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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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24.

Bernd ist gefahren, ein Glückbeschwingter. Ursula sitzt mit dem Vater und Doria und spricht von ihrer Zukunft. Ihre Empörung, daß der Umsturz ihres ganzen Daseins die beiden nicht einfach ratlos macht, hat sich gelegt.

»Bei kleinen Mädchen und in der Liebe gibt es nichts Verwunderliches,« hatte Vater Eich gesagt und sie mit ernster Zärtlichkeit an sich genommen.

»Aber ich – ich bin doch ein Landmann! Und wie das nun werden soll –!«

Da hatte Doria eines ihrer berühmten Worte gesprochen:

»Eine Frau ist nicht Landmann, eine Frau ist selber Land.«

Erst schimpft man über die Großspurigkeit ihrer Sentenzen, aber dann, weil sie zu denken geben, wird man sehr still.

Und darauf spricht der Vater unter vier Augen mit ihr, das erste Mal nimmt er sie nicht mehr als Kind. 226

»Wir Eichs sind immer schlechte Rechner gewesen, früher konnte man auch so Landmann sein, heute geht das nicht mehr.«

Sie hört zum ersten Mal, daß ihr Vater zu kämpfen hat. Da ruft sie mit lauter Entschiedenheit: »Aber dann kann ich doch nicht von Dir gehen! Dann muß ich doch hier bleiben und an Deiner Seite!«

Er umspannt ihren Kopf mit beiden Händen und lächelt leise. Das Lächeln aber deutet sie sich so: »Du willst sagen, daß ich Dir keine Hilfe bin!«

»Kind – wie Du nun wieder redest! Natürlich hast Du geholfen – aber Deine Arbeit war jung und blieb nicht immer im Rahmen. Woher solltest Du das auch haben? Da ich selbst ein schlechter Landwirt bin –«

»Der bist Du nicht, Vater!«

»Das bin ich. Zu viel Flausen im Kopf, sagt Kumerow sehr treffend. Woher solltest Du also die Grundlagen bekommen und die richtigen Maße? Und dazu der Eichsche Erbfehler. Die ausgesprochene Abneigung gegen Zahlen. Sag' selbst, bist Du unseren Rechnungsbüchern nicht immer geradezu ängstlich aus dem Wege gegangen?«

»Ja,« antwortet Ursula geknickt, »das bin ich.« 227

»Siehst Du. Und in diesen Büchern steckt schließlich des Landmanns Weisheit.«

»Wenn das so ist« – Ursula sinkt immer mehr zusammen – »ja, was bin ich dann? Da hab' ich immer davon geredet, daß ich Landmann sei! In den höchsten Tönen. Und nun ist keiner so weit davon entfernt wie ich.«

Der Vater richtet ihre Verzagtheit auf. »Wenn mein Jung müßte, würde er sogar das Rechnen lernen.«

»Ich muß ja, Vater. Ich werde doch einmal Eichhof übernehmen. Wenn Du glaubst, daß ich noch werden kann, dann steck' mich doch in die Lehre! Gib mich zu dem gräßlichen alten Kumerow in die Lehre! Ich will mir ja so viel Mühe geben.«

»Ja – mein Junge ist nun aber mal ein Mädel, und das Mädel soll nächstens heiraten.«

Herr von Eich spricht jetzt ganz nüchtern und sachlich.

»Du sagst, Du wirst Eichhof einmal übernehmen. Selbstverständlich wirst Du das, da Du seine Erbin bist. Und ich hab' es Dir so zu übergeben, daß es Dir bleibt. Dafür lebe ich. Wie mein Vater für mich und der Großvater für ihn gelebt hat. Eichhof ist wir und wir sind Eichhof.« 228

Ursula faltet die Hände wie zum Evangelium.

»Kommen mehr Schwierigkeiten, wird eben mehr gekämpft. Vielleicht, daß meine ›Flausen‹ jetzt endlich einen Nutzen abwerfen. Höchstwahrscheinlich hab' ich die Rübenabwässer jetzt untergekriegt. Jedenfalls ist zum Kopfhängenlassen kein Grund. Meine Bedenken hatte ich, als Jochems Werbungen Eindruck auf Dich machten. Möglich, daß er durch Dich geworden wäre. Möglich aber auch, Ihr wäret beide zusammen ins Rutschen gekommen und unser Eichhof wär' in den großen Wurstkessel geraten. Lieber ist es mir, daß Du Bernd lieb gewonnen hast.«

Ursula runzelt die Stirn. Es macht ihr Pein, so sachlich über ihre Empfindungen sprechen zu hören, auch vom Vater. Der aber führt die Angelegenheit geschäftsmäßig zu Ende.

»Einen Vater freut es natürlich, wenn er sein Kind gut versorgt weiß. Du kommst in die besten Hände. Wer Bernd ist, brauchen wir uns nicht zu erzählen. Aber etwas, womit Du Dich bisher nicht beschäftigt hast – es wäre albern, wenn ich nicht mit Dir darüber sprechen sollte – das ist, daß die Godenraths sehr, sehr wohlhabend sind.«

Obwohl ihr Vater vor einer »Albernheit« warnt, zuckt Ursula zusammen. Sie hat sich heute an der 229 harten Wirklichkeit so wund gestoßen, nun tut solche Berührung ihr besonders weh.

Herr von Eich aber geht bis zu Ende.

»Das beruhigt mich auch über die Zukunft von Eichhof.«

Ursula blickt schmerzlich düster vor sich hin. Da nimmt der Vater sie wieder auf die Schwingen seiner Zärtlichkeit und trägt sie ins Helle. »Und nun sollst Du Dich freuen! Was das Leben Dir alles zeigen wird! Und was Du lernst, lernst Du auch für Dein Eichhof. Es ist doch besser, statt bei dem alten Kumerow gehst Du bei Deinem Bernd in die Lehre. Kopf hoch, Mädel! Kuß!«

Ursula drückt ihm die Hand. Aber als sie allein ist, kommt wieder viel Bitternis über sie und große Niedergeschlagenheit.

Ja, ja – ich war ein spielendes Kind und ahnungslos. Und dies ist der Ernst des Lebens, von dem man an allen Enden und Ecken hört, der die Einbildungen zerstört und die Träume austreibt. Wäre man nur leicht genug, über den Schmerz hinwegzufliegen!

Bernd – Du sollst mir helfen, Du bist dafür da und bist nicht bei mir. Vielleicht wär' alles gut, wenn Du mich jetzt in Deine Arme nähmst. Du hast mich so lieb – warum läßt Du mich so allein! 230

Sie will ihm schreiben von ihrem Gram. Aber ein Brief – sie mag und kann keine großen Briefe schreiben.

Wer weiß auch, ob er alles versteht, was sie quält und ängstigt.

Einer ist da, der versteht sie ganz, mit all ihren feinsten Schmerzen. Anselm, ihr Junge.

Zu dem müßte ich hin, mit dem müßte ich sprechen können. Ich bin schlecht zu ihm gewesen, die ganze Zeit. Nichts weiß er von mir. Selbst von meiner Verlobung hab' ich ihm nichts verraten. Soll er warten, bis sie öffentlich ist, und mit allen die gedruckte Anzeige bekommen? Oder soll es ihm von einem Dritten zugetragen werden?

Ich schreibe ihm. Er soll auch von dem wissen, was mich quält. Wenn ich nur schreiben könnte! Aber meine Briefe sind immer bloß Worte, steif und karg.

Und sie bringt folgendes an Anselm zustande:

»Mein lieber Anselm,

ich gehe nun auch fort von meinem Eichhof, wie Du von Deinem Rotenmoor. Wie eine Verstoßene komm' ich mir vor. Aber ich hab' eingesehn, daß ich weit davon entfernt bin, Landmann zu sein – Deine Mutter war einer – ob ich jemals einer werde? Bernd Godenrath hat 231 um meine Hand angehalten, und ich werde ihn heiraten. Dann komme ich auch nach Berlin, und ich werde sehen, wie das Leben ist, wenn ich es zwischen Eichhof und der Stadt teilen muß. Du hast es ja noch schlimmer, und daran will ich immer denken, wenn es über mich kommt. Wie geht es Dir? Wie ist das Soldatenleben? Ich freue mich sehr darauf, Dich bald wiederzusehen.

Deine Ursula.« 232

 

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