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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 20
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
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Neunzehntes Kapitel

Keine drei Schritte entfernt gingen sie an Devon vorüber, aber er wußte sich sicher in dem tiefen Schatten, in dem er stand. Es war so dunkel, daß er kaum die vorbeigehenden Gestalten sich abheben sah, geschweige, daß er ihre Gesichter erkannt hätte. Da er jedoch fühlte, daß es für ihn eine Lebensfrage bedeutete, diese Banditen wiederzuerkennen – um sich gegen sie zu schützen oder sie dem Sheriff Naxon überantworten zu können – ging er ihnen vorsichtig nach.

Sie schlugen eine andere Richtung ein, als Devon erwartet hatte – nicht die, in der er hierhergekommen war – aber er brauchte sich nur nach dem Geräusch ihrer Schritte und ihrer gedämpft geführten Unterhaltung zu richten, um die Spur nicht zu verlieren. Allerdings mußte er sich hüten, ihnen zu dicht auf den Fersen zu folgen; wenn sie ihn bemerkten, würden sie ihn unweigerlich umbringen.

Seine Übervorsicht war wohl daran schuld, daß er nach einer Weile weder Tritte noch Stimmen mehr vor sich hörte. Er blieb stehen und lauschte – nichts.

Langsam und behutsam schlich er weiter, doch auch als er an eine breite Lichtung kam, auf der nur vereinzelte Bäume standen, konnte er nichts von den vier Männern entdecken.

Verwirrt blieb er abermals stehen und lauschte nach rechts und links – eine unheimliche Stille herrschte. Selbst der Bach, der mitten durch die Lichtung floß, schien nicht das geringste Geräusch zu machen.

Welche Richtung sollte er nun einschlagen?

Nachdem seine Nerven ein wenig zur Ruhe gekommen waren und das Sausen des Blutes in seinen Ohren nachließ, konnte er das leise Murmeln des Wassers unterscheiden, das geschäftig über die glatten Kiesel strömte und sich plätschernd an einzelnen, größeren Steinen brach. In dem Teich, in den der Bach – ganz in seiner Nähe – mündete, spiegelte sich der Mond, über den fliegende, kleine Wölkchen dahinzogen.

Devon ärgerte sich – er hatte die Spur der vier verloren; daran war nicht zu zweifeln!

Als er sich aufs Geratewohl nach rechts wenden wollte, sah er plötzlich eine schlanke, weibliche Gestalt aus dem gegenüberliegenden Wald heraustreten und rasch auf den Bach zugehen. Sie raffte mit einer Hand ihre Röcke zusammen und überquerte, den anderen Arm ausstreckend, um das Gleichgewicht zu halten, von Stein zu Stein springend, das Wasser.

Am anderen Ufer blieb sie einen Augenblick stehen und sah zurück. Dann lief sie weiter – gerade auf Devon zu. Ein leichter Windstoß bog den breiten Rand ihres Hutes zurück, und er erkannte das liebliche Gesicht Mabel Maynards!

Sie hier in dem feierlichen Schweigen des nächtlichen Waldes zu sehen, machte einen ganz seltsamen Eindruck auf ihn – als ob ein harmloses Kind fröhlich singend über ein leichenbesätes Schlachtfeld schreitet, kam es ihm vor.

Jetzt fing sie tatsächlich an, leise zu singen!

Sie blieb stehen, um ihr Haar, das der Wind ein wenig zerzaust hatte, in Ordnung zu bringen; dann ging sie weiter.

Was mochte ihr Ziel sein? Wie kam sie hierher, wo sie so gar nicht hingehörte?

Devon nahm sich vor, ihr zu folgen – und zwar diesmal mit mehr Erfolg.

Nachdem sie an dem Baum vorüber war, hinter dem er stand, schlich er ihr nach – zu hastig offenbar. Oder besaß dieses seltsame Geschöpf einen besonderen Sinn, der sie vor drohenden Gefahren warnte? Jedenfalls blieb sie plötzlich stehen und sprang hinter den nächsten Baum.

Devon folgte ihr und rannte um ein Haar blindlings in den Tod, denn sie floh nicht, wenn sie auch leise aufschrie, sondern hielt ihm eine altmodische, doppelläufige Pistole entgegen. Er hörte ein bedenkliches Knacken, und hätte nicht das Zündhütchen versagt, wäre sicher die Kugel in seine Brust gedrungen.

Rasch packte er ihr Handgelenk, so daß sie die Waffe fallen ließ.

Er wollte zu ihr sprechen, fand jedoch keine Worte. Während sein Atem rasch und stoßweise ging, atmete sie ruhig und regelmäßig – augenscheinlich empfand sie nicht die geringste Furcht. Ihre Nähe, ein seltsamer, an Hyazinthen erinnernder Duft, der von ihr ausging, verwirrte ihn, er riß sie hinter dem Baum hervor ins volle Mondenlicht – dasselbe kindhafte Lächeln strahlte ihn an, das er schon einmal in Mrs. Purleys Kosthaus gesehen hatte.

»Nein, wie Sie mich erschreckt haben«, sagte sie mit süßer Stimme. »Ich dachte, ein wildes Tier wäre hinter mir her.«

Er ließ ihren Arm los. Sie trat dichter an ihn heran, er aber wich unwillkürlich einen Schritt zurück – wie vor einer unbestimmten Gefahr.

»Suchen Sie hier Ihren Bruder, Miss Maynard?« fragte er schließlich.

»Wollen Sie sich über mich lustig machen?« gab sie zurück.

»Nein, schöne Mabel, ganz gewiß nicht, im Gegenteil, ich nehme Sie sehr ernst – und nicht nur, weil Sie Waffen bei sich führen.«

Sie machte eine plötzliche Bewegung, der Mondschein fiel auf ihre Hand, die zart und feingliedrig wie die eines Kindes war.

»Ich bin froh, daß das Zündhütchen versagt hat«, meinte sie lächelnd.

»Das glaube ich Ihnen sogar«, erwiderte Devon, »denn sicher schätzen Sie es nicht, mit eigener Hand zu morden. Sie überlassen das lieber guten Freunden, denen Sie ihr Opfer ins Netz treiben, wie Sie es heute nachmittag mit mir getan haben.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Das wissen Sie doch genau so gut wie ich.«

»Keine Ahnung hab ich davon«, versicherte sie lebhaft.

»Sie wissen also nicht, daß ich jetzt tot wäre, wenn der alte Mann, den Sie bei Mrs. Purley gesehen haben, nicht bei mir gewesen wäre?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Was, glauben Sie denn, ist mir zugestoßen, als ich mich auf die Suche nach dem armen Will Maynard machte?« fragte er spöttisch.

»Ein Lasso hat Sie aus dem Sattel gerissen«, erwiderte sie ruhig.

»Nein – die Herrschaften hielten Gewehrkugeln für wirksamer als ein Lasso.«

»Demnach hätte man mich belogen?« fragte sie, gähnte leicht hinter der vorgehaltenen Hand und fuhr dann fort: »Wie müssen Sie sich erschrocken haben, armer Kerl.«

»Ich denke, wir gehen jetzt«, entgegnete Devon.

»Wo wollen Sie hin?«

»Nach der Stadt zurück, denn ich nehme an, daß Sheriff Naxon Wert darauf legt, Sie in seinem Gefängnis zu wissen.«

»Das mag vielleicht sein«, erwiderte sie, »aber ich gehe nicht mit.«

»So?«

»Nein, ich bleibe hier und rühre mich nicht vom Fleck!«

Dabei warf sie trotzig den Kopf in den Nacken – silbern floß das Mondlicht über ihr schönes Gesicht. Ihre Lippen kräuselten sich spöttisch und stießen einen langgezogenen Pfiff aus, der klang, als ob er aus weiter Ferne käme.

Devon glaubte, Augen und Ohren nicht trauen zu dürfen – eine maßlose Wut packte ihn. Drohend trat er auf sie zu, doch sie lächelte ihn nur an.

»Es ist wohl besser, Sie gehen schleunigst fort«, sagte sie, »man kann jeden Augenblick hier sein.«

»Gewiß gehe ich«, entgegnete er entschlossen, »aber Sie kommen mit!«

Sie lachte.

»Leider kann ich Ihrer freundlichen Aufforderung nicht Folge leisten, verehrter Mr. Devon«, erwiderte sie, »und weit forttragen werden Sie mich auch nicht können, denn ich bin nicht so leicht, wie ich aussehe, müssen Sie wissen.«

Irgendwo in der Nähe knackte ein Zweig – ihr Pfiff hatte offenbar die gewünschte Wirkung gehabt, und es wäre Wahnsinn gewesen, hier länger zu bleiben.

»Wir werden uns schon noch einmal wieder treffen!« sagte er.

»Gehen Sie, bitte, gehen Sie!« bat sie.

Als er zwischen den Bäumen verschwand, klatschte sie in die Hände, wie Kinder es vor Freude tun, und lachte hinter ihm her.

Obwohl Devon langsam ging, stolperte er über eine Baumwurzel und schlug hin. Mit einem halbunterdrückten Fluch erhob er sich. Als er nach der Lichtung zurückblickte, sah er, daß Mabel Maynard verschwunden war. Kurz darauf erklang der langgezogene Pfiff noch einmal.

Einen Augenblick überlegte er, ob er ihm nachgehen solle, doch dann sagte er sich, daß es sinnlos sein würde. Hier in dem dunklen Wald war er ja vollkommen hilflos, und selbst wenn er die Leute fand, die ihm nach dem Leben trachteten, hätte er allein gegen eine Übermacht doch nichts ausrichten können – er konnte schon von Glück sagen, wenn er heil in die Stadt zurückkam.

Mit zusammengebissenen Zähnen ging er langsam weiter – wütend über sich und wütend über das Weibsbild, das sich so fest auf seine Ritterlichkeit verlassen hatte. Nun, wenn er ihr wieder einmal begegnete, wußte er ja, wie er sie zu behandeln hatte – nicht als Frau, sondern wie einen Mann, nötigenfalls sogar mit dem Revolver in der Hand.

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