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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 19
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
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Achtzehntes Kapitel

War dieser Pfiff, der Jerry Noonan so sonderbar erschreckt hatte, ein Befehl oder eine Warnung gewesen?

Devon, der dem Davoneilenden sprachlos nachstarrte, überlegte einen Augenblick, dann trat er rasch an den Tisch, blies die Lampe, die er kurz zuvor erst angezündet hatte, aus und lehnte sich zu dem Fenster hinaus, das auf Mrs. Purleys sogenannten Garten ging, in dem nichts blühte als ein paar halbverdorrte Buschrosen.

Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß niemand ihn beobachtete, schwang er sich aufs Fensterbrett und ließ sich vorsichtig hinabgleiten. Als er um die Hausecke bog, sah er Noonan mit gesenktem Kopf in ziemlich raschem Tempo die Straße hinunterlaufen.

Devon machte sich sofort daran, ihm zu folgen.

Es war nicht leicht, ihn im Auge zu behalten, da Noonan plötzlich die Hauptstraße verließ und in ein sehr unübersichtliches Viertel einbog, dessen Gassen und Gäßchen sich zwischen niedrigen Häusern und verfallenen Hütten hinzogen. In dem ungewissen Licht des Mondes hatten sie etwas Unwirkliches und wirkten wie schlecht gemalte Kulissen.

Nachdem Noonan und sein Verfolger diesen Stadtteil hinter sich hatten, ging es an Viehkoppeln vorbei, und bald lag der dichte Föhrenwald vor ihnen – hier fing Noonan an, zu rennen.

Devon zögerte eine Sekunde, denn er wußte nur zu gut, daß ein weiteres Verfolgen fast unüberwindliche Schwierigkeiten für ihn haben mußte, doch dann trieb ihn die Neugier weiter. Es war ja für ihn von größter Wichtigkeit, zu erfahren, welche geheimnisvolle Macht Jerry Noonan gerade im entscheidenden Augenblick den Mund geschlossen hatte.

Er lief ihm also nach, obwohl er sich fast ausschließlich auf das Gehör verlassen mußte, das die Tritte des vor ihm Laufenden auf dem weichen Waldboden kaum wahrnehmen konnte. Zu Gesicht bekam er ihn nur, wenn die Bäume einmal weniger dicht standen oder wenn er eine mondbeglänzte Lichtung überquerte.

Auf einer solchen sah er Noonan plötzlich in Schritt fallen. Da verlangsamte auch er sein Tempo, in der Erwartung, daß Noonan in der Nähe seines Bestimmungsortes angelangt sei. Nach Devons Schätzung hatten sie bis jetzt ungefähr eine halbe Meile im Walde zurückgelegt.

Er konnte sich jetzt nur noch mit äußerster Vorsicht vorwärts bewegen – kein Tritt, kein Laut war rings zu vernehmen. Er hatte sich bereits bis dicht an den Rand der Lichtung herangearbeitet und fürchtete schon, die Spur Noonans endgültig verloren zu haben, als er auf der gegenüberliegenden Seite zwei Männer erblickte, die unbeweglich im tiefen Schatten standen. Vor ihnen tauchte Noonan plötzlich auf und sagte atemlos:

»Abend, Jungens.«

Devon preßte sich gegen einen Baumstamm und rührte sich nicht.

Die beiden Angesprochenen lachten höhnisch auf.

»Na, wie geht's, Jerry?« fragte einer von ihnen.

»Wie soll's mir gehen? Gut.«

Die anderen lachten wieder.

»Bist du auch sicher, daß dir's gut geht?« fragte einer spöttisch.

»Was soll das?« fuhr Noonan auf.

Devon sah, daß er sich mit dem Rücken gegen einen breiten Stamm stellte und die Hände in die Taschen schob. Offenbar hatte er Angst vor den beiden, war aber entschlossen, sich gegen sie zu verteidigen.

Den beiden schien daran zu liegen, ihn hinzuhalten, denn sie lachten wiederum nur, statt zu antworten.

»Zum Donnerwetter, was wollt ihr eigentlich von mir?« brauste Noonan auf.

»Er fragt auch noch!« entgegnete der eine. »Sag du's ihm, Sammy – ich bin zu müde dazu.«

»Ich auch«, erwiderte der andere. »Er wird's außerdem noch früh genug erfahren.«

Noonan holte tief Atem.

»Ich verlange jetzt, daß ihr mit der Sprache rausrückt«, schrie er. »Was habt ihr gegen mich?«

Devon sah, wie eine dritte Gestalt hinter dem Baum hervortrat, den Noonan sich als Rückendeckung gewählt hatte, und ihm die Mündung eines Revolvers gerade auf die Herzgrube setzte.

»Du armseliger Wicht«, sagte der zuletzt Gekommene, »bildest du dir wirklich ein, daß du gegen uns etwas ausrichten kannst?«

Devon erkannte die Stimme Griersons, den er gestern abend auf so angenehme Weise kennengelernt hatte.

»Laß ihm eine Minute Zeit, Peter«, rief einer der beiden anderen Grierson zu. »Ich glaube, er hat uns eine sehr komische Geschichte zu erzählen.«

»Wollt ihr mich etwa umbringen?« fragte Noonan mit verzweifelter Stimme.

»Aber wie kannst du nur so was von uns denken, mein guter Jerry?« entgegnete der andere mit eisigem Hohn.

»Doch, doch – weil ihr denkt, daß ich euch hintergangen habe!«

»Aber wie kommst du nur auf so einen närrischen Einfall? Jerry Noonan, der alte, biedere Ehrenmann, sollte jemanden hintergehen? Das ist doch vollkommen ausgeschlossen; so etwas gibt es doch gar nicht!«

Dabei lachten alle drei in so grimmigem Spott, daß es Devon ganz kalt über den Rücken lief. Er überlegte hin und her, wie er es anfangen könne, den Gefangenen aus der Hand dieser Schurken zu befreien, da der Ärmste einen so brutalen Schlachthaustod, wie die Kerle ihm offenbar zugedacht hatten, bestimmt nicht verdiente.

»Schön, ich bin in eurer Gewalt, und ihr könnt mit mir machen, was ihr wollt«, sagte Noonan. »Aber ich schwöre bei Gott, daß ich ihm kein Wort verraten habe!«

»Wem denn?« fragte einer, erstaunt tuend.

»Zum Teufel noch mal, laßt doch dies alberne, hinterhältige Getue«, schrie Noonan gequält auf. »Ihr wißt doch ganz genau, daß ich von Devon spreche!«

»Na also, da wären wir ja endlich soweit«, meinte Grierson. »Ich denke, nun kann er abfahren – zur Hölle nämlich, wo die gemeinen Hunde hingehören, die ihre Kameraden verraten.«

»Ich habe nichts verraten, kein Wort – ich hatte keine Zeit dazu.«

»Keine Zeit dazu?«

»Ich war drauf und dran, ihm die ganze Sache zu verraten, aber ich kam nicht dazu, weil gepfiffen wurde. Nicht eine Silbe hab ich gesagt!«

»Aber die Absicht, es zu tun, gibst du also zu?«

»Der Mann hat mir das Leben gerettet – obwohl er mich nicht einmal kannte –«, erwiderte Noonan.

»So – und da willst du deine neuen Freunde aus der Tasche deiner alten bezahlen, du Idiot?«

Noonan ließ den Kopf sinken.

»Stimmt – ich war ein Idiot«, gab er kleinlaut zu.

Der andere, der das Verhör geleitet hatte und der Anführer der drei zu sein schien, trat jetzt dicht an Noonan heran, schlug ihm derb auf die Schulter und sagte:

»Du kannst dich wieder ehrlich machen, wenn du uns den Beweis lieferst, daß du zu uns hältst – willst du das tun?«

»Selbstverständlich will ich das!«

»Gut – dann geh zurück und jag Devon dein Messer in den Leib.«

Eine lange Pause folgte – Devon fühlte das Blut in seinen Schläfen hämmern.

»Das kann ich nicht; der Mann ist zu anständig gewesen«, entgegnete Noonan schließlich fest. »Ich will verflucht sein, wenn ich die Hand gegen ihn erhebe – macht also Schluß mit mir.«

Devon zog den Revolver und legte auf Grierson an – vielleicht gelang es Noonan, in der Verwirrung, die seinem Schuß folgen würde, zu entkommen. Er wollte gerade abdrücken, da sagte der Anführer der drei sehr ruhig:

»Ist schon verdammt wacker von dir, Jerry – nur ein Schweinehund würde einen Menschen umbringen, der ihm eben erst das Leben gerettet hat. Ich nehme an, daß du trotz deiner Weigerung, Devon anzugreifen, zu uns halten willst?«

»Ganz gewiß will ich das«, antwortete Noonan mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, »und ihr könnt mir glauben, daß ich mir die Sache zur Warnung dienen lasse.«

»Schön – dann können wir also zur Stadt zurückgehen.«

»Wo ist denn der Chef?« fragte Noonan.

»Wahrscheinlich da, wo er gebraucht wird«, erwiderte der andere. »Also, dann komm!«

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