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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10.

Auf dem Schloßhof von Rotenmoor ist das Stelldichein zur Jagd. Wieder zieht ein Nebelmorgen herauf, windstill und lustlos die Luft, als wolle sie nicht aus dem Schlaf. Dann rieselt ein feiner Regen herab, doch ohne den Brodem aufzutrinken. Jochem murrt und wütet aus seinem Fenster in das elende Wetter hinein. Wenn den Nebel wenigstens der Satan holte! Es klopft an seine Tür. »Herein! Onkel Bolko! Hat mein Telegramm Dich glücklich gefaßt?«

»Na – eine Jagd in Rotenmoor ohne mich?«

»Jagd – wenn's draußen so bleibt, können wir Erlkönig spielen!«

»Es kommt Wind und bläst den Trödel weg.«

Onkel Bolko behält recht. Ein Ostwind macht sich auf und fegt die Luft rein. Doch bleibt der Himmel bedeckt.

»Mehr braucht's nun aber auch nicht zu pfeifen!« klagt Jochem. »Bei scharfer Brise steht uns sonst 86 die Fährte nicht. Wer weiß, ob die Harrier von den Ulanen überhaupt für die Hasensuche die richtigen sind.« Ein Jagdherr hat seine Not.

Nun kommt auch der erste Gast, ein Gutsnachbar, Herr von Rombach. Im Dogcart kommt er angefahren.

»Was!« ruft Onkel Bolko. »Nicht auf seiner alten hamstermäuligen Zicke? Paß auf, der macht nicht mehr mit!

»Das gibt's nun nicht!« erklärt Jochem, »den brauchen wir zu nötig.«

Der Mann klettert mühsam von seinem Fuhrwerk. Dick, blau und grausam schwadronierend ist er. Ein Kerl wie ein Pfund Blutwurst, sagen die Morveldts.

»Morgen! Morgen!« brüllt er ihnen zu, denn er hört schwer. »Muß mir das gerade passieren! Wie ich heut' morgen meine »Cilly« satteln lasse – stocklahm ist die treue Stute!«

»War sie ja immer,« grunzt Onkel Bolko.

»›Mars‹ hat sich noch immer nicht vom Husten erholt und ›Silberfasan‹ ist gebliestert – sagen Sie, ist so was dagewesen? Hab' ich je bei einer Jagd gefehlt? Und heut' bin ich Kutscher!«

»Vielleicht haben wir was für Sie!« ruft ihm Jochem ins Ohr, und er hat seine Hintergedanken. 87 Wenn der Onkel sich auf den dickköpfigen »Ugolino« setzt – und ihm macht das nichts aus – wird die pullende »Nachtschwalbe« für diesen Hinterherreiter frei.

»Nein, nein!« wehrt die Blutwurst, »jetzt – im letzten Moment – wie werd' ich Sie derangieren! Um keinen Preis! Ob ich's überlebe, weiß ich allerdings nicht. Sie können sich denken, daß mir doll zumute ist!«

Warum kann der alte Bursche das Schwefeln nicht lassen! denkt Onkel Bolko. Früher hat er ganz brav geritten, dann hat er die Nerven verloren, du lieber Gott, so ist es vielen gegangen. Aber dann läßt man eben die Beine davon. Und er – er muß auf jeder erreichbaren Jagd sich dem Volke zeigen, beim Stelldichein und wenn das Glück gut ist, beim Halali, denn viele Wege führen nach Rom. Im Felde selbst ist er geheimnisvoll unsichtbar, dieser wilde Jäger. Um so gegenständlicher aber wirkt er bei der Rückkehr mit.

»Morveldt, Sie kennen mich!« schreit er den Onkel an. »Sie wissen, was das für mich bedeutet, hinter den Hunden!«

Ja, und möglichst weit hinter ihnen, fügt der für sich hinzu. Und denkt dann weiter: Jetzt würd' ich aber den großen Mund halten. Oder du wirst auf 88 unsere Nachtschwalbe gesetzt, die Stute geht ihren stride mit, ob Du willst oder nicht, mit der kannst du nicht, wie mit deiner krummen Cilly auf Umwegen herumlungern, und wir haben so die Freude, dich nach langen Jahren endlich wieder einmal in unserer Mitte zu sehen.

Jochem denkt jetzt endgültig dasselbe. »Ich hab' ein Pferd für Sie! Tadellose Springerin –,« so tröstet er den Verzweifelten.

»Springerin – so – ach am Springen« – daran liegt mir nun gar nichts, will er sagen, aber er begreift sich – »springen, unter mir springt jedes Pferd. Und ich setz' mich auf jedes Pferd. Aber Sie kennen mich doch – nichts ist mir so ekelhaft wie Nassauerei. Wer zur Jagd kommt, soll auch seinen Gaul haben. Nein, nein, und jetzt, im letzten Moment, wo schon disponiert ist –«

»Es bleibt dabei, Sie kriegen die ›Nachtschwalbe‹!« entscheidet Jochem. Er gibt einem Reitknecht Anweisungen. Neue Gäste kommen. Herr von Rombach liegt im Wurstkessel und hat Nachtgedanken.

Da ist Frau von Ellern, die beste Reiterin in der Runde. Sie hat von der Entbindung ein verkürztes Bein und zeigt sich ungern zu Fuß. Im Sattel ist 89 sie fröhlich, hell klingt ihre mutierende Knabenstimme durch den Hofraum.

Ihr Mann wirkt wie ein Phänomen unter diesen norddeutschen Gesichtern. Halb geschlossen sind die schwarzen Augen, willenlos hängt der lange dunkle Schnurrbart herab, kroatisch ist der Schnitt seiner Züge. »Tag, Ratzimausifallenhändler!« So nennt ihn Onkel Bolko.

Und der dicke Dammerower kommt mit seiner ebenso dicken Frau, aber sie reiten beide mit Schneid, dann der lange Baron Santen mit seiner Schwester, einer übertränierten, verhungerten, fast albinohaften Blondinen, die schläfrig und ohne Wimpern ist.

Zu Fuß erscheint jetzt Bernd, den das Gespann seines Bruders hergefahren hat.

Sieht gut aus, sagt sich Jochem. Sein Anzug zeigt, daß er kein Sonntagsreiter ist. Nutzt ihm aber alles nichts, auf Rushcutter kommt er nicht mit. Ist so gut, als wenn er zu Hause bleibt. Aber erst soll er uns als Tierbändiger erheitern.

Und nun rücken die Ulanen mit ihrer Meute ein. Dreizehn Herren sind es, drei haben die Binde der Piköroffiziere von Hannover, der Huntsman ist der vierzehnte. Gutgezogene Harrier, die meisten reichlich hoch, sind die Hunde. 90

Es gibt ein lebhaftes Sichbegrüßen. Fast alle kennen sich. Die meisten haben sich was zu fragen und zu sagen. Die Pferde werden betrachtet, die Hunde werden gemustert. Der alte Streit, ob der kleinere Beagle oder der größere Harrier für die Hasenjagd geeigneter sei, wird regsam aufgenommen. Onkel Bolko kämpft nachdrücklich für den Harrier: die Sache ist doch einfach, je schwächer der »scent« des Wildes ist, um so schneller müssen die Hunde sein!

»Jedenfalls werden unsere Hunde für einen anständigen Galopp sorgen,« versichert der Master, Herr von Neihaus, ein rotblonder, überlebensgroßer Rittmeister. Die Leitung der Jagd liegt in seinen bewährten Händen.

Diese Worte hört Herr von Rombach, der sich an Bernd herangepürscht hat. »Sie auch Infanterie? Sollen Sie hier auch erst einen Gaul bekommen?«

»Ja, Herr von Rombach.«

»Ich lass' Ihnen die ›Nachtschwalbe‹ –«

»Aber ich bitte –«

»Ja ja! Für Sie ist 'ne Jagd was Seltenes. Ich – was hab' ich für Jagden in meinem Leben geritten! Und dann die ›Nachtschwalbe‹ – ein Tier, auf dem nichts zu reiten ist. 'n langweiliges, 91 todsicheres Pferd. Macht mir keinen Spaß. Aber hier haben sie ja lauter Lamas.«

Bernd sieht Herrn von Eich und Ursula auf den Hof reiten. Niemand hat so viel Glanz in den Augen wie sie. Sie ist die letzte, die kommt, es ist, als ob alle nur auf sie gewartet haben. Ihm erscheint das als das natürlichste Ding von der Welt. Auch daß Jochem sie begrüßt als die Herrin über diesen Tag.

Dann wendet sich Jochem an die beiden unberittenen Gäste. »Darf ich Sie also bitten, meine Herren.«

Reitknechte halten die vier Pferde, die Rotenmoor für die Jagd stellt, im Hintergrunde bereit. Onkel Bolko besteigt den Schweißfuchs »Ugolino«, einen mächtigen Kasten, prachtvoll ist die Schulter, die Piephacke links stört nicht allzusehr, den langsamen, verschlafenen Augen sieht kein Mensch den Verbrecher an.

Bernd wird auf »Rushcutter« genötigt, nach dem Gebäude das tadelloseste Pferd im ganzen Felde, Herr von Rombach klettert pustend, da es nun mal nicht anders geht, auf die alte »Nachtschwalbe«, deren dallohrige Beschaulichkeit sein Mißtrauen nicht wesentlich beruhigt. Jochem reitet die kleine, aber drahtige Graditzerin »Lieselotte«. 92

Gleich geht die Reise ab. Noch hat Rombach Zeit, bei dem grauen, stupsnäsigen Futtermeister sich nach der Gesinnung seines Reittieres zu erkundigen. »Gutwillig?« – »Wie 'ne Fee, Herr Baron!« – »Hart im Maul?« – »Weich, Herr Baron. Wie 'n besserer Mädchenmund.«

Da ruft das Horn. Jetzt kommt Leben in die frommen Ohren der »Nachtschwalbe«. Steil und straff richten sie sich zu Ende. Hochbedenklich starrt Rombach auf diese willensharten Ausrufungszeichen. Und die Stute zieht mächtig nach vorne, den Hunden zu. Das sieht nicht nach »besserem Mädchenmund« aus.

Jetzt kommt er neben Onkel Bolko. »Pullt wohl, die Stute?« fragt er ihn.

»Die? Die kann der Papst in seiner Sterbestunde reiten.«

»So? Hm – schade! Sie wissen doch, für Puller habe ich geradezu 'ne Leidenschaft, wissen Sie doch –!« 93

 

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