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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 31
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
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Dreißigstes Kapitel

Der Sheriff und Devon eilten zur Tür, aber sie fanden nur eine neugierige Menge, die auf dem Wege zu den nahen Saloons gewesen war. Einige glaubten, zwei Männer an der Gefängnistür gesehen zu haben, behaupteten aber, nicht zu wissen, in welche Richtung sie sich gewandt hätten, auch erkannt wollte niemand sie haben. Offenbar traute sich keiner, eine bestimme Aussage zu machen.

Jetzt traten Vinzent Tucker und sein Vorarbeiter Charlie Way aus der Menge und boten dem Sheriff ihre Dienste an. Tucker, ein kleiner, dunkler, ausgetrockneter Mensch, trug stets Handschuhe mit großen Stulpen aus steifem Kalbleder, deren Finger aber aus unwahrscheinlich dünnem Ziegenleder waren, so daß er, wie man sich erzählte, jede Woche ein neues Paar brauchte; aber der teure Spaß lohnte sich, denn das geschmeidige Leder gestattete ihm, den Colt schnell zu ziehen und sicher zu schießen.

»Leider ist im Augenblick nichts zu tun«, entgegnete ihnen Naxon. »Wie so oft, muß die menschliche Gerechtigkeit abwarten. Das Schlimme ist nur, daß hier in West-London kein Mensch was gesehen haben will.«

Trotz dieser Absage begleiteten Tucker und Way ihn ins Gefängnis, um sich den Toten einmal näher anzuschauen.

»Der Mann, der den Schuß abgegeben hat, ist ein erfahrener Fachmann«, meinte Tucker. »Er hat genau gewußt, wohin er treffen mußte, um diesen Mund sofort zum Verstummen zu bringen – mitten zwischen die Augen! Und das beim Schein einer Laterne – wahrhaftig eine Kunstschützenleistung.«

Sammy Green wurde dann dem Gefängniswärter übergeben, der das Nötige für seine Beerdigung veranlassen sollte, natürlich erst, nachdem man seine Taschen genau untersucht hatte. Sie enthielten jedoch nichts Wesentliches. Das einzig Merkwürdige war ein Stück Papier, in das eine größere Menge irgendeines glitzernden Stoffes eingewickelt war.

»Das sind wohl Messingfeilspäne?« fragte der alte Harry.

»Nein, aber Goldstaub«, erwiderte der Sheriff und schloß das Papier in den Schreibtisch des Dienstraumes ein.

»Dies lächerliche Zeug ist nun das, wofür die Leute hier leben«, sagte Jim nachdenklich. »Ob Green das wohl selber gefunden hat?«

»Er hat hier nicht nach Gold gegraben«, antwortete der Sheriff, »also hat er's wahrscheinlich einem anderen geklaut. Na, Friede seiner Asche – aber da er selbst nichts mehr sagen kann, müssen wir mal zusehen, ob uns Sammy Greens gestohlene Kühe nicht Näheres verraten.«

»Ja, wenn Kühe reden könnten!« meinte Harry.

»Ich werde sie zum Reden bringen«, versicherte Naxon, »verlassen Sie sich darauf. Es gibt keinen kanadischen oder texanischen Stier, der mir nicht alles erzählt, was ich wissen will – durch die Spuren nämlich, die er auf dem Boden hinterläßt. Sofort geh ich an die Arbeit, denn unter allen Umständen will ich die Bande unschädlich machen. Schon dafür, daß die Kerle mir zum erstenmal, seit ich Diener des Gesetzes bin, einen Gefangenen aus den Händen gerissen haben, sollen sie büßen!«

»Regen Sie sich doch nicht auf«, suchte Jim den Sheriff zu beruhigen, der die letzten Worte, im Gegensatz zu seiner sonstigen Gelassenheit, mit zornbebender Stimme gesprochen hatte, »und vor allen Dingen: morgen ist ja auch noch ein Tag.«

Da der Sheriff jedoch darauf bestand, noch heute abend seine Nachforschungen zu beginnen, holten die anderen ihre Pferde und schlossen sich ihm an. Zunächst ritten sie zu dem Saloon, aus dem Devon Sammy Green abgeholt hatte, da Naxon annahm, daß deren Wirt etwas Näheres über den Toten wisse, der sein Stammgast gewesen war.

Als sie, einer hinter dem anderen, den Schankraum betraten, empfing sie der Wirt mit einer bestürzten Frage:

»Ist es denn wahr, daß Sammy Green erschossen worden ist?«

Der Sheriff nickte.

»Das versteh ich nicht,« entgegnete der Wirt. »So ein guter, harmloser Junge, der keinem Menschen etwas zuleide getan hat!«

»Man hat ihm wohl die Rinder nicht gegönnt, die er irgendwo im Gebirge besitzt«, sagte Naxon. »Wenn ich wüßte, wo sie sich befinden, würde ich sie holen und sie für Sammys Mutter sicherstellen, denn der armen Frau soll's ja nicht zum besten gehen.«

Der Wirt machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Ich weiß nicht, war's Sammy selbst, der es mir gesagt hat, oder jemand anders, aber mir ist's, als hätt ich gehört, daß er oben beim ›Toten See‹ eine Herde auf der Weide hat.«

»Vielen Dank«, erwiderte der Sheriff, »dann werd ich dort mal gelegentlich nachsehen.«

Kurz darauf verließen sie den Saloon.

»Nun, meine Herren«, fragte Naxon, als sie im Sattel saßen, »was hat dieser Wirt für einen Eindruck auf sie gemacht? Kann man ihm trauen?«

»Ich halt ihn für den verlogensten Hund, dem ich je begegnet bin«, sagte Jim.

»Ich würde ihm auch nicht über den Weg trauen«, meinte Devon.

»Das freut mich«, erwiderte Naxon, »denn mein Urteil über ihn stimmt mit den Ihren vollkommen überein. Da der ›Tote See‹, von dem er gesprochen hat, nach Süden liegt, denk ich, wir wählen die entgegengesetzte Richtung.«

»Das wäre also der Chimmey Canyon auf der anderen Seite der Timbal-Schlucht?« fragte Jim.

»Aber da kann doch kein Mensch Rinder versteckt halten, da wächst doch überhaupt kein Gras«, wandte der alte Harry ein.

»So, was du nicht alles weißt. Bist du denn überhaupt schon mal dort gewesen?«

»Gewiß.«

»Wann?«

»Vor längerer Zeit mal – im Winter.«

»Lag da Schnee?«

»Freilich – hoher sogar.«

»Da ist's natürlich kein Wunder, daß du kein Gras gesehen hast! Sie haben ganz recht, Naxon, wir müssen nach Norden. Außerdem gibt's da massenhaft Schluchten, in denen man Kühe verstecken kann. Lassen Sie sich bloß mit Harry in keine Erörterung ein, sonst stehen wir übermorgen mittag auch noch hier.«

Der Sheriff lachte und ritt dann in nördlicher Richtung davon.

Der Chimmey Canyon, den sie nach einem scharfen Ritt erreichten, lag wie ein schwarzer, enger Riß in dem Felsen vor ihnen, der weiß im Mondlicht schimmerte. Der Eingang dazu war so schmal, daß kaum zwei Reiter nebeneinander Platz hatten.

»Ein oder höchstens zwei Kerle könnten hier allerdings Mus aus uns machen«, meinte der Sheriff bedenklich, »und wenn es Tag wäre, würde ich einen von euch da hinaufschicken, damit er sich die Geschichte erst einmal von oben genauer anschaut.«

»Ach was«, entgegnete Jim lachend, »bei Nacht stirbt sich's viel besser, da sieht man nichts, wenn das Auge bricht, und hat darum auch kein Heimweh nach der Welt, wenn man erst drüben ist. Kommen Sie nur, Sheriff, ich höre die Kühe beinah schon brüllen – da rechts vorne.«

Jetzt lachten alle und ritten in die tiefe Schlucht ein, in der es so dunkel war, daß sie nicht die Hand vor den Augen sehen konnten, obwohl hoch über ihren Köpfen mondbeglänzte Wolken segelten.

Als sie um eine fast rechtwinklige Biegung kamen, hörten sie in der Ferne Hufgetrappel und dann tatsächlich ein Geräusch, das nur das Brüllen eines Rindes sein konnte, wenn auch verstärkt durch das Echo, das von den Felsen widerhallte.

»Vorwärts marsch-marsch!« rief der Sheriff. »Wir müssen sie einholen!«

Sie galoppierten so rasch, wie es bei der undurchdringlichen Finsternis möglich war. Plötzlich hörten sie ein merkwürdiges, dumpfes Rollen, und kurz vor ihnen sauste ein riesiger Felsblock die steile Wand herab, Sand und Geröll mit sich reißend und eine mächtige Staubwolke aufwirbelnd, die sich bis hoch hinauf in den Mondschein erhob. Als sie sich verzogen hatte, mußten sie feststellen, daß der Weg völlig verschüttet war.

Die Wut des Sheriffs kannte keine Grenzen, vergebens versuchte er, sein Pferd über das Hindernis hinwegzubringen, doch es fand in den abrutschenden Massen keinen Halt. Schließlich sprang er ab und kletterte zu Fuß hinauf; in der Ferne vernahm er deutlich das Stampfen und Brüllen einer Herde – das Geräusch wurde schwächer und erstarb schließlich ganz.

»Da ist ja nun nichts mehr zu machen«, meinte Jim schicksalergeben. »Unsere Gäule kriegen wir nicht darüber weg, und zu Fuß den Kerlen nachlaufen, wäre sinnlos. Also wollen wir ruhig nach Hause reiten – guter Rat kommt über Nacht.«

Damit war jedoch der Sheriff durchaus nicht einverstanden, verbissen suchte er nach irgendeinem Ausweg. Sie durften diese Möglichkeit, den Dingen auf die Spur zu kommen, nicht aus der Hand lassen. Er schlug darum vor, zurückzureiten und zu versuchen, die andere Seite der Schlucht oben auf der Höhe zu erreichen. Jim wies ihm jedoch nach, daß dies keinen Zweck habe, denn ihr Weg würde so häufig durch tiefe Quertäler unterbrochen, daß die Diebe mit der gestohlenen Herde einen viel zu großen Vorsprung gewännen. Außerdem würden sie sicher die Tiere in kleine Gruppen teilen und diese irgendwo in dem Schluchtengewirr verstecken.

Naxon sah das schließlich ein, und so machten sie sich niedergeschlagen auf den Rückweg. Da sie jetzt einem anderen Ende der Stadt zustrebten, kamen sie nach einer Weile an Devons Ranch vorbei. Im Schein des Mondes sahen sie den schwarzen Fleck, wo einst die Blockhütte gestanden hatte, in der die beiden Alten gehofft hatten, ihre Tage zu beschließen.

»Wie wär's denn, wenn wir uns den Schutt da mal genauer ansähen?« schlug Harry vor. »Vielleicht findet man irgendeinen Anhaltspunkt, der einen Rückschluß auf die Täter ermöglicht.«

»Red doch nicht so entsetzlich geschwollen – wir glauben auch so, daß du ein belesener Mann bist«, erwiderte Jim. »Außerdem ist's natürlich Blödsinn, was du sagst, denn wo ich am Tag nichts gefunden habe, wirst du bei Nacht erst recht nichts entdecken.«

»Das kann man gar nicht wissen«, behauptete Harry hartnäckig. »Du warst damals erregt. Der Mond scheint so hell –«

»Schrecklich, wenn so ein Dickkopf alt wird!« unterbrach ihn Jim. »Es wurmt dich natürlich bloß, daß wir so ohne jeden Erfolg nach Hause zotteln müssen.«

Der Sheriff, der diesen Familienzwist vergnügt lächelnd mit angehört hatte, hob plötzlich den Arm, um die anderen zurückzuhalten.

»Diesmal scheint Harry recht gehabt zu haben«, sagte er leise. »Da am Rande des Staubeckens kniet ein Mann. Es sieht aus, als ob er betet.«

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