Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel

Das tiefe Dunkel auf der Veranda, die sich an der Rückseite des Saloons hinzog, wurde nur durch die roten Lichtpunkte unterbrochen, die von glimmenden Pfeifen oder brennenden Zigaretten herrührten.

Walt Devon, der diesen reizvollen Wechsel von Aufflammen und Verlöschen aufmerksam beobachtete, wußte sofort, mit wem er es hier zu tun hatte, denn nur Leute, die in der freien Wildnis zu Hause sind, finden Vergnügen daran, im Dunkeln zu rauchen – Jäger und Fallensteller, die sich erst spät abends ausruhen können, oder Cowboys, die sich in langen Winternächten an einem Pfeifchen die Nase wärmen.

Nun gab es in West-London allerdings nichts zu erjagen als Gold, und Fallen wurden nur für Greenhorns und andere Narren aufgestellt, denen man das Fell mühelos über die Ohren ziehen konnte – aber seine Annahme stimmte: alle diese Männer hier waren in der Wüste oder im Gebirge zu Hause.

Selbstverständlich gab es auch noch andere, aber die blieben nur einen kurzen Augenblick und gingen dann schnell wieder zu den Spiel- oder Schanktischen zurück. Dann zitterten die Dielenbretter unter ihren Füßen, und ihr lautes Sprechen unterbrach die wohltuende Ruhe, denn die eigentlichen Stammgäste der Veranda unterhielten sich immer nur leise und gedämpft, als ob sie sich wichtige Geheimnisse mitzuteilen hätten.

Wenn die Tür geöffnet wurde, drangen summendes Stimmengewirr und die scharfen, einförmigen Rufe der Croupiers heraus. Walt Devon horchte dann jedesmal auf und sog mit doppeltem Genuß die reine, nach Föhrennadeln duftende Luft ein. Er hatte keine Eile, es zog ihn nicht an die grüne Schlachtbank da drinnen, ja, er hatte heute überhaupt sein Glück am Spieltisch noch nicht erprobt.

Belustigt betrachtete er die Schnurrbärte, die geraden und krummen Nasen, die ein kurzes Aufleuchten ihm für wenige Sekunden sichtbar machte.

Es war ulkig, wie diese spärlichen Lichtquellen sich bewegten – die Pfeifen meist langsam und bedächtig, die Zigaretten hastig und nervös, da sie jede Handbewegung der sich angeregt unterhaltenden Raucher mitmachten. Plötzlich sah er – oder er glaubte zu sehen, daß sich eine Zigarette am äußersten Ende der Veranda in regelmäßigen Punkten und Strichen hin und her bewegte: kurz, lang – lang, lang, kurz – wie Morsetelegraphenzeichen sah es aus.

Walt Devon lächelte – das konnte natürlich nur ein Zufall sein. Doch während er halb unbewußt dem hin und her fahrenden Lichtschein folgte, zuckte er zusammen: er hatte deutlich aus den langen und kurzen Bewegungen das Wort »Achtung!« herausbuchstabiert.

Es war also kein Zufall, der die Hand mit der Zigarette da führte, der Raucher dahinten wechselte mit irgend jemandem hier auf der Veranda Lichtsignale, so unwahrscheinlich das auch war, da die beiden ja höchstens zehn Schritte voneinander entfernt waren, sich also auf andere Weise unmittelbar und bequemer hätten verständigen können.

Devon erhob sich, trat an die Brüstung und blickte in die steile, mit Föhren bestandene Schlucht hinab, die sich hier öffnete. Tief unten auf ihrem Grunde spiegelten sich die Sterne in einem trübe schimmernden Gewässer wider, und jenseits von ihr ragte der Timbal-Berg majestätisch zum Himmel empor.

»Als ob man auf einem Aussichtswagen der Eisenbahn stände – nicht wahr?« sagte da neben ihm jemand, der wie er an der Brüstung lehnte.

»Stimmt«, meinte Devon und wandte sich dabei dem Sprecher zu, wodurch sein Blick die andere Hälfte der Veranda traf, auf der er jetzt eine glimmende Pfeife sich in der gleichen, morsezeichenartigen Weise bewegen sah, die er vorher auf der entgegengesetzten Seite bei einer Zigarette beobachtet hatte. Er fühlte, daß sein Herz lebhafter zu schlagen begann.

Walt Devon hatte die Welt durchstreift, um das Glück zu suchen; im Krieg hatte er gehofft, es zu finden, beim Kartenspiel, auf der Jagd nach einer reichen Heirat – doch bald war er dahintergekommen, daß bei allem nicht der etwaige Erfolg ihn lockte, sondern die Lust am Abenteuer. In den dreißig Jahren seines Lebens hatte er manches durchgemacht und oft auch hart gearbeitet, aber goldene Berge hatte er nicht erworben – auch im Spiel nicht, denn beim Poker war er tollkühn und verwegen, weil es ihm nicht auf den Gewinn ankam, sondern auf die Erregung und Spannung.

Etwas Ähnliches empfand er jetzt, als er das kleine Geheimnis auf der Veranda hier beobachtete. Gefahrlos war es wahrscheinlich nicht; denn die beiden, die sich da auf so seltsame Art miteinander verständigten, wagten offenbar nicht, ihre Stühle zu verlassen und miteinander zu sprechen. Offenbar wußten sie sich von einem Dritten beobachtet, den sie durch diese ungewöhnliche Art der Telegraphie hinters Licht zu führen suchten.

Wer waren sie, was teilten sie sich da mit, und wer war der, dessen Aufmerksamkeit sie fürchteten?

Das waren vielleicht unwichtige Fragen, die ihn außerdem eigentlich nicht das geringste angingen, aber er versprach sich von ihrer Beantwortung, die in dieser Umgebung bestimmt mit einer gewissen Gefahr verbunden war, eine angenehme Erregung.

Inzwischen hatte er bereits ein Mittel gefunden, die beiden Teilnehmer an dem stummen Gespräch gleichzeitig im Auge zu behalten. Er nahm seinen kleinen Taschenspiegel in die Hand, in dem er die Signale von Nummer Eins aufflammen sah – die von Nummer Zwei hatte er gerade vor sich, während er mit dem Mann an der Brüstung sprach.

»Stimmt«, erwiderte er, »nur, daß die Berge nicht zurückweichen, wie es einem vom Zug aus erscheint.«

»Das werden sie eines schönen Tages auch noch tun«, meinte der Fremde. »Wenn es mit dieser Graberei und Bohrerei hier noch lange so weitergeht, wird sogar der alte Timbal da drüben verschwinden.«

Im Spiegel erschien jetzt ein ganz neuer Satz. »Es ist die einzige Möglichkeit«, entzifferte Devon und wartete auf die Antwort von Nummer Zwei, doch da keine erfolgte, setzte er das Gespräch mit seinem Nachbar an der Brüstung fort.

»Das war übrigens noch nicht, als ich das letztemal hiergewesen bin«, sagte er.

»Ach, Sie kennen die Gegend schon von früher?«

»Ja, gewiß.«

»Ich auch – zwanzig Jahre mögen es her sein, als ich auf einem Maultier den Timbal da zum ersten Male runtergeklettert kam. Übrigens hatte der Berg damals überhaupt noch keinen Namen, ebensowenig wie der Fluß.«

»Wie ist die Stadt eigentlich zu dem hochtrabenden Namen gekommen?«

»Das ist eine ganz drollige Geschichte«, erwiderte der andere, seine weiche, tiefe Stimme so dämpfend, daß Devon Mühe hatte, die Worte zu verstehen. »Der alte Les Burchard kam hier durch, vor zehn Jahren war das –«

»Ich bin vor fünfzehn hiergewesen«, unterbrach ihn Devon.

»Also Burchard war mit einem Wagen, den acht Maultiere zogen, nach Farralone unterwegs und wollte den Weg dorthin durch dieses Tal hier abschneiden. Er hatte eine Riesentonne voll Alkohol geladen, den er in Farralone mit Gerberlohe und Pflaumensaft mischen wollte, um ihn als echten Whisky zu verkaufen. Unvorsichtigerweise hatte er von dem gefährlichen Zeug selbst reichlich viel gekostet, so daß er nicht mehr ganz sicher im Abschätzen von Entfernungen war und mit dem rechten Vorderrad gerade hier so heftig gegen den Felsen fuhr, daß es in tausend Splitter ging. Da saß er nun und sah sich, plötzlich ernüchtert, die Bescherung an. Er hätte ja den kostbaren Stoff auf kleine Fässer ziehen und auf den Maultieren weiterbefördern können, doch da er weder Fässer noch Packsättel besaß, sagte er sich, wenn er nicht zur Stadt kommen könne, müsse die Stadt zu ihm kommen.«

Der Erzähler machte, leise in sich hineinkichernd, eine Pause, was Devon um so lieber war, als Nummer Zwei gerade ein Streichholz anzündete, um seine Pfeife von neuem in Brand zu setzen. Beim Schein des Hölzchens sah Devon ein junges, hübsches Gesicht mit einem energischen Kinn, das auf eine Kämpfernatur schließen ließ. Es gefiel ihm recht gut, und er prägte jeden Zug genau seinem Gedächtnis ein.

Es gibt sehr verschiedene Arten, ein Menschenantlitz zu betrachten. Die armseligste hinterläßt nur einen unbestimmten Gesamteindruck, die beste dagegen achtet auf solche Einzelheiten, die nicht verändert werden können, weder durch künstliche Narben noch durch einen echten oder falschen Bart: zum Beispiel die Nase, der Winkel, den Nase und Stirn bilden, die Höhe und Breite der Backenknochen, besonders auch die Stellung und Form des Ohres.

Auf diese Weise also gewann Devon ein Bild von Nummer Zwei, so daß er ihn sicher stets und jederzeit wiederzukennen vermochte.

Sein Nachbar an der Brüstung fuhr leise in seiner Erzählung fort:

»Hier an der Stelle, wo wir jetzt sind, baute sich Les Burchard also eine Blockhütte und wartete auf die Stadt, die da kommen sollte.

Jenseits des Timbal wohnte ein Mann, der hieß Devon, und er besaß da eine kleine Ranch mit einigen Kühen. Den suchte Burchard auf und verkaufte ihm ein paar von seinen Maultieren. Er hatte ein Gewehr und Munition, Wild genug gab es in dem Tal hier, so lebte er vorläufig einmal eine Reihe von Monaten von Wildbret und seinem Alkoholvorrat.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.