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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
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Zehntes Kapitel.

Als Walpurga am andern Morgen erwachte, fand sie den Sack voll Gold neben sich im Bette. Hansei war verschwunden.

Wo ist er? Was ist mit ihm?

Sie kleidete sich rasch an, suchte und rief im ganzen Hause, er war nicht da. Sie eilte ins Haus des Grubersepp, man hatte hier nichts von ihm gesehen. Sie ging wieder heim, Hansei war noch immer nicht da. Was ist denn das? Wenn sich der Hansei ein Leid angethan hat? Wenn's ihm im Kopf was gethan hat? das viele Geld, das schreckliche Geld! Es hat doch in der Erde gelegen, und es ist ja nichts Unrechtes dabei; und was einmal in der Erde gelegen hat, ist wieder gereinigt.

Sie ging hinaus an den See. Der See war noch immer unruhig und trieb starke Wellen, der ganze Himmel war von grauen Wolken umzogen.

Wenn sich Hansei was am Leben gethan hat? Wenn er vielleicht da drin schwimmt?

»Hansei!« schrie sie über den See hin.

Sie erhielt keine Antwort. Sie kehrte ins Haus zurück und klagte der Mutter ihr Leid, sie sprach ganz verwirrt; aber die Mutter tröstete sie:

»Sei nur ruhig. Der Hansei hat seine Axt mitgenommen, die immer draußen hängt, er wird oben im Wald noch was zu thun haben; er schenkt sich keine Arbeit. Wenn er heimkommt, sag ihm nicht, daß du so närrisch gewesen bist. Ich seh' doch, das Leben im Schloß sitzt dir noch in allen Gliedern; du machst dir gleich so viel Gedanken und über alles hinaus. Glaub doch, die Welt ist in Ruhe, wenn wir selber in Ruhe und Ordnung sind. Still, ich hör' ihn kommen, er pfeift.«

Hansei kam pfeifend daher, die Axt auf der Schulter.

Walpurga konnte ihm nicht entgegen gehen, sie mußte sitzen bleiben, so müd war's ihr in den Knieen.

»Guten Morgen, Freihofbäuerin!« sagte Hansei von weitem.

»Guten Morgen, Freihofbauer!« erwiderte Walpurga, »Wo bist du gewesen?«

»Draußen im Wald. Ich hab' eine Tanne umgehauen, eine mächtige, die hat's gespürt. Das hat gut gethan. Jetzt gib mir aber zuerst was zu essen, ich bin hungrig.«

Gottlob, daß er noch essen kann, dachte Walpurga und holte schnell die Morgensuppe. Sie setzte sich zu ihm und freute sich bei jedem Löffel, den er nahm, und nickte ihm zu, sie hatte viel zu fragen und zu sagen, aber sie wollte ihn nicht im Essen stören. Sie hielt die halbleere Schüssel in die Höhe, damit er den Löffel immer recht voll nehmen könne.

»Jetzt sag,« fragte sie, als die Schüssel leer war, »jetzt sag, warum bist du so früh fort und so heimlich davongeschlichen?«

»Ja, ich will dir was sagen. Wie ich da aufgewacht bin und hab' geglaubt, es wär' alles nur ein Traum gewesen und hab' nachher doch das Gold gefunden, das viele Gold, da hab' ich gemeint, ich werde närrisch. Der Hansei, der arm' Kerl, der monatelang gespart und sich darauf gefreut hat, daß er sich ein Hemd und ein Paar Schuhe anschaffen kann, der Hansei hat auf einmal so viel? Da ist mir's gewesen, wie wenn mich eins um und um dreht und närrisch macht. Da hab' ich dich wecken wollen, mit dir überlegen, was ich mit mir anfangen soll, aber du hast so gut geschlafen, und da hab' ich gedacht: was da! Die Frau soll dir helfen? Aus dem Schlaf heraus! Wart Hansei, ich will dich! Und da bin ich hinaus und hab' meine Axt genommen und bin den Berg hinauf. Ich hab' immer gemeint, es lauft ein ganzer Trupp Menschen hinter mir drein und bin doch allein, und es hat kaum zu tagen angefangen. Da bin ich weiter, zu der Tanne hin, sie ist schon lang ausgezeichnet zum Schlagen, hab' meine Joppe hingeworfen und angefangen, in den Baum zu hauen, und wie die Späne davongeflogen sind, ist mir's wohler geworden. Nachher ist der Spinnerwastl gekommen, der hat mir geholfen, aber er hat immer gesagt: Hansei, so hast du dein Lebtag nicht geschafft, wie heut. Es ist auch wahr. Wir haben den Baum umgerissen und das hat gekracht und das hat mir wohl gethan, und ist mir immer wohler geworden; wir haben die Aeste abgehauen und so viel geschafft, dreimal so viel wie sonst in so einer Zeit. Und da sind mir nach und nach alle die Narrenspossen und das Taumeln aus dem Kopf gegangen. Jetzt bin ich da und bin wohl und bin bei dir, Walpurga, alter Schatz. Ich bin noch einmal ein rechter Holzknecht gewesen, und jetzt soll ich Bauer werden – wird schon, wird alles gut!«

Und so war's.

Die Mutter hatte eine wunderbare Gabe, zu verschwinden, wenn sie wußte, daß die beiden Eheleute etwas unter sich allein auszumachen hatten; man hätte glauben können, das Häuschen habe geheime Thüren und unterirdische Gänge, so urplötzlich war die Großmutter oft nicht mehr zu sehen, bis sie auf einmal wieder da war, und man wußte nicht, wo sie gewesen und wieder hergekommen.

Auch jetzt war sie verschwunden, und als Walpurga und Hansei sie im ganzen Hause riefen, fanden sie sie nirgends; als sie aber in die Stube zurückkamen, war sie da.

»Mutter, wir haben Euch etwas Gutes zu sagen,« begann Walpurga.

»Ich sehe schon das beste,« versetzte sie, »daß ihr so herzeinig miteinander seid! weiter brauch' ich nicht zu wissen.«

»Nein, Mutter, das müsset Ihr wissen. Habt Ihr Euch nie ausgedacht, daß Ihr einmal Freihofbäuerin sein könntet, wie Ihr dort Magd gewesen seid?«

»Nein, nie!«

»Aber jetzt wird's.«

Walpurga und Hansei erzählten wechselsweise, wie man so viel Geld habe, daß man den Freihof bar und blank bezahlen könne, und der Kauf sei so gut wie fertig, denn Hansei habe sich auf acht Tage das Zuschlagsrecht aufbehalten.

Mutter Beate saß starr da nach dieser Mitteilung, sie faltete die Hände und ihre Mienen waren tief schmerzlich.

»Mutter, freut Ihr Euch denn gar nicht?« fragte Walpurga.

»Ich mich nicht freuen? Wirst schon sehen. Aber, Kind, ich bin alt und kann nicht mehr so springen, wie du. Schau die Berge da draußen, so lang die stehen, hat noch kein Mensch eine größere Freude gehabt, als ich jetzt. Ich weiß nicht, was unser Herrgott mit mir vorhat, daß er mir so viel Freuden auf der Welt gibt. Er muß wissen, was er thut, ich nehm's still und geduldig an. Ich hab' gemeint, es könnt' gar nichts mehr kommen, wie du wieder daheim gewesen bist; aber ich seh' schon, es kommt noch mehr. Gut, laß kommen, was will; ich komme wieder heim.«

Die Mutter konnte nicht weiterreden. Hansei aber sagte:

»Ja, Mutter, Ihr sollet noch was sehen, was Ihr Euer Lebtag noch nicht gesehen habt.«

Er ging in die Kammer, holte den Sack mit dem Golde und öffnete ihn.

»Da schaut einmal hinein, wie das glitzert und glänzt. Man kann's in zwei Hände nehmen und dafür kann man ein Gut kaufen mit Haus und Feld und Wald, und Vieh und Geschirr und alles!«

»Das ist viel Geld,« sagte die Mutter. Sie legte die Hand auf das Gold und ihre Lippen bewegten sich still.

»Greifet nur einmal hinein,« drängte Hansel, »So mit den Händen im Gold herumwühlen – o, wie wohl thut das!«

Die Großmutter willfahrte ihm nicht, sie murmelte nur vor sich hin.

Das Kind in der Kammer schrie und Hansei rief:

»Die Freihofbauerntochter ist erwacht. Guten Morgen, Freihofbauerntochter!« sagte er hinter den beiden Frauen, die zu dem Kinde gingen: er hob den Geldsack auf, klimperte und rief:

»Horch einmal, solche Musik hast du noch nicht gehört!«

Die Großmutter nahm das Kind aus dem Bett und sagte:

»Hansei, folg jetzt mir und leg das Gold in das warme Bettchen von dem unschuldigen Kind. Das bringt Segen und mag das Gold in Händen gewesen sein, wie's wolle, damit ist's geweiht und bringt Segen.«

»Ja, Mutter, das können wir schon thun.« Zu Walpurga gewendet, fuhr er fort: »Die Mutter hat immer gar schöne Sachen. Jetzt dem Gold wird's wohl thun in dem warmen Nest. Ja!« rief er dem kleinen Kinde zu, »in deine Wiege hat man viel Gold gelegt. Halt! Ein Stück davon thun wir heraus und lassen ein Loch durchbohren: das kriegst du, wenn du gefirmt wirst. Halt dich nur brav!«

»Jetzt muß ich aber zum Grubersepp!« rief er endlich.

Walpurga mußte nun berichten, daß sie ihn heute schon dort gesucht habe. Sie sah jetzt selber, wie schnell sie übertriebene Vorstellungen hatte und nahm sich vor, das ferner zu vermeiden.

Die Großmutter, Walpurga und das Kind waren gut bei einander in der Stube und die Mutter erzählte, daß sie damals, als Walpurga drei Monat später geboren wurde, zum letztenmal auf dem Freihof gewesen sei; sie sei damals auf ihres Bruders Hochzeit gewesen.

»Man kann mich schon da oben begraben,« schloß sie. »Ich kann ja leider nicht neben deinem Vater ruhen, der See hat ihn ja nicht mehr hergegeben. O, wenn er das noch erlebt hätte!«

Die höchste Freude und das höchste Leid klingen immer ineinander.

Der Grubersepp kam mit Hansei. Er war der erste, der Walpurga und der Großmutter Glück wünschte. Er empfahl indes, ehe die Sache gerichtlich fest sei, niemand etwas davon zu sagen.

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