Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dreyer >

Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

1.

Als der junge Morveldt, der zweite Sohn des Besitzers von Rotenmoor, heute am Sonntag morgen mit seinen schlaksigen und schlenkernden Gliedern langsam die große Schneise des königlichen Forstes durchschritten hatte, als nun seine großen Jungenaugen, die schwer in sich versunken waren und mühsam aus ihrer Tiefe sich lösten, zwischen Haselsträuche und Erlengestrüpp über die blühende Waldwiese hinträumten, da blieb er auf einmal stehen, straffte sich zusammen wie zum Sprunge, und aus den träumenden Augen stieß ein fester Weidmannsblick auf ein bewegliches Etwas, das er nicht begriff.

Da hinten war es, in der äußersten Ecke, wo das kleine Birkengehölz anfing – sonst sah man nur einzelne Falter über den hohen Halmen, Weißlinge und Füchse, da hinten aber hob sich ein Größeres über das Gras, weiß und leuchtend – hob sich und versank wieder – es war wie im Takt 6 – jetzt schien es, als seien es zwei – ja, zwei waren es, die miteinander spielten.

Was kann das Weiße sein? Tauben? Tauben, die im Wiesengras spielen? Und immer nur hüpfen bis zur Höhe des Halmes? Und zwei, die sich abgesondert halten von dem ganzen Flug? Tauben – dummes Zeug! Höchstens sind es Albinos von irgendeinem Wild. Junge Birkhühner? Ein weißgesprenkeltes hat er einmal gesehen. Daß es auch ganz weiße gibt, hat er gelesen. Nur dieses Spiel von zweien – ausgesucht zwei weißen – und wie im Takt geht es immer noch – –

Wo sind denn die anderen? Es ist doch immer ein Volk zusammen. Sitzen die anderen im Kreise herum und lassen sich von diesen beiden weißen Harlekins etwas vorzaubern?

Vielleicht sind es weiße Kaninchen. Die gibt es ja auch unter den wilden. Aber wie soll man sich dieses gleichmäßige Auf und Ab erklären?

Schon ist er dabei, die Wiese zu umgehen und sich an das Geheimnis hinanzupirschen. Als er näher kommt, schwingt etwas in der Luft wie das leise Singen einer summenden Menschenstimme. Und jetzt sieht er auch, was das Weiße ist, wer die beiden sind, die miteinander spielen. 7

Zwei Mädchenfüße sind es. Die, welcher sie gehören, liegt bäuchlings im Grase, den Kopf auf die Ellenbogen gestützt, die bloßen Füße hebt sie auf den Knien in die Luft, erst den einen, dann den anderen, so geht es im Takt, als müßten sie die Zeit begleiten. Lose rinnt das Haar, dunkelblond und leuchtend, über die Gräser hin, legt sich um die Halme und bohrt sich in die Blüten, den Honig aufzutrinken. Und sie selbst flüstert den Blumen leise, törichte Lieder ins Ohr.

Der junge Morveldt bleibt hilflos stehen, in seinen knochigen Zügen sitzt die Furchtsamkeit eines großen Entzückens, lange steht er so und weiß nicht, ob er umkehren soll oder zu ihr gehen. Da verrät ihn eine unentschlossene Bewegung, sie hebt langsam den Kopf, wirft das Haar zurück, es kraust sich die kurze Nase mit den witternden Nüstern, die scharfen Zähne drohen durch schmale, feste Lippen – all das ist schnell, wehrhaft und hart, aber die Augen sind langsam, sie sind wie Fremdlinge in dem Antlitz, weit sind sie und weich, in ihnen irrt die Klage des Gewecktseins, und ehe ihr Schmerz sich auf Zorn und Drohung besinnt, blicken sie schon mit freier Güte.

Damit kommt ein fröhlicher und schalkhafter Gleichmut in das ganze Gesicht, sie bleibt auch 8 ungestört in ihrer Haltung, und als sie dem Stehenden zunickt, pendeln ihre nackten Füße unbefangen weiter in der Luft.

»Guten Morgen, Anselm! Stehst Du schon lange da?«

»Nein – lange nicht –«

»Willst Du nicht den Mund zumachen und herkommen?«

Er reißt die Kinnbacken zusammen, schmunzelt, beschämt und glücklich zugleich, und tritt näher zu ihr hin.

»Setz Dich doch! Du bist so lang. Mir wird der Hals steif, wenn ich immer so zu Dir aufsehen muß.«

Er kniet ins Gras. »Gehst Du denn heute nicht zur Kirche, Ursula?«

»Nein, Du. Ich schwänze heut'. Der letzte Sonntag in den Ferien. Schwänz Du doch auch!« Sie steckt sich Sauerampfer in den Mund und kaut ihn mit breitem Behagen.

Ein wenig verstört blickt er auf so viel Lasterhaftigkeit. Mit einem lauten »Nein!« rettet er seine Seele.

»Ja, Ihr habt ja auch noch eine Woche länger frei. Warum bloß? Erst habt Ihr Jungs 9 überhaupt das Glück, daß Ihr keine Mädchen seid. Und dann habt Ihr es auch noch in allem besser.«

»Verzeihung, Ursula – ich glaube, das ist nicht ganz logisch!« bemerkt Anselm nach ehrlichem Gedankenkampf.

»Dann ist es gewiß wahr! Im übrigen bist Du längst nicht mehr so nett wie früher. Du kriegst was Gelehrtes und wirst hochmütig. Eigentlich bist Du doch gar nicht dafür.«

»Wofür?«

»Für Gelehrsamkeit. Und das Abiturium machst Du doch nicht. Kein Morveldt hat so was jemals getan.«

»Dann bin ich der erste.« In den Worten ist Klang.

»Und wenn Du durchfällst?«

»Mach' ich es noch 'mal.«

»Soldat willst Du werden, nicht?«

»Soldat oder Theologe.«

»Hm.« Dieses »oder« stellt Ansprüche an ihre Fassungskraft, sie schüttelt den Kopf und schweigt.

»Und Du – Du bist Michaelis nun wirklich ganz mit der Schule fertig?«

»Ja, Gott sei Dank! Alt genug ist man ja auch dazu.« Sie dehnt sich weit im Vollgefühl ihrer siebzehn Jahre und atmet tief die leuchtende 10 Wiesenluft. »In die Selekta kriegen sie mich nicht!« Mit beiden Händen greift sie ins Gras und hält sich an der heimatlichen Erde.

»Du bleibst dann ganz hier?«

»Natürlich!« Ein sehr mitleidiges Lächeln geleitet dieses Wort.

»Ja, Du hast es gut.«

»Warum bleibst Du nicht auch hier? Warum hängst Du nicht die Logik und all das an den Nagel und wirst Landmann?«

»Landmann ohne Land!« Seine spröde Knabenstimme hat einen tiefen, männlichen Ton, in den Augen steigt etwas Leidenschaftliches empor, durch seine eckigen Züge glüht ein zuckendes Leben.

Sie sieht das und begreift es wohl. Jochem, Anselms älterer Bruder, ist der Erbe von Rotenmoor. Und die Brüder lieben sich nicht. Sie will ihn auf andere Gedanken bringen, er aber läßt nicht los, was ihn ergriffen hat, näher rückt er zu ihr hin, er braucht einen Menschen, dem er sein Herz ausschütten kann, und niemand versteht ihn wie Ursula, die selbst eines Landgutes Erbin ist, die mit ganzer Inbrunst ihr Besitztum hält, die mit eifernder Zärtlichkeit über alles wacht, über jeden Baum, jeden Erdklumpen, jeden Stein, jeden Grashalm ihres Landes. 11

»Soll ich vielleicht Knecht werden auf Rotenmoor?«

Er möchte den Groll des Klanges bändigen, vermag es aber nicht. Durch das wehe Lächeln seiner Augen brausen die Flammen hindurch. Wie viel Leben kommt plötzlich in den knochigen Ernst seiner spröden Züge! Kraftvoll und schön ist der zornige Schmerz in seinem Gesicht.

Ursula sieht ihn groß an und denkt, wie verwandelt ihn doch die Tiefe seiner Qual. Und dann blickt sie in diese Tiefe selbst, in die Not seines Lebens, die sich ihr heute nicht zum ersten Male auftut. Sie will ihm helfen, sie spricht ihm zu wie eine große Schwester ihrem kleinen Bruder, ein wenig altklug, ein wenig aus der Höhe, aber doch mit echter, leuchtender Wärme.

»Sieh 'mal, Anselm – gehören tut es Dir doch auch. Weil Du doch 'mal dazu gehörst. Wie sehr, weißt Du selbst am besten. Und wenn auch Jochem nach dem Buchstaben der Herr wird –«

Aber sein jungenhafter Ueberschwang läßt sich nicht trösten.

»Nein, nein, Ursula – Du meinst es ja gut, aber das ist alles ganz anders. Seit einem Jahr – so lange hab' ich ganz dumm vor mich hingeträumt. Dann kam es so ganz plötzlich auf. Das gehört Dir 12 ja gar nicht, das wird Dir nie gehören! Du bist ja überhaupt ein Fremder hier! Ursula, Du kannst Dir nicht denken, wie das ist! Und nun hasse ich das alles – ja, ich hasse es – den Park und den Wald, das Haus und den See und den Hof – ich hasse das alles! Oft ist es mir, als müßte ich das zerstören – als könnt' ich nicht leben, wenn ich nicht alles niederrisse und in Brand steckte!«

All ihre schwesterliche Höhe versank in ein wohliges Grauen vor so viel wilden Flammen. Er war jetzt über ihr, sie kauerte sich seiner Kraft zu Füßen, da verwirrte ihn ihre großäugige Bewunderung, und er stellte unsichere Fragen.

»Ich weiß nicht, ob Du mich verstehst – –«

Sie richtete sich auf, sah ihm fest ins Gesicht und rief klar und stark: »Ja, so gut versteh' ich Dich!« Damit nahm sie seine Hand und drückte sie.

So saßen die beiden jungen, stolzen Herrenkinder, zusammengefügt von dem Gedanken eines großen Schmerzes, dessen Größe nur zu Herrenkindern spricht. Und da er so zu ihnen beiden redete, war in dieser Gemeinschaft ein Glück für Anselm eingeschlossen, ein glückhafter Trotz durchdrang ihn, eine frohe Feindseligkeit gegen die Welt. »Ja, Ursula, ich bin ein Verbrecher.« 13

Sie ruhten aus, getragen von diesem mächtigen Gedanken. Nach einer Weile sprach sie, ganz durchglüht von demselben Gefühl: »Ich wär' es noch mehr, wenn es mir so ginge wie Dir!«

Dann aber stieg in seinem hellen Trotz ein Dunkles auf, das wurde schwerer und schwärzer und wurde zur Gewissensnot. Näher drängte es ihn zu seiner Freundin, daß er ihrer verwandten Seele beichte, was unsäglich war.

Jetzt blickte sie selber zaghaft in die drohende Qual seiner Augen. Aber die Beichte kam frei von seinen Lippen, hart und hell wie mit selbstquälerischer Freude und grausamer Lust an ungeheurer Wahrheit.

»Weißt Du, was ich so oft denken muß? Daß Jochem sterben kann. Und ich denk' es so, daß es wie ein Wünschen ist. Ja, so bin ich. Und er ist mein Bruder.«

Sie schwiegen. Seine junge wilde Wahrhaftigkeit riß sie in dunkle Fernen. Ein Nächtiges umfing sie beide. Das Urälteste raunte um sie her, der Bruderhaß, der den Tod zu der Menschheit rief. So saßen sie und schauderten und schwiegen.

Da fingen die Kirchenglocken an zu läuten. Die beiden kehrten zurück aus den dunklen Gründen. Anselm erhob sich aus dem Gras, und er gewann 14 sein altes Ansehen, unbeholfene Verschwiegenheit legte sich wieder auf seine schweren Züge, das Leben seiner Augen tauchte unter in die Tiefen. »Ich geh' jetzt zur Kirche,« sagte er still. »Willst Du nicht mitkommen?«

»Ach nein. Und Du hast ja auch noch Zeit. Es läutet ja erst zum ersten Mal.«

Er blieb gern bis zum letzten. »Ich weiß nicht, ob Du das hörst –« sagte Ursula.

»Was?«

»Die Glocken haben nicht den richtigen Klang.«

»Was meinst Du damit?«

»Jetzt, wo hier draußen alles klingt, da mögen sie nicht recht. Da wollen sie ebenso gern, daß man hier draußen bleibt. Erst wenn es hier traurig und still ist, rufen sie wirklich. Wenn die Nebel kommen und wenn Schnee liegt. Dann fangen sie richtig an zu sprechen, weil sie wissen, daß sie uns dann was Gutes antun können. Jetzt tönen sie bloß, weil der alte Tohrmann an dem Strange zieht.«

Gern lauschte er ihren Deutungen. Doch blieben seine Gedanken dem Kirchgange treu. »Magst Du Pastor Wegemann nicht predigen hören?« fragte er einfach.

»Nicht so gern, Du. Nicht so gern wie den alten Pastor König. Was konnte der schelten und 15 donnern. Und wenn er von der Hölle sprach – die Augen! Angst kriegte man, ob man wollte oder nicht. Und das war fein. Dein Pastor Wegemann ist mir nicht fürchterlich genug.«

Anselm schüttelte den Kopf. »Wie Du redest! Und was hat denn das Christentum mit Furcht zu tun?«

»Ja – ich weiß doch nicht – wann denkst Du an den lieben Gott? Ich immer bloß, wenn ich Angst habe.«

»Aber Christus!«

»'n bißchen Angst hab' ich auch vor ihm.«

»Sieh 'mal, darüber müßtest Du einmal mit Pastor Wegemann sprechen,« so redete er jetzt mit knabenhaftem Eifer. »Der hat mir alles so deutlich gezeigt. Der sagt, daß wir es so gewohnt sind, viel mehr die Worte Christi zu sehen als ihn selbst. Wir lernen es so, daß wir uns mehr um Paulus kümmern als um Christus. Und das ist nicht recht. Wir sollen vor allem Christus sehen, so wie er ist, und nicht bloß seine Worte und seine Lehre. Sein Wesen sollen wir vor Augen haben, seine Leibhaftigkeit, dann ist er unser Freund, und wir gehören ganz zu ihm.« 16

Ein glückliches Licht hatte sich in ihm entzündet, das war wie ein weicher Glanz fast schwärmerischer Wonnen, der alle Wildheit in ihm löste.

In ihr aber regte sich die Teufelin. »Hast Du Christus lieber oder Rotenmoor?«

Doch als das Licht seiner Augen zurückschrak vor diesen Worten, da taten sie ihr leid, und sie fügte warm und ernst hinzu: »Es ist ja so gut, daß Du Christus so lieb hast. Du bist darum auch viel besser als ich. Für mich hat er doch immer etwas Fremdes. Ich sehe ihn immer unter Palmen, und Palmen sind etwas Gräßliches für mich. Warum kann ich ihn niemals unter Birken oder Buchen sehen? Und dann die Jünger, die er um sich hat – wie unangenehm sind mir all diese alten Juden. Ich hab' sie auch nie auswendig lernen können.«

Damit hatte sie seinen Schmerz wieder in das bunte Land der Verwunderung gelenkt. Ein wenig verwirrt, doch zugleich belustigt schüttelte er den Kopf, dann sagte er mit Sicherheit: »Du sprichst von Buchen und Birken – aber mit unserem Tannenbaum hast Du doch Christus vor Dir!«

»Nein!« antwortete sie, und fast trotzig kam es heraus »Beim Weihnachtsbaum denk' ich vielmehr an die alten Heidengötter. An Wodan denk' ich und an das wilde Heer. Ueber unseren Eichwald 17 ist es oft genug hingezogen. Und an all das denk' ich, was draußen in dem Winternebel vor sich geht. Was hab' ich da in Bethlehem zu tun und in Jerusalem? Wo es keinen Winter gibt und keine Tannen, keinen Rauhreif und keinen Schnee!«

»Hast Du nie Sehnsucht nach dem heiligen Lande?«

»Nee, Du! Das kann ich ehrlich von mir sagen. Das Land Palästina ist mir einfach immer eklig gewesen. Ich stamm' ja auch nicht von Kreuzrittern ab wie Ihr. Wir sind erst aus der Reformationszeit und immer in der Heimat geblieben.«

Ja, Du – Dir gehört Eichhof! Aber ich – mein Rotenmoor – das ist ja nicht mein – nichts, nichts gehört mir davon – ich hab' ja keine Heimat – so zog es wieder dunkel, wild und wühlend in ihm auf. Da riß er sich hart zusammen: »Ja, Ursula – ich gehe also jetzt.«

»Dann leb' wohl!«

»Du gehst nicht mit?«

»Nein, Anselm. Ich sagte es Dir schon.« Und jetzt steigt die Eva wieder in ihr empor, reckt sich und kauert. »Aber Du könntest doch auch hier bei mir bleiben.«

»Ich will ja aber doch nun 'mal zur Kirche,« meint er treuherzig. »Und hab' das auch zu Hause gesagt.« 18

Sie kichert leise. Dann wendet sie sich voll zu ihm hin mit lockender Wärme. »Du kannst ja noch nächsten Sonntag gehen. Wenn ich nicht mehr hier bin. Heut' bin ich noch hier. Und heut' sollst Du mir Gesellschaft leisten.«

Sie klopft auf den Boden zu ihrer Seite, daß er dort Platz nehme, und ihre Augen ziehen ihn nieder mit all der Macht ihres weichen, zärtlichen Blühens.

Sie freut sich, daß sein Wille sich verwirrt. Wenn sie diesen fanatischen Kirchgänger heute, am achten Sonntag nach Trinitatis, seinem theologischen Lebenswandel entrisse, das wär' doch eine fröhliche Leistung. Sie streichelt das Gras, wo er sich hinsetzen soll, strahlender noch blühen ihre Augen zu ihm auf, und schon ist der Sieg in ihren Worten: »Nun ja, Du bleibst hier bei mir.«

Da schüttelt er wild seine langen Glieder durcheinander. »Nein, nein – ich hab' es nun 'mal gewollt – und darum –!« Er drückt ihre Hand, daß sie aufstöhnt, und geht dann von ihr, rudert heftig mit den ungelenken Armen und ist gleich im Walde verschwunden.

Sie blickt ihm nach, erst ein wenig ärgerlich verdutzt, aber dann lächelt sie schon über seinen zornig stoßenden Gang, und nachdem er in dem Buschwerk 19 untergetaucht ist, denkt sie an seine Treue mit ehrlicher Freude.

Das paßt so gut zu ihm, daß er sich nicht von der Richtung abbringen läßt. Eben darum hat es sie auch so gezogen, ihm seines Vorsatzes Festigkeit abzuschmeicheln. Schon als Kind ist er so gewesen, von geradem Willen und geraden Wegen.

Es ist gut, Anselm, daß Du zur Kirche gegangen bist, und daß Du in solchen Dingen nicht mit Dir spaßen läßt. Und ein lieber Junge bist Du, und Deine Not geht mir zu Herzen. Denn sie ist bitterschwer, viel Größeres gibt es kaum, und keine Hilfe ist für sie zu finden.

Sie hatte keine summenden Lieder mehr für die Blumen, sie war ganz in die Härte des Lebens hineingezwängt, seufzend stand sie auf, nahm Hut, Stiefel und Strümpfe und ging an den Waldrand, wo sie sich auf einen Baumstumpf setzte, um in bequemer Haltung Kopf und Füße wieder zu bekleiden.

Dann reckte sie sich in das Sonnenlicht hinein und schritt unter den Birken hin, das hängende Laub griff ihr vertraut nach Wangen und Haar.

Sie ging unter eigenen Bäumen auf eigenem Grunde. 20

 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.