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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel.

Am Sonntag gingen Hansei, Walpurga und die Mutter miteinander in die Kirche. Das Kind blieb daheim bei der Gundel.

Still wandelte man am See entlang. Jedes dachte, wie oft man den Weg gegangen in Freud und Leid, und wie es nun sein werde, wenn man einen andern Weg in eine andre Kirche geht.

Die Leute, die auch zur Kirche gingen, grüßten die drei nur flau und die Großmutter sagte:

»Wir wollen keine bösen Gedanken über die Menschen mit in die Kirche nehmen, die müssen draußen bleiben.«

»Wenn man aber wieder herauskommt, ist's wieder da, wie die Hunde, die an der Kirchthür warten,« entgegnete Walpurga scharf.

Die Mutter schaute sie kopfschüttelnd an und begütigte:

»Glaub mir, die Leute sind gar nicht so bös, wie sie sich stellen; sie bilden sich nur was drauf ein und meinen, sie machen sich wichtig damit und gelten etwas, weil sie zornig und bös sein können. Sei's aber, wie es sei! Die andern können wir nicht zwingen, daß sie gut sind, aber uns können wir zwingen.«

»Gebt mir das Regendach, Mutter, ich kann's besser tragen, wie Ihr,« sagte Hansei; das war so seine Art, wie er seine Beistimmung ausdrückte.

Der Gemswirt fuhr vorüber. Hansei grüßte, aber als Antwort vernahm er ein Knallen mit der Peitsche.

»So ist's,« sagte Hansei, »wenn der jetzt auch nicht gut ist, deswegen brauch' ich nicht bös zu sein.«

Die Mutter nickte Hansei zu.

Man war ruhig in der Kirche und ging wie gesättigt und getränkt wieder heim. Das that aber keinen Eintrag, daß Hansei am Mittag seinen mächtigen Hunger hatte und er sagte:

»Ich mein', der Freihofbauer kann mehr essen; aber er soll auch tüchtig schaffen, das will ich ihm schon auflegen.« Hansel war gar lustig, aber auf den Kirschbaum stieg er nicht mehr.

Am Mittag kam der Doktor mit seiner Frau auf Besuch. Walpurga zeigte der Frau Hedwig all die schönen Sachen, die sie bekommen hatte, und Frau Hedwig war voll Bewunderung.

»Das schöne Kleid da,« sagte Walpurga, »das leg' ich zurück für das Kind zur Hochzeit; man kann nicht früh genug damit anfangen, an die Aussteuer zu denken.«

Der Doktor hatte ein gutes Flaschenfutter mitgebracht; er stellte die Flaschen auf den Tisch und sagte:

»Hansei, wie ich höre, bist du in den trockenen Bann gethan. Ich bin ein Ketzer, ich darf dir einschenken.«

Das that er nun auch weidlich.

Walpurga kam mit der Frau Doktorin in die Stube zurück und brachte eine Flasche von dem Wein des Leibarztes mit den Silberkapseln. Doktor Kumpan verstand ihn zu entsiegeln; er lobte den Wein, noch mehr aber den Leibarzt.

»Ich meine,« sagte Walpurga, »ich mein', wir sollten unsern Ehrengästen sagen, was mit uns vorgeht; das sind Ehrenleute, die berichten's vorderhand nicht weiter.«

»Hast recht,« meinte Hansel und erzählte die Sache mit dem Freihof. Der Doktor und seine Frau glückwünschten und bedauerten nur, so gute Leute aus der Gegend zu verlieren.

Von der Weinlaune ermutigt, frug Hansei:

»Herr Doktor, ist's erlaubt? Sehen Sie, Sie sind ja eigentlich an unserm Glück schuld', ist's erlaubt, daß Sie auch ein Geschenk von uns annehmen?«

»Laß einmal hören. Wie viel tausend Gulden willst du dran wenden?«

Hansei war sehr erschrocken, so weit hinaus wollte er doch nicht.

»Sie sind ein lustiger und spaßiger Herr,« sagte er, sich fassend. »Jetzt, ich hab' gemeint ... ich hab' noch drei Klafter Holz oben im Wald, das letzte hab' ich noch vorige Woche gespalten, jetzt das möcht' ich Ihnen vors Haus führen.«

»Ich thu' dir den Gefallen und nehm's an. Ich sehe, du wirst schon ein rechter Bauer, du hast einen steifen Daumen, das Geld klebt dir dran. Bleib nur so.«

Die Ehre des Sonntags steigerte sich noch, denn nach der Mittagskirche kam auch der Herr Pfarrer. Er berichtete, daß er morgen nach der Hauptstadt reisen wolle, Walpurga möge ihm den versprochenen Brief an die Gräfin Wildenort mitgeben. Doktor Kumpan rief mächtig lachend:

»So? Die Allerhöchste Gräfin Wildenort ist deine Freundin und an die will der Herr Pfarrer –«

»Herr Doktor, ich möcht' ein Wort allein mit Ihnen reden,« unterbrach ihn Walpurga, »kommen Sie schnell.«

So viel hatte sie doch bei Hofe gelernt, daß man mit einer gewissen höflichen Entschiedenheit manches Unliebsame im Zügel halten und ablenken kann. Es lag eine gewisse Hoheit in der Art, wie sie nun dem Doktor sagte, sie dulde in ihrem Hause keine böse Nachrede über die Gräfin Irma; sie würde es ebenso nicht dulden, wenn jemand in ihrem Hause etwas Schlimmes über den Doktor sage, und das sei gewiß ebenso erlogen, wie über die Gräfin; sie sei eben gespaßig und übermütig, wie der Doktor, sie könnte sein Kamerad sein, aber grundbrav sei sie auch, gerade so wie er, und er solle ihr das nicht zuleide thun, bös von ihr zu reden.

Der Doktor sah Walpurga staunend an. Als er in die Stube zurückkam, sagte er zu Hansei:

»Du hast eine Staatsfrau, auf die darf jeder stolz sein, der mit ihr gut Freund ist.«

Walpurga ging nach der Kammer und schrieb:

»Meine herzgeliebte Gräfin!

Ich ergreife diese Gelegenheit, um Ihnen zu schreiben. Unser Pfarrer reist nach der Stadt und will so gut sein und einen Brief an Sie mitnehmen und an Sie überbringen. Ich weiß nicht, was er sonst will. Und darauf können Sie sich verlassen, was er will, ist gut; er ist gar gut gegen mich, besonders seit ich aus der Fremde heim bin.

Nun möcht' ich Ihnen gern schreiben, wie es mir geht. Ich kann mir's von Gott nicht besser wünschen. Wenn man seinen Mann und seine Mutter und sein Kind hat und seine Arbeit, wir haben schon geheuet, aber nicht so bloß zum Spaß, wie dort bei uns auf der Wiese am Sommerschloß, wissen Sie noch?

Ach Gott! ich sag' bei uns, und wer weiß, ob noch jemand im Schloß an mich denkt.

Ja Sie, meine gute Gräfin, gewiß, und mein Kind auch, ich meine den Prinzen, und die Königin und die Mamsell Kramer und der ihr Vater auch.

Ich bitte, grüßen Sie alle von mir, auch den Leibarzt und den Baron Schöning und die Oberhofmeisterin, sie ist doch auch gut. Und wenn Sie zur Frau Gunther kommen, die auch. O, was ist das für eine Frau! Ich hab' sie leider Gottes erst am vorletzten Tag kennen gelernt; zu der sollten Sie jeden Tag gehen, so muß Ihre Mutter selig eine Frau gewesen sein. Und thun Sie mir den Gefallen und schreiben mir auch einmal, wie's meinem Prinzen geht; er hat Sie auch ja so gern. Und wenn Sie heiraten, zeigen Sie mir's an. Und wenn Gelegenheit ist, soll die Mamsell Kramer mir die schöne Kunkel schicken: es wäre doch schade, wenn sie droben auf dem Boden liegen bleibt.

Meinem Mann hat's gar leid gethan, daß er Sie an jenem Morgen nicht gesehen hat, und mir auch. Ich muß mir's ganz aus dem Sinn schlagen, wie Sie damals ausgesehen haben; in Gedanken muß ich immer da drüber hinüber, wenn ich mir meine schöne Gräfin und gute Freundin vor Augen stellen will.

Und meine Mutter läßt Sie auch vielmal grüßen, sie hat Ihre Mutter auch noch gekannt und sagt: Wenn man der ins Gesicht gesehen hat, ist's gewesen, wie wenn man in die Sonne sieht.

Mein Kind hat sich im Anfang bocksteif gegen mich gemacht: Sie haben's ja am Prinzen gesehen, wie sich Kinder bocksteif machen können, wenn sie jemand nicht lieb haben wollen. Aber jetzt bin ich mit meinem Kind ganz gut Freund, und das beste ist doch auf der Welt, daß man ein Kind hat und seine Arbeit und sein bißchen Vermögen. Ach, wenn man so mit seinem Kinde geht, da geht ein lebendiger Brunnen mit einem spazieren, aus dem man jede Minute lauter Seligkeit trinken kann.

Es ist mir oft wie ein Traum, daß ich fortgewesen bin, aber es ist gut, daß es gewesen ist; ich könnt's nicht noch einmal, das spür' ich, und so wünsch' ich nur wohl zu leben.

Ich küsse das Papier, das Sie in die Hand nehmen werden.

Ihre gute Freundin

Walpurga Andermatten.

Nachschrift. Und neue Lieder singen sie jetzt hier auch, aber sie sind nicht schön. Ich hab' hier am Tag keine Zeit zum Singen, und wenn ich nicht abends mein Kind einsingen könnte, käme ich gar nicht dazu.

Verzeihen Sie, daß ich so schlecht schreibe, aber ich habe schon harte Hände bekommen, und das Papier und die Tinte sind auch schlecht. Ja, so sagen alle schlechten Schreiber. Nochmals lebet wohl. Ich schreibe in Eile und der Herr Pfarrer wartet drin in der Stube, und der Doktor und seine Frau sind auch da; das sind gar gute Leute, und wenn's auch viele böse und schlechte Menschen gibt und neidische, sie thun sich selber den größten Schaden damit. Meine gute Gräfin! Sie können gar nicht wissen, was Sie uns Gutes gethan haben: es muß Ihnen noch gut dafür gehen, und Ihren Kindern und Kindeskindern. Es ist soviel als gewiß, daß wir nicht hier bleiben, aber es ist ja ein Himmel über der ganzen Welt. Und wenn Sie zu Ihrem Vater kommen, grüßen Sie ihn auch von meiner Mutter, die hat ihm seine Wohlthat nicht vergessen, und Sie sind seine Tochter und haben das gute Herz von ihm und Ihrer Mutter. Ich wünsch' Ihnen nur, daß Sie auch so eine Mutter hätten wie ich, ab« meine Mutter hat recht: man soll sich nichts wünschen, was man nicht machen kann. Und ich meine, ich müßt' Ihnen noch recht viel schreiben, aber ich weiß jetzt nichts mehr und drin in der Stube rufen sie. Leben Sie wohl und tausendmal wohl und glücklich, und ich wünsch' Ihnen von Herzen alles Gute. O, wenn ich nur mit dem Brief bei Ihnen sein könnte. Aber ich bin gern daheim und will mein Leben lang nicht mehr fort. Lebet wohl, all ihr guten Menschen da draußen in der Welt.«

Walpurga übergab den Brief und der Pfarrer ging bald davon. Er war nicht gern beim Doktor, der ein schlimmer Ketzer war. Als es Abend wurde, reiste auch der Doktor mit seiner Frau davon, und Walpurga hatte nicht wenig Stolz und Freude, daß alle Leute im Dorfe gesehen hatten, welchen Ehrenbesuch sie gehabt; dessen kann sich doch keiner sonst rühmen.

Die Woche ging still vorüber. Hansei war mehrere Tage verreist. Er schloß den Kauf ab.

Das Pechmännlein hatte sich's als besondere Gunst ausgebeten, dabei sein zu dürfen, wenn das Geld für den Freihof ausgezahlt wird. Sein Gesicht flimmerte, als er das viele Gold sah, und als der Grubersepp fragte: gefällt dir das? da sagte er wie aus einem Traum erwachend:

»Ja, es ist wahr, ich hab's gar nicht geglaubt, in alten Geschichten hab' ich oft davon gehört, daß so viel Gold auf einem Haufen liegen kann. Der ganze Plunder ist doch nur ein paar Pfund schwer und dafür kriegt man jetzt den ganzen Freihof. Ja, ja, daran werd' ich noch in meinem Alter denken!«

Grubersepp lachte aus vollem Halse; das Männlein mit den grauen Haaren mußte sich noch gar jung vorkommen, da es von seinem zukünftigen Alter sprach.

Am Freitag kam der Pfarrer wieder. Er hatte die Gräfin Irma nicht getroffen, sie war mit dem Hofe in ein Bad gereist. Den Brief hatte er im Schloß gelassen; er sollte ihr nachgeschickt werden.

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