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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
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Achtes Kapitel

Devon verließ die Stadt auf einem Pfad, der in scharfen Kehren und Kurven talabwärts bis auf den Boden der Schlucht führte, in der eine geradezu höllische Hitze herrschte. Die Sonne stand jetzt fast senkrecht über dem Gipfel des Timbal-Berges, und die glatten Felswände der Schlucht warfen die sengenden Lichtfluten, gegen die nicht ein einziger Baum Schutz bot, unbarmherzig zurück.

Das Klopfen und Hämmern der arbeitenden Menschen ringsum, ihre Rufe und Flüche, die die dünne Gebirgsluft ihm zutrug, klangen anfangs gedämpft, wurden lauter, je tiefer er kam, erstarben aber fast vollständig, als er im Zickzack die gegenüberliegende Anhöhe erklettert hatte, wobei sich übrigens der Rotschimmel recht wacker hielt.

Oben angekommen, machte Devon halt und sah auf das geschäftige Treiben da drüben in der Stadt West-London zurück. Ihm war, als wäre er nie von hier fort gewesen, als wäre er noch der Knabe, der einst hier gelebt, damals, als diese Gegend noch unberührt war von all der Unruhe und menschlichen Betriebsamkeit, deren ferne Geräusche an sein Ohr drangen wie das Summen honigschwerer Bienen.

Kopfschüttelnd wandte er sich um und ritt weiter. Der Weg, der zu seiner Ranch führte, war ein ausgetrocknetes, von Weiden umsäumtes Flußbett, das nur Waser führte bei sehr starken Regengüssen im Sommer oder wenn im Frühjahr oben im Hochgebirge der Schnee schmolz.

Da man für das Vieh während der heißen Jahreszeit auf dieses Wasser angewiesen war, hatte man es abgedämmt und in mehreren Staubecken gesammelt, in denen es monatelang stand.

Noch heute empfand Devon ein leichtes Ekelgefühl, als er die mit grünlichem, angetrocknetem Schlamm bedeckten Ränder dieser Becken sah, die recht eigentlich der Grund gewesen waren, weshalb er damals von hier gegen den Willen seines Vaters fortgegangen war. In den Bergen hatte er sich sehr wohl gefühlt, ihre Einsamkeit hatte er gern ertragen, aber der dauernde Anblick dieser stehenden, brackig gewordenen, übelriechenden Gewässer hatte ihn von hier vertrieben.

Bald lag sein Ranchhaus vor ihm, eine kahle, kleine Blockhütte, mit einem niedrigen Stall und einigen Koppeln dahinter, eingebettet in ein Tal. Die Bäume, die ihm Schutz und Schatten hätten bieten können, waren gefällt, nur noch klägliche Stummel waren von ihnen übriggeblieben. Vor der Hütte war die Erde im Laufe der Jahre festgestampft von unzähligen Pferdehufen, gegen die Vorderwand lehnten Bretter, auf denen die Felle von Wildkatzen und Coyoten trockneten.

Jetzt hörte er dumpfe Knalle, die wie ferner Kanonendonner klangen – Sprengschüsse drüben in den Goldbergwerken, deren Echo noch lange nachzitterte.

Vor der Hütte stieg er ab, band sein Pferd fest und trat ein, um Harry und Jim zu begrüßen, zwei Männer, die im Umkreis von fünfzigtausend Geviertmeilen jeder Mensch nur unter ihren Vornamen kannte.

In den schönen, längst vergangenen Tagen, da es hier noch Büffel und Indianer gegeben hatte, waren Jim und Harry die Gefährten seines Vaters Jack Devon gewesen. In treuer Kameradschaft hatten die drei einträchtig zusammen gejagt, Fallen gestellt und ihre Beute verkauft. Gemeinsam hatten sie gegen die Indianer gekämpft, gemeinsam manche Gefahren bestanden, die ihnen von Menschen oder vom Alkohol gedroht, gemeinsam nach Gold gesucht und gegraben. Als Jack Devon dann seßhaft geworden war und seine Ranch gegründet hatte, betrachteten alle drei es als selbstverständlich, daß Harry und Jim zu ihm kamen, wann sie wollten, und bei ihm blieben, solange es ihnen beliebte.

Wenn die beiden von den Bergen zu ihm herabstiegen, pflegten sie zumeist Gastgeschenke mitzubringen, wertvolle Felle, Munition oder ein neues Gewehr – kamen sie aber einmal mit leeren Händen, so waren sie darum nicht minder willkommen.

Bei ihrer Ankunft brachten sie erst ihre Pferde im Winter in den Stall, in der milden Jahreszeit auf die Weide, und hängten Sättel und Zaumzeug in der Waschküche auf – dann betraten sie das Haus, begrüßten die Familie mit einem kurzen »Guten Tag!« – auch wenn man sich seit einem halben Jahr nicht gesehen hatte – setzten sich hin und steckten ihre Pfeife in Brand.

Devons Mutter war immer ein bißchen brummig, wenn das Paar auf der Bildfläche erschien, denn ob sie nun einen Tag blieben oder den ganzen Winter über, im Haushalt rührten sie keine Hand, ja sie spalteten ihr nicht einmal ein bißchen Holz – dagegen halfen sie ihrem Freund Jack im Kuhstall; aber das war auch alles.

»Für sie bin ich die ›Squaw‹ Das indianische Wort für »Frau«. – ein Haustier, das zu arbeiten hat«, pflegte Mrs. Devon zu ihrem Sohn zu sagen, als dieser älter geworden war.

Aber sie hatte ihm auch andere Züge von den beiden erzählt. Einmal zum Beispiel, als ein Verbrecher sie mit angeschlagenem Gewehr in ihrer Küche überfiel, war Harry gekommen, hatte den Kerl am Kragen gepackt und sehr unsanft an die frische Luft befördert, das Gewehr aber über dem Knie zerbrochen und die Trümmer dem Strolch nachgeworfen.

Nach Mrs. Devons Tod waren die Besuche der beiden alten Knaben noch häufiger geworden, denn ihre Glieder wurden immer steifer und der Ertrag ihrer Fallen immer geringer. Seit Jack Devon aber seiner Frau in die Ewigkeit gefolgt war, blieben sie dauernd hier und kümmerten sich um die langsam dahinschwindende Herde, die in der Hauptsache in die Fleischerläden von West-London gewandert war.

Jim war noch genau wie früher: groß, schlank, aufrecht und würdevoll mit seinen langen, weißen Haaren und seinem eisgrauen Knebelbart – nur seine Bewegungen, die sonst katzenartig geschmeidig gewesen, waren gemessener geworden. Harry dagegen war gut einen halben Fuß kleiner, als er in den Tagen seiner Jugendblüte gewesen war, denn er hielt sich etwas gebückt; seine Schultern ließ er hängen, aber seinen alten, mächtigen Händen sah man es an, daß sie auch heute noch die Kräfte von zwei Männern besaßen.

Als Devon eintrat, wirtschaftete Harry gerade an dem Herd herum, wobei er die Asche hochauf stäuben ließ, während Jim den Tisch deckte – mit einer gewissen würdigen Feierlichkeit breitete er ein ziemlich zerrissenes rotes Tuch auf ihm aus. Offenbar hatten sie die Gestalt, die da in der Tür stand, nicht bemerkt – das Alter mochte ihren Blick getrübt haben, denn beide arbeiteten ruhig weiter, ohne sich im mindesten um Devon zu kümmern.

Die fliegende Asche stieg Jim in die Nase, er mußte niesen – die Zinnbecher, die er in der Hand hielt, klapperten bedenklich..

»Wenn du das anderswo machtest, würdest du kopfüber rausfliegen«, sagte Jim.

»Ach, sei nicht so empfindlich«, erwiderte Harry, »sorg lieber, daß wir endlich frisches Maisbrot bekommen, und halt den Mund.«

»Es ist ja noch massenhaft da«, entgegnete Jim und holte ein Brot aus dem Schrank, das Hitze und Alter versteint zu haben schienen.

»Das ist doch kein Maisbrot mehr«, erklärte Harry empört, »aus solchem Zeug baut man Häuser, aber das ißt man nicht.«

»Ein bißchen hart ist es ja«, gab Jim zu, »aber um so besser bekommt es, und wenn du ordentlich mit deinen paar Zähnen darauf herumkauen mußt, kannst du wenigstens nicht soviel reden.«

»Hallo!« rief da Devon laut.

Mit einem Ruck fuhren beide herum. Ganz unwillkürlich hatte Harry den schweren Feuerhaken ergriffen, während Jims Hand nach dem Revolver fuhr. Doch dann erkannten sie den Besucher, und sofort erschien ein breites, freundliches Lächeln auf ihren Gesichtern.

Wenn sie Walt Devon auch nicht häufiger gesehen hatten und ein ganzes Menschenalter sie von ihm und seinen Anschauungen trennte – er war der Sohn ihres Kameraden Jack Devon und als solcher ihnen hochwillkommen.

Auf dem besten Stuhl mußte er Platz nehmen, Kau- und Rauchtabak brachten sie herbei, doch als er beides dankend ablehnte, legten sie noch ein drittes Gedeck auf und gingen mit Feuereifer daran, die Mahlzeit etwas festlicher zu gestalten.

Bald bog sich der Tisch unter der Fülle der Genüsse: auf dem Rost gebratene Kaninchen gab es, so zart, daß das Fleisch sich selbst von den Knochen löste, Senfgemüse, das nur auf einer einzigen Wiese im Hochgebirge wuchs, frisches Roggenbrot und köstlich duftenden wilden Honig, besonders starken Kaffee und als Nachtisch süße Melonen, die an einem der Staubecken gezogen wurden und die ein Drahtzaun vor etwaigem Annagen durch das Vieh schützte.

Die beiden Alten sorgten mit rührender Gastlichkeit für Devon. Als nach dem Essen die Pfeifen angezündet wurden, da lebten für sie die guten, alten Zeiten wieder auf, verklärt durch die stille Wehmut der scheidenden Sonne.

Schließlich ging Jim neues Holz holen – das Wasser zum Abwaschen des Geschirrs mußte warm gemacht werden.

»Er hält sich doch noch immer so aufrecht und gerade wie früher«, sagte Devon, ihm nachsehend.

»Das tut ein Schilfrohr auch«, entgegnete Harry kopfschüttelnd, »selbst wenn es im Herbst sein Mark verloren hat und welk und braun geworden ist.«

»Wieso – was willst du damit sagen?«

»Ich sorge mich um Jim«, antwortete der Alte, »jetzt, da er nicht mehr den ganzen Tag draußen rumstrolchen kann, wie er's noch vor einiger Zeit getan hat, ist er ein anderer geworden. Mir will es scheinen, als ob er die Last seiner Jahre mehr spürt, als es nötig wäre – und soll ich dir sagen, woher das kommt?«

»Da wäre ich allerdings neugierig.«

»Der Mangel an Bildung ist dran schuld, Walt – du darfst mich einen toten Hund nennen, wenn's nicht stimmt! Bücher braucht man natürlich nicht, wenn man von früh bis spät draußen ist, aber wenn man ein Dach über dem Kopf hat, besonders im Winter, da kommt es einem zustatten, wenn man eine gute Schule durchgemacht hat. Sieh mich an, mich bedrückt der Winter nicht – wenn die Tage kürzer werden, dann les ich einfach und hab meine Freude daran.«

»Das ist ja schön – und was liest du denn?«

»Ich heb mir jede Zeitung auf, die ich erwischen kann – eine ganze, große Kiste voll hab ich schon. An den Winterabenden nun, wenn ich mit meinen Fellen, oder was sonst gerade zu tun ist, fertig bin, dann lese ich ein paar Stunden und werde schön schläfrig dabei. Dem armen Jim aber fehlt so ein Hilfsmittel, die Zeit zu vertreiben. Er kann nur Zügel aus Pferdehaaren flechten und solche Sachen, und wenn er davon genug hat, dann ödet er mich mit seinen Erzählungen an, die ich schon tausendmal habe anhören müssen.«

Jim kam zurück und setzte das Wasser aufs Feuer, plötzlich hörte man draußen lautes Gebell.

»Das ist wieder der Köter, der über das Koppelgatter will«, rief Harry, »dem Hund werd ich Beine machen!«

Damit stürzte er so schnell ihn seine alten Füße tragen wollten, hinaus.

Jim sah ihm kopfschüttelnd nach.

»Hast du gemerkt, was mit dem armen Harry los ist?« fragte er.

»Nein – was denn?«

»Er ist ein vollkommen anderer Mensch geworden.«

»Davon hab ich nichts gemerkt – im Gegenteil, ich finde, er hat sich nicht im geringsten verändert.«

»Aber ich, der ich ihn täglich beobachte, seh es«, entgegnete Jim düster. »Da rennt er wie ein Wahnsinniger davon, weil ein Hund kläfft, und vor gar nicht langer Zeit hätte eine ganze Indianerbande es nicht fertiggebracht, ihn so weit zu bringen, daß er sein Nachtischpfeifchen im Stich läßt – ist das vielleicht keine Veränderung? Er hat eben allen moralischen Halt verloren.«

»Und worauf führst du diese bedauerliche Tatsache zurück?« fragte Devon belustigt.

Jim trat dicht an ihn heran.

»Weil seine Zähne ausgefallen sind«, flüsterte er geheimnisvoll. »Er hat nur noch zwei und von denen wackelt der eine auch schon bedenklich. Ich muß auf ihn aufpassen wie auf ein kleines Kind und ihm sein Essen zerkleinern – wie das einmal werden soll, wenn ich selbst auch alt werde, mag der Himmel wissen!«

Irgend etwas, das draußen vorging, schien seine Aufmerksamkeit zu erregen, er sprang auf, eilte zur Hintertür und schrie hinaus:

»Harry, du krummbeiniger Schafskopf, willst du wohl das Tier in Ruhe lassen!«

»Ich will ihm nur Manieren beibringen«, rief Harry zurück.

»Laß das sein!« schrie Jim und humpelte gleichfalls hinaus.

Als sie nach einer Weile einträchtig wieder zurückkamen, fanden sie Devon dabei, das Geschirr abzuwaschen – sprachlos starrten sie ihn an.

»Das ist deine Schuld!« schrie schließlich Jim.

»Nein, die deine«, brüllte Harry außer sich, »wenn du dich nicht mit deinem albernen Köter so angestellt hättest, brauchte der Sohn von Jack Devon hier nicht Abwaschmädchen zu spielen!«

Darauf wußte Jim nichts zu erwidern, aber er holte sich rasch das nicht mehr ganz saubere Handtuch und ging daran, die Teller abzutrocknen.

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