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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12.

Als sie heimreiten und das allgemeine Urteil sich dahin ausspricht, daß es doch sehr schöne Ritte gegeben habe und alles in allem eine wohlgelungene Jagd gewesen sei, fehlt kein teures Haupt mehr in den Reihen. Wie Herr von Rombach es unbemerkt angestellt hat, weiß niemand: auf dem letzten Drittel des Weges ist er auf »Rushcutter« mitten unter den Reitern. Und stolz trägt er sein Haupt.

Die Alten, die ihn kennen, nicken sich zu und grienen. Doch schonen sie ihn vor den jungen Ohren.

Er reitet zwischen zwei Ulanen. Er erzählt ihnen: »Nun hat er doch gemußt! Ich hab' mit dem früheren Reiter getauscht – wissen Sie, meine Herren, das Luder wollte keine Gräben springen. Wollte einfach nicht. Aber bei mir kommt er mit so 'was nicht durch. Künste hat's ja gekostet. Aber schließlich ist er denn doch gesprungen. Tadellos, meine Herren, tadellos!« Sie haben getan, als glaubten sie es, und er ist glücklich gewesen. 108

Ursulas Erregung sinkt zu einer Mißstimmung herab. Gleichgültig ist es ihr nach wie vor, daß sie den Sport verdorben hat, gleichgültig sind ihr die wiederholten spöttischen Blicke aus den wimperlosen Augen der verhungerten Baroneß. Aber sie würde jetzt doch gern jemanden bei sich gehabt haben, der sie ganz verstanden und ihr kräftig zugestimmt hätte, ihr zugejubelt mit Leidenschaft und Inbrunst. Anselm – ja, der hätte das getan! Und der fehlt ihr. Die anderen hier, fremd, fremd sind sie ihr alle.

Bei Bernd – auch bei ihm hat sie dies gemeinschaftliche dumme Lächeln wahrgenommen, in dem etwas wie Milde gegen ihre große Jugend mitsprechen will, etwas wie Mitleid mit einer Naivität. Oder gar eine Verhöhnung hausbackener Sparsamkeit. Dumm und ärgerlich ist dieses Lächeln.

Und Jochem stellt sich noch törichter an. Er hat wieder ihre Seite gewonnen und spricht leise zu ihr: »Es tut mir so leid, daß ich Dir kein Halali bieten konnte.«

»Das ist ja wohl meine Schuld gewesen.«

Sie spricht kühl, ein wenig von oben herab. Sie will es nicht von ihm hören, daß er die Jagd für sie veranstaltet hat. Jetzt nicht – und überhaupt nicht.

»Ja – weißt Du, da ich nun 'mal zu der Jagd eingeladen habe, wär' ich natürlich auch für den 109 Flurschaden aufgekommen.« Er denkt sich nichts Schlimmes dabei, sie aber wird bissig.

»Die Rüben sind meine Freude, weil sie so gut stehen – das ist es! Und so 'was ist nicht mit Geld abzumachen. Im übrigen würdest Du es ja nicht bezahlen, sondern Deine Mutter. Und wie sie darüber denkt, das wissen wir!«

Rot steigt es ihm zu Kopf. Sie weiß, wie empfindlich er ist. Aber Schwäche macht sie nicht gnädig, und der Hieb tut ihr nicht leid.

Jochem verwindet ihn bald. Größer als seine Weichheit ist seine Phantasie. Und seine Frauenkenntnis souffliert ihm, daß solche Gereiztheit kein übles Zeichen sei.

Das Jagdfrühstück, bei dem Frau von Morveldt kühl, wie es ihre Art ist, doch gastfreundlicher als gewöhnlich die Honneurs macht, findet Ursula wieder in Fröhlichkeit, und Jochem darf sich liebenswürdig um sie beschäftigen.

Muntere Geschichten plaudert er. So ist er kaum anders als lachende Natur, und wer ihm zuhört und zusieht, hat seine Freude. An Scherzworten fehlt es ihm nicht. Einen breiten Oberleutnant, der sich dadurch beliebt zu machen sucht, daß er ewig aus Wilhelm Busch zitiert, nennt er den Zieten aus dem 110 Busch. Einen wunderhübschen puppenhaften Ulanen führt er dann Ursula vor, den mag er besonders gern. Eine krähende Hahnenstimme hat der Kleine, den »Monokel-Gockel« hat ihn der wortfrohe Jochem getauft. »Leute, die mit dem Monokel niesen können, gibt's viel. Aber mein kleiner Rolf ist so, der kann nicht niesen ohne Monokel!«

Leichtgestimmt hört Ursula seinem Getändel zu. Daß sie mit ihm geht, gibt seinem Wesen tieferen Schein. Und sein Selbstgefühl darf die Flügel schlagen.

Gern leiht er immer aufs neue wieder Bernd, der sich still für sich hält, von der Fülle seiner eigenen Beleuchtung. Mit Zärtlichkeit geradezu überflutet er ihn aus seinem Ueberschwang.

Ein glänzender Wirt ist Jochem. Bis in den späten Nachmittag dehnt sich die Sitzung. Mehr als einmal möchte Ursula fort. Ihre Arbeit ruft nach ihr. Aber da, wo ihr Vater sitzt, hat sich etwas wie ein landwirtschaftlicher Kongreß zusammengetan, und der läßt ihn nicht los.

Als Ursula wieder einmal drängt, bestürmt sie Jochem: »Das darfst Du mir nicht antun! Erst müssen die andern weg sein. Wir bleiben dann 111 noch eine Weile beisammen, nicht? Ja, ja – das tust Du aus alter Freundschaft.«

Es ist so ein ehrlicher Sturm in seinen Worten, und seine Augen verzichten dabei ganz auf ihr bewußtes Zauberspiel und ihre Rattenfängerweisen, sie zuckt nur die Achseln, sie weist ihn nicht zurück. Sie meint auch, daß es sich alles in allem hier noch ganz gut eine Weile leben lasse. Denn amüsant ist die Gesellschaft. Und sie ist zum ersten Male Dame.

Sie freut sich ohne Sträuben, daß mit Jochem ein großer Teil der Gesellschaft sich um niemand anders dreht als um sie. Und freut sich über die grünlichen Stichflammen in den wimperlosen Augen der verhungerten Baroneß.

Dann brechen die Ulanen auf. Der Master Rittmeister von Niehusen verabschiedet sich von Ursula mit besonderer Aufmerksamkeit. Er bittet sie, doch mit ihrem Vater an der nächsten Jagd des Regiments teilzunehmen. Sie wartet darauf, daß er, der Herr über die Jagden, ihre Flurschadengesinnung berühren könnte, ihre ganze Schlagfertigkeit ist mobil gemacht. Aber sein Takt denkt nicht an unzarte Neckereien.

Von den anderen Gästen schließen sich die meisten sofort den Ulanen an. Auch Herr von Rombach. 112 Er hat in einem Kreise der jungen Herren genistet und hier wahre Rieseneier von Erinnerungen ausgebrütet. Der Burgfrieden hat ihn geschützt. Neuerdings aber fängt Onkel Bolko an, unangenehm witzige Blicke auf ihn zu richten. Da geht er lieber mit seinen Freunden.

Auch Bernd verabschiedet sich unter den ersten. Mit Ursula ist er nur wenig zusammengekommen. Er hat keine Freude daran, einer von vielen zu sein. Als er ihr jetzt Lebewohl sagt, drückt sie herzhaft seine Hand und bittet ihn, recht bald nach Eichhof zu kommen.

Nach und nach sind alle gegangen. Nur Herr von Eich und Ursula sind geblieben. Sie begeben sich ins Wohnzimmer. Frau von Morveldt bespricht mit dem Nachbar eine neue Weganlage. Onkel Bolko hat sich zu einer Korrespondenz in Salz und Sole zurückgezogen. Jochem steht mit Ursula in einer Fensternische.

»Nun sollte man noch lange still zusammen bleiben,« sagt er. »Wenn alle fort sind, ist es Dir dann nicht auch immer wie nach einem Gewitter? Das reine schöne Ozon. Freude macht dann das Luftholen!« 113

»Je weniger aber atmen, um so länger hält das Ozon vor,« entgegnet sie mit unfreundlicher Logik.

Er will nicht darauf achten. »Weißt Du, was ich jetzt tue? Alle Rosen hol' ich aus unserem Treibhaus. Da in unserem kleinen Salon schmücken wir einen Tisch. Meine neuen Trinkgläser – Du sollst sie sehen, die ich mitgebracht habe – Kelche sind es, wirkliche Kelche, aus denen es wirklich blüht. Und jeder ist anders, für eine andere Blume. Und sie klingen wie von selbst. Das ist ein Trinken, sag' ich Dir! Und ein Mahl soll es werden, wir selbst schmücken uns festlich und kommen wieder zusammen. Nicht wahr, Ihr schenkt mir diesen Tag!«

»Das wird nichts werden, Jochem. Vater ist bei den Rechnungen. Er wär' beinahe gar nicht mit zur Jagd gekommen. Und überhaupt müssen wir jetzt gehen, wir kriegen heut' nachmittag sieben neue Starken.«

»Ich sprech' von Rosen, und Du denkst an Starken.«

»Ja, Jochem. Und Du solltest auch mehr an so 'was denken.«

»Ich kann jetzt nicht allein bleiben – wenn Ihr nicht hier sein wollt, darf ich dann heut' abend 'mal zu Euch hinüberkommen?« 114

»Gewiß.« Sie will es dabei bewenden lassen, aber seine Augen fangen an, höchst zärtliche Sprünge zu machen. Da setzt sie hinzu: »Ich werde auch Herrn Godenrath Bescheid schicken. Ihr seid ja sehr gut miteinander. Und ich möchte so gern wieder Musik haben.«

Im selben Augenblick ruft Frau von Morveldt sie zu sich. Sie hat von der Verheerung in Jochems Augen nichts gesehen.

Gleich darauf verabschiedet sie sich mit ihrem Vater. »Wir sehen uns also heute abend noch,« sagt sie zu Jochem, als sie ihm die Hand gibt.

Er verneigt sich und spricht kein Wort. 115

 

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