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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 30
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Das Innere des Gefängnisgebäudes bildete einen einzigen großen Raum – bis auf ein Bürozimmer in der einen und die Küche in der anderen Ecke – und war durch dicke Stahlgitter in einzelne Zellen geteilt, zwischen denen sich zwei enge Gänge, der eine der Breite, der andere der Länge nach, befanden. Wo diese Gänge sich schnitten, war ein viereckiger Platz, auf dem mehrere Stühle für die Wächter standen.

Auf diesen nahmen jetzt Devon, der Sheriff und Sammy Green Platz, während Harry und Jim, die natürlich auch anwesend waren, es vorzogen, sich mit ihren Flinten an der Vorder- und Hintertür aufzustellen. »Denn«, sagte Harry, »man kann nie wissen, ob sich nicht plötzlich ein Wind erhebt, der die schönsten Pläne zerweht.«

Der Sheriff war mit dieser Maßnahme durchaus einverstanden und sandte den Wächter in das Bürozimmer, um dessen Fenster im Auge zu behalten, denn es war zu erwarten, daß der Pfiff des Gefangenen, wenn Devon ihn auch unterbrochen hatte, doch die Ohren der Leute erreicht hatte, für die er bestimmt war, und die dann wahrscheinlich alles daransetzen würden, Green zu befreien.

»Wie wäre es denn, wenn wir die beiden Seitentüren da ein bißchen verrammelten?« fragte Jim, ehe er seinen Posten bezog.

»Das ist nicht nötig, die sind solid genug«, erwiderte der Sheriff. »Außerdem sind sie fest verschlossen, denn sie werden nie benutzt, und die Schlüssel dazu befinden sich in meiner Wohnung.«

Da sich im Augenblick kein anderer Gefangener in Haft befand – die Zellen bevölkerten sich meist erst im Laufe der Nacht – konnte das Verhör Sammy Greens gleich an Ort und Stelle vor sich gehen.

Der gute Mann war selbstverständlich empört darüber, daß man ihn festgenommen hatte.

»Das ist ja glatte Freiheitsberaubung«, keifte er. »Ich finde es einfach unerhört, daß Sie, Sheriff, sich zu so etwas hergeben! Wie können Sie mich von einem Menschen verhaften lassen, der weder Ihr Stellvertreter noch überhaupt ein vereidigter Beamter ist?«

Er hatte sich so in Hitze geredet, daß er sich den Kragen lockern mußte.

»Ich gebe ohne weiteres zu, daß ich vielleicht nicht ganz gesetzmäßig vorgegangen bin, aber ungewöhnliche Verhältnisse, wie sie jetzt in West-London herrschen, erfordern eben auch ungewöhnliche Maßnahmen.«

»Ja, zum Donnerwetter noch einmal, Sie können doch als Sheriff nicht x-beliebige Leute auf die Bürger loslassen! Glauben Sie denn, daß wir uns das gefallen lassen werden?«

»Nun beruhigen Sie sich nur und erzählen Sie mir lieber, was geschehen wäre, wenn ich in den Saloon da draußen gegangen wäre und Sie ersucht hätte, mit mir zu kommen.«

»Wieso? Selbstredend wär ich ruhig mitgekommen«, erwiderte Sammy Green. »Ich habe von dem Gesetz nichts zu befürchten.«

»Wenn ich gewußt hätte, daß Sie sich so schuldlos fühlen, hätte ich den Weg vielleicht selber gemacht – aber, sehen Sie, ich habe an eine Familie zu denken und begebe mich in Gefahr nur, wenn es unbedingt nötig ist. Sie haben nämlich so verdammt gute Freunde in der Stadt, und die sind nicht alle solche Unschuldslämmer wie Sie.«

Es war inzwischen dunkel geworden, der Wärter brachte eine Lampe, doch der Sheriff schickte ihn damit zurück.

»Wenn hier Licht ist«, sagte er, »bieten wir zu gute Ziele. Man soll die Menschen nicht unnütz in Versuchung führen.«

Als der Wärter gegangen war, wurde Green energisch.

»Ich verlange jetzt, zu wissen, wessen man mich beschuldigt«, sagte er herausfordernd.

»Das werde ich Ihnen gleich sagen, mein Sohn«, entgegnete der Sheriff. »Vorher aber wollen wir uns noch ein bißchen unterhalten, denn Sie wollen doch sicher dem Gesetz helfen, nehm ich an?«

»Ach, Sie denken, Sie können mich dumm machen?« erwiderte Green. »Erst will ich wissen, was man mir vorwirft!«

»Nur ein paar Kleinigkeiten: Mordversuch, Viehdiebstahl und Brandstiftung.«

Green richtete sich in dem Stuhl auf – Devon bedauerte, daß er sein Gesicht nicht mehr sehen konnte, denn er war überzeugt, daß man von ihm ein unfreiwilliges Schuldbekenntnis hätte ablesen können.

Eine Weile herrschte tiefes Schweigen, dann klirrten die Handfesseln, die man dem Gefangenen angelegt hatte, und Sammy sagte:

»Das ist natürlich alles erlogen und erstunken.«

»Hoffentlich«, meinte der Sheriff.

»Gegen wen soll ich denn einen Mordversuch gemacht haben?«

»Gegen Mr. Devon hier, auf den Sie bei einem Überfall im Wald geschossen haben.«

»Ich?« fragte Green in einem merkwürdig weinerlichen Ton. »Aber das ist doch eine glatte Lüge.«

»Hoffentlich«, wiederholte Sheriff Naxon milde, »mir macht's auch keinen Spaß, einen Menschen henken zu lassen.«

»Wieso?« fuhr Sammy auf. »Selbst wenn ich schuldig wäre – was ich aber nicht bin –, für einen versuchten Mord wird man doch nicht gehenkt!«

»Nicht immer. Zwanzig, dreißig Jahre Zuchthaus genügen dafür meistens auch, wenn die Bürger die Sache nicht selbst in die Hand nehmen.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Haben Sie noch nie etwas von Lynchen gehört?«

»Um Gottes willen, wollen Sie mich dem aussetzen?«

»Ich?« verwahrte sich der Sheriff entrüstet. »Freiwillig gewiß nicht – aber es könnte doch sein, daß das Gefängnis gestürmt wird, und gegen die ganze Stadt bin ich natürlich machtlos.«

»Aber es liegt doch keinerlei Beweis gegen mich vor«, ächzte Sammy Green.

»Also, dann lassen wir mal vorläufig den Mordversuch beiseite. Wie steht's denn mit dem Viehstehlen und Brandstiften? In beiden Fällen ist übrigens auch Mr. Devon der Leidtragende.«

»Damit hab ich ebensowenig zu schaffen«, antwortete Green verbissen.

»Das wäre ja äußerst erfreulich, aber Sie müßten es auch beweisen können.«

»Im Gegenteil – Sie müssen mir meine Schuld nachweisen«, rief Green, wieder Mut fassend, »und Sie haben auch nicht die Spur von einem Beweis dafür.«

»Du verdammter Schurke«, schrie da der Sheriff so laut, daß sogar Devon erschrocken zusammenfuhr, »du hast Devons Kühe an einen Schlächter verkauft und dabei übersehen, daß einige an den Hörnern gezeichnet waren – ist das vielleicht kein Beweis? Jedenfalls genügt er, dich baumeln zu lassen, du verlogener Hund! Aber ich will dir Gelegenheit geben, deinen Hals zu retten, wenn du als Kronzeuge gegen die übrige Bande auftreten willst, denn uns liegt hauptsächlich daran, die leitenden Köpfe zu fassen.«

Green war so weiß geworden, daß man es sogar bei der herrschenden Dunkelheit sehen konnte; durch das nach Westen gehende Fenster fiel noch ein Schimmer des verdämmernden Abends.

»Wenn ich selbst reden wollte«, stöhnte jetzt der Gefangene, »ich werde ja in Stücke gerissen –«

»Dagegen werden wir Sie schon schützen«, sagte der Sheriff wieder in seinem vorigen Ton. »Wenn Sie auf die Seite des Rechts treten, brauchen Sie vor Ihren ehemaligen Freunden keine Angst zu haben. Also wie steht's: wollen Sie Ihren Kopf aus der Schlinge retten, in der er steckt?«

»Großer Gott«, ächzte Sammy, »ich will doch noch nicht sterben, ich kann noch nicht sterben mit so vielen Sünden auf dem Gewissen –«

»Dann zeigen Sie Reue, erleichtern Sie Ihr Herz, nennen Sie mir den Anführer der Mörderbande.«

»Ja, ja – ich will reden. Haben Sie jemanden in Verdacht?«

»Wir wollen hier keine Fragen beantworten, sondern Sie haben unsere Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten.«

»Gut«, sagte Sammy Green, tief Atem holend, »der Anführer ist –«

Er sprang plötzlich auf die Füße.

»Da sind sie schon!« schrie er.

Devon drehte sich um: durch die südliche Seitentür fiel ein Lichtstrahl, ein Schuß krachte – und Sammy Green stürzte zu Tode getroffen zusammen.

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