Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 22
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
Schließen

Navigation:

Einundzwanzigstes Kapitel

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Devon aus einem wirren Traum erwachte. Es war Jim, der ihn durch energisches Klopfen an die Tür weckte und ihm zurief:

»Vorwärts, steh auf, Walt! Harry ist schon nach dem Gefängnis vorangegangen, um Näheres zu erfahren – er hat nämlich verdammt recht gehabt mit seiner Prophezeiung. Die Postkutsche nach Auburn ist heute früh überfallen worden; die ganze Stadt ist in heller Aufregung – es wird sich empfehlen, daß wir auch hingehen.«

Devon zog sich in aller Eile an und machte sich dann sofort mit Jim auf den Weg zum Gefängnis. Unterwegs konnte sich der Alte nicht genugtun an Bewunderung über Harrys Klugheit.

»Donnerwetter ja, der alte Knabe hat ein Köpfchen!« sagte er ein über das andere Mal. »Genau, wie er's vorausgesagt hat, ist's gekommen: der Kerl, der's auf dich abgesehen hat, hat zu viele Gauner gegen dich mobil gemacht – nun ist der Topf übergekocht, und auf die Weise können wir sie vielleicht fassen.«

Vor dem Gefängnis schien bereits die halbe Stadt versammelt zu sein; überall standen lebhaft, aber gedämpft sprechende Gruppen zusammen. Es hieß, daß mehr als hundert Berittene in verschiedenen Abteilungen die ganze Umgegend nach den Tätern durchstreiften, deren Verbrechen außergewöhnlich brutal ausgeführt worden war.

Die Postkutsche, die West-London beim ersten Morgengrauen mit sieben Reisenden und zweihundert Pfund ungemünzten Goldes verlassen hatte, war keine zwei Meilen von der Stadt entfernt überfallen worden, wobei die Räuber mit unnötiger Roheit vorgegangen waren. Nicht nur alle sechs Pferde hatten sie erschossen, sondern auch den bewaffneten Begleiter buchstäblich mit Kugeln zerfetzt, so daß er tot vom Bock stürzte, während der Kutscher schwerverletzt im Staub liegenblieb.

Die erschreckten Reisenden waren abgesprungen und hatten, ihr Hab und Gut im Stich lassend, im nahen Unterholz Schutz gesucht. Die maskierten Räuber aber hatten die Postkutsche, nachdem sie sie ausgeplündert, auch noch angezündet, so daß nur Asche und verbogene Eisenteile übriggeblieben waren.

Besonders erbittert hatte es die Einwohner von West-London, daß die Banditen den Kutscher auf den Rücken gedreht und sein Gesicht mit Fußtritten bearbeitet hatten, um zu sehen, ob er noch ein Lebenszeichen von sich gäbe. Obwohl der Mann bereits wieder zur Besinnung gekommen war, hatte er es fertiggebracht, sich nicht zu rühren, so daß sie schließlich von ihm abließen und verschwanden.

Einige der Reisenden waren quer durch den Wald zur Stadt zurückgelaufen und hatten dort den Überfall gemeldet, worauf der Sheriff sich sofort an die Verfolgung der Verbrecher gemacht hatte. Den übel zugerichteten Kutscher hatte man im Gefängnis untergebracht, weil dort ein gesonderter Raum vorhanden war, der in Notfällen als Krankenzimmer diente. Außer dem Arzt befanden sich hier noch mehrere Männer bei ihm, die jedes Wort, das der Ärmste, der mit dem Tode rang, sprach, gewissenhaft der draußen wartenden Menge mitteilten.

Die Einwohner von West-London waren im allgemeinen alles andere als zart besaitet, aber das war denn doch selbst für ihre widerstandsfähigen Nerven zuviel. Alle schrien nach Rache, die ganze Stadt fieberte, kein Mensch arbeitete heute in der Timbal-Schlucht. Alles stand herum und lauerte auf die Rückkehr des Sheriffs und der ausgesandten Aufgebote, obwohl diese in Stunden noch nicht zurück sein konnten.

Schließlich trat Harry aus dem Gefängnisgebäude, arbeitete sich mühsam durch die erregte Menschenmenge bis zu seinen beiden Freunden durch und erzählte ihnen ausführlich, was er drinnen vernommen hatte.

Den wichtigsten Punkt seines langen Berichts sah Devon in einer Nebensächlichkeit: vor dem Überfall hatten nämlich die Reisenden einen langgezogenen Pfiff gehört, der an den Schrei irgendeines Vogels erinnerte.

Er führte also die beiden Alten zunächst einmal in ein Restaurant; das ein paar Chinesen bewirtschafteten, und während sie dort frühstückten, teilte er ihnen sein gestriges Erlebnis mit Jerry Noonan mit und sein unvermutetes Zusammentreffen mit der schönen Mabel Maynard. Harrys Annahme sei also richtig. Der merkwürdige Pfiff beweise, daß die Leute, die gegen ihn angesetzt seien, auch den Überfall auf die Postkutsche ausgeführt hätten.

Harry und Jim waren aufmerksam seinen Ausführungen gefolgt und fragten, als er geendet, wie aus einem Mund, ob er glaube, die Stelle im Walde, wo er das junge Mädchen getroffen habe, wiederzufinden. Er bejahte das, wenn auch zögernd, und da erklärten sie, er müsse sie unbedingt dorthin führen, denn es sei sonnenklar, daß die schöne Fremde in irgendeiner Weise mit der Bande zusammenhinge und zweifellos im Begriff gewesen sei, sie aufzusuchen, als Devon sie aufgehalten habe.

Gegen diesen Vorschlag, so vernünftig und naheliegend er ihn fand, sträubte sich Devon innerlich – ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, daß es besser für ihn sei, der Spur dieses gefährlichen Mädchens nicht nachzugehen. Doch da es ihm kaum möglich gewesen wäre, diese unklaren Empfindungen in Worte zu fassen, willigte er darein, und bereits zehn Minuten später verließen die drei die Stadt, die beiden Alten mit ihren Gewehren, Devon nur mit einem Revolver bewaffnet.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.