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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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15.

Anselm stand auf seinem Platz. Aber er sah ihr nicht nach. Es zog seine Blicke mit Gewalt, doch hart hielt er sie fest, so weh es ihm tat.

Was war das? Was war mit Ursula geschehen? Wollte sie nichts mehr von ihm wissen?

Er war nicht verweichlicht. Der große Schmerz um Rotenmoor hatte weidlich dafür gesorgt. Aber immer hatte es in ihm ein Zartes gegeben, ein Ueberzartes, ein empfindsam Heimliches und Scheues. Und das war Ursula. Und nun hatte sie dieses Innigste in ihm, das sie selber war, mit eigener Hand zerstört.

War es denn möglich, daß sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte? War er ihr unangenehm geworden mit seinem Grüblersinn? Hatte sie wirklich eine solche Feindschaft gegen seinen theologischen Hang? Ja, sie liebte die Erde, sie liebte das Land, der Felder sonnige Breite war ihr Heiligtum. Und er, der Landlose, der schweifende Gottsucher – es 139 war wohl ganz natürlich, daß sie mit ihm die Fühlung verlor.

So war es, ja! Und was ist, das soll man fest ins Auge nehmen. Und was einem entschwindet, von dem soll man sich nicht forttragen lassen, hinein ins Willenlose. Auf den Füßen bleiben. Und seinen Weg gehen. Und die Zähne zusammenbeißen. Und wollen, was man will!

Dahin, wo es ihm am wehsten tat, hatte eine Hand gegriffen. Und die Hand, von der es am wehsten tat. Und so plötzlich war das alles gekommen, so betäubend.

Nun, immer noch besser, als wär' es langsam herangekrochen, mit Zweifeln und krankem Hin und Her. Nein, nein – so war es am besten. Wie ein Schwerthieb. Klar und scharf.

Wunden heilen – und heilen auch nicht. Und wenn sie nicht heilen – was nicht leben kann, soll sterben!

So dachte sein Knabensinn, dem aus Geschehenem eine Tat geworden ist, eine festgeschmiedete, unumstößliche, von der er sich nichts rauben lassen will, wie von einem grausam ehrlichen Besitz.

Ursula aber sann zu gleicher Zeit darüber, wie sie das Geschehene wieder gutmachen solle. Sie wollte 140 durch einen gelungenen Scherz alles wieder ins Gleiche bringen. Aber die Scherze gelangen ihr nicht.

Und dann ließ sie einem gesunden Gleichmut die Oberhand. Der Junge würde ja nächstens kommen und den Vater besuchen. Dann wollte sie ihm seinen unangenehm schwermütigen Dickkopf schütteln, bis die Gedanken ihm leichter flogen. Das war ja auch Freundespflicht. Wie sollte der Junge so durch die Welt kommen!

Anselm setzte langsam den Weg durch die Felder fort. Sein Abschiedsgang. Er wollte so bald wie möglich Rotenmoor verlassen.

Der große Abschiedsschmerz kam über ihn. Da ging alles in einem hin.

Er wußte nicht, was schlimmer war, daß er sich von der heimatlichen Scholle losreißen mußte, oder daß Ursula sich so von ihm schied. Und er suchte das eine gegen das andere auszuspielen. Ein Schmerz sollte den anderen trösten oder vernichten.

Ueber die Felder von Rotenmoor strichen seine Blicke. An den Grabenhängen und Böschungen nordseits lag noch Schnee. Auf den Wiesen aber zitterte ein Schein, so leise, daß er noch um die Farbe kämpfte, ein grünes Ahnen nur, kaum den kundigen Augen vernehmbar. Anselm sah ihn wohl. Und sah, wie er wuchs und schwoll. 141

Und er schmeckte den jungen Hauch der Erde, den herben, starken, berauschenden, der die Sinne beschwingt und ängstigt zugleich, der sie zum Weinen froh macht und mit lachender Schwermut sie füllt.

Der Trank tat ihm nicht gut. Er hängte seine Gedanken an Gegenständliches, an die nüchternen Zeugen ernster Arbeit. Dort auf dem Brachfeld standen die Schälpflüge. Sie waren schon tüchtig am Werk gewesen. Und da oben, für den hochgelegenen Schlag, den man schon hatte umpflügen können, weil keine Nässe mehr in ihm war, lagen die Eggen bereit.

Und wie gut ringsum die Wintersaat stand! Der Weizen besser als der Roggen. Hier auf dem Höhenzug, wo der Wind den Schnee so leicht verdunsten läßt, hatte doch der Frost gehaust. Aber alles in allem war das Bild so erfreulich!

Ja, ja, Mutter verstand sich auf die Wirtschaft. Vielleicht nur zu gut. Sie hatte so wenig Zeit für andere Dinge. Zuweilen wünschte man sich, daß es anders wäre – das heißt, früher hatte er das getan. Jetzt war er ja daran gewöhnt. Und für ihn war es wohl ganz gut so. Für ihn und seinen Weg war Einsamkeit das Beste.

Vor ihm hob sich der Eichenwald, der der Stolz war von Rotenmoor, in der ganzen Gegend gab es 142 nicht seinesgleichen. Düster und drohend stand er da, denn die Bäume hatten noch das Winterlaub, wie etwas Starres, Vorzeitiges, das dem Flimmer des Werdenden Trotz bietet, ein Bollwerk des Alters gegen die Jugend.

Anselm schritt hinein, mit einer Andacht, die ihm wohl tat. Jeder Baum war ihm befreundet, die Knorren und Aeste lebten als tausend vertraute Gestalten. Seine Helden wohnten hier und all seine lieben Ungeheuer. Die gehörten nur ihm, all das war sein Eigen und blieb sein Eigen, und ging er noch so weit fort.

Sein Eigen blieb auch das ginsterbewachsene Hünengrab, das an der anderen Seite des Waldes lag. Wenn in dem Dickicht des Totenhügels er sich barg und sein Traumbett sich wühlte, dann sah er in den Wolken ziehen, was sonst niemand auf der ganzen Welt sehen konnte. Auch von diesem Besitz vermochte ihm keiner was zu nehmen.

Und von seinen anderen Kinderträumen – – ja, das war es ja! War ihnen nicht die Seele genommen, da Ursula sich so von ihm trennte!

Ganz klar und scharf hatte sie gesprochen: Unsere Lebenswege gehen auseinander. Er aber und alle seine schönsten Träume, hatten sie sich nicht wunder 143 was zusammengesonnen, wie er immer mit ihr und bei ihr bleiben müßte?

Nun hatte sie ihm gezeigt, daß das kindliche Torheiten waren. Hatten sie zusammen gespielt – gut, gut für die Erinnerung. Jetzt, wo die Arbeit kam, mußte jeder auf einen anderen Platz. Sie gehörte der Scholle. Er, dem nichts gehörte, mußte in die Welt. Es zweigten sich die Straßen.

Klar und fest hatte sie ihn bedeutet. Dankbar mußte er ihr dafür sein. Scharf hatte sie geschieden. Ein Schwerthieb. Beschämend für ihn, daß sie ihn führen mußte.

Doch was ihm auch geschehen war, wehleidig – nein! wehleidig sollte sie ihn nicht finden.

Wenn er auch die große Einsamkeit, die um ihn war, empfand. Das waren so die Stunden, wo die Mutter ihm fehlte.

Er stand vor dem Wirtschaftshaus. Seine Mutter war in ihrem Arbeitszimmer, und sie hatte zu tun. Ein Reisender in künstlichem Dünger machte ihr Offerte. Dem künstlichen Dünger mußte er weichen.

Anselm ging in sein Turmgemach. Er packte seine Koffer. Langsam, mechanisch, gedankenlos. Als er den Spruch auf Canevas las und nicht wußte, ob er ihn mit einpacken sollte, fiel ihm ein, daß 144 Bernardine jetzt den kranken Vater pflegte. Und er mußte an seinen kranken Vater denken. Immer mehr zog es ihn dahin, eine schwellende Zärtlichkeit füllte ihn für seinen alten Herrn, der ihm Zeit seines Lebens fremd gewesen war. Mit all seiner Innigkeit ersehnte er bei dem Kranken, selbst Liebebedürftigen, einen Widerhall. Und was er bei dem Vater nicht finden konnte, vielleicht gab ihm das Bernardine, die treue, gottergebene.

Nur fort von hier. Einmal wollte er auf das Dach, dem Reich, über das er als Turmherr geboten hatte, Lebewohl zu sagen. Aber dann hielt es ihn zurück – die Fahnenstange von Ursulas Haus, die hohen Pappeln von Eichhof und viele, viele Gedanken. 145

 

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