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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
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Neuntes Kapitel.

Hansei machte nicht viel Umstände mit dem Ohm. Er kannte ihn schon lange; sie waren oft zusammengekommen oben in den Bergen, wo Hansei als Holzknecht arbeitete und der Ohm Pech kratzte; aber da wird nicht viel Aufhebens gemacht von Freundschaft; manchmal eine Pfeife Tabak, das ist alles, was man einander Gutes erweist.

Jetzt hatte Hansei Wichtigeres zu erzählen:

»Ich flick' da am Gartenzaun; die mit der Musikbande am Sonntag haben ihn fast zusammengerissen. Wie ich nun so da am Zaun flicke, da hör' ich eine Stimme: Bist fleißig, Hansei? Wie ich aufschau', wer ist's, der bei mir steht? Ihr erratet's nicht.«

»Doch nicht der Gemswirt?«

»Ihr erratet's nicht. Der Grubersepp ist's, und er sagt: Wie ich hör', gehst du nicht mehr zum Gemswirt. – Das geht niemand was an, sag' ich –«

»Warum hast ihn so grob angefahren?« unterbrach Walpurga.

»Weil ich ihn kenne. Wenn man dem nicht die Faust zeigt, hält er einen für gar nichts. – Schau, sagt er, zu Michaeli werden's sechs Jahr, so alt, wie der Waldl ist; seitdem bin ich nicht mehr zum Gemswirt gekommen und leb' doch noch; wirst sehen, es thut dir auch gut. Ich hab' eigen Bier einliegen; wenn du einmal einen Schoppen willst, schick zu mir oder komm selbst, und vielleicht brauchst du einen Rat, was du mit deinem Gelde anfangen sollst. Das aber sag' ich dir: leih' keinem Menschen was. – Jetzt saget nur, Mutter, jetzt sag nur, Frau, wer hätt' das geglaubt? Wer hätte das je hinter dem Grubersepp gesucht? Der ist doch sonst so geizig mit jedem Wort. Da hast du's, Walpurga, die Menschen sind nicht alle schlecht, sie sind gut und bös untereinander gemischt, im Schloß und im Dorf. Wirst sehen, jetzt kommen sie alle wie die Bienen auf eine teige Birne, wenn sie merken, daß der Grubersepp Kameradschaft mit mir hat.«

Das war allerdings ein großes Ereignis. Begnadigter kann ein Residenzbewohner nicht sein, wenn ihn der König auf offener Straße anspricht, als jetzt Hansei und sein ganzes Haus war.

Walpurga wollte sogleich hinauf zum Grubersepp und ihm bekennen, daß sie ihm in Gedanken unrecht gethan habe, Hansei aber sagte:

»Ist nicht nötig, daß man gleich so hitzig thut. Ich warte, bis der Grubersepp wiederkommt: ich gehe ihm keinen Schritt entgegen.«

»Recht so,« erwiderte Walpurga, »du bist ein ganzer Mann.«

»Ausgewachsen bin ich. Nicht wahr, Ohm, ich wachse nicht mehr?«

»Ja,« erwiderte der Ohm, »du hast das Maß. Aber weißt du, was du sein solltest? Bauer auf einem großen Gut. Du wärst der Mann und sie wäre die Frau dazu. Ja, jetzt fällt mir was ein. Hast wohl schon gehört: der Freihofbauer bei uns will verkaufen, man sagt sogar, er muß. Da solltest du hin, da wärest du besser dran, als der König. Wenn du Bargeld hast, kriegst du den Hof um den halben Preis.«

Nun lobte der Ohm den Hof und die Aecker und die Wiesen, das sei ein Boden, den man fast essen könne, so fett und so geschlacht, und erst der Wald, da wisse kein Mensch, was drin stecke, es sei nur bös, daß man nicht überall dazu könne.

Der Ohm war Pechbrenner und kannte den Wald genau.

Walpurga war ganz glücklich und sagte:

»Die Sache darf man nicht auslassen.«

Hansei that sehr gleichgültig. Walpurga nahm ihn an der Hand und flüsterte:

»Ich hab' dir noch was.«

»Ich brauch nichts. Jetzt bitt' ich dich um eines: Laß mich mit dem Gutskauf allein machen und thu' nicht so happig mit dem Ohm. Ich glaub', der ist vom Freihofbauer geschickt. Da muß man zäh sein und gleichgültig thun. Daneben werd' ich nichts versäumen, verlaß dich drauf, und was Wald ist, das versteh' ich auch; ich bin lang genug Holzknecht gewesen.«

Hansei ließ den Ohm allein abreisen und sagte nur leichthin, er werde einmal gelegentlich den Freihof ansehen.

Am Abend kam richtig der Grubersepp, und ihm folgte eine Magd mit einem großen Steinkrug voll Bier.

Das war unerhört, so lange das Dorf steht, daß ein Großbauer in die Gstadelhütte kam und da den Abend sein Bier trank.

Sein ganzes Benehmen sprach beständig aus: mir weiden sechzig Kühe auf der Alm. Noch nie hatte jemand ein Lob aus seinem Munde gehört, er sah zu allem sauer drein und war trocken von Wort, er war, was man so sagt, ein Rackerbauer; immer nur arbeiten, weiter nichts, am wenigsten sich um einen andern Menschen bekümmern.

Walpurga ließ sich nicht sehen. Sie fürchtete, sie werde zu unterthänig thun und das werde Hansei nicht gefallen. Dieser benahm sich, als ob der Grubersepp von je da aus und ein gegangen wäre.

Der Grubersepp fragte nach Walpurga. Hansei rief sie, sie kam, und der Grubersepp reichte ihr die Hand zum Willkommen.

Nun ging's, als Walpurga sich wieder entfernt hatte, an ein Beraten über die beste Anlegung des Geldes.

Sepp war ein besonderer Feind der Staatspapiere.

»Ja,« sagte endlich Hansei, »mir ist der Freihof angetragen, drüben über dem See, sechs Stunden landeinwärts, meine Schwiegermutter ist aus der Gegend.«

»Ich kenn' den Freihof, bin einmal dagewesen, ich hätt' einmal eine Tochter vom Hof heiraten sollen, es ist aber nichts daraus geworden. Ich hab' mir sagen lassen, daß das Gut jetzt abgemagert und schlecht gefüttert ist. Wenn man von einem Gut nehmen will, muß man ihm auch geben, das verlangt der Boden; merk' dir das, wenn was aus dem Kauf wird. Und von den Wiesen sollen auch viele verkauft sein, und mein Vater hat immer gesagt: Die Wiesen von einem Gut sind wie das Euter von einer Kuh.«

Hansei staunte über die Erbweisheit des Grubersepp. Und das trägt der so still mit sich herum!

Der Grubersepp schloß: »Daneben ist die Sache wohl zu überlegen, und es thät' mich freuen, wenn einer aus unserm Ort zu so einem schönen Gut käme.«

»Aber dazu geben thätet Ihr mir nichts?«

»Nein, bin dir auch nichts schuldig; wenn du mich aber sonst brauchen kannst.«

»Ja, wie denn? Wollt Ihr Bürgschaft für mich leisten?«

»Das auch nicht. Aber ich versteh' das doch besser wie du. Ich schenk' dir einen Tag und fahr' mit dir hinüber und schätze dir das ganze Anwesen ab. Es freut mich, daß du nicht wirten willst. Bis morgen mittag bin ich mit meinem Heu herein, es hellt sich auf. Wenn du mich einen Tag willst, ich bin dabei und fahre mit dir hinüber. Du weißt, wenn ich was sag', da gilt's; ich bin der Grubersepp.«

»Ich nehm's an,« sagte Hansei.

Freudestrahlend stand andern Tages Walpurga am Gartenzaun und schaute dem Fuhrwerk nach, worauf Hansei und der Grubersepp saßen; sie freute sich, daß gerade viele Leute vom Feld heimkehrten, als die beiden miteinander dahin fuhren.

»Nun sollen sie an ihrer Bosheit würgen. Der erste im Dorf ist der Kamerad von meinem Hansei.«

Es war vom Grubersepp keine Kleinigkeit, daß er einen Tag aus seinem Leben hergab, zumal mitten im Sommer; es war wohl Güte dabei, aber hauptsächlich wollte er zeigen, daß die ganze Sippschaft vom Gemswirt keinen zum Mann machen kann, der Grubersepp aber kann das. Es ist ihm zwar sehr gleichgültig, was die Menschen über ihn denken, aber es thut doch gut, ihnen manchmal den Meister zu zeigen, wenn's nichts kostet. Wenn's nichts kostet – das stand bei allem, was der Grubersepp that, obenan.

Der nächste Weg war wohl über den See und drüben gleich den Berg hinauf; aber der Grubersepp hatte einen besondern Widerwillen gegen das Wasser. Man fuhr rings um den See herum und erst dann bergan.

Am andern Abend spät kamen Hansei und Sepp zurück. Hansei berichtete, daß alles ganz stattlich und der Kauf ganz anständig sei, wenn auch nicht gar so billig, wie der Ohm geprahlt habe; das Gut sei greulich verwahrlost, doch wäre das kein Hindernis, er könne es schon wieder herrichten; aber er möge nicht kaufen, denn er müsse zu viel auf Hypothek stehen lassen, er wolle lieber ein kleines Gut ohne Schulden.

Da sagte Walpurga:

»Komm, ich hab' dir's ja schon lang sagen wollen und du hast mir's nicht abgenommen. Ich hab' dir noch was!«

Sie führte Hansei hinab in den Keller, dort rückte sie mit großer Kraft die steinerne Krautbütte weg, grub mit den Händen die Erde auf und reichte dem verwundert drein schauenden Hansei in einem Kopfkissenüberzug das Gold dar.

»Was ist das?«

»Lauter Gold!«

»Lieber Gott, du bist ja eine Hexe! Das ist ... das ist Zaubergold?« schrie Hansei. Er erschrak so heftig, daß er die Oellampe umstieß, die Walpurga auf einen umgestürzten Kübel gestellt hatte.

Die beiden standen schaudernd im dunkeln Keller.

»Bist du noch da?« rief Hansei zitternd.

»Ja wohl bin ich noch da! Sei doch nicht ... sei doch nicht ... so ... so abergläubisch! Mach Licht! Hast du keine Zündhölzchen?«

»Ja freilich!«

Er that sie heraus, sie fielen ihm aber alle zu Boden. Walpurga las sie auf, mehrere fingen Feuer, gingen aber gleich wieder aus und es war schauerlich in dem kurzen, blauen Licht. Endlich gelang es, die Lampe wieder anzuzünden. Sie stiegen hinauf in die Stube. Dort zündete Walpurga noch ein Licht an, damit man nicht wieder von der Dunkelheit erschreckt werden könne. Hansei öffnete hastig den Kissenüberzug und das Gold blinkte ihm entgegen.

»Jetzt sag mir aber,« rief er, sich mit der ganzen Hand über das Gesicht fahrend, »jetzt sag mir: hast du noch mehr? – Thu mir das nicht noch einmal an!«

Walpurga beteuerte, daß sie nun nichts mehr habe. Hansei breitete das Gold auf den Tisch aus, legte es in Häufchen zusammen und zählte mit den Fingern ab. Er hatte immer ein Stück Kreide in der Tasche, das nahm er nun heraus und rechnete zusammen. Als er damit fertig war, wendete er sich um und sagte:

»Komm her, komm, Walpurga! Da hast du den ersten Kuß, Freihofbäuerin!«

Hansei that das Gold wieder in den Kissenüberzug, und als er zu Bett ging, steckte er den Sack unter sein Kopfkissen und sagte: »Ah! Das ist ein gutes Kopfkissen! Da schläft sich's gut drauf!«

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