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Auf der Spur des Goldes

Max Brand: Auf der Spur des Goldes - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Brand
titleAuf der Spur des Goldes
publisherAWA-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid0a39af46
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Neuntes Kapitel

Harry, der seine erloschene Pfeife wieder in Brand gesetzt hatte, stand behaglich schmauchend an der Tür. Plötzlich beschattete er die Augen mit der Hand und spähte hinaus.

»Ist das nicht Steve Maloney, der da ankommt?« murmelte er halblaut vor sich hin.

Sofort trat Jim neben ihn.

»Armer, alter Kerl«, sagte er, nachdem er flüchtig hinausgeblickt hatte, »deine Augen scheinen ebenso gelitten zu haben wie dein Gehirn. Kannst du wahrhaftig nicht sehen, daß das Vinzent Tuckers Vorarbeiter Way ist? Auf fünf Meilen erkenn ich den schon an der Art, wie er auf seinem Gaul hängt!«

Der Reiter kam heran und sprang aus dem silberverzierten mexikanischen Sattel. Er war ein typischer Cowboy mit hagerem Gesicht, aber prunkvoll gekleidet wie ein mexikanischer Kavalier am Sonntag, von der bunten, kurzen Jacke angefangen bis herab zu den hellen Fransen längs der Nähte seiner Hosen. Mit klirrenden Sporen trat er ein, schob den hohen Sombrero ins Genick und rief:

»Tag, Harry und Jim!«

Dann wandte er sich Devon zu und fragte:

»Sie sind offenbar Walt Devon?«

»Ja.«

»Mein Name ist Way. Ich komme im Auftrag von Vinzent Tucker zu Ihnen.«

»Bedaure – den Herrn kenne ich nicht.«

Way riß Mund und Nase auf.

»Was – Sie kennen Vinzent Tucker nicht?« fragte er völlig fassungslos.

Jetzt mischte sich Harry ein.

»Mr. Devon ist erst seit knapp einer Woche wieder daheim«, sagte er, »da kann er natürlich die Leute hier noch nicht kennen.«

Erklärend fuhr er dann fort:

»Du mußt nämlich wissen, Walt, Vinzent Tucker zieht jeden Tag eine Wagenladung Gold aus den Felsen und ist so reich, daß er nicht weiß, was er mit seinem Gold anfangen soll. Way ist so eine Art Vorarbeiter bei ihm.«

»Jawohl, ich arbeite für ihn im Stinson-Tal – fünfzig Meilen von hier entfernt.«

»Das Stinson-Tal kenne ich.«

»Die Sonne ist im Untergehen, jetzt wird's schön kühl; wollen wir nicht lieber draußen Platz nehmen?« schlug Jim vor, der ein Pferdeliebhaber war und sich Ways Tier näher ansehen wollte.

Sein Vorschlag fand Beifall – man ging hinaus. Mit mißbilligendem Kopfschütteln betrachtete der Alte die von den Sporen blutig gerissenen Flanken der prachtvollen Stute.

»Ja, mein verehrter Mr. Way«, sagte Devon, »was nützt mir Vinzent Tuckers riesiger Reichtum, wenn ich dem Mann nicht am Pokertisch gegenübersitze?«

Way grinste verständnisinnig – der Ausdruck seines Gesichts gewann nicht gerade dabei.

»Es kommt darauf an«, erwiderte er. »Eine ganz nette Summe könnte ich für Sie schon aus ihm herauskitzeln.«

»Wieso das?«

»Als Kaufpreis für Ihr Land hier.«

»Du, Jim – Way will unsere Ranch kaufen!« rief Harry.

»Nicht zu machen«, entgegnete Jim. »Wir verkaufen nicht.«

»Das will ich meinen«, nickte Harry. »Wir werden uns doch nicht das Dach überm Kopf wegnehmen lassen.«

»Eure Ranch?« fragte Way schneidend. »Nicht ein Grashalm, der auf den Hügeln hier wächst, gehört euch! Habt ihr vielleicht hier gerodet, habt ihr das Land durch eure Arbeit oder durch Geld bezahlt? Zeigt doch den Kaufvertrag vor; beweist doch euer Eigentumsrecht!«

Harry, der diese heftige Rede mehrmals hatte unterbrechen wollen, wandte sich jetzt kleinlaut an seinen Kameraden:

»Jim, was meinst du? Eigentlich hat er recht.«

Jim kratzte sich verlegen hinterm Ohr.

»Natürlich gehört die Ranch Walt«, sagte er schließlich, »aber ein gewisses Anrecht haben wir, denk' ich, doch auch daran, weil wir hier wohnen.«

»Moralisch vielleicht«, meinte Harry bedenklich, »aber ob dieser Anspruch auch vor dem Gesetz Gültigkeit hat?«

»Ganz und gar nicht«, versicherte Way. »Ihr macht euch nur lächerlich, wenn ihr irgendwelche Ansprüche vor den Gerichten erheben wolltet.«

»So weit wird es nie kommen«, entgegnete Devon, »denn selbstverständlich haben sie ein Anrecht auf die Ranch hier!«

Die beiden Alten sahen ihn an; zu sprechen vermochten sie nicht, aber das war auch nicht nötig.

»Verstehe ich recht?« fragte Way betroffen. »Sie billigen den beiden Herrschaften hier einen Anteil an Ihrem Besitztum zu?«

»Gewiß tue ich das«, entgegnete Devon.

»Und wieviel soll dieser Anteil betragen?«

»Genau soviel wie der meine.«

»Na, erlaube mal«, sagte Harry, nach Atem ringend.

»Wissen Sie auch, was Sie damit tun?« fragte Way.

»Ich denke, ja«, antwortete Devon.

»Und ich erlaube mir, das zu bezweifeln!«

Jetzt fand auch Jim die Sprache wieder.

»Das ist ja alles sehr lieb und nett von dir, Walter«, sagte er in ziemlich unsicher klingendem Ton, »aber dadurch, daß du uns großmütig in deinem Hause duldest, haben wir doch noch kein Anrecht an deinem Grundstück erworben.«

Devon legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Wie würde mein Vater in diesem Falle handeln, wenn er noch am Leben wäre?« fragte er. »Sein Blut ist mein Blut – also reden wir von etwas anderem!«

»Ja, tun wir das«, sagte Way lebhaft. »Ich habe nämlich von Vinzent Tucker den festen Auftrag erhalten, Ihnen Ihre Ranch abzukaufen.«

»Hört, hört!« rief Harry, wohl in Erinnerung an sein winterliches Zeitungsstudium.

»Jawohl, Alter«, erwiderte Way lachend, »und da ihr beiden ja Teilhaber seid – welchen Preis verlangt ihr?«

»Es sind immerhin fast tausend Morgen«, meinte Harry, »wie war's denn mit zehn Dollar für den Morgen?«

»Bist du einverstanden, Jim?« fragte Devon.

»Ich verkaufe nicht«, entgegnete Jim barsch, »und ernstlich denkt ihr beide ja auch nicht daran.«

Way wollte ihm darauf antworten, dann aber wandte er sich an Devon.

»Es ist ja außerordentlich edelmütig, wie Sie sich gegen die beiden alten Knaben benehmen«, sagte er, »das wird man überall anerkennen – aber geschäftlich kann ich natürlich nicht mit drei Menschen verhandeln, sondern nur mit Ihnen als dem gesetzlichen Eigentümer. Das werden Sie doch begreifen, nicht wahr?«

»Also schön – was haben Sie mir zu bieten?«

»Zehntausend Dollar.«

»Bedaure – ich habe bereits ein besseres Angebot«, entgegnete Devon kurz.

»Wieviel hat Burchard Ihnen denn geboten?«

»Woher wissen Sie, daß es sich dabei um Les Burchard handelt?«

»Es ist uns bekannt, daß Burchard Wert darauf legt, Ihr Land in die Hand zu bekommen.«

»Seine Gründe dazu werden Ihnen dann voraussichtlich auch bekannt sein. Wollen Sie mir die nennen?« fragte Devon.

»Gewiß, warum denn nicht? Zumal es die gleichen sind, die Vinzent Tucker hat.«

»Und welche sind das?«

»Beide rechnen damit, daß, wenn West-London so weiter wächst wie bisher, es bald an frischem Gemüse und Fleisch auf dem dortigen Markt fehlen wird. Sie wollen hier einen landwirtschaftlichen Betrieb eröffnen. Darf ich wissen, wieviel Burchard Ihnen geboten hat?«

»Fünfzehntausend.«

Way überlegte einen Augenblick.

»Ich könnte Ihnen sechzehntausend bieten«, sagte er dann, »aber das hat ja keinen Zweck, denn dann würde Burchard wieder tausend Dollar draufschlagen, und wir kämen nie zu Rande. Ich will darum offen zu Ihnen sein: Tucker hat mich ermächtigt, bis zu fünfundzwanzigtausend Dollar zu gehen, soviel ist ihm der Spaß wert, Burchard ein bißchen zu ärgern. Ich biete also rund und bar fünfundzwanzigtausend Dollar – einverstanden?«

»Donnerwetter, das ist ja allerhand Geld«, murmelte Harry vor sich hin.

»Jawohl, das bedeutet ein monatliches Einkommen von hundert Dollar für alle Ewigkeit, ohne daß man dafür einen Finger krumm zu machen braucht!« rief Way.

Ein minutenlanges Schweigen folgte.

»Nun, Mr. Devon«, fragte Way schließlich, »wollen Sie sich nicht entscheiden? Glauben Sie, von irgend jemandem ein besseres Angebot zu erhalten?«

»Das nicht – aber ich könnte ja den Plan der beiden Herrschaften auch selber ausführen und hier Gemüse und Schlachtvieh ziehen.«

»Dazu würde ihnen nur eine Kleinigkeit fehlen«, erwiderte Way mit liebenswürdigem Lächeln, »das nötige Kapital nämlich. Tucker rechnet mit vierzig- bis fünfzigtausend Dollar, die er außer dem Kaufpreis in Ihr Land stecken muß, um die Sache gewinnbringend betreiben zu können.«

Devon schloß die Augen und überlegte.

Er war kein Geschäftsmann – was ihn reizte, war das Abenteuer, die Aufregung, die der Spieltisch ihm bot, oder der Kampf, dessen Wechselfälle er in den sogenannten Kriegen der südamerikanischen Republiken durchlebt hatte – aber trotzdem leuchtete ihm ein, daß man auch aus einem landwirtschaftlichen Betrieb, wenn man ihn richtig aufzog, Reichtümer ziehen konnte – zumal seine Farm den besten Grund und Boden in der ganzen Umgebung von West-London hatte. Es war also immerhin möglich, daß die Absicht, eine derartige Spekulation durchzuführen, Burchard veranlaßt haben konnte, ihn aus dem Weg zu räumen, da er es dann nur mit den beiden Alten zu tun gehabt hätte, die nicht einmal einen vor dem Gesetz stichhaltigen Anspruch auf das Land hätten erheben können. Fünfundzwanzigtausend Dollar aber waren gut dreimal soviel, wie er im günstigsten Fall für den Besitz zu erzielen gehofft hatte, und der Teil, den er sich davon behalten wollte, würde ein willkommenes Betriebskapital für ihn bedeuten.

»Es ist schon ein recht anständiger Preis«, sagte er halblaut.

»Das will ich meinen«, rief Way ungeduldig, »Tucker muß einfach verrückt sein, daß er so mit dem Geld herumschmeißt.«

»Ja, ja – es ist ein mächtiger Haufen – fünfundzwanzigtausend Dollar«, nickte auch Harry.

Jim aber richtete sich auf, nahm die Pfeife aus dem Mund und erklärte:

»Trotzdem verkaufen wir nicht!«

Way zuckte die Achseln.

»Der alte Herr scheint schon etwas stark verkalkt zu sein«, sagte er, »aber wie steht es mit Ihnen, Devon?«

»Ich müßte allerdings –«, begann dieser.

»Wir brauchen gar keine Papiere«, unterbrach ihn Way, »schlagen Sie ein, dann ist die Sache abgemacht!«

Da erhob sich Jim, trat vor Way und sagte energisch:

»Machen Sie, daß Sie fortkommen; wir wünschen nicht weiter mit Ihnen zu verhandeln.«

Da Jim sonst – allerdings außer im Verkehr mit Harry – sich von einer bewunderungswürdigen, abgeklärten Sanftmut zeigte, war Devon über diese beleidigende Sprache wie vom Donner gerührt und wollte seinen Ohren nicht trauen, als Jim jetzt Way, der gleichfalls Mund und Nase aufriß, noch lauter anschrie:

»Haben Sie mich nicht verstanden? Sie sollen sich augenblicklich fortscheren und uns von Ihrem Anblick befreien!«

Die Zornader auf Ways Stirn schwoll an.

»Du verdammtes Knochengerüst«, schrie er, »was fällt dir denn ein?«

»Jetzt aber schleunigst fort«, rief Jim und faßte nach dem Colt, »sonst werd ich sehr ungemütlich.«

»Der alte Hanswurst verdirbt Ihnen ein Geschäft, wie Sie's niemals im Leben wieder machen werden, Mister Devon«, rief Way außer sich. »Verbieten Sie ihm doch den Mund!«

Obwohl Devon Jims plötzliche Grobheit durchaus nicht verstand, trat er neben ihn und erwiderte:

»Tut mir leid – wenn Jim gegen Sie ist, kann ich nichts machen; dafür sind wir Kameraden.«

Ways Gesicht wurde dunkelrot.

»Wegen solcher Narrheiten wollen Sie sich tatsächlich einen anständigen, ehrlichen Verdienst entgehen lassen?« fragte er.

»Geld, das von Vinzent Tucker kommt, ist weder anständig noch ehrlich erworben«, entgegnete Jim scharf.

Way machte auf dem Absatz kehrt, ging zu seinem Pferd hinüber und schwang sich in den Sattel. Devon, der ihn begleitet hatte, suchte ihn zu beruhigen.

»Es tut mir aufrichtig leid, daß der alte Mann Sie so unfreundlich behandelt hat«, sagte er, »aber Sie werden begreifen, daß mir die beiden Leutchen mehr wert sind als ein guter Verkaufspreis für meine Ranch.«

Way biß sich ärgerlich auf die Lippen.

»Jedenfalls haben Sie sich ein glänzendes Geschäft entgehen lassen«, sagte er achselzuckend, »aber wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen.«

Damit warf er sein Tier herum und galoppierte davon.

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