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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14.

Früh brach in diesem Jahr der Winter ein. Auch in Eichhof wurden sie von ihm überrumpelt. Sie hatten noch mit der Rübenernte zu tun, da begann es zu frieren. Und bald, schon zu Ende November, gab es grimmige Kälte. Ursula ersehnte Schnee für ihre Saaten. Und er kam.

Wie immer träumte sie am Fenster in den ersten Schnee hinein. Hatte den Kopf in die Hände gelegt und träumte die alten Kinderträume, vom Himmel, von den Seelen der Toten, von den Augen ihrer Mutter und von Weihnachtslichtern.

Aber lange hielt es sie nicht so. Dann lief sie über die Felder, froh strich sie durch die treibenden Flocken, in den Wald trat sie mit jubelndem Grausen. Schwarz die Tannen, und immer tiefer ihr Schwarz aus Notwehr, Trotz, Entsetzen vor dem weißen Tod.

Ihr See im Walde! Dem konnte die Kälte nichts anhaben, ihn deckte der Tod nicht zu. Warme Quellen 127 stiegen aus seinem Grunde. Seine schwarze Klarheit trank sich nur schwärzer an dem stürzenden Weiß.

Und tagelang, nächtelang, unaufhörlich fiel der Schnee. Immer in den großen, schweren, sich packenden Flocken. Nur ein paarmal des Nachts machte der Wind sich auf, er wollte seine Spiele treiben und Schanzen bauen. Aber bald wühlte er sich müde an dem schweren Flaum der Luft und taumelte zur Erde und schlief.

Häusliche Arbeit freute Ursula nicht. Lieber schon ging sie mit dem Vater morgens durch die Ställe und prüfte, wie das Vieh geputzt war, kümmerte sich um die Lüftung und die Temperatur in den Räumen. Gern auch ließ sie sich beim Ueberwachen der Drescharbeit anstellen, beim Messen und Abwägen des Getreides.

Den Rechnungsarbeiten aber und Korrespondenzen, zu denen der Vater sie öfters neckend heranzog, ging sie mit Angst aus dem Wege. Dann mußte sie sich sagen lassen – und in den scherzenden Worten war ein Ernst – daß sie kein guter Landwirt wäre, denn es gäbe für den nichts Wichtigeres als diese Arbeit. Das suchte Ursula auf die leichte Achsel zu nehmen. Aber in ihr Gesicht stahl sich doch etwas Unmutiges. Und als ihr Vater dann erklärte, wen der Winter auf dem Lande unfroh fände, der könnte 128 nie ein rechter Landmann sein – da regte sie sich gleich zu einer fast leidenschaftlichen Verteidigung. Wenn sie wirklich unfroh wäre, käme es nur daher, daß der tote Schnee so endlos lange zwischen sie und ihre Erde sich legte.

Aus Zorn, so verkannt zu werden, wollte sie erst von den Büchern, die Bernd ihr geschickt hatte, nicht das geringste wissen. Bald aber fanden sie einen geneigten und immer bereiteren Sinn.

Es waren gute Bücher von deutscher Kunst und Art, durch die sie mit der Städtekultur sich zu befreunden begann. Freilich, sie mußte erst lesen lernen. Und Doria half ihr gern.

Oft genug, wenn zu viel Schulweisheit ihre Phantasie beschweren wollte, warf sie alles von sich und schalt auf Bernd als einen langweiligen Magister. Aber der Schnee, die langen Abende und die Lampe trieben sie doch immer wieder in die Bücherwelt.

Es wurde Weihnachten. Ursula hoffte, daß Anselm kommen möchte. Doch er blieb in der Stadt, für seine Prüfung zu arbeiten. Auch an Bernd dachte sie, ob er nicht bei seinem Bruder das Fest feiern würde. Den aber hatte eine Studienreise ins Germanische Museum entführt. Dafür stellte ein Unerwarteter sich ein: Jochem, ein völlig 129 ungewohnter Wintergast. Er brachte die Nachricht mit, daß sein Vater in Berlin einen leichten Schlaganfall erlitten hatte.

Ursula saß mit ihm in der Wohnstube von Eichhof. Draußen schoben sich die Nebel und beluden den Mittag mit Abenddämmerung. Ein paarmal nur schossen harte Strahlen durch den Wulst, farblos und ohne Glanz, so wie auf Holzschnitten die Flammenschwerter der Heiligenscheine sind.

Jochems Züge waren wie gekräftigt von einem stillen Ernst. Weniger zeigten sie von ihrer müden Sorglosigkeit, weniger von bewußtem Spiel.

»Ich werd' den Abschied nehmen,« sagte er, »spätestens zum Herbst.«

»Das geht Dir nahe.«

»Ja. Ich war gern Soldat. Aber Rotenmoor ist auch ein Standpunkt.«

»Du wirst noch viel lernen müssen,« sagte sie mit ehrlichem Hochmut.

Er hatte sein helles, bezauberndes Lachen, und sein Hohn tat nicht weh. »Willst Du mich zum Eleven haben?«

Dann mußte er von seiner letzten Reise erzählen, von den Tälern der Provence und wie es dort singe.

Er erzählte und freute sich selbst daran. Und dann gab er zu viel an schönen und suchenden Worten. Da 130 verlor Ursula die Freude des Zuhörens, aber sie sagte sich doch aufs neue: Man mag von Euch Morveldts denken, was man will, jedenfalls der Durchschnitt seid Ihr nicht.

Als er dann von einer Bratsche Wunderdinge zum besten gab – in einem Dorf bei Avignon habe er das Instrument gefunden, es könne weinen wie ein Mensch, nein, nur eine Frau könne so weinen – und wie seine Augen dabei in weichem Dämmer sich hoben, da meinte sie in ihrem immer mehr zurückgezogenen Sinn: aber ein Landmann, glaub' ich, wirst Du nun und nimmermehr.

Zum Schluß aber trieb er sie gar in eine zornige Scheu. Er hielt zum Abschied ihre Hand und nahm sie höher, sie zu betrachten und zu küssen, und als er die Grübchen sah, legte er auf sie wie spielend seine Fingerspitzen. Dabei trat etwas in seine Augen, was sie durchzuckte. Sie entriß ihm die Hand und wandte ihm den Rücken. Und nachdem er gegangen war, stampfte sie auf und wurde noch zorniger, weil ihr die Röte ins Gesicht stieg.

Am dritten Feiertag fand sich Onkel Bolko ein. Er brachte einen Segelschlitten mit, kanadischen Systems, das er wesentlich und patentwürdig verbessert hatte. Er raste mit Ursula über das Eis des 131 großen Weddiner Sees. Am nächsten Tage war er verschwunden.

Früh aber, wie der Winter gekommen, schlich er wieder davon. Schon in der Mitte des März war der Frühling da.

Zu der Höhe, wo der Schnee zuerst geschmolzen ist und die grüne Saat zur Sonne aufgrüßt, blickt Ursula nun mit gefalteten Händen wie auf einen heiligen Berg.

Jetzt sind die Bücher machtlos in den Winter zurückgesunken. Ursula steht auf ihrer sprießenden Erde.

Heute untersuchen sie ein drainiertes Feld, Herr von Eich, Ursula und der Statthalter. Die obere Schicht ist trocken genug zum Beackern. Nur eine größere Stelle ist naß und weich.

»Hier ist entschieden ein Strang nicht in Ordnung,« sagt der Herr.

»Nein, Vater,« erklärt Ursula. »Das ist zwischen den Strängen. Ich hab' es mir damals gleich gedacht, daß sie hier zu weit liegen. Wir müssen noch einen neuen dazwischen ziehn.«

Der Statthalter holt den Plan heraus. Ursula hat recht und ist ausgelassen froh darüber.

Zur richtigen Stunde kommt der einsame Fußgänger über den Sandberg geschritten. Noch stutzt 132 sie ein wenig, dann erkennt sie ihn sicher an seinen schlenkernden Gliedern. »Anselm!« ruft sie hell in die schwirrende Märzluft.

Der Ruf gibt ihm einen Stoß, er stolpert vor Glück, und im Sturmlauf ist er bei ihr.

»Eben gekommen?« fragt sie.

»Ja.«

»Hast Du's bestanden?«

»Ja.«

»Anselm! So ein großer Geist! Ich gratulier' Dir tausendmal.« Sie schüttelt ihm beide Hände.

Der Vater hat den Statthalter verabschiedet und tritt näher. Anselm begrüßt ihn mit verklärten Augen. Die beiden haben sich lieb.

»Komm bald zu uns!« Damit sagt Herr von Eich Anselm Lebewohl. Es ruft ihn nach dem nächsten Schlag, wo sie anfangen, die Brache zu schälen.

Die Jungen bleiben noch eine Weile beisammen.

»Kommst Du von der Bahn oder von Hause?« fragt sie.

»Von der Bahn.«

»Den nächsten Weg nach Rotenmoor hast Du Dir nicht ausgesucht.«

Er wird feuerrot und seine großen Hände zucken, als wenn sie nach Luft schnappten. Da wendet sie schnell. 133

»Morgen ist Sonntag. Du gehst zur Kirche –«

»Ja.«

»Ich morgen auch. Nachher wollen wir aber zusammen einen Weg machen, über die Felder, ja?«

»Ja, Ursula, von Herzen gern.«

Sie geben sich fest die Hände. Ursula folgt ihrem Vater.


Vor den Weidenkätzchen blieben sie stehen, Ursula und Anselm, in ihren Augen war die gleiche Zärtlichkeit für dieses erste spröde Leben. Und sie schwiegen dazu.

Vorher hatten sie von der Predigt gesprochen, an der Ursulas Anmaßung nicht viel Gutes ließ. Und nun kamen sie wieder darauf.

»Das ist wohl wahr,« sagte Anselm in seiner bedachtsamen, sorgfältigen Weise. »Er hatte heute nicht seinen guten Tag. Es ging so vieles vorbei.«

»Eigentlich gar nicht zu verwundern. Wenn einer immer predigen muß!«

Sie sprach es scharf und sah ihn herausfordernd an. Er aber nahm sie ruhig in seine großen Augen und nickte dazu.

»Gewiß ist das nicht leicht. Und es hat ja auch immer Menschen gegeben und ganze Sekten, die 134 einen bestimmten angestellten Prediger für die Gemeinde nicht gelten lassen wollten.«

Sie hielt bei der Sache selbst nicht aus. »Nun sag', was aus Dir wird. Prediger oder Soldat?«

»Prediger – das weiß ich nicht. Aber ich werde Theologie studieren.«

So fest war dieses Wort, daß Ursula es nicht vertrug. Sie begann das alte Spiel der Ueberlegenheit.

»Theologie studieren! Und nicht Prediger werden! Wenn Du Landpastor werden wolltest, das hätte ja vielleicht Sinn.«

»Was ich will, hat vielleicht auch Sinn!« Er wurde gereizt, das erlebte Ursula zum ersten Male an ihm. Geradezu als Ueberhebung erschien ihr das und mehrte ihre herrische Begier.

So sprach sie nun ganz von oben: »Ist das überhaupt etwas für einen Mann? Pflug oder Schwert! Alles andere –«

»Und das Männlichste soll es für ihn nicht geben?«

»Was ist das?«

»Forschung.«

Sie wußte genau, daß sie eine heillose Dummheit geredet hatte. Aber Dummheit schadet dem Stolze nicht. Und so höhnte sie: »Wo hast Du das gelesen?« 135

Anselm fand sich nicht mehr in ihre Art. Groß und schmerzhaft waren seine Augen, das Heimatlose wühlte in ihnen, als solle er nun auch hier etwas verlieren.

Diese Qual stimmte sie weich, aber aus Mitleid wurde sie nur heftiger. Und die Heftigkeit stieg ihr so zu Kopf, daß sie schroff hervorstieß: »Ich will nicht, daß Du Theologie studierst!«

Nun milderte sich sein Schmerzgefühl zum Erstaunen, und aus dem Staunen quoll ein glückliches Fragen: Ist dir mein Leben so viel? Reif und männlich wurden seine Knabenzüge, und in die Augen wollte es aufsteigen wie ein lachender Sieg.

Das alles ahnte sie wohl, und grausamer wurde ihr Mädchensinn. »Das heißt, wie komme ich dazu, Dir Vorschriften zu machen. Und unsere Lebenswege gehen ja doch jetzt auseinander.«

Sie hatte sich von ihm abgewandt. Sie wollte gar nicht sehen, was seine Augen dazu sagten. Dort am Grabenrand wollten ein paar Anemonen in den Frühling, aber es war ihnen nicht leicht. ›Kommt doch, kommt!‹ flüsterten die Weidenkätzchen über ihnen, ›es ist so weit, und wir sind so weit!‹ War dieses Flüstern nicht wichtiger als der Wortstreit mit Anselm? 136

Ein Wortstreit war es, ganz natürlich, und weiter nichts. Und wenn der Junge nicht so dumm wäre – trotz seines Abiturientenexamens – und so hartnäckig und so schwer und so stur –

Ja, wie konnte man da anders, als gegen ihn anrennen! Wenn einer so ist wie ein Pfahl, dann muß man ihn doch umstoßen.

Nur an seine Augen mochte sie immer noch nicht denken. Warum nahmen die alles so bitterlich ernst und gründig? Warum lachten sie so schwer? Warum höhnten sie nie? Und niemals wurden sie ausfällig oder grob.

Als sie sich wieder zu ihm drehte, mit einer Neugier, in der das Grausame und das Mitleidige durcheinander bebte, da waren seine Augen anders, als sie es gedacht hatte. Sie waren still, geschlossen und herbe. Und um seinen Mund lag der hochmütige Zug der Morveldts, den sie bisher kaum an ihm gefunden hatte.

Pah! Da bringt man nun Mitleid für den Jungen auf und bereut fast, daß man ihm das gesagt hat – was ja doch schließlich die Wahrheit ist. Denn was denkt sich der Junge eigentlich!

Und Ursula kam zu der Ueberzeugung, daß sie ihn seit Jahren viel zu sehr verwöhnt hatte. Und daß es höchste Zeit wäre, ihn kürzer zu halten. 137

In einen unruhigen Zorn geriet sie. Und sein Schweigen gab ihr den Rest.

Warum sagte er nichts, der dumme Junge? Daß sie auf was anderes kommen konnten! Warum half er ihr nicht über das Peinliche hinweg?

Schließlich war er doch nur an allem schuld, er mit der Schwere seines Wesens. Und wie lange sollte dieses Schweigen noch dauern, so erwartungsvoll quälend?

Sie reichte ihm die Hand. »Leb' wohl, Anselm. Ich geh' hier durch die Tannenschonung nach Hause.«

Er sah sie ruhig an und neigte wortlos den Kopf. So trennten sie sich.

Ursula war noch keine zwanzig Schritt gegangen, da faßte sie sich selbst bei den Ohren. Wie dumm ist das alles! Hab' ich mich nicht wie ein Kalb benommen? Aber er ist auch ein Kalb!

Und nun wollte sie umkehren und seine Hand greifen, sie zu streicheln. Und um den Hals fallen wollte sie ihm, dem lieben, guten Jungen. Aber dann kroch sie in die Tannen und verkroch sich vor ihm und vor sich selbst und strebte zornig nach Hause. 138

 

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