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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
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Siebentes Kapitel

Die Unterredung mit Naxon hatte bei Devon den Eindruck hinterlassen, daß der Sheriff zum mindesten ein Sonderling, aber wahrscheinlich auch ein anständiger Kerl sei – nach seiner Erfahrung waren Sonderlinge niemals schlechte Menschen.

Dadurch hatte nun sein Glaube an die Wahrheit dessen, was er gestern durch Grierson über Burchard erfahren hatte, einen sehr empfindlichen Stoß erhalten. Der Sheriff hatte diesen seinen besten Freund genannt. War aber der Sheriff ein Ehrenmann, so warf dies entschieden ein günstiges Licht auf den Inhaber des Spielpalastes.

Devon machte sich also auf den Weg, um sich ein eigenes Urteil über den Mann zu bilden.

Obwohl es bereits elf Uhr vormittags war, traf er Burchard noch beim Frühstück an, dem dieser sich mit großer Andacht widmete, angetan mit einem riesigen Sabberlätzchen, wie es die kleinen Kinder haben, das jedoch nicht nur unter das Kinn gebunden, sondern auch in den Armlöchern seiner Weste befestigt war.

Übrigens war dieses Lätzchen nicht das einzig Kindhafte an ihm, obwohl er ein Mann von sechzig Jahren war. Sein Haar glänzte durch Abwesenheit, dafür aber zeigte seine rosige Kopfhaut einen leichten, hellen Flaum, wie ihn Säuglinge häufig haben. Sein Körper war rund wie der eines Wickelkindes, seine Beine erschienen ebenso kurz, ebenso gebogen und ebenso unbenutzt wie die eines solchen, seine Handgelenke waren nur Grübchen zwischen den Fettmassen der Hand und denen des Unterarms.

Die Hauptähnlichkeit mit einem Kind aber lag in seinem Gesicht, das, von keinem Fältchen durchfurcht, rosigrot, glatt und zart war. Bei jeder Erregung, mochte er lachen oder nachdenken, verschwanden seine Augen im Fett der Wangen, und dann wußte man nie, ob er weinte oder lächelte – genau, wie das bei einem Baby der Fall ist.

Burchard hatte gerade eine Platte mit Koteletts bewältigt und wandte sich nun einer riesigen Hirschkeule zu, die ein chinesischer Aufwärter hereinbrachte, der dann auch gleich den Nachtisch auftrug – einen mächtigen Berg dünnen Buttergebäcks, leicht wie Schaum und angenehm gebräunt und knusprig.

Der Gründer von West-London eröffnete den Angriff auf seinen Teller, ohne sich im mindesten dabei durch Devons Besuch stören zu lassen, den er jedoch höflich bat, Platz zu nehmen.

»Es ist zwar vielleicht noch ein wenig früh fürs Mittagessen – aber wenn Sie mir bei der Vertilgung dieser Hirschkeule behilflich sein wollen, wird es mir eine große Freude sein.«

Devon dankte – er hätte bereits gefrühstückt und könne beim besten Willen nichts außer der Zeit essen.

»Das ist eben der Fehler«, erklärte Burchard, »den die meisten Menschen machen – sie leben zu regelmäßig! Alles tun sie zu festgesetzten Stunden, zu Bett gehen und aufstehen, arbeiten und essen – aber das ist natürlich grundverkehrt.«

Er schnitt sich eine Scheibe Hirschfleisch ab, von der eine Familie mit vier Kindern bequem satt geworden wäre. Während er aß, verschwanden seine Augen, sein strahlendes Gesicht wirkte wie das Urbild fröhlichen Lebensgenusses.

»Ihre Theorie ist mir neu – wie halten Sie es denn?« fragte Devon neugierig und belustigt.

»Schlafen soll man, wenn man müde ist, sich zerstreuen, wenn man abgespannt ist, arbeiten, wenn man etwas zu tun hat, und essen, wenn man hungrig ist. Manchmal esse ich sechs volle Mahlzeiten am Tag, und manchmal an zwei Tagen nur eine, manchen Tag rauche ich zwanzig Zigarren, eine nach der anderen, und dann wieder vergeht eine ganze Woche, ohne daß ich überhaupt rauche. Sehen Sie, und das hat mich jung erhalten, Kamerad, jung und frisch!«

Dabei lachte er, aber merkwürdig sachte und verhalten, als ob er seinen Riesenkörper nicht gar zu heftig erschüttern wolle. Dann spülte er sein Essen mit einem Liter dampfenden, schwarzen Kaffees hinunter.

»Ich möchte Sie nicht lange stören«, sagte Devon, »wenn Sie aber Ihr Frühstück für fünf Minuten unterbrechen könnten –«

»Das ist leider unmöglich – doch sprechen Sie ruhig, erzählen Sie mir, was Sie auf dem Herzen haben, Kamerad – ich kann nie besser zuhören und denken, als wenn ich esse.«

»Zunächst – arbeitet Clancy Williams für Sie?« begann Devon.

»Zuzeiten ja – zuzeiten nein«, erwiderte der Dicke, behaglich kauend, »um welche Sache handelt es sich denn?«

»Er wollte meine Ranch für Sie kaufen – mein Name ist nämlich Devon.«

»Sie sind also der Sohn vom alten Jack Devon? Merkwürdig, als Sie vorhin reinkamen, da hab ich mir gesagt: den Mann mußt du doch schon irgendwo mal gesehen haben! Es war also nur die Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Jack Devon, die mir aufgefallen ist. Ja, ja, die Zeit vergeht! Die Sache mit Williams stimmt – er sollte in meinem Auftrag bei Ihnen anfragen, ob Sie verkaufen wollen. Ich hab ja hier in West-London auch schon einigen Grund und Boden erworben, aber, wissen Sie, in der Stadt wird's mir allmählich zu eng, ein Mann von meinem Umfang kann ja kaum noch die Ellbogen bewegen, soviel wird hier gebaut! Na, und da hab ich natürlich Verlangen nach einem Stück Land, das etwas weiter draußen liegt – ich kenne nämlich Ihre Ranch, denn der alte Jack Devon und ich haben häufig genug über demselben Feuer unsere Forellen gebraten.«

Devon nickte.

»Die Sache ist nur, wenn ich recht unterrichtet bin, daß Sie in Ihrem Wunsch, mein Land zu besitzen, ein bißchen weit gegangen sind. Eine kleine Verzögerung nämlich, die durch die Beschaffung der notwendigen Papiere bedingt war, hat Sie so ungeduldig gemacht, daß Sie mich aus dem Weg räumen lassen wollten.«

»Sie meinen, mit Blei vollpumpen?« fragte Burchard, seelenruhig weiter futternd.

»Jawohl, das meine ich.«

Der Dicke schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Wer hat Sie denn auf diese wahnwitzige Idee gebracht?« fragte er.

»Ein ausgewachsener Colt«, entgegnete Devon, »der auf mich gerichtet war und eine recht überzeugende Sprache redete.«

»Ja, ja, so geht's«, meinte Burchard lächelnd. »Ich habe mal in einer Kneipe sechzehn Mann mit hochgehobenen Händen gesehen, von denen jeder einzelne einen Eid darauf abgelegt hätte, daß der Kerl mit dem Revolver gerade auf ihn gezielt hat.«

»Und was hat das mit meiner Angelegenheit zu tun?«

»Sehr viel! Warum, um Gottes willen, soll ich Sie wegen Ihres Grundstücks umbringen lassen? Das ist doch Irrsinn – ganz abgesehen davon, daß ich mit Schießereien nie gern zu tun habe, schon weil ich bei meinem Körperumfang ein viel zu gutes Ziel biete.«

»Schön, damit wäre also die Sache erledigt«, entgegnete Devon. »Hoffentlich haben Sie mir meine Offenheit nicht übelgenommen. Mir lag daran, keine falsche Meinung von Ihnen zu behalten.«

»Ganz im Gegenteil«, erwiderte der Dicke lebhaft, »mir ist ein Pferd am liebsten, das morgens bockt und dann den Rest des Tages über ordentlich läuft. Es war sehr richtig, daß Sie gleich zu mir gekommen sind und aus Ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht haben – so hätte Ihr Vater auch gehandelt. Übrigens würde der sich nicht schlecht wundern, daß Sie seinem Freund Les Burchard solche Dinge zugetraut haben! Wollen Sie mir denn nicht sagen, wer Ihnen diese Raupen in den Kopf gesetzt hat?«

»Das kann ich leider nicht.«

»Und warum nicht?«

»Wenn der Betreffende, wie ich hoffe, gelogen hat«, antwortete Devon, »werde ich in kurzer Zeit dahinterkommen. Hat er aber nicht gelogen, möchte ich ihn nicht in die Gefahr bringen, dafür, daß er gesprochen hat, ermordet zu werden.«

»Stimmt, dagegen läßt sich nichts sagen«, murmelte Burchard, »das ist durchaus logisch gedacht, erstaunlich logisch sogar. Haben Sie sich vielleicht mal mit Rechtswissenschaft befaßt?«

Devon erhob sich und schüttelte den Kopf.

»Nein, aber mit Medizin.«

»Auch kein schlechter Beruf«, meinte der Dicke. »Ich allerdings habe bisher nur ein einziges Mal einen Doktor in Nahrung gesetzt – mein Magen war damals ein bißchen in Unordnung. Was, meinen Sie, hat der Mann mir verordnet? Fünf Tage lang sollt ich nicht das geringste essen! Ich hab also gefastet, und die Wirkung war großartig – selten hat mir's so gut geschmeckt wie nach dieser fünftägigen Hungerkur. Aber wollen Sie denn schon gehen? Trinken Sie doch wenigstens eine Tasse Kaffee mit mir!«

»Ich muß leider gehen«, entgegnete Devon. »Also, ich nehme an, daß wir Freunde sind?«

»Gewiß – genau so gute, wie Ihr Vater und ich waren«, erwiderte Burchard und reichte ihm die fette Hand, in der die Devons sich spurlos verlor. »Auf Wiedersehen, Doktor!«

»Auf Wiedersehen – aber zum Arzt habe ich es leider nicht gebracht, ich bin vorher abgesprungen und schreibe keine Rezepte, sondern teile Karten aus.«

Burchard lachte so herzlich, daß die wabbelnden Fettmassen in eine beängstigende Bewegung gerieten.

»Na, dann wünsch ich Ihnen recht viel Glück, aber machen Sie, bitte, davon in meinem Spielsalon nicht zu ausgiebigen Gebrauch«, sagte er, als er wieder zu Atem kam.

»Besten Dank! Ich werde also der Sache nachgehen und, wenn ich irgend etwas höre, was Sie betrifft, wiederkommen, um Ihnen das Nötige darüber zu berichten – ist Ihnen das recht?«

»Aber natürlich – ich werde Ihnen sogar äußerst dankbar dafür sein.«

Damit winkte er ihm noch einmal mit seiner rosa Riesenpatsche nach, und Devon ging hinaus.

In der Vorhalle sah er zwei finster dreinblickende Mexikaner sitzen – das Gesicht des einen war mit Narben übersät. Sie kümmerten sich weder umeinander noch um ihn – Devon hatte aber das bestimmte Gefühl, daß sie seinetwegen hier lauerten und sich auf einen Wink Burchards auf ihn gestürzt haben würden. Das warf allerdings wieder ein recht seltsames Licht auf den Fettkloß, dessen biedermännische Art ihn beinahe überzeugt hatte.

Als Devon in den blendenden Sonnenschein hinaustrat, war er sehr nachdenklich geworden. Bei ruhiger Überlegung aber sagte er sich, daß Grierson ihn aller Wahrscheinlichkeit nach doch belogen haben müsse. Das einzige, was dagegen sprach, war, daß nach seiner Erfahrung die meisten Menschen Fragen, denen ein geladener Revolver Nachdruck verleiht, wahrheitsgemäß beantworten. Ganz außer acht durfte er diese Spur also nicht lassen, wenn er sich auch nicht allzuviel Erfolg von ihr versprach.

Zunächst einmal begab er sich jedoch zu einem Pferdeverleiher und mietete sich für den Rest des Tages einen kräftigen Rotschimmel-Wallach.

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