Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel

Devon riß sein Pferd nach der anderen Seite hinüber, eine Kugel pfiff haarscharf an seinem Ohr vorbei. Er fuhr im Sattel herum und sah, daß Lewis, den rauchenden Colt noch in der Hand, sein Pferd seitlich ins Unterholz drängte. Ohne lange Überlegung griff Devon zum Revolver und schoß hinter dem Fliehenden her. Ein langgezogener Wut- und Schmerzensschrei bewies ihm, daß er getroffen hatte.

Doch jetzt empfing ihn von vorn ein wahrer Kugelregen; sein Wallach sprang hoch, brach dann zusammen, fiel auf die Seite und blieb regungslos liegen. Er war tot.

Devon selbst wurde bei dem Sturz aus dem Sattel und gegen die aus dem Boden hervorstehenden, knorrigen Wurzeln eines Baumes geschleudert, hatte aber im Fallen den Revolver fest in der Hand behalten. Als er sich, stark von dem Aufschlagen benommen, erheben wollte, sah er drei Männer zwischen den Bäumen auf sich zueilen. Im selben Augenblick fiel ein Schuß – einer von den dreien sprang wie eine verwundete Katze hoch in die Luft, faßte sich nach der Brust, warf dann die Arme empor und stürzte aufs Gesicht.

Devon richtete sich auf den Knien hoch und feuerte blindlings auf den zweiten. Der Mann bog fluchend ab und suchte hinter einem Strauch Deckung, von wo aus er rasch hintereinander seinen Revolver auf Devon leer schoß, jedoch keiner der sechs Schüsse traf.

Die angeborene Kampfesfreude ließ Devon jetzt etwas sehr Unüberlegtes tun. Er sprang auf und ging, den Colt schußfertig in der Hand, zum Angriff über. Hatte er nicht noch vier Kugeln? Und selbst, wenn alle vier das Ziel verfehlten, blieben ihm ja immer noch seine Fäuste!

Geradenwegs stürzte er auf den Strauch zu; eine Gestalt wurde undeutlich sichtbar. Devon schoß – einmal und dann noch einmal. Ein geller Aufschrei erfolgte, dann hörte er nur das Brechen von Zweigen und eilig sich entfernende Schritte. Das gleiche Geräusch vernahm er dann auch zu seiner Linken und jetzt sogar hinter sich.

Als er herumfuhr, sah er Harry keuchend auf sich zueilen.

»Willst du wohl in Deckung gehen!« schrie der Alte ihn an, sobald er wieder zu Atem gekommen war. »Es gibt doch wahrhaftig keinen größeren Dummkopf als dich, du unvorsichtiger Hansnarr!«

»Aber sie sind ja schon fort«, erwiderte Devon.

Statt jeder Antwort packte Harry ihn an der Schulter und riß ihn mit sich nieder, so daß die beiden auf die weichen Föhrennadeln fielen.

»So, und nun rühr dich nicht!« flüsterte der Alte ihm zu.

Lange lauschten sie, doch rings war nichts mehr zu hören. Dann aber gellten in ziemlich weiter Entfernung wieder zwei scharfe Pfiffe.

»Du scheinst ausnahmsweise mal recht zu haben«, sagte Harry.

»Natürlich sind sie fort – schnell, wir wollen sie verfolgen.«

»Laß sie laufen«, entgegnete der Alte. »In dem dichten Wald finden wir sie doch nicht. Einer muß übrigens geblieben sein, denn ich glaube nicht, daß er mit meiner Kugel zwischen den Augen weit gekommen sein kann.«

Sie erhoben sich und fanden dann auch bald einen Mann auf dem Gesicht liegend, die Hände tief in das welke Laub verkrallt, sein Gewehr neben sich. Als sie ihn auf den Rücken drehten, zeigte es sich, daß der tödliche Schuß tatsächlich genau zwischen den Augen saß.

»Er ist tot«, sagte Devon leise, »der arme Teufel.«

»Wieso arm?« erwiderte Harry. »Vielleicht ist er sehr reich im Vergleich zu uns – vielleicht sitzt sein Geist da droben auf dem Ast und lacht uns aus, froh darüber, eine Last loszusein, an der er seit seiner Geburt schwer genug geschleppt haben mag! Jedenfalls müssen wir ihn uns einmal genauer ansehen. Kennst du ihn, Walt?«

Devon betrachtete das lächelnde Gesicht des Toten, eines jungen Mannes mit einem kurzgehaltenen Schnurrbart auf der Oberlippe. Nichts an ihm war besonders oder auffällig; er war von mittlerer Größe, mittlerem Gewicht und höchstens fünfundzwanzig Jahre alt.

»So kommen wir nicht weiter«, meinte Harry. »Wenn wir wissen wollen, mit wem wir es zu tun haben, müssen wir seine Taschen untersuchen.«

Bald lag deren Inhalt sorgfältig auf dem Waldboden ausgebreitet. Da war zunächst ein sehr großes Klappmesser mit einer starken, feststellbaren Klinge, mit der man einen Hirsch hätte ausweiden können. Ferner eine Brieftasche mit einem einzigen Dollarschein darin und einem stark zerknitterten Brief, der von irgendeinem ziemlich ungebildeten Mädchen stammen mußte, denn die rührenden Worte, die er enthielt, waren häufig nicht nach den Regeln der Rechtschreibung geschrieben. Nicht einmal den Vornamen des Toten verriet er, denn die Anrede lautete nur: ›Mein innig Geliebter!‹

Außerdem enthielten die Taschen ein großes Knäuel Bindfaden sowie ein Büchschen mit Nadeln, Zwirn und Knöpfen, wie sie Männer gebrauchen, die im Wald oder auf der Weide draußen auf sich selbst angewiesen sind, Zündhölzer und Kautabak, der in ein Stück Wildleder eingewickelt war.

Von diesem brach sich der alte Trapper ein Eckchen ab und kostete.

»Die Sorte kenn ich«, sagte er, »sie ist ausgezeichnet – aber das hilft uns auch nicht weiter. Was hältst du von dem Mann?«

»Das ist schwer zu sagen«, meinte Devon achselzuckend, »jedenfalls sieht er eigentlich nicht wie ein Mörder aus.«

»Er war auch noch nicht lange dabei, denn er hat sein Geschäft als Bandenmörder noch nicht richtig gelernt.«

»Wieso weißt du das?« fragte Devon erstaunt.

»Ich schließe es daraus, daß er wie wild auf dich losgerannt ist, statt sich, wie seine ›Kollegen‹, von Baum zu Baum springend an uns heranzupirschen, und außerdem sieh dir mal die Schwielen da auf dem rechten Handteller an – die können nur von dem Stiel einer Heugabel herrühren. Also war der Mann noch bis vor kurzem ein anständiger Mensch, der brav auf einer Farm gearbeitet hat, und darum tut mir's eigentlich leid, daß ich so gut getroffen habe.«

»Wahrscheinlich aber hat deine Kugel ihn vor dem Strick bewahrt. Was fangen wir nun mit ihm an?«

»Wir schaffen ihn natürlich, zum Sheriff.«

»Um Gottes willen – damit bringen wir uns womöglich selbst ins Gefängnis!« rief Devon ganz entsetzt.

»Ach, keine Spur«, entgegnete Harry. »Wenn auch sonst manches hier in unserer Gegend nicht viel taugt, unser Sheriff ist große Klasse. Also sieh mal zu, daß du meinen Gaul einfängst, denn meinen alten Beinen kann ich das nicht mehr gut zumuten.«

Devon tat, wie ihm geheißen. Dann luden sie den Toten auf den Sattel und banden ihn mit seinem eigenen Bindfaden darauf fest.

Als sie endlich aufbrachen, war die Sonne bereits untergegangen; tiefer Friede legte sich über den dunklen Wald. Nur aus weiter, weiter Ferne drang ab und zu ein seltsames, gedämpftes Geräusch an ihr Ohr. Das war die Stadt West-London, die lachte und sang.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.