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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 37
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
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Sechsunddreißigstes Kapitel

Als sie an die Haustür geklopft hatten, öffnete ihnen ein großer, breitschultriger Mann in mittleren Jahren, der, um die Besucher besser sehen zu können, eine Laterne hochhielt, die sein freundliches Gesicht voll beleuchtete. Einer so unbekümmerten Sorglosigkeit war Devon in dieser gefährlichen Gegend noch nicht begegnet, denn auf diese Weise bot der Mann natürlich ein glänzendes Ziel.

War das nun das Bewußtsein eines guten Gewissens oder Tollkühnheit? Daß es hier von halbwilden Mexikanern wimmelte, die einen Menschen mit der gleichen Selbstverständlichkeit abknallten wie ein Waldhuhn, mußte er doch wohl wissen.

»Ach, Sie sind's?« sagte der Mann, ›Hans im Glück‹ erkennend. »Na, dann steigen Sie mal ab. Und das ist wohl ein guter Freund von Ihnen?«

Damit reichte er Devon die Hand und schüttelte sie herzlich – selbst ihr leichter Druck verriet eine ungeheure Kraft.

Dann wurden die beiden in ein ziemlich großes Wohnzimmer genötigt, das mit seinen Fellen, die den Boden bedeckten, den Geweihen und anderen Jagdtrophäen, die an den Wänden hingen, und dem Bücherbrett neben dem Kamin einen recht gemütlichen Eindruck machte.

Der Hausherr wies auf ein paar Stühle, die, wie alle anderen Möbel, selbstgezimmert waren, aber sehr bequem zu sein schienen, und bat seine Gäste, Platz zu nehmen.

»Ich denke, wir werden bald zu Abend essen«, sagte er, »sobald nämlich meine Frau zurück ist. Sie hat einen Fieberkranken in der Nähe besucht, der ganz allein in seiner Hütte liegt – um den kümmert sie sich immer ein bißchen und bringt ihm Essen und Erfrischungen. Da drüben steht der Tabakkasten – bedienen Sie sich, Hans! Wir haben uns übrigens lange nicht mehr gesehen.«

»Ich bin viel unterwegs«, erwiderte ›Hans im Glück‹ lächelnd, »Sie wissen ja, wie das ist – die Leute sind so schrecklich neugierig, und da muß man vorsichtig sein.«

»Aber doch nicht in meinem Hause«, sagte Wilson.

»Nein, und das ist ja das Schöne, daß man sich bei Ihnen mal ein bißchen entspannen kann.«

»Das können Sie. Haben Sie mir übrigens Ihren Freund schon vorgestellt, oder ist das nicht angebracht?«

»Ach, Sie kennen ihn nicht?« entgegnete Hans erstaunt. »Aber gehört haben Sie sicher von ihm – es ist nämlich Mr. Devon, dem ich seine braune Stute ausspannen wollte.«

»So, so?« sagte Wilson und lächelte Devon zu. »Demnach haben Sie ihm den kleinen Scherz nicht übelgenommen, sondern sich mit ihm ausgesöhnt?«

»Selbstverständlich hat er das«, antwortete statt des Gefragten Hans. »Er ist nämlich gerade so ein anständiger Kerl wie Sie, drum hab ich ihn auch mitgebracht, denn der Zweck meines Besuches ist etwas heikler Natur. Da Sie lange Einleitungen sicher ebensowenig lieben wie ich: hat hier in Ihrem Haus in letzter Zeit ein junges Mädchen gewohnt?«

Gregory Wilson sah ihn fest an – weder überrascht noch ärgerlich, sondern nur nachdenklich.

»Um Gottes willen, glauben Sie nicht, daß ich irgendwie Skandal machen will«, fuhr ›Hans im Glück‹ fort, »es handelt sich um meine Schwester, und da ist es für mich natürlich wichtig –«

»Aber, Menschenskind«, unterbrach ihn Wilson, »Sie wissen doch, wie ich lebe.«

»Also ist sie nicht hier?«

Der andere schüttelte langsam den Kopf, ›Hans im Glück‹ stöhnte auf, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloß die Augen. Er tat Devon von Herzen leid, aber er hatte keine andere Auskunft erwartet.

Plötzlich setzte Hans sich wieder auf.

»Wenn sie auch nicht hier gewesen ist«, sagte er hastig, »vielleicht haben Sie ein junges Mädchen, wie ich es Ihnen beschrieben habe, irgendwo mal gesehen?«

»Sie haben es mir noch nicht beschrieben, Hans«, entgegnete der Hausherr ruhig.

»Blaue Augen, goldenes Haar – überhaupt das lieblichste, unschuldigste Geschöpf, das Sie sich denken können.«

Wieder schüttelte Wilson den Kopf.

»Nein – solchem Mädchen bin ich nicht begegnet«, sagte er. »Die paar Mädels, die ich in West-London gesehen habe, sind wesentlich anderer Art.«

»Also haben Sie doch recht gehabt, Devon!« rief ›Hans im Glück‹ in schmerzlicher Enttäuschung und sprang plötzlich auf. »Ich muß nun gehen, ich weiß, was ich wissen wollte.«

Damit eilte er zur Tür. Devon erhob sich gleichfalls, Wilson aber vertrat ihnen den Weg.

»In dieser Erregung laß ich Sie nicht fort, Hans«, sagte er freundlich, »erst müssen Sie sich mal ein bißchen beruhigen, sonst machen Sie womöglich Dummheiten. Wenn Sie was Ordentliches gegessen und ein Pfeifchen drauf geraucht haben, sehen Sie die Welt und Ihren Kummer ganz anders an, verlassen Sie sich darauf.«

Damit führte er Hans zu seinem Stuhl zurück, auf den dieser sich fallen ließ und die Hände vors Gesicht schlug. Der Hausherr zündete eine Lampe an, die nur ein gedämpftes Licht verbreitete, und setzte sich dann neben dem Kamin nieder, auf dem ein kleines Feuer brannte.

Jetzt wieherte irgendwo ein Pferd, zwei andere antworteten.

›Hans im Glück‹ fuhr auf.

»Was war das?« fragte er unsicher.

»Reiter sind draußen vorübergekommen«, erwiderte Wilson.

»Ach, richtig – ich hatte im Augenblick vergessen, daß ich in Ihrem Haus unbesorgt sein kann«, sagte Hans, »und doch – gerade bei Ihnen ist mir der schlimmste Schmerz meines Lebens widerfahren.«

»Ja, ja«, nickte Wilson, »ich verstehe Sie sehr gut – wenn ein Bruder oder eine Schwester etwas Unrechtes tun, dann fühlen wir uns für sie mit verantwortlich. Aber, lassen Sie's gut sein, die Zeit heilt auch solche Wunden.«

›Hans im Glück‹ seufzte, eine Weile herrschte tiefes Schweigen. Schließlich sagte Wilson:

»Meine Frau bleibt mächtig lange, eigentlich müßte sie längst zurück sein, aber von einem Krankenbett kommen die guten Weiber nicht so leicht fort, denn Zeit spielt keine Rolle bei ihnen, wenn jemand ihre Hilfe nötig hat.«

Er lachte dabei – wie fernes Donnergrollen klang sein tiefes Lachen. Seine Rechte, die die qualmende Pfeife hielt, bewegte sich hin und her, und Devon blickte geistesabwesend den dicken Rauchschwaden nach, die aus dem Pfeifenkopf aufstiegen. Plötzlich zuckte er zusammen – die hellbrennende Pfeife bewegte sich in regelmäßigen Zwischenräumen hin und her: lang, kurz, kurz, lang!

Devon glaubte, seinen Augen nicht trauen zu dürfen – auch hier wurde nach dem Morsealphabet telegraphiert!

»Durch – die Hintertür«, buchstabierte er deutlich aus den Bewegungen der Pfeife heraus.

Er warf einen Blick über die Schulter zurück: hinter ihm befand sich ein kleines, viereckiges Fenster, vor dem wahrscheinlich der stand, dem die stumme Mitteilung gegolten hatte.

Gregory Wilson war offenbar seinen Kopfbewegungen gefolgt, denn als sich Devon jetzt ihm wieder zuwandte, war alles Freundliche und Liebenswürdige aus dem Gesicht des Hausherrn verschwunden.

»Sie sind schon ein verdammt kluger Kerl, Devon«, sagte er, »aber Ihre Beobachtungsgabe und schnelle Auffassung nützen Ihnen diesmal doch nichts. Kommt herein, Jungens!«

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