihr die Herrin. »Nun ist es genug. Die letzten zwei Stücke muß der Alte haben.«

Sie sucht sich den »Landsknecht«, der ruhig grast und noch nichts von ihrem Hiersein weiß. Die Stute geht der Herrin nach, trabt vor ihr her, tänzelt um sie herum, springt dann ein paarmal hoch in die Luft und braust plötzlich davon, in windenden Galoppsprüngen umkreist sie die ganze Koppel – »Rottrauts« Huldigung für die Gebieterin.

Der alte »Landsknecht« wackelt zum Gruß mit den Ohren. Nachdem er das erste Stück Zucker bekommen hat, wiehert er kurz. Da kriegt er das zweite. Als er sein ›Bitte!‹ wiederholt, muß Ursula den Kopf schütteln. »Rottraut hat mir alles abgeluxt.« Da prustet er gelassen, das heißt: »nu, denn nicht!« und wackelt mit den Ohren seinen Dank.

Lange klopft ihm Ursula den Hals und streicht ihm die Nase mit Daumen und Finger. Dann sagt sie ihm Lebewohl und geht weiter, sich nach dem kleinen »Beelzebub« umzusehen.

Das ist ein dunkelbraunes Hengstfohlen, zwei und einen halben Monat alt, das zottigste und 26 ruppigste von allen. Und seine Ohren sind wie ein paar Teufelshörner.

Seine Mutter wollte zuerst nichts von ihm wissen, beim Saugen benahm sich der kleine Satan so wild und wüst, daß sie ihm die Milch verweigerte. Die beiden mußten unter menschlicher Fürsorge im Stalle bleiben, und viel Mühe kostete es, sie aneinander zu gewöhnen. Erst seit vierzehn Tagen waren sie auf der Koppel. Hier, wo sich der Kobold in Sprüngen austoben konnte, begann er gegen die Mutter mildere Sitten herauszukehren, der übrigen Welt aber zeigte er sich immer trutziglicher gesinnt.

Als Ursula sich den beiden nähert, macht er kurzum kehrt und keilt so mörderisch hintenaus, daß er das Gleichgewicht verliert und glatt auf die Nase fällt. Der Boden ist hier weich und morastig, so bekommt er die Nase voll, was ihn nicht wenig schreckt und quält. Wild springt er auf die Beine, wirft den Kopf umher, fährt mit ihm zwischen die Knie, sich auszuschnauben, steigt in die Höhe und sucht so mit den Vorderfüßen die Nüstern sich rein zu putzen, überschlägt sich dabei und stößt entsetzt mit allen Vieren in die Luft. Dann kugelt er sich herum, macht ein angstvoll irres Gesicht, steht schwindelig auf und läuft jetzt mit einem Male quiekend wie 27 ein Ferkel unter seine Mutter, die ihm mit großen Augen kopfschüttelnd zugesehen.

»Siehst Du, Beelzebub, Du böser Bub, das kommt davon!« sagt Ursula, und sie lacht noch lange, als sie wieder über Rick und Graben zurückklettert und den Weg nach Hause einschlägt.

Langsam geht sie durch die Felder, diese Mischung von Sonnenglanz, Feiertagsruhe und dem Duft der Erde schlürft sie ein wie ein köstliches Getränk. Noch drei Tage, dann muß sie zurück in die Stadt und die Pension, das ist wie ein Grauen. Und es wäre nicht zu ertragen, wenn nicht in zwei Monaten schon die Erlösung bevorstünde, das Ende der Verbannung. Daran will sie denken und sich freuen, daß ihr Los so viel schöner ist als das des armen Anselm.

Sie nimmt über den Gutshof den Weg zum Herrenhaus. Hier ist es still, kaum daß leise ein müdes Kettenklirren aus den Ställen tönt. Auch die geschwätzigen Pappelblätter kommen zur Ruhe und sprechen nur noch im Traum. Der Mittag beginnt über alles seine warme Mattigkeit zu decken.

Als Ursula auf den Hausflur tritt, sieht sie einen fremden Panama-Herrenhut am Riegel hängen. Besuch bei Vater – wer mag das sein? Als sie nach 28 oben in ihr Zimmer will, trifft sie Berta, das runde, kleine, muntere Hausmädchen, auf der Treppe.

»Sag' 'mal, Pummel, wer ist denn da beim Herrn?«

»Der Bruder vom Herrn Oberförster.«

»Der Doktor aus Rom?«

»Ja, ja.«

»Lohnt es?« fragt Ursula vertraulich.

»Der Herr ist jung und hübsch.«

»Ist er jung und hübsch, dann wird er auch besehen.« Sie nimmt den Hut ab, gibt ihn Berta und geht einfach ohne alle Vorbereitung nach unten. 29

 

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