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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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19.

Anselm saß bei Bernardine in ihrem Oberinnenzimmer. Sie hatte ihre freie Stunde, aber die war so, daß für andere gut ein Tagewerk hätte daraus gemacht werden können. Besuche, Gesuche, Meldungen, Briefe, die sie sofort beantwortete – so ging es hin und her. Und doch verlor sie nie den Faden, den sie mit Anselm spann.

Das Zimmer, klein und ganz schmucklos, selbst ohne die gewohnten frommen Bilder, lag hoch und hatte den Blick in den Garten des Krankenhauses, wo der milde Oktobernachmittag sich der Rekonvaleszenten annahm. Auf dem Rasen, in den Gängen, überall blauweiß gestreifte Jacken.

Bernardine war mit Anselm nicht zufrieden. »Du hast was zu vergessen. Nun ja, jeder hat sein Rotenmoor – das er nicht hat. Und richtig zu vergessen, das ist die ganze Kunst und Kraft des Lebens. Du aber machst es nicht richtig.« 172

»Ich suche, Bernardine. Und suchen – das sollte nicht das Richtige sein?«

»Das Denken ist Sonntag. Und ewiger Sonntag – das halten nur die ganz Fröhlichen aus. Gehörst Du dazu?«

»Nein.«

»Darum mußt Du viel Alltag haben. Eine harte Nüchternheit. Die strenge Linie. Soldat, Anselm. Das ist für Dich das Rechte.«

Er schüttelte den Kopf und schwieg.

»Ich brauch' Dir nicht zu sagen, was dieser Beruf an Schönem hat und an Größe. Ich sag' Dir nur, was Dir schlimm an ihm erscheint. Aber dies Schlimme ist grade das, was Du brauchst.«

Hier kam eine Störung. Dann fuhr Bernardine fort: »Du ringst um den Glauben. Du meinst, er sei das Höchste.«

»Ist er das nicht?«

»Nein. Man hat uns gelehrt, die guten Werke zu verachten. Man setzt sich faul in dem alleinseligmachenden Glauben wie in einem bequemen Sofa zurecht. Glauben – glauben selbst ist gar nichts. Tun ist das Wahre – Tun ist der wahre Glaube.«

Anselm war vor den Kopf geschlagen, dann warf er ein: »Du sprichst von guten Werken. Aber der Glaube muß uns doch erst weisen, was gut ist.« 173

»Was gut ist? Das soll fraglich sein? Was gut ist, das fühlt jeder. Das ist das Gegebene. Und weißt Du, was das eigentlich Schlimme ist und der ausgesprochene Gegensatz von gut? Das Fragen: was gut ist!«

Das ist keine Philosophie, das ist auch nicht gnadenreich in Hingebung. Wie eine Königin ist Bernardine, selbstsicher, aufrecht und fordernd, »selbstverständlich« ist ihr Wappenschild. Ihre Arbeit dient nicht, sie herrscht.

Anselm findet nicht den Weg zu diesem Stolz. Einsam bleibt er und einsam zieht er von hinnen. Um ihn braust der Straßenlärm, der stört nicht seine Gedanken, der Menschenstrom will ihn verschlingen, aber Anselm bleibt oben und läßt sich tragen. Gejagte um ihn her, die einen von Not, von Gier die andern, von Wünschen, von einem Suchen – Getriebene, Vertriebene und Vertrauende auch, die dem Hafen zusteuern, Liebende und Ersehnte. Und alles, was er sieht, was er ahnt und was sich ihm verbirgt, all das Grelle und all das Scheue, das Häßliche, das Offene und das Tückische, das Warmherzige und die satte Gleichgültigkeit, die Hoffnung und die Verzweiflung – alles tönt zusammen zu einem großen Akkord, nichts geht verloren, das Kleinste nicht, nichts 174 ist entbehrlich. Nichts von den geheimsten, dunkelsten Trieben, nichts von dem blassesten Sternendämmer in uns, kein feinster Nadelstich des Schmerzes, kein leisestes Zittern, das nicht weiß, ob es klagt oder lächelt – nichts ist verloren, nichts ist verworfen, alles klingt und schwingt in die große Sinfonie der Notwendigkeit, die der große Meister spielt.

Das ist der Weltensang, und wer ihn hört, ist der nicht dem Weltenmeister nahe? Muß er ihn nicht fühlen und nicht zu ihm beten?

Und an ihn glauben?

Glaube ich an ihn, muß mein Glauben eine Zuversicht sein, eine Gewißheit, die ohne Wissen nicht sein kann. Was weiß ich von Gott? Wie ist er? Wer ist er?

An seinen Früchten sollt ihr ihn erkennen – gilt dieses Natürliche nicht auch für Gott?

Ich sehe seine Werke und höre sein Wirken. Und meine Erdennot und meine Wissenssehnsucht fragt: Ist alles gut, was er wirkt? Ist nicht auch das Fehlen und Irren von ihm, von ihm und bei ihm?

Und wenn das Gute und Böse in ihm ist – ist das zum Erschrecken? Nein, es ist gut. Seh' ich ihn so nicht klarer, ist er uns damit nicht näher, ist er 175 nicht dadurch lebendiger, wärmer, uns hingegebener und darum gütiger? Kein fertiger, selbstherrlicher Gott, ein Wanderer und darum der beste und klügste Richter, der treueste Berater, der sorgsamste Freund mit mildestem Lächeln. Ein Gott, der den großen Humor hat, den Humor eigenen Irrens, den Humor des Verstehens und Verzeihens. Ein Gott, der nicht ist, ein Gott, der wird, und darum, weil er nichts Träges ist, weil er wandert und schreitet, sich wahrhaft freuen kann, freuen an sich wie an uns. An seinem Wege zum Licht, den er uns voranschreitet, selbst ein Kämpfer, selbst ein sich Mühender, selbst ein Sieger.

Zu dieser Höhe hat Anselm sich durchgerungen. Oft genug ist er zurückgesunken, oft genug schwindelt es ihn noch, denn der Abgründe sind viel. Und die Seligkeit solcher Gottesnähe, immer wieder muß er sie erkaufen mit dem Trübsal neuer Zweifel, mit den Qualen der Verzweiflung. Und wie locken dazu immer aufs neue die bequemen Niederungen, die satten Weiden für gottvergessene Menschlichkeit!

Langsam geht Anselm nach Hause. Er zündet sich die Lampe an und vergräbt sich in Jakob Böhme, in die »Vierzig Fragen von der Seele nebst dem umgewandten Auge«. 176

In dieser Welt findet ihn Bernd. Und Bernd ist ein Helfer aus der Not. In der Not aber steckt Anselm, in der Not des ewigen Sonntags, von dem Bernardine sagt, daß nur die Fröhlichsten ihn ertragen können. So schwer und schwarz findet ihn Bernd, daß er fast erschrickt. Aber nun nimmt der Aeltere den Jungen und führt ihn andere Pfade. Und Anselm läßt sich führen, denn Bernd hat einen Zauber in seiner festen reinlichen Hand, das ist der Händedruck von Ursula, deren Grüße er bringt.

Wohl verweilen sie bei Jakob Böhme, dem nachtbeschwingten, dem weichen, zarten, sehnsüchtigen Dämmervogel, der in den lautlosen Aufgang Aurorens einzieht und im leibhaftigen Schauen der Gottesstille sein Heimweh löscht – aber gleich ist auch schon Bernd bei einem andern lieben deutschen Schuster und Sinnierer, dem die Morgenröte eine singende Schwester der Nachtigall ist. Und sie sprechen vom deutschen Handwerk, seiner Seele und seiner Kunst, und vielerlei vom deutschen Leben.

Das sind Erholungsfahrten für Anselm, der frischer dreinblickt und fröhlicher atmet.

Und ist Ursula nicht bei ihnen auf diesen Gängen? 177

Noch vermeidet er es, von Rotenmoor zu sprechen. Bernd, der seinen Schmerz kennt, bewahrt ihn selbst vor solchen Fragen. Aber von Ursula reden sie, und wenn sie nicht von ihr sagen, wandern wohl die Gedanken zu ihr. Erst gehen sie Hand in Hand, dann aber reißt Anselm sich los, stolpert seitwärts und stürmt voran, in Trotz, in sehnsüchtiger Kraft, in schmerzlicher Liebe.

Ursula! Wenn Du bei mir sein könntest, ich hätte die frohe Stärke, die man zum Sonntag braucht. Ursula! Warum bist Du nicht bei mir! 178

 

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