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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13.

Jochem lag in seinem Zimmer auf dem Ruhebett. Wie welk hing der rechte Arm zur Seite herab, die Finger krochen matt in dem Pantherfell am Boden herum.

Er hatte ein paar Stunden wirr geträumt. Eine Flasche Sherry war die Genossin seiner Einsamkeit. Ein halbgeleertes Glas stand auf dem japanischen Rauchtisch neben ihm. Er nahm es und trank den Rest. Vom Träumen und von dem, was seiner Träume Ursprung war, lag es ihm wie ein dumpfig öder Geschmack auf der Zunge.

Der Sherry half ihm wenig. Er nahm sich eine Zigarette, sie schmeckte ihm nicht. Vielleicht tut's eine Henry Clay. Aber auch die versagte.

Haschisch brauchte man jetzt. Auf flimmernden Zirruswolken hinzittern durch die Räume. Hinein in den Rausch Deiner Rosen, rosenfingrige Eos! In 116 allen Fibern schwirrt ein endloser Schauer, des zärtlichen Duftes blasse Musik – –

Haschisch! Heiliger Baudelaire, bitt' für mich!

Weißt Du, was Du mir zuleide getan hast, Ursula? Ich glaube, Du weißt es nicht. Stränge wie ein Bauernmädchen hast Du. Was kümmern Dich meine zuckenden Fasern!

»Ich werde auch Herrn Godenrath Bescheid schicken.« Nachdem ich Dich gebeten hatte, Du solltest mir diesen Tag schenken. Ein Festtag mit Rosen sollte es werden –

Oder quälst Du mich mit Bedacht?

Das glaube ich nicht. Eher unbewußt. Da Du ja ein Weib bist und weiblichen Instinkten untertan.

Wärest Du nur nicht so schön!

Ja, schön bist Du, Ursula. Dein Mund ist wie eine Knospe, hart und spitz wie eine Knospe. Weh tut es, ihn zu küssen. Aber dieses Weh ist mehr als Lust. Und daran zu denken ist mehr als Haschisch.

Ob noch andere so an Dich denken? So viel Männeraugen haben Dich heute gesehen. So viel Begehrlichkeit ist um Dich gewesen. Und er – der andere – den Du heute mit mir als Gast zu Dir laden willst – 117

Es greift in sein Hirn wie eine kalte Hand. Und sie reißt darin. Eine gesprungene Saite schwirrt.

Er öffnet das Fenster und blickt in den Abend, durch den die Nebel kriechen, regnerisch, zum Keuchen schwer. Von daher kommt ihm kein Heil.

Noch ein Glas Sherry ist in der Flasche. Wieder schmiegt er sich aufs Ruhebett, und jetzt flüchtet er seine Gedanken in die weiche Heimlichkeit Verlainescher Wehmut.

Er liebt die »Romances sans paroles«. Viele von ihnen hat er übersetzt. Und nun hauchen um ihn die Verse:

Wie kühl des Regens Sang
Auf Dächer fällt und Wege,
Für Seelen, weh und bang,
So guter Sang.

Ohn' allen Grund es klagt
In meiner frierenden Seele,
Ohn' daß den Grund sie fragt,
Sterbensverzagt.

Das sind die tiefsten Schmerzen,
Die ihren Grund nicht seh'n –
Nicht Lieb', nicht Haß im Herzen,
Nur Schmerzen.

118 Und dann:

Ein zuckendes, banges Sichsehnen,
Ein süßes Sichansichlehnen,
So bebt's durch den schauernden Hain.
Des Windes Saiten verklingen,
Der Zweige verzagendes Singen
Klagt in die Ferne hinein.

Die Seele, die seufzend wallte,
In müdem Weinen verhallte,
War's nicht die unsere, sprich!
Die meine und so die Deine,
Die dämmernd im Tränenscheine
Leis' in den Abend verblich?

Und so schmiegt er sich in die schwülen Wolken einer halbtrunkenen Wehmut tiefer und tiefer.

Dahinein tönen vom Wirtschaftshof, durch den Nebel gespenstisch verwogen, die plumpen Klänge der Leuteglocke, die das Volk zur Abendmahlzeit an das zusammengekochte Essen ruft. Stöhnend fährt Jochem von dem Lager auf, die Unkultur der dampfenden dicken Erbsen und der löffelnden Fresser reißt ihn aus seinen Romanzen.

Aber die Leibhaftigkeit des Lebens steht vor ihm und läßt ihn nicht aus der Frage heraus: Was willst Du nun heute abend machen? 119

Ob ich nicht doch nach Eichhof gehe? Aber sein Stolz schlägt gleich diese Regung tot. Und seine Eitelkeit fängt an zu schimpfen.

Nie bin ich einem Weibe nachgelaufen, das mir nicht halb entgegenkam. Und nun soll ich bei dieser dummen –

Aber da begreift er sich doch. Nein, dumm ist sie nicht. Und jung – sehr jung – und unsäglich sehnenswert in ihrer Jungheit.

Es flimmert und schwirrt durch ihn. Nein, nein, ich will nicht zu Dir, so nicht. So gehe ich nicht zu Dir. Ich komme nicht heut' abend.

Ob Du das denkst? Ob Du darauf wartest? Ob Du gekränkt sein wirst, wenn ich nicht komme? Ob Du mich vermissen wirst – nicht bloß mit Deinem Stolz, auch mit einer Sehnsucht?

Der Gedanke streichelt seine Nerven, daß sie in Rausch und Fieber züngeln.

Ich will fort, gleich will ich fahren. Er klingelt dem Diener und befiehlt ihm, seine Koffer zu packen. Heut' nacht bin ich in Berlin, morgen in der Frühe geht es nach Paris. Dann in die Provence. Und zu Petrarka, in die Gründe der Vaucluse.

Heute noch reise ich, Ursula, und sage Dir nicht Lebewohl. Und komme nicht zu Dir, obwohl Du 120 mich erwartest. Und morgen bin ich in Paris. Wenn Du das erfährst, was wirst Du dabei empfinden?

Es überlief ihn, wie er nach ihrer Sehnsucht sich bangte. –

Ursula war heute abend in froher Stimmung. Die erwarteten Starken, Eiderstedter mit Shorthorn gekreuzt, hatten ihr ganzes Wohlgefallen. Einen rotschimmeligen jungen Stier schloß sie geradezu in ihr Herz.

Als Bernd sich einfand, führte sie ihn gleich in den Stall zu ihrer neuen Freundschaft. Dabei hielt sie ihm eine gewichtige Vorlesung über die Eigenschaften der einzelnen Rindviehrassen, die Holländer und Limburger erklärte sie ihm, die Schotten von Ayreshire und die weißen Kühe von Charolais.

Gern hörte er ihr zu, von ihrem Eifer gewonnen, mit offenen, klugen Augen. Sie aber freute sich an seinem Wesen, daß er so ihrer Sache sich hingab und willig von ihr sich belehren ließ. Und sie fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft.

Als sie dann im Zimmer saßen, fragte sie ihn, ob er nie daran gedacht hätte, Landmann zu werden.

»Landmann werden? Wie kann man das? Man muß es sein.«

»Das ist richtig. Und man muß es haben.« 121

»Ja. Man muß mit dem Land geboren sein. Wie ein Maler mit seiner Kunst. Kaufen läßt sich so etwas nicht.«

Sie nickte ihm herzlich zu. Wie schön sprach er von dem, was ihr Leben war, wie gut verstanden sie sich beide.

Herr von Eich und Dame Doria kamen hinzu. Der Abend behielt seine Innigkeit.

Bernd mußte an den Flügel. Bach wollten sie von ihm hören. Er spielte ihn klar und fröhlich.

Vater Eich steckte sich seine kurze Pfeife an und kroch schnurrend in sich zusammen. Wie er so dasaß, lauschend und geheimnisvoll, mit dem ungepflegten graugrünen Bart, hatte er etwas Bemoostes, gleich einem Waldmann, und die überirdischen Augen paßten wohl dazu.

Als Bernd fertig war, nickte Vater Eich und sagte: »Sie spielen ihn richtig. Man hört Quellwasser fließen.«

Und dann sprach er, wovon er gerne sprach, von den Stimmen des Wassers, von seiner Musik. Er deutete ihnen die Weisen des Regens, und das war zu derselben Zeit, als Jochem, von den Tropfen gepeitscht, an Verlaine sich schmiegte. An Jochem aber dachte nur Ursula ein paarmal flüchtig, vermißt wurde er nicht. 122

Wie der Regen spricht, das weiß genau der Wassermann Herr von Eich. Wie ihm Tag- und Nachtzeit und jedes Licht eine andere Tonart gibt, vom Winde zu schweigen. Wie der Regen klingt, wenn der Nebel ihn einlullt, dann spricht er sein Besonderes aus dem Schlaf, oder wie es ist, wenn ein Sonnenblick an seinen Silberfäden zupft oder wenn Sonnenschein von der einen und Regenbogenlicht von der anderen Seite durch die Fäden sich schlingen, sich suchen und sie durchhallen. Und wie es tönt, wenn ein Mondstreif aus dem Gewölk über des Regens nun zart wie niemals sonst gestimmte goldene Saiten streicht mit harfender Hand.

Das ist nun ein Agrarier, dachte Bernd. Und wie sprechen sie von denen kurzweg in der Stadt. Auch ein Chemiker ist er, und doch gibt es für ihn so viel mehr als die Materie und die Elemente.

Und wieder waren sie bei Johann Sebastian Bach. Gar nicht anders hätte er heißen können als Johann Sebastian, erklärte Vater Eich, und gewiß nicht anders als Bach. So klares, lebendiges Wasser, wie er sei. Und man solle nicht glauben, der Name eines Menschen sei für ihn nebensächlich. Vielmehr hat nichts für ihn eine größere Bedeutung als eben sein Name nach Klang und Inhalt, was im Grunde ein und dasselbe ist. 123

Auf diesen Namen hört er, diese Laute rufen ihn vor all den anderen, sie gelten ihm und ihm allein, sie zeichnen ihn, sie geben sein Bild. Er ist es, er selbst. Eben dieser Klang trifft seine Gehirnzellen wie keiner sonst, er ruft sie zur Tätigkeit, zu Schutz und Trutz, er zwingt sie, und so formt er an ihnen. Darum ist der Name, den ich von Kind auf höre als das, was mich selbst bedeutet, schlechthin ein Bildner meiner Wesensart.

Zwei Beispiele gab ihnen Herr von Eich, die ersten und besten. Friedrich Schiller, Wolfgang Goethe. Klingt nicht dort ein Helles, Heftiges und Wirksames, der dramatischen Drommete hoher Diskant? Und hier, wie ruht alles aus in der schönen runden Fülle umfassender Größe und tönender Weite.

Jetzt wußte auch jeder andere kleine Fälle aus eigener Erfahrung. Und Doria rollte ein paar Munterkeiten in das Gespräch. Von einem Jugendgespielen erzählte sie, der auf den Namen Ignaz Habisch hörte. »Nun weiß ich auch, weshalb er so viel nieste.«

»Wissen Sie, was mir auffällt?« fragte jetzt Bernd. Daß Sie so viel in fünffüßigen Jamben sprechen!« 124

»Die angeborene Schwungkraft meiner Seele!« entgegnete Doria.

Ursula aber ward es unbehaglich. Fünffüßiger Jambus – sie hatte viel Gutes von ihm gehört – was war es doch gleich? Nun mühte sie sich halb widerwillig, in Dorias Worten einen Rhythmus zu entdecken.

Und dann beschäftigte sie sich beinahe andächtig mit ihrer Verwunderung darüber, daß Bernd, ohne daß er's wollte, sie eigentlich immer ihren Mangel an Bildung empfinden ließ, er allein von allen Menschen, und daß sie sich nicht trotzig dagegen auflehnte, sondern ein Verlangen spürte, in die Kultur, die er mit sich trug, tiefer einzugehen.

Es war etwas in seinen klugen Augen, was sie für die Feinheit geistiger Genüsse warb.

Warum auch nicht? Warum sollte sie sich ihm nicht als ihrem Lehrer in Kunstsachen anvertrauen?

Es gab dafür ja auch Dinge, die sie besser verstand als er. Und wie lernbegierig hatte er vorhin auf dem Hof und in den Ställen sich gezeigt! Warum sollten sie sich beide nicht gegenseitig von ihrer Fülle darreichen?

Sie bat ihn um Bücher für die Winterabende. Er verabschiedete sich heute, übermorgen mußte er nach Berlin zurück. So wurde es ernst mit ihren 125 Wünschen, und Bernd erkundigte sich genauer nach ihrem Begehr.

»Was Geschichtliches möchte ich haben. Sie wissen ja, woran ich dabei besonders denke. Also in Gottes Namen etwas von Ihren Hansestädten. Auch von den Burgen des Mittelalters wüßte ich gern etwas. Und natürlich auch von deutscher Kunstgeschichte.«

Als er Abschied nahm, drückten sie sich ehrlich die Hand und freuten sich aufs Wiedersehen.

Zur selben Zeit, als sie sich so in die Augen sahen, fuhr Jochem aus dumpfigem Halbtraum. Er lag matt auf den Polstern in zigarettendunstigem Coupé, die Räder rasselten über die Bahnhofsweichen von Alt-Strelitz. 126

 

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