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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
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Viertes Kapitel

Die Uhr hatte zum neuntenmal geschlagen, da wagte Devon – die Hand in seiner Rocktasche – hastig über die Schulter nach der Tür in seinem Rücken zu blicken. Er glaubte, wenn auch undeutlich, zu sehen, daß sich etwas hinter ihm bewegte.

Er wandte den Kopf wieder zurück auf Grierson zu – dessen Arm war gekrümmt und seine rechte Hand im Begriff, den Revolver zu ziehen; da schoß Devon.

Er hatte nicht nötig, eine Waffe zu ziehen, denn für Fälle, wie den vorliegenden, trug er in seiner Rocktasche eine einläufige Pistole bei sich, die ziemlich flach gearbeitet war, so daß man sie von außen nicht bemerkte, aber starkkalibrig genug, um auf kurze Entfernungen einen Gegner zu erledigen. Mehr konnte ein richtiger Colt schließlich auch nicht leisten.

So hatte er nur abgedrückt und trat nun ein wenig zurück, um abzuwarten, bis Grierson, der schon vorher aufgesprungen war, getroffen zusammenbrechen würde.

Doch Grierson brach nicht zusammen!

Die Tasche von Walt Devon füllte sich mit Rauch, der keinen Abzug fand, da kein Kugelloch vorhanden war! Entsetzt erkannte er, daß seine Pistole blind geladen sein mußte.

Grierson hatte inzwischen seine Waffe gezogen. Für Devon gab es jetzt drei Möglichkeiten: entweder konnte er versuchen, die Tür zu erreichen, sich unter den Tisch zu ducken oder geradewegs dem Mörder entgegenzutreten. Er wählte die dritte, denn bei den beiden anderen bestand die Gefahr, ein Stück Blei in den Rücken zu bekommen. So landete er einen kräftigen Linkshaken von der Sorte, die ihm schon während seiner Schülertage gute Dienste geleistet hatten, seitlich auf Griersons Kinn.

Die Wirkung gab einer großkalibrigen Revolverkugel kaum etwas nach; die Knie des Getroffenen knickten ein und sein Blick wurde leer. Mit einer Hand nahm Devon ihm den Colt aus den steifen Fingern, mit der anderen drückte er ihn auf den Stuhl nieder.

Über den Kopf von Grierson blickte er forschend nach der Tür hinüber, doch da bewegte sich nichts. Er untersuchte das Magazin der erbeuteten Waffe – sie war scharf geladen, also bestand kein Zweifel mehr daran, daß tatsächlich ihm der auf der Veranda verabredete Mordanschlag galt. Dafür sprach außerdem die Tatsache, daß die Patrone in seiner Pistole ohne Kugel gewesen war. Zweifellos hatte sie einer der schlauen Banditen entfernt, und er hatte nichts davon gemerkt.

Jetzt wurde draußen Mrs. Purleys Stimme vernehmbar, dann erschien sie selbst, zwei verschlafene Mannsleute vor sich hertreibend.

»Männer wollt ihr sein?« schrie sie. »Feige Schafsköpfe seid ihr! Vorwärts, sucht – hier ist ein Mord geschehen, ich hörte einen Schuß fallen. Was, sehe ich recht? Mr. Devon, Sie haben etwas damit zu tun gehabt?«

Devon, der hinter Griersons Stuhl stand, steckte nämlich gerade dessen Colt in die Tasche, eine ziemlich schwere Waffe, die aber sehr gut in der Hand lag, und deren Mündung er nun Grierson in den Rücken bohrte.

»Ich habe Mr. Grierson die Konstruktion meiner Pistole erklärt«, sagte er, »und dabei ist sie leider losgegangen – entschuldigen Sie vielmals, wenn ich Sie erschreckt habe.«

»War wirklich weiter nichts los?« forschte die Witwe. »Dabei sieht der junge Mann aus, als hätte er mindestens einen Bauchschuß bekommen! Fehlt Ihnen was?«

»Was soll mir fehlen?« fragte Grierson, dessen Stimme allerdings ein wenig matt klang. »Ich fühle mich ausgezeichnet.«

»Schert euch in eure Betten zurück!« befahl Mrs. Purley ihren Begleitern und wandte sich, nachdem diese verschwunden waren, an Devon, den sie dabei, die massigen Arme in die Seiten gestemmt, durchdringend musterte.

»Sie sind mir ein sehr lieber Gast«, sagte sie, »aber ein für allemal: geschossen wird bei mir nicht, denn nichts bringt ein Haus schneller in Verruf als ein paar Morde!«

Mit einem energischen Ruck machte sie kehrt und ging hinaus.

Grierson stand langsam auf, doch seine eigene Waffe, deren Lauf er jetzt in der Magengrube spürte, zwang ihn, die Hände, wenn auch widerwillig, hochzuheben.

»Wozu das?« fragte er mißmutig. »Ich habe weiter nichts bei mir. Aber interessieren würde es mich, wo Sie diese wirksame Art von Linksschwingern gelernt haben – waren Sie mal im Ring tätig?«

Devon antwortete nicht, sondern untersuchte den jungen Mann sehr sorgfältig, fand aber nur noch einen Schlagring, den er an sich nahm, obwohl Grierson mürrisch meinte:

»Was kann ich mit dem lächerlichen Ding schon gegen Sie anfangen?«

»Auf alle Fälle ist es im Augenblick besser bei mir aufgehoben«, erwiderte Devon. »Und nun kommen Sie mal mit, mein Freund!«

Damit führte er ihn in die äußerste Ecke des Zimmers, wo weder ein Fenster noch eine Tür waren, stellte ihn mit dem Rücken gegen die Wand, setzte sich vor ihn hin und begann:

»Da ich Sie heute zum erstenmal sehe, hat natürlich jemand Sie zu dieser Tat angestiftet – wer war das?«

Grierson schlug die Augen nieder, antwortete aber nicht.

»Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Angelegenheit zu erledigen«, fuhr Devon fort. »Ich könnte Sie dem Sheriff überantworten, und der würde Sie ins Gefängnis stecken, das aber, wie die meisten hierzulande, wahrscheinlich keine allzu starken Mauern haben wird. Der zweite Weg wäre, daß ich Sie in irgendeine Kneipe brächte und den dort versammelten Gästen erzählte, was sich soeben hier zugetragen hat.«

»Versuchen Sie's doch«, erwiderte Grierson patzig, »Sie können mir gar nichts beweisen!«

»Die Innenseite meiner Tasche ist von Pulver verbrannt, ohne daß eine Kugel den Stoff durchbohrt hat – das beweist eindeutig, daß meiner Waffe die Kugel ausgebrochen war, bevor Sie Ihren Mordanschlag gegen mich wagten. Die Leute hier haben durchaus nichts gegen eine Schießerei, solange es dabei ehrlich und anständig zugeht, aber gemeinen Mord hassen sie um so abgründiger – das weiß ich, weil ich selbst aus dem Westen stamme. Man wird mir unbedingt glauben, verlassen Sie sich darauf, junger Freund, und Sie an dem nächsten Baum aufknüpfen!«

Während dieser ruhig, aber eindringlich gesprochenen Worte war Grierson blaß und blässer geworden, nervös fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und die schmerzende Stelle am Kinn, sein Blick wurde leer und verzweifelt.

»Mein Gott, hätt' ich mich bloß nicht auf so etwas eingelassen«, sagte er, mehr zu sich selbst als zu seinem Gegenüber.

»Das wäre allerdings besser gewesen«, meinte Devon, »aber es läßt sich nun leider nicht ungeschehen machen – es müßte denn sein, daß Sie Reue empfänden und mir den Name Ihres Auftraggebers nennen.«

»Ich habe in niemandes Auftrag gehandelt«, antwortete Grierson rasch.

»Ist das Ihr letztes Wort?«

»Jawohl!«

»Schön, dann kommen Sie«, erwiderte Devon, »dann werden wir zusammen in die Stadt gehen, und ich werde den Leuten erzählen, was Sie getan haben.«

»Ich denke nicht daran. Nicht von der Stelle rühre ich mich!« erklärte Grierson in kindischem Trotz.

Devon lächelte nur.

»Sie wollen mich also tatsächlich kalten Blutes ermorden?« fragte der junge Mann, plötzlich sehr kleinlaut geworden.

»Menschen Ihrer Art unschädlich zu machen, ist kein Mord«, entgegnete Devon ruhig, »das ist einfach Bürgerpflicht. Genau wie jeder dafür sorgen muß, daß die Straße vor seinem Haus sauber gefegt ist. Trotzdem gebe ich Ihnen mein Wort: wenn Sie mir die Wahrheit sagen, sind Sie frei.«

Grierson hob die Hand – ganz langsam, damit die Bewegung ja nicht mißdeutet werden könne – und fuhr sich mit dem Finger in den Kragen, der ihm zu eng geworden schien. Wieder schlug er den Blick nieder und starrte auf den Boden – das beste Zeichen, daß er begann, die Nerven zu verlieren.

»Also gut – was wollen Sie wissen?« fragte er schließlich heiser.

»Zunächst einmal den Namen des Mannes, der sich meiner Pistole so vorsorglich angenommen hat.«

»Den weiß ich nicht«, erwiderte Grierson. »Er hat mehr als zwanzig Leute, die für ihn arbeiten und das so geschickt machen, daß selbst ein so gewitzter Mensch, wie Sie, nichts davon merkt.«

»Also schön – lassen wir das auf sich beruhen«, sagte Devon lächelnd, »aber den Namen Ihres Auftraggebers muß ich unbedingt wissen.«

»Aber er wird dahinterkommen, daß ich geschwatzt habe, und mich fassen, wenn ich noch so weit fliehe«, stöhnte Grierson.

»Sie haben ja immer noch die Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen – wenn Sie aber erst den Strick um den Hals haben, ist alles vorbei«, entgegnete Devon unerbittlich.

Grierson zuckte zusammen, seine Schultern bebten.

»Erlassen Sie mir die Antwort«, flehte er, »Sie werden es selbst bereuen, wenn Sie darauf dringen.«

»Das müssen Sie schon mir überlassen«, erwiderte Devon. »Also zum letztenmal: wollen Sie mir den Namen nennen oder nicht?«

Grierson schloß die Augen und biß die Zähne fest aufeinander; schließlich sprudelte er heraus:

»Gut, wenn Sie's durchaus wissen wollen – die dicke Vogelscheuche selbst steckt dahinter!«

»Wen nennen Sie so?«

»Tun Sie doch nicht so – jedes Kind hier weiß, wen ich meine!«

»Ich habe keine Ahnung davon«, versicherte Devon.

Grierson sah sich scheu um, beugte sich dann zu ihm nieder und flüsterte ihm hastig ins Ohr:

»Burchard!«

»Was – der Besitzer des Spielpalastes?« fragte Devon ungläubig.

»Schreien Sie doch nicht so – Sie wollen wohl durchaus heute noch erschossen werden?«

»Burchard?« wiederholte Devon ungläubig. »Das ist doch vollkommen ausgeschlossen – ich habe den Mann in meinem Leben noch nicht gesehen.«

»Das dürfte kaum stimmen«, entgegnete Grierson, »denn Sie haben doch mit ihm über den Verkauf Ihres Landes verhandelt und haben sein Angebot abgelehnt.«

»Ist mir ja nicht im Traum eingefallen – nicht ein Wort habe ich je mit Burchard gewechselt! Er ist auch niemals deswegen an mich herangetreten; nur ein gewisser Williams hat einmal –«

»Natürlich, aber Clancy Williams ist doch Burchards Mittelsmann gewesen«, unterbrach ihn Grierson.

»Wissen Sie das genau?«

»Ich habe schon mehr gesagt, als ich verantworten kann; mehr werden Sie von mir nicht erfahren – hoffentlich halten Sie trotzdem Wort.«

»Selbstverständlich«, erwiderte Devon. »Gute Nacht denn, Mr. Grierson! Das Ding hier werde ich allerdings in Verwahrung nehmen – sagen wir mal, bis morgen.«

Er wies dabei lächelnd auf den Revolver, den er in der Hand behielt, bis Grierson den Raum verlassen hatte. Dann suchte er sein Schlafzimmer auf, verschloß sorgfältig die Tür, verstreute eine Schachtel Reißnägel – mit der Spitze nach oben – auf dem Fensterbrett, legte sich nieder und schlief wie ein Seemann – traumlos und tief.

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