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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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23.

Eine innige Stille lebt in diesen Stunden. Herr von Eich hat heute glücklich experimentiert, Doria, sein Assistent, hat ihm wirksam geholfen, beide fügen sich gut in die Traulichkeit.

Ursula erzählt hell und frei, daß sie Bernd an ihren Waldsee geführt hat. Sie sollen alle wissen, daß er ihr vertraut geworden ist.

Vater Eich nimmt ihn gütig und warm in seine großen Augen. »Dann gehören Sie ja zu uns,« sagt er einfach. Und nun gibt er Absonderliches von dem Waldsee zu hören: »Dieser kleine Teich ist seit der Geburt des Kindes mit ihm verwandt. Immer ist er eine Art Gradmesser für dessen Wohlbefinden gewesen. War der Wasserstand ungewöhnlich, ließ die Gesundheit des Kindes zu wünschen, oder es geschah irgend was mit ihm. Einmal kam es, daß das Wasser fast ganz und gar austrocknete. Und da wär' es bei der Kleinen fast zum Sterben gegangen. Der Arzt sagte, sie hätte zu viel unreifes Obst gegessen, aber –« 222

»Unreifes Obst hab' ich noch jedesmal zu viel gegessen,« ruft Ursula munter.

»Nun ja, und wer's nicht glauben will, soll's lassen! Seit sie erwachsen ist, hat die Empfindlichkeit der beiden füreinander vermutlich nachgegeben. Solche Zusammenhänge lockern sich wohl mit der wachsenden Selbständigkeit des Menschen. Vielleicht sind wir auch zu bequem geworden oder zu viel beschäftigt, um diese Harmonie mit der nötigen Hingebung zu belauschen. Ja, und was gibt's da nicht sonst noch alles! Und wenn man in unserer Familienchronik blättert –«

Aber davon will er jetzt nicht weiter reden, weil es nicht in die Helle und den Frohmut paßt.

Und jetzt wollen sie Musik haben. Bernd setzt sich an den Flügel. »Mir ist so nach Mozart zumut,« sagt er gehoben und wie im Schweben. Sie sind es wohl zufrieden.

Immer ist in seinem Spiel der klare Glanz, kein tiefes Gold, ein Silberschein. Nicht selten, daß dieser Schein verblassen will und an nüchterner Sorgfalt und einer behutsamen Sprödigkeit Schaden leidet. Aber immer kommt das Leuchten wieder und ein Knabenlachen zieht ein, daß alles warm und frei und gut wird. So finden sie alle ihre Freude. 223

Die beiden Chemiker ruft es noch zu ihren Retorten. Ursula und Bernd bleiben allein. Und Ursula denkt, wie lieb ist mir seine Gesellschaft, ein Schutz ist sie mir und eine ruhige Stätte. Wie soll es werden, wenn er nicht mehr bei mir ist?

Draußen sind die Sterne aufgegangen. In Bernds Augen steigt eine Kraft, ein Wille, der das Schicksal fordert. Sie sehen sich an, und von gleichem gezogen, treten sie auf die Estrade, als gehörten sie miteinander in den Sternenglanz.

Der Abend hat seine Güte aufgetan, es ist eine Zärtlichkeit zwischen Luft und Dunkel, zwischen den Lichtern und dem dankbaren Widerschein, reich ist das Geben und weich das Empfangen. Das alles schmiegt sich schweigend und stark in diese schwere Stunde.

So stehen sie nebeneinander und sehen sich nicht an und berühren sich nicht.

Ein Stern fällt, das fliegt wie ein Ruf durch diese wohlgefügte Stille. Jetzt tut es ihr nicht weh, daß er Worte spricht. Und diese Worte sind hell und mutig. »Ich weiß, daß Sie mich lieb haben!« sagt er stolz. Und er nimmt ihre Finger fest in seine spannende Hand.

Sie wendet sich hin zu ihm, frei und hoch, in ihren Augen glänzen die Sterne, und spricht kein 224 Wort. Aber ihr Kopf nickt leise aus ehrlicher Höhe zu seiner tapferen Sicherheit.

Seine Rechte hat ihr Handgelenk erobert, sie strafft den Arm zur Wehr vor sich hin, in ihrer Linken aber ist ein Zittern. Da siegt seine Stärke über ihn und über sie – er zieht sie an seine Brust und an seinen Mund und hält sie so fest und so lange, sie atmen nicht mehr und sterben und sind auf einem anderen Stern.

Dann aber kehrt sie zurück und wirft die flimmernde Erstarrung von sich und stemmt die Arme gegen ihn. »So sieht der Mann aus, der mich nehmen will! Fortnehmen willst Du mich von hier! Ja, wie denkst Du Dir das?«

»Du gehst eben mit mir.«

»Sicher bist Du Deiner Sache ja!«

»Sonst würdest Du mich ja auch nicht wollen.«

»Nein, sonst würde ich Dich auch nicht wollen! Und Du hast kein Land und bist ein Stubengelehrter! Und ich – ich lass' mich so von Dir überrumpeln!«

Sie schüttelt ihn zornig, er lacht und nimmt sie in den Arm und küßt sie wieder. 225

 

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