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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
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Zwanzigstes Kapitel

Es war schon spät in der Nacht, als Devon die Stadt erreichte. Häuser und Straßen lagen in tiefem Dunkel, nur am oberen Ende, wo sich Burchards Spielpalast und die meisten Saloons befanden, durchschnitten breite, gelbliche Lichtbalken die Finsternis.

In Mrs. Purleys Kosthaus angekommen, durchschritt Devon rasch den fast leeren Schankraum, doch eine Stimme, die seinen Namen rief, hielt ihn zurück. Er wandte sich um: in einer Ecke saß, behaglich eine langstielige Pfeife rauchend, der alte Jim.

»Nanu – was ist los?« fragte Devon, auf ihn zueilend.

»Ich wollte auch mal in die Stadt kommen«, erwiderte Jim.

»Ach, du hast dich wohl gelangweilt ohne Harry?«

»Mag sein«, gab der Alte zu, »die Ruhe war zwar wundervoll, seit er weg ist, aber ich hab mich an sein Geschwätz so gewöhnt, daß mir etwas fehlt, wenn ich's nicht höre.«

»Also irgend etwas Schlimmes hat sich nicht ereignet?«

Jim schüttelte den Kopf.

»Der einzige Grund, warum ich in die Stadt gekommen bin, ist, daß mein Maultier neu beschlagen werden muß – auf dem steinigen Boden nutzen sich die Eisen schrecklich schnell ab, mußt du wissen.«

»Das glaub' ich gern. Na, da will ich mal sehen, ob ich ein Zimmer für dich bekommen kann.«

»Es ist alles besetzt, Walt.«

»Dann wirst du in meinem Zimmer schlafen.«

»Ich hab keinen Schlaf nötig.«

»Warum nicht?«

»Ich hab heut nachmittag ein Nickerchen gemacht, das genügt mir.«

»Hast du denn einen Stall für dein Maultier gefunden?« erkundigte sich Walter.

»Das braucht keinen Stall.«

»Aber du kannst es doch nicht die ganze Nacht auf der Straße stehenlassen.«

»Das will ich auch nicht.«

»Na, also.«

»Es ist nämlich unterwegs gestorben.«

»Das ist allerdings Pech – na, laß gut sein, Jim, ich kaufe dir ein neues Maultier, ein viel besseres noch!«

»Ein besseres gibt's gar nicht, als mein alter Barney gewesen ist«, erwiderte Jim traurig.

»Wie alt war er denn?« fragte Devon.

»Gegen siebzehn Jahre – er hätte noch viele Jahre leben können, aber da er nun einmal sterben mußte, bin ich froh, daß er einen so schönen, schnellen Tod gehabt hat.«

»Wohl Herzschlag?«

»So kann man's vielleicht nennen.«

»Kommt das bei Maultieren öfters vor?«

»In unserer Gegend hier ja – die eigentliche Todesursache war nämlich eine Gewehrkugel.«

Devon sah ihn sprachlos an.

»Ein gutgezielter, sauberer Schuß war's, der meinen alten Barney umgelegt hat«, erklärte Jim weiter. »Er keuchte noch einmal, und da wußte ich Bescheid. Ich sprang aus dem Sattel, um nicht mit ihm zusammen den Abhang hinunter zu stürzen.«

»Mein Gott, wer hat denn das getan?«

»Die, die hinter dir her sind – das ist doch klar, wenn ich sie auch nicht erkannt habe.«

»Solche gemeinen Schurken!« rief Devon empört. »Aber warum haben die Kerle dann dir aufgelauert?«

»Das hab ich nicht anders erwartet – die beste Art, eine Kette zu sprengen, ist doch bekanntlich, bei dem schwächsten Glied anzufangen.«

»Dann ist's ja ein Glück, daß die Hunde dich unterwegs überfallen haben, wo du die Möglichkeit hattest, die Felsen als Deckung zu benutzen, und nicht auf der Ranch, denn die Wände der alten Bude sind sicher nicht mehr kugeldicht«, sagte Devon eifrig. »Ich werde sie übrigens schleunigst ausbessern lassen.«

»Das wird sich wohl kaum lohnen«, meinte Jim.

»Doch, doch!«

»Nein, mein lieber Walt, es ist nichts mehr da, was man ausbessern könnte.«

»Ja, aber wieso denn?«

»Die Hütte ist abgebrannt.«

»Mein Gott – wie ist denn das geschehen?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Jim, »ich kam gerade von der Weide zurück und dachte noch darüber nach, wo unsere Rinder alle geblieben sein könnten –«

»Was – auch das Vieh ist weg?« unterbrach ihn Devon.

»Jawohl – restlos, das heißt, bis auf eine alte, rotbraune Kuh, die lahmt und darum wahrscheinlich den Abtrieb aufgehalten hätte.«

»Demnach ist also von unserer Ranch überhaupt nichts mehr da?«

»Das ist zuviel gesagt – Grund und Boden sind schon noch da. Aber ich glaube, du tätest besser, dich jetzt ins Bett zu legen. So junge Menschen wie du brauchen viel Schlaf.«

»Daß du nicht einen von den Schurken erkennen konntest!« rief Devon außer sich.

»Sie trugen Masken vor den Gesichtern«, erwiderte Jim, »aber ihre Pferde hätten sie natürlich nicht maskiert, und die werd ich schon wiedererkennen, wenn ich sie irgendwo sehe.«

»Na, Gott sei Dank, dann besteht doch wenigstens die Hoffnung, daß wir die Kerle zur Rechenschaft ziehen können.«

»Mindestens aufgeknüpft müssen sie dafür werden, denn was sie an meinem armen Barney verbrochen haben, ist ein glatter Mord.«

Auf Devons Vorschlag begaben sie sich zusammen zu Harry, um ihm das Geschehene mitzuteilen und seine Ansicht darüber einzuholen.

Wie alle alten Leute, hatte auch Harry einen sehr leichten Schlaf und war sofort munter, als die beiden eintraten. Er richtete sich blinzelnd in den Kissen auf und hörte aufmerksam den Bericht seines alten Waffengefährten an, den dieser sehr ausführlich gestaltete, so daß auch Devon sich jetzt in allen Einzelheiten ein klares Bild von dem, was sich auf der Ranch zugetragen hatte, machen konnte.

»Ganz famos sieht die Sache aus«, sagte Harry begeistert, als Jim geendet.

»Na, erlaube mal, das kann ich gerade nicht finden«, entgegnete Jim einigermaßen erstaunt. »Was ist denn Famoses daran, daß man dem armen Walt das Haus niederbrennt und sein Vieh gestohlen hat?«

»Sieh mal, wenn du es nach deinem Belieben regnen lassen könntest – könntest du es dann auch so einrichten, daß ein heftiger Guß nur nach einer Seite abfließt?«

»Allmächtiger Gott, jetzt ist er vollkommen übergeschnappt!« rief Jim. »Mensch, Harry – was willst du damit sagen?«

»Das wirst du schon noch sehen«, erwiderte Harry mit überlegener Miene. »Tatsache ist jedoch, daß der, der hinter uns her ist, bisher in keiner Weise in seinem Vorhaben vorwärtsgekommen ist: er hat Walt nicht auskaufen können, sein kleiner Mordanschlag ist nicht geglückt, und es ist ihm auch nicht gelungen, ihn mit Hilfe eines verdammt hübschen Mädchens in die Hölle zu befördern. Es ist doch ganz klar, daß diese Fehlschläge den Mann nervös gemacht haben, und darum hat er, um unbedingt zum Ziel zu gelangen, eine Bande von Verbrechern gedungen, die zunächst einmal die Ranch von der Bildfläche verschwinden ließen. Dabei hat er aber zwei erhebliche Fehler gemacht: erstens, daß er die Kühe hat wegtreiben lassen, die er natürlich, nachdem er die Brandzeichen geändert oder unkenntlich gemacht hat, hier in West-London verkaufen wird – schon weil Rindfleisch hier so hoch im Preis steht, wird er sich das Geld dafür nicht entgehen lassen. Ihr begreift, worin der Fehler liegt?«

»Allerdings«, erwiderte Devon, »aber wir können doch nicht die Fleischerläden nach den Fellen durchsuchen, ganz abgesehen davon, daß man sie nicht erkennen wird.«

»Wieso denn nicht?« fragte Harry höchst erstaunt. »Selbstverständlich erkennen wir sie, denn Jim und ich kennen die Muster dieser Felle so genau wie die Züge unserer eigenen Gesichter – und wenn wir erst die Kühe wiedergefunden haben, ist's eine Kleinigkeit, die Krankheit festzustellen, an der sie sterben mußten.«

Er lachte dabei in sich hinein und fragte dann plötzlich:

»Haben sie denn auch den mostrichfarbenen Ochsen mitgenommen, Jim?«

»Gewiß haben sie das.«

»Dann müssen es Mexikaner gewesen sein«, erwiderte Harry überzeugt, »den ein Amerikaner hätte es nicht fertiggebracht, den alten Knaben zum Laufen zu bewegen. Aber daß sie die Kühe gestohlen haben, ist nicht der einzige Fehler, den die Burschen gemacht haben. Der Kerl, der hinter Walts Ranch her ist, hat schon soviel Unruhe und Unheil geschaffen, das kann sich, wie ich vorhin vom Regen sagte, der nicht nach einer Seite abfließt, nicht nur nach der einen Richtung hin auswirken – gebt mal acht, wie bald hier in West-London und Umgegend der Teufel los sein wird. Ihr könnt euch darauf verlassen, daß alle Spuren in einem Punkt zusammenlaufen! So, und nun macht, daß ihr ins Bett kommt, denn wir haben morgen sicher einen schweren Tag vor uns.«

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