Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
projectid5a468a98
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel.

Der Wetterhahn dreht sich wieder und steht auf gut Wetter, kaum leise, zerstreute Wölkchen sind am Himmel.

Und so ist es auch wieder in den Gemütern der Menschen. Der Hansei, hieß es im Dorf, hat den Freihof drüben über dem See gekauft und blank ausbezahlt. Wer das kann, wie kann man dem noch bös sein? Nein, schändlich ist's vom Gemswirt, daß er so einen Mann und so eine Frau wie die Walpurga aus dem Ort treibt: die waren ja eine Ehre für alle, davon gar nicht zu reden, was man für Nutzen davon hat, wenn so reiche und gute Menschen im Orte sind, und gar solche, die selber arm gewesen sind und wissen, wie es den Armen zu Mute ist.

Nun wurden Hansei und Walpurga überall freundlich begrüßt, und jedes sagte, daß mit ihrem Weggange ein Stück von ihrem Herzen mitgenommen würde.

Der Haupträdelsführer vom Musiksonntage, der Hansei hatte einen Possen spielen wollen, kam jetzt und wollte sich bei ihm als Knecht verdingen. Hansei erwiderte, daß er vorerst die Knechte behalte, die auf dem Hofe seien, er brauche zum Anfang Leute, die mit der Gegend drüben und den Aeckern bekannt seien; er habe aber guten Trost für die Zukunft.

Hansei mußte oft hin und her fahren. Es gab viel gerichtlich zu ordnen, und außerdem übernahm er auch noch einen alten Auszügler, der ein Leibgeding auf dem Hofe hatte und sich nicht mit Geld abfinden und aus dem Haus entfernen lassen wollte.

»Und wißt ihr,« sagte Hansei einmal, »wer mir viel geholfen hat? Das haben wir ja ganz vergessen gehabt: da droben an der Grenze, drei Stunden vom Freihof, wohnt ja die Stasi, und ihr Mann ist Unterförster; der hat mir den Wald gezeigt, und recht hat er, da lassen sich Wege hineinschlagen und Langholz herunterbringen. Willst du nicht auch einmal mit und unsre neue Heimat anschauen?« fragte er seine Frau.

»Ich warte, bis wir dort bleiben. Wo du mich hinbringst, ist mir's recht, wir sind ja bei einander und von dem Glück meiner Mutter kannst du dir gar keine Vorstellung machen.«

Die Großmutter, die sonst gar nicht ans Sterben dachte, klagte jetzt oft, sie werde es nicht erleben, daß sie mit hinüberziehen könnte auf den Freihof als Mutter der Bäuerin, wo sie Magd gewesen. Tagelang erzählte sie Walpurga von den schönen Apfelbäumen, die in dem großen Garten sind, und von dem Bach, der ein Wasser hat, daß man gar keine Seife braucht und die Wäsche wird schneeweiß, und wie gut da die Menschen sind; und dann ermahnte sie die Walpurga jetzt schon, ja die Gaben recht zu geben, die sich für die Freihofbäuerin schicken; sie sagte ihr alles genau, damit es geordnet sei, wenn sie doch vorher sterben müßte. Den alten Auszügler kannte sie auch, er war sogar etwas verwandt mit ihr, aber sehr weitläufig, den müsse man ja recht gut halten, das bringe Segen ins Haus.

Tage und Wochen vergingen, die Zeit der Abreise rückte immer näher.

Schon lange hatte Walpurga mancherlei Geschirr und Kleider eingepackt, sie mußte sie aber wieder holen, da man sie noch brauchte. Je näher die Zeit der Abreise kam, um so freundlicher wurden die Menschen, und Walpurga klagte der Mutter:

»Es geht mir jetzt bei der Abreise von hier wie damals vom Schloß; ich hab' doch immer das Verlangen gehabt, fortzukommen, und wie die Zeit dagewesen, war mir's doch wieder bang.«

»Ja, Kind,« tröstete die Mutter, »so wird es auch gehen, wenn du einmal aus der Welt fort mußt. Wie oft möchte man fort, aber wenn's darauf ankommt, da geht man doch nicht gern. O Kind, ich mein', die ganze Welt redet zu mir und ich versteh' alles. Wenn man Abschied nehmen muß, da ist alles am besten, und die Menschen besonders, und so wird's auch sein, wenn man vom Leben Abschied nimmt und man versteht erst recht, wie schön es doch gewesen ist und wie viele gute Herzen zurückbleiben.«

Die beiden Frauen allein konnten sich miteinander ausreden. Hanseis wurde man keine ruhige Stunde mehr habhaft. Er saß viel beim Grubersepp, ging mit ihm über Feld und ließ sich in allem unterrichten.

Eines Abends wurde Hansei abgerufen, er solle zum Grubersepp kommen, aber schnell. Er eilte fort und kam lange nicht heim. Walpurga und die Mutter blieben wach – sie waren begierig, zu wissen, was vorging. Endlich, es war fast Mitternacht kam er an, und Walpurga fragte: »Was ist denn?«

»Der Grubersepp hat ein Hengstfüllen kriegt!«

Walpurga und die Mutter lachten und konnten gar nicht wieder aufhören,

»Was ist da zu lachen?« fragte Hansei fast ärgerlich, »und noch dazu ist das Zeichen da, daß es ein Schimmel wird.«

Das Gelächter erneute sich und Hansei schaute sonderbar drein. Er erzählte mit Ernst, daß ihn der Grubersepp hätte holen lassen, damit er das lerne und er wollte seine neueste Erfahrung berichten, daß nie ein Füllen weiß geboren wird; aber er besann sich noch zur Zeit: man muß den Weibern nicht alles erzählen, sie verfallen in ein so dummes Gelächter, und ein großer Bauer muß auch stolz gegen die Weiber sein.

Das will er sich merken. Der Grubersepp ist auch stolz gegen das Weibervolk.

Es kamen Anträge, Hansei sein Häuschen abzukaufen, und er wurde immer bös, wenn man die Gstadelhütte eine baufällige alte Baracke schimpfte. Er schaute immer darauf, wie wenn er sagen wollte: »Nimm's nicht übel, du braves Haus, die Leute schimpfen nur, damit sie dich billig kriegen.« Hansei war zäh, er wollte sein Heim nicht um einen Groschen billiger hergeben, als es wert ist, und dazu hatte er seine Fischgerechtigkeit, die auch was wert war. Der Grubersepp übernahm endlich das Haus für einen Knecht, der zum Herbst heiraten und den er darauf setzen wollte.

Alles war gut, alles war freundlich im Dorf, ja doppelt, weil man jetzt davonging, und Hansei sagte:

»Es thut mir weh, daß ich einen Feind hinterlassen muß; ich möcht' mich gern mit dem Gemswirt aussöhnen.«

Walpurga stimmte zu und sagte, sie gehe auch mit, sie sei ja eigentlich schuld, und wenn der Gemswirt schimpfen wolle, solle er auch sie ausschimpfen.

Hansei wollte seine Frau nicht mitgehen lassen, aber sie bestand darauf.

Es war am letzten Abend zu Ende August, da gingen sie miteinander das Dorf hinauf. Das Herz pochte ihnen, als sie gegen das Wirtshaus kamen. Es war kein Licht in der Stube; sie tappten im Vorplatz hin und her, kein Mensch ließ sich sehen und hören, nur Dächsel und Mächsel machten einen Heidenlärm. Hansei rief:

»Ist niemand daheim?«

»Nein, es ist niemand daheim,« sagte eine Stimme aus der dunkeln Stube.

»So saget dem Gemswirt, wenn er heimkommt, der Hansei und seine Frau seien dagewesen, und sie hätten ihn bitten wollen, er solle ihnen verzeihen, wenn sie ihm was zu leid gethan, und sie verzeihen ihm auch und wünschen ihm alles Gute.«

»Ist recht, will's ausrichten,« sagte die Stimme und schlug die Thür wieder zu, und Dächsel und Mächsel bellten wieder.

Hansei und Walpurga gingen heimwärts.

»Weißt, wer das gewesen ist?« fragte Hansei.

»Ja freilich, der Gemswirt selber.«

»Gut, so ist's geschehen, weiter können wir nicht.«

Schwer wurde der Abschied von allem im Dorfe. Jetzt läutete es zur Nacht mit der schönen Glocke, die sie gehört hatten von ihrer Kindheit an zu jeder Stunde; sie redeten kein Wort von der Trauer des Abschiedes, nur Hansei sagte endlich:

»Unser Heimatsort liegt nicht außer der Welt, wir können noch oft hierher kommen.«

Als sie nach ihrem Hause kamen, war fast das ganze Dorf versammelt, um ihnen Lebewohl zu sagen, aber jedes setzte noch hinzu: »Ich sehe dich morgen früh noch.«

Auch der Grubersepp kam noch einmal. Er war gewiß schon stolz genug, jetzt aber war er's doppelt, denn er hatte einen andern zum rechten Mann gemacht, ihm wenigstens dabei geholfen. Er war nun weder zärtlich noch empfindsam; er faßte vielmehr seine ganze Lebensweisheit in ein paar Sätze zusammen, die er sehr unvermittelt vorbrachte.

»Ich hab' dir nur noch sagen wollen,« begann er, »du wirst jetzt viele Knechte bekommen; glaube mir, die besten sind nichts nutz, aber es läßt sich was draus machen; wer Knechte haben will, die gut mähen, muß selber gut vormähen. Und vergeßt nicht: Ihr seid so schnell zum Reichtum gekommen, und was schnell gekommen ist, kann auch schnell wieder gehen; haltet fest, sonst wird's bös!«

Er spendete noch manche praktische Lehre, und Hansei gab ihm das Geleite bis an sein Haus. Mit einem stillen Händedruck verabschiedeten sie sich.

Im Hause war es so leer, denn ein großer Teil Kisten und Kasten war schon vorausgeschickt auf einem Kahn über den See. Drüben warteten morgen zwei Gespanne vom Freihof.

»So legen wir uns heut also zum letztenmal hier schlafen,« sagte die Mutter, aber keines wollte zu Bett gehen, obgleich sie so müde waren von der Arbeit und Herzensrührung. Endlich mußte es doch sein. Aber sie schliefen alle nur wenig.

Am morgen war man früh bei der Hand. Man zog die besten Kleider an, und sofort wurden die Betten zusammengerafft und in den Kahn getragen. Die Mutter machte das letzte Feuer auf dem Herd, die Kühe wurden herausgeführt und in den Kahn gebracht, auch die Hühner wurden in einer Steige mitgenommen und der Hund lief bei allem hin und her.

Die Zeit zum Aufbrechen war da.

Die Mutter sprach ein Gebet, dann rief sie alle in die Küche. Sie schöpfte mit dem Schapf Wasser aus dem Kübel und schüttete es in das Feuer mit den Worten: »Alles Böse und Ueble soll verschüttet und ausgelöscht sein, und wer nach uns da Feuer anzündet, soll lauter Gesundheit drin finden.«

Auch Hansei, Walpurga und Gundel mußten jedes ein Schapf voll Wasser ins Feuer schütten, und selbst dem Kinde führte die Großmutter die Hand dazu.

Nachdem alle, ohne ein Wort zu sprechen, diese Weihehandlung vollzogen hatten, betete die Großmutter:

»So nimm du, unser Herrgott, von uns alles Herzweh und alles Heimweh und alle Gebresten, und gib uns Gesundheit und eine glückliche Urständ da, wo wir wieder Feuer anzünden.«

Sie ging mit dem Kinde voraus über die Schwelle; sie hielt dem Kinde die Augen zu und rief den andern laut zu:

»Schaut euch nicht mehr um, wenn ihr herausgeht!«

»Halt noch ein wenig still,« sagte Hansei zu Walpurga, die allein bei ihm war. »Schau, Walpurga, ehe wir zum letztenmal da über die Schwelle gehen, muß ich dir noch was sagen. Das muß heraus. Ich möcht' ein rechter Mann sein und nichts mehr dahinter. Ich muß dir das sagen. So ist's. Walpurga, wie du fortgewesen bist und die schwarze Esther war droben, da bin ich einmal drauf und dran gewesen, ein schlechter, ungetreuer Mensch zu werden ... Ich bin's gottlob nicht geworden, aber es plagt mich, daß ich's doch einmal hab' werden wollen. Jetzt, Walpurga, verzeih mir, und Gott wird mir auch verzeihen. So, jetzt hab' ich dir's gesagt und jetzt hab' ich nichts mehr, und wenn ich den Augenblick vor Gott hintrete, ich weiß nichts mehr.«

Walpurga umarmte ihn schluchzend und sagte: »Du bist mein guter Mann.« Dann schritten sie zum letztenmal über die Schwelle.

Im Garten blieb Hansei stehen, schaute zu dem Kirschbaum auf und sagte:

»Du bleibst also da? Willst nicht mit? Wir sind doch allzeit gute Freunde gewesen und manche Stunde bei einander. Aber wart', ich nehm dich doch mit,« rief er freudig, »in meiner neuen Heimat pflanz' ich dich ein!«

Er grub einen Schößling, der als Wurzelbrut ganz unten am Stamm hervorsproßte, vorsichtig aus, steckte den Schößling unter die Hutschnur und ging hinab zu seiner Frau an den Kahn.

Von der Anlande am Seeufer her erscholl helle Musik von Geigen, Klarinetten und Trompeten.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.