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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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22.

Als sein Vorbote war ein Buch von ihm eingetroffen, das aus seiner Habilitationsschrift herausgewachsen war, denn er hatte es jetzt erreicht, daß er als Privatdozent an der Berliner Universität lehren durfte. Das Buch war recht eigentlich für Eichhof bestimmt und ihm ausdrücklich gewidmet. Sein Titel: »Das Wasser als Ornament.«

Vater Eich geriet über den Gegenstand in helle Begeisterung. »Das ist eine Aufgabe, die lob' ich mir. Die ist so anders als das, worüber sonst Gelehrte schreiben. Professoren wollen erschöpfen und danach wählen sie. Dies aber geht ins Große, denn es rückt – wenn der Ausdruck erlaubt ist – der Seele auf den Leib.«

Sie finden alle ihre Freude an dem Buch, obwohl es weder mit dem Wasser das Fließende gemein hat noch das Elementare ergründet. Zu gern hält es sich bei dem geschichtlich Beglaubigten auf, spricht allzuviel von der Entwicklung der 210 Fontänenkunst, von den Gartenkünsten aller Zeiten und Völker, verliebt sich zu sehr in die Entdeckung, daß das Wasser ein architektonisches Material sei, sucht nach den Gesetzen seiner Linien und klügelt in schulmeisterlichen Vergleichen mit der Holz-, Stein- und Eisenkonstruktion. Aber dann geht es auch ins Malerische, hier dürfen die Farben zittern und flüstern, und hinüberschwingen, hinein in die Weltenseele.

Ueber eine Stelle in dem Buche aber schüttelt Ursula ungehalten, fast erschreckt den Kopf. Vom »Wasserspiegel« handelt der Abschnitt, die Stelle selbst spricht vom »See im Walde«, und die Worte sind so, als ob sie von des Eichhofs und Ursulas geheimster Habe etwas wüßten.

»Ein kleiner See im Walde. Sträucher seine Wimpern, Bäume seine Brauen, Schlingpflanzen sein Geäder, eine Blütendecke seine Regenbogenhaut. Und in der Mitte die schwarze, tiefe Pupille. Ein Auge, so sagt man. Und hat die Farben, den Glanz, das Leben und die Kraft seines Auges. Und hat noch mehr: denn welches Auge ist so tief und dunkel, daß es die Sterne am Tage spiegelt?«

Hier wendet sich Ursula jäh und mit einer Art Feindlichkeit gegen den, der das ausspricht, wie gegen einen, der sich in ihre Geheimnisse drängt. 211 Wie kommt dieser fremde Mann dazu, von ihrem See im Walde zu schreiben? Ihn so in Gedanken zu sehn, wie mit eigenen Augen nur sie ihn gesehen hat? Und ihn so zu schildern, wie sie ihn schildern würde, wenn sie überhaupt etwas von ihm verriete!

Mit einer gewissen Scheu und Entfernung begrüßte sie Bernd, als er sich dann selber einstellte. Aber seine klare Innigkeit ließ nichts Trübes und Fremdes zwischen ihnen bestehen. Und seine Freundschaft half ihr am besten über die Wirren der letzten Zeit.

So fand sie denn den Weg zu ihrer Sicherheit wieder und zu der alten Herrschaft. Sie hielt sich wieder aufrecht und gerade, sie ward wieder die Herrin von Eichhof und stark und wohlgemut in ihrer Beschäftigung. Und wieder war es ihr eine Wohltat, sich und ihre Arbeit dem Freunde zu zeigen.

Stundenlang waren sie täglich zusammen, Bernd wurde fast zu ihrem Wirtschaftseleven. Und kindlich freute er sich über jedes Lob, wenn er sich brauchbar erwies.

»Es ist gut, daß Sie bei mir sind,« sagte sie ihm offen und froh. »Noch besser wäre es ja, wenn wir auch unseren Anselm hier hätten.« 212

Aber damit mischte sich schon wieder ein Gedanke von Rotenmoor hinein und ein leiser Schatten, der zerstreut werden mußte.

Ganz Neues hatte sie von Anselm erfahren. Daß er die Theologie aufgegeben habe und bei den Ulanen in Potsdam als Avantageur eingetreten sei. Gut habe das auf ihn gewirkt, er sei frischer und ernsthafter geworden.

Da warf Ursula sich in die Brust: als ob ich das nicht gleich gewollt und geraten habe! Freilich, daß es ihn nicht trieb, unmittelbar mit ihr sich auszusprechen, das stimmte sie herab, und sie empfand Bitterkeit und Sehnsucht. Um so wohler aber ward es ihr bei Bernds hellichter Ergebenheit, die ihr sein ganzes Leben fröhlich aufdeckte. Sie sah bis auf den Grund seines klaren Wesens.

Das ist ein Freund, ein lieber und ganzer! Und ich will ihn halten. Was tut er mir gut!

So lebten sie sich treu ineinander ein, es bedurfte dazu gar nicht der Musik, nicht der Städtekunde und der Geschichte, nicht des Seelenzuges in künstlerische Fernen.

Immer wieder mußte Ursula denken: wenn er doch ein Landmann wäre und in meiner Nachbarschaft! Wie viel hätten wir uns zu geben, in aller 213 Ruhe, in aller Innigkeit – ohne Torheit, Wirbel und Ueberschwang.

Und jetzt kam der Tag, wo er wieder fortgehen sollte. Da wurde es ihr beklommen zumut.

Nun läßt Du mich wieder allein. Und wer weiß, was an Deine Stelle tritt. Ob nicht die alten Trübungen und Wirrungen kommen, ob es mich wieder in den alten Strudel zieht?

Davor wird ihr angst, daß sie sich noch fester an ihn hält. Wie er sie so nahe fühlt, so bedürftig zugetan, da ist das ganze stolze Glück bei ihm. Und das Glück macht ihn sieghaft in seiner stillen Art.

Ein Sonntag ist dieser letzte Tag. Die Feldarbeit ruht. Sie wandern beide durch den späten Nachmittag, schreiten den Waldweg, denselben, in dem Jochem die Lebensfrage an Ursula richtete.

Sie kommen an den Erlenbruch. Und nun sieht Ursula Bernd ins Gesicht, mit der ganzen Zärtlichkeit, die ihn hegen und halten möchte, und mit einer sich überstürzenden Freude, ihm ein Vertrautes zu schenken.

»Sie kennen nun so viel von meinem Eichhof. Und kennen es doch nicht. Nicht sein Allerschönstes. Soll ich Sie jetzt hinführen?«

»Wenn Sie das wollten –« 214

Von geheimnisvollem Eifer wirkt es in ihren weichen, dämmergrauen Augen, die jetzt ganz wie Kinderaugen sind. Und er wird so jung wie sie, jubelnd über ihre Gabe und erwartungsvoll.

»Dann kommen Sie mit! Aber die fein-feinen Chevreaustiefel –!« Wehmütig neigt sie den Kopf zu seinen Füßen und saugt die Luft ein mit bedauerndem Pfiff.

Schon springt er von Büschel zu Büschel über den moorigen Grund, in der Richtung, die ihre Blicke ihm verraten haben. Sie aber ist schneller als er und steht eher vor der übermannshohen undurchdringlichen Hecke, zu der sich Weide, Dorn und Binsenrohr verflechten.

»So, Sie großer Kunstgelehrter, wie nun weiter?«

Er ist für Draufgängertum und ruft: »Einfach durch!«

»Das lassen Sie lieber bleiben! Zwei Wege gibt's. Der eine« – sie hält ein und lacht zu ihm empor – »soll ich Sie mal auf Ihrer weißen Weste kriechen lassen?«

Dabei zeigt sie ihm eine offene Stelle in dem Gestrüpp ganz unten am Boden, ein kleines Schlupfloch für geschmeidige Leiber. Aber der letzte Regen hat den Grund zu Schlamm aufgeweicht, und ihr 215 Uebermut läßt Gnade walten. »Und das ist der andere!« Sie tritt an eine Esche, die dicht an der Hecke steht. Ein Zweig hebt sich seitwärts hinüber und reicht den Arm einer anderen Esche, die innerhalb des Ringes wächst.

»Drehen Sie sich um!« befiehlt sie kurz, klettert den Baum hinauf, hängt sich an den Ast, greift sich weiter bis zu dem Geschwisterbaum und gleitet an ihm hinunter. »Jetzt kommen Sie nach!« ruft sie unsichtbar aus dem Jenseits.

Er tut's, es ist ihm mühseliger als ihr, doch bringt er es leidlich zustande. Aber ein wenig hilflos ist er nun doch in dem neuen Reiche angelangt, dazu von der Erregung benommen, nicht eben wie ein Eroberer.

Und Ursulas Zorn kommt zur Besinnung und kämpft für das unberührte Land.

Nun verrät sie ihm ihre Einsamkeit – ihm, ihm – wer ist er? Was hat er in ihrer Heimlichkeit zu schaffen? Wer ist er, daß sie ihm ihre Stille preisgibt?

Aber schon ist er wieder festgefügt und in klarer Sicherheit und auf der Höhe seines Glücks. Und so hingegeben betrachtet er sich diese eingehegte Welt, schweigend, bewegungslos. 216

Das ist gut, wie er so steht und sich hält. Ursula hat noch eine letzte feindselige Lust: wenn er doch etwas sagte, etwas Schlimmes, etwas Gemeines, wie »schön« oder »prachtvoll« oder »entzückend«, daß er durch solche Nichtswürdigkeit alles zerstöre!

Aber er bewährt sich wohl.

Schweigend blickt er in Versunkenheit auf den schwarzen kleinen See, der hier wie eine verlorene Klage ruht, wie ein weiches Sichwundern, wie ein fragender Schmerz. So tiefer die Frage, als um ihn herum ein heller Jubel von leuchtenden Blüten sich kränzt. Da ist himmelblaue Veronika, purpurnes Feuerkraut flammt hindurch, rosa schimmert der Biberklee hinein, zwischen weißem Pfeilkraut heben sich Schwertlilien zu stolzer, gelber Grausamkeit, scheu hält sich Binsenseide, aus der die Feen ihre Schleier weben, und überall am Grunde Vergißmeinnicht in lachender Wehmut und zärtlichem Zagen.

Nur in das Wasser selbst zieht sich keine Pflanze. Ein ungetrübtes Dunkel, das in sich selbst sich begräbt. Und keine Blüte beugt sich vor, ihr eigenes Spiegelbild zu sehen. Das Schwarz ist die heilige Ferne.

Kein Laut. Schweigend schießen die Libellen. Dann und wann hört man den Wald tiefer atmen. 217 Nur ganz aus der Weite zittert das Gurren wilder Tauben.

Bernd schweigt noch immer und sieht Ursula nicht an. Als wäre jeder Blick auf sie ein unzartes Fragen und Suchen.

Und er schweigt gar von dem einen, von dem es nahegelegen hätte zu sprechen. Von dem See im Walde, dem verwandten, den er in seinem Buche gesehen hat. Wer hier mit Deutlichkeit kommt, der ist verloren.

Da wird Ursula Bernd immer mehr zugetan. Jetzt macht sie eine Bewegung, als wolle sie lieber fort. Und nun wendet er sich zu ihr hin. »Ich dachte erst, hier hätten auch Singvögel sein müssen,« sagt er einfach. »Aber das war dumm. Es ist gut so, wie es ist.«

Nun gibt sie ihm mehr zu wissen. »Vor zwei Jahren war einmal ein Zaunkönigpaar hier in der Hecke. Aber sie sind nicht geblieben.« Und noch mehr: »Zweimal im Jahr, im November und im März, kommen wilde Schwäne her.« Da durchrinnt ihn die ganze liebe Märchenfurchtsamkeit, und aus sieht er wie ein großer Junge.

Jetzt führt sie ihn dicht an den Rand, beugt sich hinüber und flüstert: »Das Wasser sieht die Sterne am Tage.« 218

Er nickt. Und das Nicken heißt: Ja, ja, ich schrieb ja auch davon, ich wußte davon. Ich wußte ja auch schon immer von Deinem Leben. Und habe an ihm teil.

Nun fährt sie auf. Hart treibt es sie. »Wir wollen gehen.«

Sie klettern auf gleicher Bahn wieder hinüber, in die offene Welt, in die Welt des Schreitens, und gehen durch den Wald, ganz langsam, jetzt in Gedanken, die nicht eilen mögen.

Vor ihnen liegen die Katenhäuser, die zu Eichhof gehören. Ursula hat hier ihre stillen Freundschaften, an die ihr andere nicht rühren dürfen. Darum ist sie am liebsten allein bei den Leuten, und ungern besucht sie in Gesellschaft das Dorf. Mit Bernd aber meidet sie diese Straße nicht.

Es sind nicht viel Leute draußen, die meisten sitzen wohl in der Stube, sie wollen ihre sonntägliche Luftveränderung, wollen auch einmal in Ruhe mit ihrem Hausrate Zwiesprache halten. Das junge Volk ist in ein Nachbardorf zum Tanzboden gezogen.

Ein paar Frauen stehen zusammen, eine hat ein Kind auf dem Arm. Sie grüßen die Herrentochter ohne Unterwürfigkeit mit offenem, freundlichem Sinn, den Begleiter mustern sie ohne Scheu mit gehaltener Neugier. Ursula tritt zu ihnen heran, fragt 219 sie nach diesem und jenem und freut sich an dem Kinde.

Sie geht dann in eines der Häuser, einer Kranken guten Tag zu sagen. Als sie wieder herauskommt, geleitet sie ein beweglicher grauer Krauskopf mit einer jubilierenden roten Nase, man sieht ihm an, daß er gestern am Löhnungstage sehr vergnügt gewesen ist. Ursula redet ihm ins Gewissen und droht ihm beim Abgang mit dem Finger. Er aber kraut sich hinterm Ohr mit verschmitzter Armsündermiene, als wolle er sagen: Ja, wenn das alte häßliche Zeug nur nicht so schön schmeckte!

Vor dem letzten der Häuser hocken spielende Kinder im Sande. »Jetzt sollen Sie einmal den feurigsten aller Verehrer sehen,« sagt Ursula.

Ein Flachskopf mit weiten braunen Guckaugen reckt sich aus dem Nest, dann springt der kleine Mann auf die nackten Füße, rennt Ursula entgegen, preßt sein Gesicht in ihr Kleid, reißt sich gleich wieder los und fegt, was hast Du, was kannst Du, auf seinen wirbelnden Beinen wie mit einem köstlichen Raube über die staubsprühende Straße hinein in sein Haus.

»Das ist ja ein Gewaltmensch!« ruft Bernd, und beide lachen aus vollem Halse hinter dem Attentäter drein. 220

Auf dem Gutshofe ist es still. Man hört die geschwätzigen Pappelblätter, denen es wohl zumute ist in dem weichen Glanz des nahenden Abends. Die Tauben heben sich zum letzten Flug, sie fangen noch einmal das Licht, das Blau und das Sonnengold, in ihren weißen Flügeln auf und sprühen es von sich, sich wendend und spreitend und überschlagend. Die Hähne krähen nicht mehr, und die Hühner fangen an sich schläfrig zu recken.

»Sie bleiben den Abend bei uns,« bestimmt Ursula. Er nickt wie zu etwas Selbstverständlichem. Und sie denkt: der letzte Abend, wer weiß auf wie lange! 221

 

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