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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 32
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
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Einunddreißigstes Kapitel

Nach kurzer Überlegung beschlossen sie, sich auf alle Fälle den merkwürdigen Nachtwandler einmal näher anzusehen. Sie schwärmten also aus, der Sheriff nach links, Devon nach rechts, während die beiden Alten geradeaus ritten.

Leider gelang es ihnen nicht, den Mann zu stellen. Als Devon, dem ein Hügel die freie Aussicht genommen hatte, an dem Staubecken ankam, sah er einen Reiter galoppieren, dem Walde zu, der den westlichen Horizont abschloß.

Da Devon wußte, daß der Reiter in Sicherheit sein würde, wenn es ihm gelang, den Wald zu erreichen, gab er seiner braunen Stute die Sporen und jagte dem Flüchtling nach. Auch die drei Alten nahmen die Verfolgung auf, doch sie lagen bald hoffnungslos zurück.

Devons Tier, das zweifellos einen Schuß Vollblut in sich hatte, hielt sich großartig – stetig holte es auf. Walt duckte sich tief auf den gestreckten Hals des Pferdes nieder, um den Luftwiderstand zu vermindern, und gab jede nur erdenkliche Hilfe, so daß der Zwischenraum zwischen ihm und dem Verfolgten immer kleiner wurde. Dieser schien die drohende Gefahr zu spüren, denn plötzlich fuhr er im Sattel herum und schoß – die Kugel flog jedoch hoch über Devons Kopf vorüber.

Jeder Schuß kostete dem Fliehenden zwei ganze Längen. Als die ersten Bäume vor ihnen auftauchten, lag die Stute fast nur noch einen Meter zurück. Jetzt wäre für den anderen der richtige Augenblick gewesen, auf den Verfolger zu schießen, und Devon wartete mit dem Colt in der Hand, daß der Reiter sich umdrehen würde; doch der hatte offenbar genug damit zu tun, sein flinkes Pferd ungefährdet zwischen den Stämmen hindurchzubringen.

Devon überholte ihn, und als der Verfolgte jetzt einem dicken Baum auswich, lief er ihm direkt in die Arme. Devon hätte ihn glatt niederschießen können, als das Pferd zurückprallte, aber das wäre fast ein Mord gewesen, und darum ließ er den Revolver fallen und packte den Verfolgten um den Leib.

Der Ruck, den sein Schultergelenk aushalten mußte, war reichlich schmerzhaft, aber der Körper, den er im Arm hielt, war merkwürdig leicht, und mit einer Hand konnte er beide Handgelenke seines Gefangenen umspannen. Als der Wind jetzt den breiten Rand des Hutes hob, sah er in – Mabel Maynards erhitztes Gesicht.

Er war so verblüfft, daß er sie beinah hätte fallen lassen.

»Ich muß fort, ehe die anderen kommen«, keuchte sie atemlos. »Halten Sie mich nicht – Sie ahnen ja nicht –«

Betroffen ließ er sie los, es war, als ob seine Hände plötzlich alle Kraft verloren hätten. Sie glitt herab und eilte zu ihrem Pferd – aber es war bereits zu spät, denn Devons Freunde hatten den Wald schon erreicht. Harry setzte Mabel die Mündung seines Gewehres auf die Brust, und nur ein erschreckter Zuruf Devons konnte das Schlimmste verhüten.

»Nanu, was ist denn das für ein merkwürdiger Fisch, den wir da gefangen haben?« fragte der Alte erstaunt.

Jim und der Sheriff kamen heran, das junge Mädchen stand gegen ihr Pferd gelehnt und schien sich kaum aufrechthalten zu können. Ihr Blick war zu Boden geschlagen, dicke Tränen liefen ihr über das Gesicht.

»Na, na, nun weinen Sie man nicht«, redete Jim ihr zu, »Sie sollen ja noch nicht gehenkt werden. Umbringen wollen wir Sie nicht. Haben wir Sie so erschreckt, kleine Miss? Ja, dann hätten Sie sich nicht als Junge verkleiden sollen und vor allem nicht auf einen Menschen schießen dürfen. He, Walt, komm du doch mal her und sprich mit ihr, vor mir hat sie offenbar zu große Angst.«

Devon stieg ab und trat näher. Er war vollkommen aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht. Wie war es möglich, daß ein so liebliches, unschuldig dreinblickendes Geschöpf so verworfen sein konnte? Obwohl er ihre Falschheit kannte, hätte er sie am liebsten laufen lassen, doch er durfte nicht vergessen, daß durch ihre Schuld Harry und er beinah getötet worden waren.

»Ich kann Sie mit der Lady bekannt machen, Sheriff«, sagte er bitter.

»Was, Sie kennen sie?« fragte Naxon überrascht.

Jetzt erwachte die Gefangene plötzlich aus ihrem Traumzustand, in den Sorge und Angst sie versetzt zu haben schienen. Sie hob wie flehend die Hände zu Devon und bat schluchzend:

»Lassen Sie mich frei – wenn er mich ins Gefängnis sperrt, bring ich mich um, wahr und wahrhaftig!«

»Großer Gott, so beruhigte sie doch!« sagte Jim. »Du siehst doch, daß sie Todesangst aussteht.«

»Dazu hat sie auch alle Ursache«, entgegnete Devon. »Aber sie wird sich bestimmt nicht umbringen, sondern warten, bis man sie henkt. Sie heißt nämlich Mabel Maynard und ist die junge Lady, die Harry und mich in den Tod geschickt hat, als wir ›Hans im Glück‹ suchen wollten.«

Devon, der lange Zeit im Osten gewesen war, wo weibliche Verbrecher selbstverständlich mit der gleichen Unerbittlichkeit bestraft werden wie deren männliche Kollegen, hatte ganz vergessen, daß im frauenarmen Westen das weibliche Geschlecht eine Sonderstellung einnahm. Hier betrachtete man die Frau in stillschweigendem Übereinkommen als ein Wesen höherer Art und sah in ihr die Verkörperung aller menschlichen Tugenden. Dies alles fiel ihm erst wieder ein, als seine Begleiter ihn mit Entsetzen anstarrten.

Der alte Jim war es schließlich, der das lange Schweigen zuerst brach.

»Du wirst doch hoffentlich nicht etwas behaupten, was du nicht ganz sicher weißt?« fragte er vorsichtig.

»Sie ist bestimmt die Frau, die ›Hans im Glück‹ als ihren Bruder bezeichnet hat«, erwiderte Devon, »und außerdem hat auch er zugegeben, daß sie seine Schwester ist.«

»Es gibt schlechtere Leute als ›Hans im Glück‹«, knurrte der Sheriff.

»Gewiß«, sagte Devon, »ich mag ihn auch recht gern, und schon seinetwegen möchte ich mit Mabel möglichst glimpflich umgehen – aber wir können sie doch wohl nicht gut laufen lassen?«

»Eine einzelne Jungkuh kann doch schließlich nicht viel Unheil in der Herde anrichten«, meinte Harry, »wenn Sie den unpassenden Vergleich verzeihen wollen, Miss.«

Sie nickte mit liebenswürdigem Lächeln dem Alten zu.

»Nicht wahr, Sie wissen, daß ich nichts Unrechtes getan habe?« sagte sie schmelzend und fuhr, zu Devon gewandt, fort: »Sehen Sie, alle die drei Gentlemen glauben mir, und die sind doch viel älter als Sie.«

»Allerdings sind sie das und tausendmal erfahrener als ich – bloß nicht im Umgang mit Weibern Ihrer Art«, entgegnete Devon.

»Reden Sie nicht in dem Ton mit ihr«, flüsterte der Sheriff ihm zu, »das hat außerdem gar keinen Zweck.«

Devon zuckte die Achseln, dann sagte er zu dem jungen Mädchen:

»Sie haben gehört, was für eine Anschuldigung ich gegen Sie erhoben habe. Wenn Sie irgendeine Aufklärung geben können, bin ich der letzte, der Sie eingesperrt wissen will.«

»Es ist alles nicht wahr, was Sie behauptet haben – Sie hassen mich einfach, wenngleich ich mir nicht denken kann, warum.«

»Wir wollen mal die Tatsachen festlegen«, mischte sich jetzt der Sheriff ein. »Es scheint doch, als ob Sie irgendwie an dem Überfall gegen Mr. Devon beteiligt gewesen sind, wie er behauptet.«

»Aber wieso denn nur?« entgegnete das junge Mädchen lebhaft. »Ich habe doch Mr. Devon nicht gebeten, meinen Bruder zu suchen, ich habe nur Mrs. Purley erzählt, was mich hergeführt hat, und die hat ihn dann dazu veranlaßt.«

»Das ändert aber nichts daran, daß wir direkt in die Gewehre hineingeritten sind«, wandte Devon ein.

»Ja«, rief sie erregt, »denn leider erst, nachdem Sie aufgebrochen waren, hörte ich in dem Kosthaus, daß der Mann, der Sie führen sollte – Lewis heißt er ja wohl? – sehr unzuverlässig und gefährlich sei. Da bin ich Ihnen nachgelaufen, um Sie zu warnen, aber Sie hatten schon einen zu großen Vorsprung, und am Rande des Waldes bin ich dann umgekehrt, weil ich mich nicht hinein getraut habe.«

Die drei alten Herren schienen, wie ihr Nicken bewies, jetzt völlig überzeugt zu sein, Devon aber sagte spöttisch:

»Später aber haben Sie dann offenbar Ihre Scheu überwunden, denn sonst hätte ich Sie doch kaum allein in dem gleichen Wald und noch dazu in tiefer Nacht treffen können.«

»Was haben Sie darauf zu erwidern, Verehrteste?« fragte der Sheriff, da Mabel Maynard schwieg.

»Als ich von dem schändlichen Verdacht erfuhr, in dem man mich in West-London hatte, bekam ich eine Todesangst und bin einfach davongelaufen«, erzählte sie sehr geläufig, »und mitten im Wald bin ich dann Mr. Devon begegnet –«

»Da hatte sich Ihre Todesangst aber schon gründlich gelegt«, unterbrach Walter sie mit bitterem Hohn.

»Da hatte ich ja auch keine Ursache mehr, Angst zu haben«, erwiderte sie schlagfertig, »denn ich wußte bereits, daß Sie ein Gentleman sind, Mr. Devon!«

»Und wieso haben Sie in der Zwischenzeit das bewußte Signal pfeifen gelernt?«

»Was für ein Signal?«

»Ach, haben Sie das inzwischen wieder vergessen?«

Leise pfiff er die Tonfolge, die er so oft schon gehört.

»Richtig, jetzt entsinn ich mich«, sagte sie nachdenklich.

»Das freut mich«, erwiderte Devon, »dann können Sie ja auch wohl meine Frage beantworten?«

»Als ich an jenem Abend durch den Wald ging«, erzählte sie, »traf ich plötzlich einen Mann –«

»Wie sah denn der aus?« unterbrach sie Devon.

»Sehr dick war er, und statt der Hosenträger hatte er nur einen Strick um den Leib, und – er war sehr groß.«

»Das ist ja eine erschöpfende Personalbeschreibung«, meinte Devon lächelnd. »Na, und wie geht die Sache weiter?«

»Ich war natürlich sehr erschrocken und blieb stehen, und da fragte er mich, wohin ich wolle, und ich erwiderte, ich ginge nur spazieren.«

»Das klingt doch aber sehr unwahrscheinlich.«

Sie bezog Devons Einwand offenbar in absichtlichem Mißverstehen auf ihre damalige Antwort, denn sie fuhr fort:

»Ich wußte nicht, was ich sonst sagen sollte, ich konnte vor Angst kaum atmen. Aber er war ganz liebenswürdig und meinte nur, es sei sehr unvorsichtig von mir, da ich mich leicht verlaufen könne. Schließlich erzählte er mir noch, daß in dem Wald Leute lebten, und wenn ich mich wirklich mal verirren sollte, brauche ich nur so, wie er es mir vormachte, zu pfeifen, dann würde sicher jemand kommen und mich auf den richtigen Weg zurückbringen.«

»Und warum haben Sie denn gepfiffen, als Sie mich trafen?« fragte Devon weiter.

»Weil Sie mir Angst eingejagt haben. Da fiel mir der Pfiff wieder ein. Warum Sie dann aber so plötzlich davongestürzt sind, weiß ich heutigentags noch nicht.«

»Na ja«, meinte Jim, das klingt doch alles recht einleuchtend.

»Was – glaubst du etwa diesen Unsinn?« fragte Devon ärgerlich. »Hältst du es für möglich, daß der dicke Mann, den sie da erfunden hat, so gottvergessen dämlich gewesen wäre, einem unbekannten Mädel, dem er zufällig im Walde begegnet, das geheime Signal einer Verbrecherbande zu verraten, und daß sie bei dem Zusammentreffen mit mir absichtslos dies Signal gegeben hat?«

»Ich kann mir nicht helfen – mir leuchtet das ein«, murmelte Jim.

»Würden Sie mir freundlichst sagen, wo Sie die ganze Zeit über gewohnt haben?« fragte der Sheriff jetzt das junge Mädchen.

»Gewiß – bei Mr. und Mrs. Gregory Wilson«, erwiderte sie rasch.

»Gregory kenn ich als einwandfreien Ehrenmann«, nickte Naxon, »und seine Frau ist gleichfalls über jeden Verdacht erhaben. Sie hätten als alleinstehende junge Lady gar kein geeigneteres Haus finden können. Was sagen Sie dazu, Devon?«

Walter zuckte die Achseln.

»Wahrscheinlich hat sie Mr. Wilson auch im Walde kennengelernt«, sagte er höhnisch.

»Das stimmt sogar«, erwiderte sie lebhaft, »aber Mr. Wilson hat mich nicht erschreckt –«

»Sondern Ihnen sein Haus als Wohnung zur Verfügung gestellt?«

»Gewiß.«

»Und warum?«

»Weil ich müde und hungrig war – und wahrscheinlich, weil ich ein bißchen geweint habe.«

»Schön – dann bitte ich nur noch um Auskunft, was Sie mitten in der Nacht und noch dazu in Männerkleidung auf meinem Grundstück hier zu suchen hatten.«

»Mein Kleid war sehr abgetragen, und da mir der Anzug von Mr. Wilsons Sohn gerade paßte – das Pferd ist auch Mr. Wilsons Eigentum –«

»Das erklärt, wie Sie zu Anzug und Pferd gekommen sind, aber noch immer nicht, wieso wir Sie hier getroffen haben.«

»Ich konnte nicht schlafen«, erwiderte sie, »die Sorge um meinen Bruder hielt mich wach, und da bin ich aufgestanden, um mich müde zu machen – es ist ja eine so prachtvolle Mondnacht. Ich bin immer der Nase nach geritten; daß ich gerade hierhergekommen bin, ist reiner Zufall. Ich war durstig geworden, und da ich das Wasser sah, bin ich abgestiegen, doch dann hab ich gemerkt, daß es schmutzig war, und da –«

»Kamen wir über die Hügel«, unterbrach sie der Sheriff, »und haben Ihnen einen Todesschrecken eingejagt.«

»Ja, aber der ist ja nun, Gott sei Dank, überstanden«, sagte sie aufatmend »und die schreckliche Hetzjagd auch –«

»Bei der Sie mir den Schädel mit Ihren Schüssen zerschmettern wollten«, ergänzte Devon trocken.

»Bitte sehr – ich habe nur in die Luft gefeuert, um Sie von der Verfolgung abzuhalten«, entgegnete sie, Devon anlächelnd. »Allerdings hätte ich mir ja sagen müssen, daß ein Mann wie Sie durch nichts von einem Vorhaben abgebracht werden kann.«

Devon antwortete nicht auf diese – wie es ihm vorkam – recht plumpe Schmeichelei; auch die anderen drei schwiegen.

»Was werden Sie nun mit mir tun, Sheriff?« fragte das junge Mädchen schließlich. »Ich hoffe doch, Sie haben sich davon überzeugt, daß ich nichts Unrechtes getan habe?«

»Aber selbstverständlich, meine Verehrteste«, erwiderte Naxon, »Sie sind frei und können hingehen, wohin es Ihnen beliebt.«

»Vielen herzlichen Dank!«

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