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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.

Walpurga saß vor Zorn weinend in ihrem Zimmer, dann ballte sie wieder die Fauste und sagte den Leuten daheim die Meinung, daß ihnen das Herz im Leibe zitterte. Aber sie faßte sich bald wieder und bezwang alles, um dem Kinde nicht zu schaden; die schlechten Menschen daheim sollten nicht auch dem Kinde hier noch Schlimmes anthun.

Unterdes war fernab in den hellerleuchteten Prachtgemächern des Schlosses und im Wintergarten rauschende Musik. Tausende von Lichtern leuchteten, Sammet und Seide, Perlen und Diamanten, Blumen und Kranze und fröhlich lächelnde Menschengesichter strahlten. Aber alles überstrahlte der König.

Der König wußte, daß er schön war; er freute sich dessen mit einer gewissen Kindlichkeit. Er war immer guter Laune, wenn er eine kleidsame Uniform trug. Bei den Hoffesten, die zu den Gedenktagen dieses und jenes Regiments gegeben wurden, trug er stets die Uniform des gefeierten Regiments; in der Husarenuniform war er immer besonders wohlgelaunt, sie zeigte die ganze Fülle seiner schönen Mannesgestalt. Heute nun erschien er in der phantastischen Tracht des mythischen Königs Artus in goldenem Schuppenpanzer und wallendem Purpurmantel. Neben ihm die Königin, fein und zart, in leichtfließenden, faltigen weißen Schleiern, wie eine Lilie anzuschauen.

Der König sah die Freudenblicke aller, die ihn betrachteten. Er war glücklich, er wußte, daß die Bewunderung heute nicht Schmeichelei war.

Als Irma ihn zuerst sah und sich tief verbeugte, mußte sie alle Kraft anwenden, um sich wieder zu erheben und nicht ganz vor ihm auf die Kniee niederzusinken; dann schaute sie zu ihm auf, glückselig und bittend zugleich.

Sie hatte Worte voll Bewunderung und Anbetung auf den Lippen.

Aber sie sagte ganz andres, denn die Königin sprach mit innigem Tone:

»Irma, ich bedaure, daß Sie sich nicht selbst sehen können; Sie lehren an Wunder glauben.«

Der König sprach nichts, aber Irma fühlte, wie sein Blick auf ihr ruhte, und es war ihr unfaßlich, wie sie nicht vor den Worten der Königin und dem Blick des Königs in nichts zerfließe. Sie mußte Haltung gewinnen und sagte:

»Ach, Majestät, dies Geisterkostüm drückt mich. Ein Geist soll nicht länger als eine Minute erscheinen, er muß früh sterben, schnell, in Flammen aufgehen und verschwinden.«

»Es gibt auch eine Minute Ewigkeit,« sagte der König.

Wohl hatte Irma sich gefreut, schön zu erscheinen, jetzt aber durchrieselte sie eine höhere Freude: er ist schön und groß, eine ritterliche mannhafte Erscheinung, wie keine Phantasie sie vollendeter auszudenken vermag ... er kann den Kuß der Ewigkeit geben, denn das ewig Königliche ist in ihm erschienen.

So stand Irma und sah und hörte kaum, was um sie vorging.

Der Umzug des Königspaares ging weiter und Irma erschien sich auf einmal bettelarm in ihrer Pracht. Der König ist nicht mehr nahe, dort geht er, dort strahlt er wie eine Göttererscheinung.

Die Umgebung Irmas lobte ihr sinnreiches und dichterisch schönes Kostüm – sie hörte es nicht. Sie wurde zur Königin entboten. Der König hatte den Ball mit der Königin eröffnen wollen und die Königin hatte gedankt; es war nur Zeremoniell, der König forderte sie jedesmal auf, aber die Königin tanzte nie.

Sie bat nun Irma, an ihrer Stelle mit dem König den Ball zu eröffnen.

Irma verneigte sich dankend; in ihr aber erhob sich etwas und stand stolz und hoch über der Königin: Nicht du gibst mir. Ich gebe. Ich entsage. Mein ist er! Dir hat ihn der Priester gegeben, mir die ewige Natur! Du bist eine zarte feine Blume, wir aber, wir sind ein Adlerpaar, das in den Lüften schwebt!«

Sie faßte es nicht, wie sie das alles in sich tragen konnte: alles Blut in ihren Adern war zu Feuer geworden.

Die Quadrille begann.

Irma fühlte den heißen Atem des Königs. Er faßte ihre Hand, er sprach leichte Scherze, wie es so anmutig sei, einmal selbst phantastisch eine phantastische Welt um sich her zu zaubern. Irma fühlte, wie so ganz andres sie zu sprechen, ja wie sie nur still zu sein hätten miteinander; aber sie mußten Gleichgültiges sprechen und durften auch nicht schweigen. So oft der König ihre Hand berührte, war es ihr, als müßte sie plötzlich mit ihm davonschweben, und wenn er die Hand wieder ließ, als ob sie versinken müsse. Es war nahe daran, daß die Quadrille in Unordnung kam.

Die Königin verließ bald den Ball. Der König geleitete sie, kehrte aber schnell wieder zurück.

Irma ging umher und der ganze bunte Lärm erschien ihr wie ein Traum. Sie lächelte, als sie endlich ihren Bruder traf, der mit seiner Frau in reichem mittelalterlichem Kostüm erschienen war. Sie hatte immer die Worte auf den Lippen: lebe ich noch? Sag mir, wo ich bin! – wer ich bin! Sie war aus dem Aether hergekommen und schwebte in einer andern Welt, und nur zwei Menschen sind auf dieser Welt – er und ich ... das einzige, das erste Menschenpaar ... die Götter leben wieder und sein Kuß ist Ewigkeit ...

Sie saß mit dem Bruder und der Schwägerin in einem Boskett unter einer Pinie. Da kam der König heran. Ihre Seele eilte ihm entgegen und umfaßte ihn und rief: Wir wollen sterben miteinander! Du bist mein und ich bin dein! Wir sind allein auf der Welt! ... Aber sie stand nur auf und verbeugte sich zitternd. Der König setzte sich zu ihr; sie fühlte, wie sein Blick auf ihr ruhte.

Als sähe er sie heute zum erstenmal, weidete sich sein Auge an der schönen Form des Kopfes, dessen Locken den Hals bis zu den Schultern mit dem Grübchen auf dem Nacken umspielten; sie erschien heute noch größer als sonst, und alle Formen so satt und voll Ebenmaß; das zarte Oval des Gesichtes, die breite Stirn, wie von zu schwerem Gedankenreichtum vornüber gewölbt, die feingeschweiften Brauen, das braune Auge in feuchtem Glanze und die Lippen so schwellend.

»Du bist schön und ich liebe dich!« sagte der König leise.

»Und du bist schön und groß und ich liebe dich grenzenlos!« erwiderte sie, aber ihre Lippen sprachen es nicht; in ihrem Heizen jubelte es tausendstimmig. Sie schloß die Augen und ließ den Blick des Königs auf sich ruhen,

»Irma,« sagte der König, »Irma,« wiederholte er. Er setzte kein Wort hinzu, seine Stimme stockte.

Stumm saßen die beiden eine geraume Weile nebeneinander, dann begann tief aufatmend der König wieder:

»O Irma, es gibt einen Augenblick, der ist unermeßliches Leben ... da trennt nichts ... drunten in der Welt zählen die Menschen nach Stunden, nach Minuten. Hoch oben im Himmel ist die Welt versunken.«

Irma schaute auf – Bruno und seine Gattin waren nicht mehr da. Sie war mit dem König allein.

Sie wollte vor ihm auf die Kniee sinken, ihn umschlingen mit der ganzen Glut ihrer Seele. Mit gewaltsamer Anstrengung zwang sie sich zum Erkennen der Umgebung: die Musik, die Lichter, die bunten Gestalten, alles wirrte sich ihr zusammen. Sie öffnete die Lippen, sie brachte kein Wort hervor. Rasch stand sie auf und verließ mit bebendem Schritt den Saal.

Bald darauf hatte auch der König den Ball verlassen.

Ueber den Gemächern Irmas stand noch spät in der Nacht Walpurga am Fenster und schaute traurig hinaus.

Flüchtige Wolken zogen am Himmel hin und bedeckten bald den Mond, bald ließen sie ihn in seinem ganzen Glanz erscheinen. Jetzt fiel das volle Licht auf die Gestalt der Venus von Milo, sie schien das Antlitz zu wenden.

Walpurga prallte erschreckt vom Fenster zurück und stand wie sinnverwirrt dreinstarrend, sie wagte nicht mehr, ans Fenster zu treten.

Auf der Viktoria in der Werkstatt des Bildhauers, auf den Lippen, die der König geküßt, zitterte derselbe Mondesglanz, der hier im Park die Venus von Milo überleuchtete ...

Die Götter waren lebendig in der Vollmondsnacht ...

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