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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
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Siebzehntes Kapitel

Wenn er auch von dem, was er mit den Karten gewann, lebte, so spielte Walter Devon doch in erster Linie zu seinem Vergnügen – ihn reizte es, Gauner und Betrüger mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

Lange brauchte man in einer Stadt wie West-London nicht zu suchen, um eine Pokerpartie zusammenzubekommen, denn nicht nur in Burchards Spielpalast, sondern in jedem Saloon fanden sich genügend Teilnehmer.

Devon sah sich also um und entdeckte gleich, was er brauchte: einen sehr reichen Viehzüchter, den er einmal beim Spielen beobachtet hatte. Der dritte Mann war ein ziemlich beschränkt aussehender Bergwerksbesitzer, der vierte ein gerissener, gewerbsmäßiger Spieler aus Kanada. Auf einen fünften Mitkämpfer konnte man ja verzichten, wenn ihm nicht noch etwas Passendes begegnete.

Er machte sich einzeln an die drei Leute heran, und seine Einladung wurde jedesmal mit größter Freude angenommen. Als er dann seine Truppe durch die hin und her wogende Menge der übrigen Saloon-Besucher nach dem stillen Hafen des Spielzimmers geleitete, sah er plötzlich ein wutverzerrtes Gesicht und das Aufblitzen eines Revolverlaufs vor sich.

Für gewöhnlich mischte er sich nicht in derartige Angelegenheiten, denn solche Wirtshauskrakeele berührten ihn ganz und gar nicht – aber er stand so nahe bei dem Colt, und die Züge des Menschen, der damit herumfuchtelte, verrieten so deutlich brutale Mordabsicht, daß Devon fast ohne zu wollen auf ihn zutrat, seinen Arm packte und die Waffe niederdrückte.

Der Mann gebärdete sich wie ein Rasender, um doch noch sein Ziel zu erreichen; er versuchte, sich loszureißen und richtete, da ihm dies nicht gelang, die Mündung des Revolvers auf Devon. Die Menge rings wich entsetzt zurück, nur der, dem der heimtückische Überfall gegolten hatte, drehte sich um und sagte seelenruhig:

»Ach, hast du's wieder mal auf mich abgesehen?«

Im gleichen Augenblick stieß seine Faust über Devons Schulter weg vor und landete wie eine Keule im Gesicht des Angreifers, der zusammensackte und, da Devon ihn losließ, zu Boden fiel. Die Eisenfaust, die ihn gefällt hatte, ergriff jetzt Devons Hand und schüttelte sie ungemein energisch.

»Besten Dank, Kamerad«, sagte der Gerettete, der ein massiges Kinn und merkwürdig kleine, eingekniffene Augen hatte. »Das haben Sie sehr fein gemacht! Ich heiße Jerry Noonan und hoffe, Ihnen eines Tages gleiches mit gleichem vergelten zu können. Die Giftkröte da können Sie mir nun allein überlassen.«

Devon nickte, suchte seine Getreuen wieder auf und saß zwei Minuten später mit ihnen am Spieltisch.

Die Partie war sehr nach seinem Geschmack, obwohl er in der ersten Stunde reichlich verlor – dann aber kannte er seine Leute: der Viehzüchter verstand es ausgezeichnet, Karten in der hohlen Hand zu verbergen, der Berufsspieler hatte die Karten auf der Rückseite mit dem Fingernagel gezeichnet, und der Bergwerksbesitzer arbeitete mit einem kleinen Stückchen roter Farbe, das er unter dem Nagel des rechten Zeigefingers versteckt hielt.

Nachdem Devon so hinter ihre Kniffe gekommen war, machte es ihm eine diebische Freude, sie trotz ihrer Betrügereien hereinzulegen. Greenhorns und unschuldige Lämmer zu scheren, überließ er gern anderen.

Es dauerte noch keine halbe Stunde, da hatte er nicht nur seinen Verlust aufgeholt, sondern war bereits stark im Gewinn. Nachdem der Kanadier hintereinander zwei »Töpfe« von je fünfzehntausend Dollar verloren hatte, stand er auf, schob seinen Stuhl zurück und erklärte:

»Mein Bedarf ist gedeckt – ausnehmen lasse ich mich nicht. Übrigens zwei von Ihnen, meine Herren, sind Säuglinge. Welche beiden das sind, werden Sie ja bald selbst merken.«

Es dauerte aber noch fast eine Stunde, ehe diese Feststellung einwandfrei gemacht wurde. Der Bergwerksbesitzer war der erste, der mißtrauisch wurde und bescheidenere Einsätze machte, der Viehzüchter aber war so von seinem Trick überzeugt, daß er tapfer bei der Stange blieb. Devon hatte den beiden bereits sechstausend Dollar abgenommen, als sie sich plötzlich erstaunt ansahen, und der Bergwerksbesitzer sagte:

»Mir scheint, wir beide sind die Säuglinge.«

»Gewiß sind wir das«, bestätigte der Viehzüchter. »Ich habe mehr verloren, als ich verantworten kann; aber trotzdem soll es mir auf ein-, zweitausend Dollar nicht ankommen, wenn Sie mir verraten, wie Sie das gemacht haben, Kamerad!«

»Wer kann die Launen des Glücks erklären?« erwiderte Devon lachend und erhob sich.

Man trank noch am Schanktisch ein Glas zusammen, dann trat Devon hinaus in die kühle Nacht.

Er war außerordentlich zufrieden. Die Stadt gefiel ihm. Die Ungewißheit der Zukunft, die vor ihm lag, die Gefahr, von der er sich umgeben fühlte, belebten ihn. Er lauschte dem Brüllen des ›Stierkalbes‹, mit dem Sheriff Naxon den nächtlichen Lärm von West-London so treffend verglichen hatte.

Plötzlich bewegte sich etwas neben ihm – unwillkürlich wich er zurück und stellte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Eine gedrungene, muskulöse Gestalt löste sich aus dem Dunkel und trat auf ihn zu. Er sah nur den weichen Rand eines schmutzigen Filzhutes, der tief in ein Gesicht gedrückt war.

»Hallo, Devon – erkennen Sie mich?«

»Sind Sie nicht Noonan?«

»Ja, der bin ich. Ich möchte mit Ihnen sprechen.«

»Bitte, sprechen Sie!«

»Aber nicht hier.«

»Gut, dann kommen Sie mit in mein Zimmer.«

Noonan nahm den Vorschlag an, weigerte sich aber, zusammen mit Devon hinaufzugehen – er solle nur vorausgehen, er werde nachkommen.

Devon war auch damit einverstanden. Kaum eine Minute, nachdem er das Zimmer betreten hatte, wurde an die Tür geklopft, und Noonans breites, finsteres Gesicht sah herein. Er warf einen Blick über die Schulter zurück, trat dann ein und schloß die Tür behutsam und sorgfältig.

Devons Aufforderung, Platz zu nehmen, lehnte er mit einer entschuldigenden Handbewegung ab.

»Ich muß mir erst ein bißchen Lokalkenntnis erwerben«, sagte er und schritt so vorsichtig das Zimmer ab, als ob er fürchte, jeden Augenblick könne der Boden unter seinen Füßen schwinden.

Das Zimmer hatte nur eine Tür, die auf einen engen Vorraum ging, aber zwei Fenster, weil es an einer Hausecke lag. Die Wände mußten sehr dünn sein, denn hinter der einen konnte man deutlich die Atemzüge eines schnarchenden Mannes hören.

Nachdem Noonan sich alles genau betrachtet hatte, setzte er sich neben Walter, rückte seinen Stuhl möglichst dicht heran, beugte sich überdies noch zu ihm hinüber und fragte:

»Sie sind also Devon?«

»Ja.«

»Und Ihnen gehört die Devon-Farm da drüben jenseits der Schlucht?«

»Jawohl.«

»Sie werden ja wohl schon gemerkt haben, daß man Ihnen den Besitz nicht gönnt, und da Sie mir heute einen großen Dienst erwiesen haben, will ich Ihnen einen guten Rat geben – unentgeltlich sogar.«

»Sehr liebenswürdig«, entgegnete Devon lächelnd.

»Lachen Sie nicht – mein Rat kann sehr wertvoll für Sie werden.«

»Daran zweifle ich nicht.«

»Also hören Sie zu: Hätten Sie, wenn man Ihnen am ersten Tag, als Sie hier ankamen, fünfzehntausend Dollar für Ihre Farm geboten hätte, sie dafür verkauft?«

»Ja, das hätte ich.«

»Also war das ein durchaus angemessener Preis; und doch haben Sie später fünfundzwanzigtausend zurückgewiesen oder durch die alten Knaben zurückweisen lassen. Sie glauben demnach offenbar, die Kaufsumme in die Höhe treiben zu können?«

Devon, der sehr aufmerksam zugehört hatte, zuckte die Achseln.

»Man muß eben sein Heil versuchen und sehen, was man herausschlagen kann«, sagte er.

»Versuchen Sie Ihr Heil bei den Karten, aber lassen Sie die Finger von der Geschichte, der sind Sie nicht gewachsen.«

Noonan hatte sehr leise gesprochen, jetzt beugte er sich näher zu Devon hinüber und fügte noch leiser hinzu:

»Lassen Sie sich raten: nehmen Sie das Geld, das man Ihnen angeboten hat, und machen Sie, daß Sie von hier fort kommen! Hören Sie auf mich, ich mein es gut mit Ihnen!«

Devon sah ihn lächelnd an.

»Obwohl ich an Ihrer guten Absicht durchaus nicht zweifle, lieber Noonan«, sagte er, »kann ich Ihrem Rat leider nicht folgen. Ich weiß natürlich nicht, warum mein Land für Burchard, Tucker oder wer sonst dahinterstecken mag, soviel Wert hat, aber da sie mich zu ermorden versucht haben, um in seinen Besitz zu gelangen –«

»Zu ermorden?« fragte Noonan erstaunt.

»Jawohl, zu ermorden.«

»Wann denn, um Gottes willen?«

»Erst heute, kurz vor Sonnenuntergang.«

Noonan zuckte zusammen.

»Solche gemeinen Hunde«, sagte er empört. »Ich glaube, für tausend Dollar schneiden die jedem die Kehle durch! Was gilt den Schuften schon ein Menschenleben?«

Devon hütete sich, ein Wort zu sagen; er fühlte, daß er dicht vor der Lösung seines Geheimnisses stand.

Plötzlich sprang Noonan auf.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich Ihnen jetzt nicht das ganze hundsföttische Spiel verrate!« rief er erregt. »Wo wäre ich jetzt ohne Sie? In der Hölle wär ich! Was hatten Sie für einen Grund, mich zu retten? Nicht den geringsten – nicht einmal gekannt haben Sie mich!«

Er machte eine Pause und holte tief Atem. Auch Devon erhob sich unwillkürlich.

»Die Sache ist also die –« begann Noonan, doch mitten im Wort brach er ab.

Verwundert sah Devon ihn an – Noonan hielt den Kopf geneigt und lauschte nach dem offenstehenden Fenster hin. Jetzt vernahm auch Walt einen langgezogenen Pfiff, wie er ihn heute schon einmal gehört hatte. Es klang wie der Schrei eines aufgeschreckten Nachtvogels.

Jerry Noonan lauschte noch immer – einem Hunde ähnlich, den sein Herr zurückpfeift. Sein Gesicht war finster und verstört, man sah ihm an, daß Angst und der Wunsch, sich aufzulehnen, in ihm kämpften. Schließlich zuckte er die Achseln und stammelte verwirrt:

»Ich glaube, das hat – mir gegolten – entschuldigen Sie mich einen Augenblick – ich bin – gleich wieder zurück.«

Damit stürzte er zur Tür hinaus.

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