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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 28
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Der alte Jim trat in den Fleischerladen und ließ seinen Blick über die an den Wänden hängenden geschlachteten Tiere schweifen, während der Schlächter, einen Bleistift hinter dem Ohr und ein großes Hackmesser in der Hand, erwartungsvoll dastand.

Es war um die stillste Zeit des Tages; ein träger, schläfriger Nachmittag brütete draußen, nur ab und zu drang aus weiter Ferne ein Hammerschlag herüber, im übrigen aber schien die Stadt wie ausgestorben. West-London war um drei Uhr nachmittags so menschenleer wie die meisten anderen Städte um drei Uhr morgens, und so hatte der Schlächter Muße genug, sich seinem Kunden eingehend zu widmen.

»Nun, was soll's denn sein, Nachbar?« fragte er nach einer Weile. »Ein schönes Bruststück? Auch Keule kann ich Ihnen heute sehr empfehlen.«

»Nein, danke, ich möchte nichts kaufen«, erwiderte Jim, »ich seh mir das Fleisch nur an – es kommt mir so bekannt vor.«

Der Schlächter, ein junger, rothaariger Mann, dessen Augenbrauen nur einen blassen Strich in seinem dicken, aufgeschwemmten Gesicht bildeten, war, wie fast alle Menschen seines Aussehens und seines Umfanges, äußerst selbstbewußt. Er schlug mit der rotgesprenkelten Linken auf den Hackblock und lachte.

»Das kann ich mir denken«, sagte er, »der Anblick von frischem Fleisch muß für Leute wie Sie, die ihr ganzes Leben auf der Weide draußen zugebracht und nur von eingemachten Tomaten und Büchsenfleisch gelebt haben, erfreulicher sein, als für andere ein Strauß blühender Rosen.«

»Das auch«, erwiderte Jim. »Aber vor allem macht es mir Spaß, sechs Kühe, die keinem Cowboy mehr Mühe und Arbeit machen können, so friedlich in einer Reihe hängen zu sehen.«

»Sind Sie immer in dem Beruf gewesen, oder haben Sie auch manchmal in Städten gearbeitet?«

»Nein – Städte kann ich nicht leiden, ich war immer Cowboy, schon als die Prärien noch von Büffeln und Indianern wimmelten.«

Der Schlächter fuhr mit der Zungenspitze über die Lippen, seine Augen funkelten.

»Donnerwetter«, sagte er, »damals muß die Sache Spaß gemacht haben. Zu Hunderten wurden doch immer die Büffel niedergemacht, nicht?«

»Wie die Fliegen konnte man sie fallen sehen.«

Der Schlächter stützte das Kinn nachdenklich in die Hand, Jim aber prüfte die hängenden halben und Viertelkühe weiter und schüttelte dabei wiederholt den Kopf.

»Gefällt Ihnen meine Ware nicht?« fragte schließlich der Fleischer.

»Ich weiß nicht recht«, erwiderte Jim, »eigentlich sehen die Tiere alle aus, als ob sie in einem Armenhaus groß geworden wären.«

Der Schlächter lachte wieder.

»Da haben Sie gar nicht mal so unrecht«, sagte er. »Viel überflüssiges Fett ist nicht vorhanden, und Mark in den Knochen kaum so viel, daß ein Hund, der etwas auf sich hält, danach schnappen würde.«

»Wahrscheinlich haben die Tiere auf dem Transport so gelitten«, meinte Jim, diplomatisch auf sein Ziel lossteuernd. »Ein langer Aufenthalt in den geschlossenen Viehwagen nimmt namentlich ältere Rinder ja immer stark mit.«

Der Schlächter schüttelte sich vor Lachen.

»Nein, nein«, sagte er glucksend, »eine lange Eisenbahnfahrt ist wohl das einzige, was den armen Viechern erspart worden ist.«

Jim setzte eine fachmännische Miene auf.

»Kann ich mir nicht denken«, erwiderte er, »sogar dem Fleisch sieht man doch noch an, daß die Tiere aus Iowa stammen.«

Jetzt kannte die überlegene Heiterkeit des guten Mannes keine Grenzen mehr.

»Lieber Freund«, sagt er, als seine auf und ab tanzenden Fettmassen einigermaßen wieder in ihre natürliche Lage zurückgefunden hatten, »von Büffeln mögen Sie vielleicht etwas verstehen, von Kühen aber haben Sie keine Ahnung.«

»Wieso?« entgegnete Jim scheinbar tief gekränkt. »Wollen Sie etwa behaupten –?«

»Allerdings will ich behaupten, daß Sie sich gründlich irren«, unterbrach ihn der Schlächter. »Die Tierchen haben Iowa nie gesehen, sondern stammen aus allernächster Nähe – ich hab sie nämlich erst vor einigen Tagen von Sam Green gekauft.«

Jim schüttelte den Kopf.

»Glauben Sie mir vielleicht nicht?« brauste der Fleischer auf.

»Doch, doch«, versicherte Jim bereitwilligst, »aber ich hätte nie gedacht –«

»Ja, ja, man wird alt, lieber Freund«, entgegnete der Schlächter gönnerhaft. »Übrigens hab ich noch allerlei zu tun.

Jim entschuldigte sich, daß er seine kostbare Zeit so ungebührlich lange in Anspruch genommen habe, und empfahl sich. Vergnügt vor sich hin pfeifend eilte er zum Sheriff, den er in seinem kleinen Gärtchen schweißüberströmt ein Gemüsebeet umgrabend fand.

»Kennen Sie einen Mann namens Sam Green?« fragte er ihn.

»Freilich – vor kaum einer Stunde bin ich ihm sogar auf der Straße begegnet. Warum denn?«

»Dann möcht ich Sie ersuchen, ihn festzunehmen – er ist nämlich ein Viehdieb und Brandstifter!«

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