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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.

Es war Gemeindeversammlung.

Hansei wurde auf das Rathaus entboten. Der Gemeindediener sagte ihm, daß es sich um neue Einschätzung handle; er solle nun, da er zu Vermögen gekommen sei, mit einem höheren Steuersatz belastet werden.

»Just alles auf den Kreuzer anzugeben brauchst du nicht,« schloß er.

»Ich geb' alles an. Gottlob, daß ich steuern kann,« entgegnete Hansei.

Walpurga nahm das mit einer gewissen Gier auf. Jetzt war der Zeitpunkt da, wo das, was schon seit vielen Tagen in ihr kochte, überfließen konnte. Sie wollte mit ihm aufs Rathaus gehen, da sind alle beisammen, sie will ihnen die Meinung sagen. Hansei beschwichtigte, daß das nicht gehe, und nun war der Gemeindediener für sie der richtige Mann; er sollte der ganzen Gemeinde berichten, was er von ihr gehört hat, und ein Ueberschwall von Zornesworten sprudelte aus ihr heraus. Sie drohte mit dem König, mit allen Zuchthäusern, als stünden ihr alle zu Gebote, und ganz neue Strafen wußte sie zu erfinden.

»Komm mit,« sagte Hansei zum Gemeindediener. Unterwegs gab er ihm ein gutes Trinkgeld und erklärte, daß seine Frau noch nicht ganz auf ebenem Boden sei und es ihr natürlich noch von vielem im Kopfe stürme. Der Gemeindediener beruhigte Hansei, sein Amt bringe es mit sich, vieles zu hören und zu sehen, was man nachher nicht gehört und gesehen haben müsse, und das Weibervolk hätte seine besondere Art; einmal so recht ausladen, das sei den Weibern eine Hauptlust; sie seien nachher wieder ganz wohl.

Hansei wurde auf dem Rathause lang aufgehalten. Der Gemswirt, der hier als Gemeinderat am Tische saß, machte sich ein besonderes Vergnügen daraus, ihn in die Klemme zu nehmen; hier war er in Amt und Würden und wie mit einem Schilde gedeckt; er legte es darauf an, daß Hansei ihn beleidige, dann konnte man ihn einsperren und dem hoffärtigen Bettelvolk auf einmal seine ganze Ehre abwischen. Hansei merkte, wohin das abzielte, und alle staunten, wie er so manierlich sprach; den Gemswirt nannte er nicht anders als Herr Gemeinderat. »Das hat ihm gewiß seine Frau eingegeben, die im Schloß ausstudiert hat,« flüsterten die Gemeinderäte einander zu.

Es regnete ausgiebig während der ganzen Dauer der Gemeindeversammlung, und um das Rathaus schlich Walpurga und lauschte. Wenn es da oben was gibt, wollte sie hinauf und ihnen alles sagen, was sie sind. Sie spürte nichts von dem Regen, der durch ihre Kleider drang, denn ihr ganzes Wesen glühte. Endlich hörte sie poltern auf der Treppe. Viele kamen herab, sie eilte heimwärts.

Voll Selbstgefühl kehrte Hansei heim, er hatte sich selbst bezwungen und hatte mehr gesiegt, als wenn er mit Knitteln um sich geschlagen; aber im Hause fand er große Zerstörung.

Walpurga war im Regen umhergegangen, dann plötzlich wie gejagt heimgekommen und vor den Augen der Mutter in der Stube ohnmächtig auf den Boden gesunken. Jetzt war sie wieder lebendig, aber sie fieberte, daß ihr die Zähne klapperten; sie öffnete einmal die Augen, schloß sie aber schnell wieder.

Hansei wollte sogleich fort zum Doktor; die Mutter bat, einen Boten zu schicken und bei ihr zu bleiben. Ehe der Arzt kam, saß Walpurga wieder aufrecht im Bett und konnte erzählen, wie es ihr ergangen.

Hansei berichtete, wie er den Gemswirt mit lauter Höflichkeit erwürgt habe. Da blitzte es über das Antlitz Walpurgas und sie reichte ihm die Hand.

»Du bist – du bist ein ganzer Mann,« sagte sie, und jetzt weinte sie, daß die Thränen stromweise über ihre Wangen flossen.

»Das ist gut,« nickte die Großmutter Hansei zu, »das erleichtert ihr den Kopf; ich hab' gefürchtet, es sei ihr zu Kopf gestiegen; jetzt ist alles gut, jetzt geh' du!«

Hansei ging hinaus. Er stand am Fenster und starrte hinaus in den Regen. Wenn deine Frau stirbt, oder wenn sie lebt und ärger ist als tot, wenn sie ... er wagte nicht das Wort zu denken, er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, die ihm zu Berge standen.

Die Mutter kam heraus und berichtete:

»Gottlob, sie schläft: wenn das gut vorüber ist, dann sind wir aus allem heraus. Das ist nichts Geringes, wie sie jetzt aus dem Schlosse dahergesetzt ist, aus lauter Ehren und Verhätschelung in die grobe Bosheit hinein, und da hat sich Zorn und Hässigkeit in ihr zusammengerollt, das hat einmal heraus müssen! gottlob, daß es jetzt heraus ist. Daß die Menschen sich so gemein gezeigt haben, das ist unser Glück. Glaub' mir, so gut sie auch sonst ist, sie hätt' sich im Haus an alles gestoßen und nichts wär' ihr recht gewesen, wenn das nicht gekommen wär'.«

So tröstete die Mutter, und Hansei nickte.

Walpurga schlief und ihre Wangen glühten hochrot. Hansei trug das Kind auf dem Arme und stand lange vor dem Bett seiner Frau, sie betrachtend.

Erst am Morgen kam der Doktor. Er fand Walpurga schon munter, aber unsäglich matt. Er verordnete strenge Mittel, und schon nach zwei Tagen war Walpurga wieder ganz wohlauf. Sie sah nun erst recht, an welchem Abgrunde sie gestanden und wie glücklich sie hinübergekommen war.

Jetzt erst war sie ganz daheim und frohgemut in allem Thun.

Die Großmutter und Walpurga wuschen am See.

»Ja, das ist unser Geschäft: sauber halten,« sagte Walpurga. »Wenn ich zu den Bergen aufschaue, da sind die Felsen und die Wälder, da machen doch nur die Männer Häuser draus und meißeln und hauen; was eben mächtig und stark ist, ist Mannesgeschäft; wir Weiber sind doch die Minderen, wenn man uns auch einredet und wir uns selber einbilden, wunder was wir seien.«

Die Mutter lächelte und sagte: »O Kind, du holst deinen Verstand weit her, aber das Rechte hast du.«

»Mein Hansei ist ein echter bestandener Mann,« fuhr Walpurga fort.

»Wohl, wohl,« versetzte die Mutter mit glücklicher Miene. »Er meint nicht so viel in der Welt und denkt nicht das und jenes, aber wenn's drauf ankommt, weiß er, was er zu thun hat und wie er sich hinzustellen hat. Und so ist dein Vater selig auch gewesen. Du hast's gut, du bist gleich nach deinem ersten Kind zu der Einsicht gekommen, ich erst nach meinem dritten, oder eigentlich erst recht, bis mir alle Kinder gestorben sind, bis auf dich allein.«

»Guten Tag beisammen!« sagte plötzlich ein kleines dürftig aussehendes Männchen.

»Mein Peter!« schrie die Großmutter, »das ist gut, daß du schon da bist. Und das ist deine Tochter? Wie heißt sie denn?«

»Gundel.«

»Grüß euch Gott!« rief die Großmutter wieder und machte lange Vorbereitungen, denn sie wischte sich immer die nasse Hand ab und steckte sie zuletzt doch wieder ins Wasser, bevor sie sie dem Bruder reichte.

Das kleine Männchen machte ein verwundertes Gesicht; so hatte sich schon lange niemand mehr mit ihm gefreut, aber freilich, hier kommt er in ein Haus, das von lauter Freude überströmt.

Die Großmutter führte ihren Bruder an der Hand nach dem Hause; ihre Mienen wurden traurig, das arme Männchen sah gar so erbärmlich aus.

Drinnen gab sie dem Bruder und der Nichte schnell etwas zu essen. Nachdem man gegessen, führte sie die Gundel zum Waschzuber am See.

»Da schaff bis Mittag, dann weißt du gleich, wo du daheim bist.« Sie kehrte zu ihrem Bruder zurück und hieß ihn nochmals willkommen. Das Männchen klagte, daß es ihm gar hart gehe; die Großmutter nahm Walpurga in die Kammer und fragte:

»Wie viel Geld hast du mir zur Reise in meine Heimat geben wollen?«

»So viel Ihr braucht.«

»Nein, sag mir wie viel.«

»Wären zehn Gulden genug?«

»Haufengenug. Gib sie mir gleich.«

Walpurga gab ihr ein Zehnguldenstück, dann aber sagte sie:

»Mutter, ich hab' Euch ja noch keine Mitbring gegeben.«

Sie nahm noch mehrere Guldenstücke, reichte sie der Mutter und sagte: »Da nehmt das und verschenkt es. Ich weiß, das ist Euch doch das Liebste, daß Ihr schenken könnt.«

»O Kind, du kennst mich. O Gott, ich kann schenken! Das ist doch das beste auf der Welt. Schau, ich hab' noch nie was Gutes thun können an armen Menschen.«

»Mutter, saget das nicht. Wie oft habt Ihr Tag und Nacht bei Kranken gewacht.«

»Das ist doch nichts, das ist kein Geld.«

»Das ist mehr als Geld.«

»Mag sein, vor Gott; aber bei den Menschen – schau, Geld und Geldeswert schenken können, du machst mich ganz glückselig. Ich hab' auch schon geschenkt bekommen. Du weißt nicht, wie das ist, wenn zwei Hände einander berühren, wo die eine gibt und die andre empfängt, und es gibt Geschenke, die sind wie heißes Brot im Magen; es sättigt freilich, aber es liegt da drin wie heißes Blei; es gibt aber auch gute Menschen, von denen ein Geschenk gut thut. Der Vater vom Grubersepp ist zu mir gekommen und hat mir geschenkt, und auch der Graf Eberhard Wildenort von drüben über dem Gamsbühel.«

»Das ist ja der Vater von meiner Gräfin!« unterbrach Walpurga.

»Gottlob, da erlebt er Gutes dafür an seinen Kindern. Ich vergesse keinen Namen. Ja, also von diesen beiden hab' ich Geschenke und jetzt geben die wieder Geschenke weiter durch mich. Kind, das vergesse ich dir nie. Schenken können, das ist der Himmel auf der Welt. Aber da stehen wir und schwätzen und drin wartet mein Bruder wie eine arme Seele vor der Himmelsthür. Komm, komm mit!«

Sie gingen in die Stube. Die Mutter gab ihrem Bruder ein Zehnguldenstück in die Hand und sagte:

»Da, nimm. Ich brauch nicht mehr in meine Heimat, meine Heimat ist zu mir gekommen. Und wenn ich mein Lebtag nicht mehr hinkomme – es ist mir genug, daß ich meinen Bruder wieder einmal gesehen hab'. Da, Peter, das sollte mein Reisegeld sein.«

»Tsch, sz, sz, sz, szt!« ließ sich das Pechmännlein vernehmen, wie wenn ein Topf zischte.

»Was soll das bedeuten?« fragten Mutter und Walpurga zugleich.

»Tsch, sz, sz, sz, szt!« antwortete Peter.

»Sag, was hast du? Bist du närrisch?« fragte die Mutter, deren Gesicht erst so strahlend gewesen und nun plötzlich verwandelt wurde.

»Tsch, sz, sz, sz, szt!« antwortete das Pechmännlein wieder; auch Walpurga wurde ärgerlich und fragte, was die Possen bedeuten sollten.

»O, du Schloßweisheit,« sprach endlich das Pechmännlein. »Weißt du denn nicht mehr, wie es zischt, wenn ein Tropfen auf einen heißen Stein fällt? Siehst du, das ist bei mir mit dem Geld da grad so.«

Die Mutter hielt ihm vor, wie undankbar er sei und auch wie die fremden Menschen glaube, daß Walpurga jetzt alle Leute reich machen könne; er solle doch froh sein, so viel Geld habe er noch nie bei einander gehabt.

Das Pechmännlein aber, ohne weitere Antwort zu geben, ahmte nur immer das Zischen des Tropfens nach. Walpurga ging in die Kammer und brachte dieselbe Summe noch einmal, und das Pechmännlein sagte:

»So, jetzt ist gelöscht. Jetzt kann ich meine Schulden bezahlen und mir noch eine Geis kaufen.« Und die beiden Zehnguldenstücke aufeinanderschlagend, sang er:

»Was ist das Besteste? Was ist das Besteste?
Wenn man ist von Schulden frei
Und hat noch ein Stückle Geld dabei,
Das ist das Besteste, juchhe! Das ist das Besteste.«

Die Mutter war nun auch wieder ganz froh. Sie nahm sich vor, mit ihren Schenkungsgeldern recht haushälterisch und bedachtsam zu sein; in Gedanken schwebten schon die Menschen an ihr vorbei, deren Dürftigkeit sie nun lindern oder ganz auslöschen kann, und die Blicke der froh Beschenkten strahlen schon jetzt aus ihrem glückseligen Antlitz auf.

»O, ihr Weiberleut,« predigte das Pechmännlein und schaute mit flimmernden Augen auf seine beiden Goldstücke, »ihr Weiberleut könnt gar nicht wissen, was Geld ist. Einen Gulden klein Geld thu' ich in meinen Sack und behalt' es immer bei mir! Heidi! Das wird ein Leben! Was wisset ihr, wie das ist? Man geht am Sonntag am Wirtshaus vorbei und langt in die Tasche, und da drin hat der Kaiser sein Recht verloren; aber jetzt, ja, das ist was; ich geh' ein und gönn mir's, und wo ein Wirtshaus ist, kann ich daheim sein, und Wein und Bier warten auf mich, und der Wirt und die Wirtin und die Tochter und die Magd thun schön und fragen, wie mir's geht und woher und wohin, und wenn ich fortgeh', geben sie mir das Geleit und sagen, ich soll wiederkommen, und alles das warum? Weil ich halt Geld im Sack hab'.«

Das alte Männlein jauchzte hell auf. Die Großmutter warnte den Bruder, doch jetzt nicht ein unordentlicher Mensch zu werden; da lachte Peter, daß sein Gesicht aus lauter Falten bestand, und erklärte, daß er sich das nur so ausgedacht und jetzt um so weniger ins Wirtshaus gehe; wenn man Geld im Sack habe, sei es eine Lust, sich am Brunnen beim Wirtshaus seinen Durst zu löschen.

»Meine Gräfin hat mir erzählt,« sagte Walpurga, sich behaglich zum Ohm setzend, »daß Ihr ihren Vater kennt.«

»Was ist denn das für eine Gräfin?«

»Wildenort.«

»Ja wohl, den kenn' ich. Ja, das ist ein Mann, o das ist ein Mann, ein alter Deutscher, ein Herr, ein rechter Herr, der sollte König sein, ja der –«

Es näherten sich starke Männertritte. Hansei kam. Das Pechmännlein steckte schnell sein Geld ein und flüsterte: »Ich will dem Hansei nichts davon sagen.«

»Ihr braucht's ihm nicht zu sagen, wir sagen's ihm schon selbst,« entgegnete Walpurga.

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