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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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28.

Der erste, der Ursula besuchte, sollte Anselm sein.

Und er kam an einem Sonntag. Er kam in Förmlichkeit, als ein Ernster und Gereifter, ganz hart war sein Gesicht, und seine Stirn hatte Furchen.

Ursula erschrak. Sie fühlte gleich, was der Junge um sie gelitten hatte. Aber durch all den Schrecken brach das eine durch: er ist mein Bestes, er ist meine Heimat, mein Heimweh, ja, mein Heimweh, das Größte in mir, das ist der Junge.

Und sie hielt seine Hand und hätte ihm um den Hals fallen mögen und Tränen über ihn ausgießen, all ihr Glück und all ihre Not. Nur daß es niemals Tränen für sie gab.

Und wie hart und gehalten war er!

Doch gut, daß Bernd bei ihnen saß und bei ihnen blieb.

Aber dem konnte Ursula nicht wehren, daß sie von Eichhof sprechen mußte und wieder von Eichhof und von Rotenmoor, fast wild gingen ihre Worte, 247 und in ihren und in Anselms Augen war dasselbe schmerzliche Leben – sie beide landesverwiesen.

Ruhe mußten sie halten, und nun fühlte sie Bernd fast als einen Fremden.

Dann sprach sie Gemäßigtes, fragte Anselm nach seinem Leben und ließ sich von seinem Dienst erzählen, von seinem Rennpferd, von Hinz von Oidt. Daß er im Januar nach Engers auf die Kriegsschule mußte, daß er um seinen Freund in Sorge wäre, der nach Hannover käme. Dieses Freundschaftsverhältnis gab eine wärmere und weichere Farbe in die gestraffte Wachsamkeit ihres Gedankenaustausches. Und das Gespräch glitt leichter fort. Geistige Tiefen mied es. Ursula erkundigte sich nach Onkel Bolko, der wieder einmal seit Monaten verschollen war, sie scheute sich auch nicht, nach Jochem zu fragen, von dem sie erfuhr, daß er in Andalusien sich aufhielt. Sie empfand es wohl, wie dabei an Anselm ein bitterer Kummer um Rotenmoor sich heftete, aber sein Gesicht blieb unbeweglich.

Sie wollte ihm Gutes und Tröstliches sagen und meinte, man sehe ihm an, daß er des Königs Rock mit Freuden trage und in ihm schnell ein ganzer Mann geworden sei.

Und ihn noch mehr zu trösten, fügte sie hinzu, wie sehr ihr selbst dagegen eine straffe, starke 248 Tätigkeit fehle. Da sah er sie klar an mit seinen großen Augen und sprach:

»Es gibt so viel zu helfen.«

Das mußte sie sich vorhalten lassen von dem Jungen im Fähnrichskragen! Sie wollte ihn altklug finden und zu einem Zorn sich erheben. Aber das ging nicht an. Er hatte nun wirklich etwas von einem ganzen Manne. So antwortete sie nur darauf, daß sie bald einmal Bernardine aufsuchen wolle.

Und dann trennten sie sich und waren so voll von Ungesagtem, von Bangigkeit und von gleichen Schmerzen, die mit Ungestüm zueinander hindrängten. Aber sie hielten sich nur desto aufrechter. Doch als sie zum Schluß ihn bat: »Komm recht bald wieder, Anselm,« und als sie nun durch die Willenskraft seiner machtvollen Augen eine wehe Frage hindurchbeben sah: Weißt Du, wie schwer mir das ist! – da mußte sie doch den Kopf zur Seite neigen.

»Ich komme einmal wieder!« sagte er fest. Und gab ihnen beiden kräftig die Hand und ging. – –

»Es gibt so viel zu helfen.« Dies Wort war es, das immer wieder durch Ursulas Heimweh klang und es übertönte. Aber Bernardine suchte sie darum doch nicht auf, vor deren kühler Höhe und 249 Selbstgewißheit hatte sie nun mal eine Scheu. Und sie fand schon ihre eigenen Armen und Unglücklichen.

Aber sie gab doch nicht aus ganzer Seele. Es blieb immer eine Kluft und eine Fremdheit. »Ich glaube, man muß selber glücklich sein, um richtig schenken zu können.«

Sie gewann es sogar über sich, in Vereine zu gehen. Und überwand sich so weit, daß sie nicht gleich wieder hinauslief. Obwohl so vieles, was sie hier hörte und sah an Eitelkeitskultus und Gefühlstheaterei, sie einfach jagte.

Wenn sie sich vor der Selbstbespiegelung der Geistreichen in weltverbessernden Ideen und besonderen Heilmethoden gegen die Großstadtverderbnis, wenn sie vor all den gewälzten Problemen sich in Sicherheit gebracht hatte, dann sagte sie sich einfach: Ich wundere mich, daß es hier in den großen Steinbrüchen noch was anderes gibt als Uebeltäter. Die armen Menschen – sie kennen die Sonne nicht, und die Sonne weiß nichts von ihnen. Haben sie je zusehen gedurft, wie Tau und Morgenrot sich flüsternd finden und sich trinken mit Lust und fröhlich ineinander vergehen? Und wenn am Märzabend der letzte Feuerstreif mit violetter Schwermut durch die jungen ahnenden Weidenkätzchen bebt, sind sie je davon erschauert in ihren Tiefen? Sind sie auch 250 nur einmal hingekniet vor den unsäglichen Flammen des herbstlichen Farnkrauts, welches der Farbenmeister so liebt, daß wir beten lernen müssen, ob wir wollen oder nicht? Und dann – und das ist ja das Schwerste von allem – sie haben ja kein Land, nicht das kleinste Stück lebendiger Erde gehört ihnen! Wie sollen sie da gut und gütig sein! Was sie haben, ist die arme Gemeinsamkeit des toten Asphalts und des toten Parketts, wenn es hoch kommt. Wie kann man so leben!

Und hier mußte sie sich gewaltsam festhalten, an einem schweren Möbel, an dem Fenstergriff, daß sie nicht auf und davon lief, fort aus der Stadt, nach Eichhof, nach ihrem Stück Erde.

Kam Bernd dann nach Hause, konnte sie ihm doppelte Zärtlichkeit geben aus dem Gefühl, daß sie einen neuen Raub an ihm begangen hatte.

Aber sich ihm zu offenbaren, hielt sie so manches zurück: daß sie ihn nicht betrüben wollte, und mehr noch, daß er selbst so wenig von ihrer Bewegung verspürte.

Er ahnte so gut wie nichts von ihrem Hunger, ihrem flackernden Feuer. Er saß ganz in dem Behagen seines Glückes, ein behäbiges Vertrauen trug sein Leben, Ursulas Unruhe deutete er sich als eine 251 Regsamkeit, beschwingt von ihrem neuen geistigen Dasein und ihren zärtlichen Gefühlen.

Da blickte sie manchmal mit einem bohrenden Zorn in seinen Gleichmut und wetterte gegen seine Glätte. Und verschloß sich gegen ihn und hatte eine grimme Freude, daß sie sich von ihm entfernte.

Dann fing sie an, mit einer Art Begier nach seinen Schwächen zu suchen – und schrak zurück vor solchem Beginnen, das ihr frevelhaft erschien gegen seine Liebe.

Wenn er so an seinem Schreibtisch saß, zusammengesunken, und schwerfällig gelehrte Lasten schleppte, dann nahm sie ihn wieder aufs lebhafteste in Schutz. Ja, es wird Leute geben, die ihn nicht hochstellen, die ihn für einen Philister nehmen. Leute wie Jochem und seinesgleichen nun ohne Frage. Aber das sollen sie nur, diese Genialischen, diese Verwüsteten, die selber nichts Heiles und nichts Ganzes sind. Ihr Bernd ist ein Kerl, ein ganzer und tüchtiger – und was ihr mehr wert ist als all jenes unsaubere Uebermaß – er ist reinlichen Geistes. Und kein bloßer Stubenhocker, beileibe nicht! Soll man nicht daran denken, wie er damals mit dem Rushcutter und der Nachtschwalbe umsprang? Sie denkt daran mit Zärtlichkeit und sammelt alles, was seinen Mut und seine Kraft bezeugt. 252

Und ein Ehrgeiz für ihn steht in ihr auf. Es soll etwas aus ihm werden, etwas Bedeutendes, etwas Großes. Er gehört zu den Begabtesten seines Faches – so heißt es allgemein. Und allgemein heißt es auch, daß man nicht von selbst etwas wird, daß man sich »lancieren« muß, durch die Gesellschaft, und daß die Frau dabei des Mannes unentbehrliche Gehilfin ist.

Warum soll sie es nicht einmal mit der Gesellschaft versuchen! Ein neues Land, und lehrreich gewiß. Vielleicht auch spaßhaft und eine Zerstreuung. 253

 

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