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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
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Sechzehntes Kapitel

Nach einer kurzen Überlegung entschloß sich der Sheriff, Mrs. Purley selbst rufen zu lassen. Mit finsterer Miene trat die wackere Dame ein und begrüßte den Mann des Gesetzes ziemlich unliebenswürdig mit der Frage:

»Na, was führt Sie denn zu mir, Naxon – wollen Sie mir was am Zeug flicken?«

»Durchaus nicht«, entgegnete der Sheriff höflich.

»Na, Gott sei Dank! Wissen Sie, sobald ich Sie sehe, fallen mir nämlich alle meine Sünden ein. Es ist ja wahr, es geht manchmal ein bißchen geräuschvoll bei mir zu, aber im Grunde nicht lauter als in anderen Lokalen, wenn ich auch als Frau hier und da mal ein Auge zudrücken muß, um mich gegen die männliche Konkurrenz zu behaupten.«

Der Sheriff lächelte.

»Gewiß, ich kann mir denken, daß es eine Frau in ihrem Beruf gerade in unserer Stadt nicht leicht hat«, sagte er. »Ich hoffe, daß ich es Ihnen nicht unnötig schwer gemacht habe. Heute wollte ich Sie übrigens nur fragen, wo Miss Maynard ist.«

»Sie ist ein Stück spazierengegangen«, antwortete Mrs. Purley, »wird aber, denke ich, bald zurück sein, denn es ist ja längst Abendbrotzeit.«

»Haben Sie irgend etwas Näheres über sie erfahren?« fragte Naxon weiter.

»Wieso Näheres? Was wollen Sie damit sagen?«

»Nun, zum Beispiel, daß sie versucht hat, den jungen Mr. Devon hier unter eine Dampfwalze zu bringen?«

»Sie – ihn?« fragte Mrs. Purley verblüfft. »Nein, das glaub ich nun und nimmer! Wenn das Mädel nicht ehrlich ist, gibt's überhaupt keine Ehrlichkeit mehr auf der Welt! Gott soll mich bewahren – mit dem unschuldvollen Gesichtchen einen Mordversuch planen? Denn das meinen Sie doch mit dem Ausdruck ›unter eine Dampfwalze zu bringen‹?«

Lange zeterte sie noch über die Verderbtheit der Welt. Da aber mit der baldigen Rückkehr des Mädchens, für dessen Unschuld sie sich hoch und heilig verbürgte, kaum zu rechnen war, überließen die drei Männer sie ihrem Gejammer, um ihrerseits noch ein Stückchen spazierenzugehen.

»Im Dunkeln kann man nämlich besonders gut nachdenken«, erklärte der Sheriff. »In einem erleuchteten Raum wird man immer zu sehr abgelenkt. Also, dann wollen wir die ganze Sache noch mal genau durchsprechen.«

Sie bogen von der Hauptstraße ab und schlenderten, sich leise unterhaltend, durch allerlei Gassen und Gäßchen. Ab und zu blieben sie stehen, um, jeder für sich, nachzudenken. Das Geräusch der nächtlichen Stadt drang aus der Ferne dumpf an ihr Ohr.

»Hören Sie das Stierkalb brüllen?« fragte bei einer solchen Pause der Sheriff.

»Was für ein Stierkalb?«

»West-London natürlich.«

»Eine eigenartige Bezeichnung für eine Stadt«, meinte Devon lachend.

»Aber eine sehr treffende! Zerstampft nicht ein Stierkalb immer kampflustig den Boden? Brüllt sich ein Stierkalb nicht immer heiser und wirbelt Staub auf? Freundlich sein und gut zureden hat keinen Zweck bei einem Stierkalb; wer auf so ein Vieh Eindruck machen will, muß ihm schon eins mit einer Zaunlatte übern Schädel geben. Verlassen Sie sich darauf, diese Stadt ist ein Stierkalb und hat einen Ring durch die Nase nötig! Aber ich werde sie schon noch zahm und manierlich machen, wenn's auch noch eine Weile dauern sollte.«

Da sie trotz allen Bemühungen nicht herausbekommen konnten, worauf das seltsame Interesse, das sowohl Les Burchard wie Vinzent Tucker an Devons Farm nahmen, beruhen könne, beschlossen sie, die Erörterungen vorläufig zu vertagen und die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten.

Als sie das Haus des Sheriffs erreichten, zeigte es sich, daß der Tote verschwunden war. Merkwürdigerweise schien Naxon darüber gar nicht erstaunt zu sein, denn er sagte im ruhigen Tone einer sachlichen Feststellung:

»Jack Watts hat sich empfohlen!«

»Aber das ist doch gänzlich ausgeschlossen«, entgegnete der alte Harry, »mit einer Kugel durchs Gehirn kann er doch nicht plötzlich wieder aufstehen und wandeln.«

»Wieso nicht?« fragte der Sheriff. »Wissen Sie, ob Ihre Kugel den Kopf nicht nur gestreift hat?«

»Das weiß ich allerdings, denn sie hat den Schädel glatt durchschlagen – er hatte hinten und vorne ein Loch.«

»Wie dem auch sei – es ist keine Leiche mehr vorhanden und damit auch kein Beweisstück für die Anklage auf Mordversuch, die Sie erheben wollen.«

»Ist schon eine komische Einrichtung, Ihr Gesetz«, meinte Harry kopfschüttelnd. »Wie ein durchgehendes Maultiergespann kommt es mir vor – bei dem ist's auch reine Glückssache, ob man heil ankommt oder sich das Genick bricht. Wer, in drei Teufels Namen, kann denn Jack Watts weggeholt haben?«

»Natürlich die, für die er gearbeitet hat«, erwiderte der Sheriff trocken. Und dann trennte man sich. –

Als Devon und Harry sich ihrem Kosthaus näherten, kam ihnen Mrs. Purley, die offenbar auf sie gewartet hatte, schon von weitem entgegen. Sie war völlig verstört und packte Devon gleich am Arm.

»Nun, sagen Sie mal«, fragte sie ganz außer sich, »was soll dieses Engelsgeschöpf von einem Mädchen für einen Grund haben, Ihnen etwas Böses zuzufügen?«

»Vielleicht ist sie dafür bezahlt worden, Mrs. Purley.«

»Sie – mit den Augen? Ausgeschlossen, vollkommen ausgeschlossen! Wissen Sie, wie ich diese Augen sah, da ist mir mit einemmal klar geworden, was ich entbehren muß, daß ich keine Kinder besitze. Ich habe nämlich nie welche gehabt, weil ich immer auf meinen Mann aufpassen mußte und auf seine blödsinnigen Geschäfte. Ach, solche Kinderaugen – was man in denen lesen kann! Und dies Geschöpf soll falsch sein, eine Genossin von feilen Mordbuben? Nie, hören Sie, nie glaube ich das! Eher würde ich es für möglich halten – Guten Abend, Jerry!« unterbrach sie plötzlich ihren überschwenglichen Redeschwall.

Ihr Gruß galt einem Vorübergehenden, den die bis zu den Ellenbogen aufgerollten Ärmel seines blauen Flanellhemdes als Goldgräber erkennen ließen.

»Guten Abend, Mrs. Purley«, erwiderte er. »Trinken wir ein Glas zusammen?«

»Trinken Sie man allein, Mr. Noonan«, antwortete sie und fügte, zu Devon und Harry gewandt, hinzu: »Was der sich herausnimmt! Er will mich nämlich heiraten, müssen Sie wissen; in erster Linie natürlich mein gutgehendes Geschäft – aber ich bin selbstverständlich nicht so dumm, auf ihn reinzufallen, obwohl er eigentlich gar nicht einmal so übel ist.«

»Der Revolver soll allerdings ziemlich locker bei ihm sitzen«, sagte Harry.

»Ach, das würde ich ihm schon abgewöhnen«, entgegnete die Witwe selbstbewußt. »Aber jetzt muß ich gehen – Gute Nacht! Und nicht wahr, Mr. Devon, wenn Sie irgend etwas Näheres in der bewußten Angelegenheit hören, sind Sie so nett, es mich wissen zu lassen.«

Devon versprach es ihr, worauf sie rasch im Hause verschwand.

»In spätestens sechs Monaten ist sie wieder verheiratet«, sagte der alte Harry, ihr nachsehend.

»Wie kommst du darauf?« fragte Devon erstaunt.

»Na, höre mal, dazu braucht man doch kein Prophet zu sein, das merkt man doch an ihrer ganzen Art. An diesem Jerry Noonan wird sie sich übrigens die Zähne ausbeißen – er hat das Zeug dazu, sogar sie unterzukriegen.«

»Ich glaube nicht, daß das überhaupt ein Mann fertig bekommt.«

»Er schafft's, verlaß dich darauf.«

»Ist er so ein berühmter Kämpfer?«

»Nein, berühmt ist er ganz und gar nicht«, erwiderte der Alte, »und das ist gerade das Besondere an ihm – er macht nicht viel Worte von dem, was er leistet. Aber jetzt will ich schlafen gehen; ein bißchen müde bin ich doch, und morgen wird ja auch allerlei für uns zu tun sein.«

Damit schüttelten sie sich die Hände, Harry ging in sein Zimmer, Devon aber in den Schankraum, denn sein Bedarf an Aufregung war noch lange nicht gedeckt.

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