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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9.

Jochem pfeift seinem Hund und geht stracks nach Hause. Die Hühner und die Hasenreinheit sind vergessen. In die benachbarte Garnisonstadt zu den Ulanen will er. Er läßt sich den alten Rushcutter satteln, den er mitgebracht hat. Das ist ein zäher Fuchswallach, hatte in England eine leidliche Flachform, war dann aber als Steepler nichts nutz, auch nicht als Dienstpferd, denn er springt keine Gräben. Ist aber auf der Chaussee nicht tot zu kriegen und soll jetzt auf Rotenmoor als Wagenpferd seinen Hafer verdienen.

Zwei Tage braucht Jochem für die Vorbereitungen und Einladungen zur Jagd, am dritten ist alles wohl bestellt. Jetzt spricht er in Eichhof vor und bittet als die letzten Herrn von Eich und Ursula, der die Ueberraschung gilt, um ihre Teilnahme.

Ursula freut sich. Auch ihr Vater will dabei sein. Zur Belohnung bitten sie Jochem, den Abend bei ihnen zu verbringen. Er möchte sich mit seiner Geige einfinden. 81

Als er am Abend erscheint, ist schon ein anderer Gast im Hause. Das trübt seine Stimmung, er hat an sich als einzigen gedacht.

Bernd ist der Besucher, Jochem kennt ihn, sie sind als Zeugen bei einem Ehrenhandel miteinander in Berührung gekommen und haben sich dann beim Oberförster mehrfach getroffen.

Beide mustern sich, Ursula merkt es wohl, und sie hat dabei lustige Gedanken.

»Musik soll heute gemacht werden,« sagt sie jetzt. »Daß wir nicht bloß an Pferdebeine denken. Uebrigens, Herr Godenrath, Sie reiten doch auch?«

»Nun – ich bleibe notdürftig oben.«

»Dann müssen Sie unsere Jagd mitmachen, nicht wahr, Jochem?«

»Aber gewiß doch!«

»Je mehr, desto besser,« fügt Ursula unbefangen hinzu. Das klingt nicht nach persönlichen Wünschen, und Jochem wendet sich höflich an Bernd.

»Als Veranstalter bitte ich Sie also in aller Form, uns die Ehre zu erweisen.«

»Sehr freundlich. Ich denke, mein Bruder Oberförster wird eins von seinen Kutschpferden hergeben. Das ist Reitpferd gewesen und ist auch Jagden gegangen.« 82

»Das ist wohl etwas gewagt. Und Ihr Herr Bruder tut's sicher nicht gern. Wenn Sie erlauben, mach' ich Sie beritten. Für unsere Rappstute Nachtschwalbe ist kein Reiter da, ich gönne ihr wieder einmal eine Jagd – es ist also lediglich Eigennutz!« Damit wehrt er liebenswürdig allem Dank.

»So, und nun zum Musikreiten,« bittet Ursula ungeduldig. »Ich möchte Sie beide einmal zusammen spielen hören.« Das hat etwas Prickelndes für sie, doch kaum, daß sie es weiß.

Sie sucht unter den Noten ein Schubertsches Duo hervor. Das kennen die beiden, und sie wollen es versuchen. Bernd setzt sich an den Flügel, Jochem stimmt seine Geige. Aber leider wird es nicht mehr als ein Versuch. Sie finden nicht den lebendigen Einklang, zu verschieden schwingen die Saiten ihres eigenen Wesens. Bernd ist gründlich und ernst, hier und da ein wenig trocken, seine Fittiche leuchten nicht in der Sonne, aber sein ehrliches Suchen trägt doch in die Höhe, und eine stillfrohe Beschaulichkeit seiner Art geht zu Herzen. Jochem aber freut sich an Glanz und an Künsten, um Gründe und Tiefen ist er unbesorgt, mit Klettern und Sprüngen ist er vertraut, der stete kraftvolle Ausstieg befreienden Wanderns und die stille Umschau vom Gipfel sind ihm fremd. 83

So kommen sie im Geiste nicht zusammen, die Hörer spüren es und sie selber spüren es auch. Doch bleibt Bernd sehr gleichmütig dabei, denn er weiß, es ist nicht seine Schuld, Jochem aber gerät in Verdruß, weil er fühlt, daß seine Wirkung ausbleibt.

Als dann jeder etwas Besonderes gibt, machen sie besseren Eindruck. Bernd spielt etwas »Wohltemperiertes« von Bach, hier leuchten große, erwartungsvolle Kinderaugen, alle haben daran ihre Freude.

Dann kommt Jochem, er singt auf allgemeines Verlangen französische Chansons und begleitet sie wie ein Straßensänger auf seiner Geige.

»Etwas, was ich voriges Jahr in Paris ausgegraben habe.«

Tircis, je n'ose
Ecouter ton chalumeau
Sous l'ormeau,
Car on en cause
Déjà dans notre hameau.
Un coeur s'expose
A trop s'engager
Avec un berger,
Et toujours l'épine est sous la rose.

Hiermit hat er den stärksten Erfolg, und er ist stolz auf seine Ausgrabung. 84

Da sagt Bernd, ohne sich Schlimmes zu denken: »Das ist ja das Lied, das Rousseau aus seiner Kindheit liebgewonnen hat. Es steht in seinen Bekenntnissen.«

Muß dieser Stubengelehrte mit trockner Weisheit ihm den Staub von seiner Blüte streifen!

Jochem hat sich ernstlich zusammenzunehmen. Und noch mehr, als sich Ursula mit diesem höchst überflüssigen Doktor in ein Gespräch über Bücher und papierne Dinge einläßt.

Er hat das letzte Wort heute abend.

Jochem ist grimmig, als er nach Hause geht. Na warte, Du gelehrtes Huhn, Du lateinischer Reiter! Dich auf die Nachtschwalbe zu setzen, die tadellose Springerin, das fällt mir nicht ein. Auf den »Rushcutter« wirst Du verladen! Ja, ja, das wirst Du, und dann werden wir Bilder sehen! 85

 

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