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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
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Sechstes Kapitel.

Sind denn das nicht dieselben Menschen im Dorfe, die zu Weihnachten, als die Kleider für Hansei und die Mutter aus der Residenz ankamen, so schmähliches Gerede verführten? Sind das auf einmal lauter gute, liebreiche Seelen geworden?

Anfangs schien es in der That, daß sie sich zum Edelsten, was es gibt, zur reinen Mitfreude, erhoben hätten.

Nun aber – wenn es eine Wetterfahne gäbe für die Stimmung der Menschen, sie hätte sich schnell gedreht.

Der Vorgang war natürlich.

Es gibt wenig Lustbarkeiten mehr im Dorfe, die hohe Kirchen- und Staatspolizei hat da arg gewirtschaftet. Es war daher nichts Geringes, daß das hohe Landgericht zu Ehren der Prinzenamme Musik und Tanz mitten im Sommer erlaubte; denn zu allem, auch zur Musik, muß obrigkeitliche Bewilligung eingeholt werden.

Nun war alles voll Fröhlichkeit, natürlich der Grubersepp ausgenommen; er machte ein saures Gesicht zu dem lärmenden Getreibe und ging, nachdem er sich am Mittag gut ausgeschlafen hatte, auf seine Felder. Die Kleinbauern und Holzhauer, die Schiffer und Fischer, für solche paßt ein Gejohle und Gethue um nichts und wieder nichts, einen ernsten schweren Bauern ficht das nicht an.

Als aber Walpurga mit Hansei davongegangen und der Hauptspaß verdorben war, als sogar der Herr Landrichter sagte, das sei unverschämt – da trat eine Umwälzung in den Gemütern ein, und viele, die zur Einholung der Geehrten an der Gstadelhütte beim See waren, überlegten jetzt miteinander, was für einen Possen man dem Hansei und seiner hoffärtigen Frau spielen könne. Es ließ sich mancherlei ausdenken: man konnte den Kühen die Schwänze abschneiden, die Thüren zunageln, die Fenster einwerfen; die Menschen waren überaus erfinderisch in allerlei schnöden Possen, aber die Anwesenheit des Herrn Landrichters war dabei doch unheimlich. Der Trupp ging daher zurück ins Wirtshaus und erlustigte sich daran, tapfer gegen den Garnichts, gegen den Ammerich und seine einfältige Frau loszuziehen. Allmählich trat indes wieder eine andre Wendung ein. Schadenfreude ist auch eine Freude. Man gönnte es dem Gemswirt, daß ihm die Lustbarkeit und die gute Zeche verdorben war, denn die Herrenleute fuhren bald davon und ließen ihm Braten und Kuchen auf dem Hals, daß er acht Tage lang davon knappern konnte. In der Küche weinte die Gemswirtin vor Zorn und Aerger, den sie am liebsten gegen ihren Mann losgelassen hätte. Nun ging's hin und her, und es war eine rechte Lustbarkeit, den Gemswirt aufzuziehen und ihn zu ermahnen, den Verlust des heutigen Tages noch auf den Hauskauf zu schlagen.

»Ich verkauf' gar nicht mehr,« sagte der Gemswirt, »solche Leute dürfen mir nicht mehr in mein Haus.«

Als Walpurga am Montag früh erwachte, war Hansei nicht da. Die Arbeitswoche beginnt; er war schon vor Tag mit der Sense auf seiner Bergwiese und mähte das tauduftige Gras nieder. Die Arbeit ging mit solcher Freude, Lust und Ruhe, als wenn ihm eine unsichtbare Kraft helfend die Hand führte. Als die Morgensuppe bereit war und Walpurga überall nach ihrem Manne gesucht, hinter dem Hause und über den See hinausgejodelt hatte, um ihn heimzurufen, sie glaubte, er sei zum Fischen hinausgefahren, da ging sie nochmals in den Vorgarten und schaute auf den Kirschbaum, vielleicht ist er da oben, obgleich das immerwährende Kirschenbrocken zu viel und nicht recht wäre. In demselben Augenblick kam Hansei mit seiner Sense, die in der Morgensonne glänzte, den Berg herab. Walpurga winkte ihm, er kam schneller und berichtete, was er bereits vollbracht. »Ah,« sagte er, sich am Frühstückstisch ausstreckend, »das thut gut; schon was geschafft zu haben und dann heimkommen, und da ist Frau und Kind und Mutter, und die haben was Warmes bereit, – ah, das schmeckt! Der Sonntag ist schön, aber noch schöner ist der Werktag. Ich möchte nicht eine von deinen Herrschaften sein, die das ganze Jahr Sonntag haben. Wenn ich nur recht viele Aecker hätt' und Wiesen und Wald, daß ich immer im Eigenen schaffen könnte!«

»Will's Gott, kriegen wir die,« erwiderte Walpurga.

Man saß wohlgemut beisammen und alle waren ins Herz hinein froh und das Kind jauchzte. Da kam eine Magd des Gemswirts und brachte Hansei sein eigenes Bierseidel, worin sein Name auf den zinnernen Deckel eingegraben war, mit dem Bedeuten, der Gemswirt ließe sich für künftighin seinen Besuch verbitten.

Hansei ließ dem Gemswirt zurücksagen, er möge ihm auch die zweihundert Gulden schicken, die er ihm noch schuldig sei. Er that's eigentlich nicht gern, daß er diese Botschaft durch die Magd gab, aber er mußte doch auch einen Trumpf draufsetzen.

»Und sag' ihm noch,« rief er der Magd nach, »man hat ihn schon lang gewarnt, er kommt einmal an den Unrechten. Sag' ihm nur, ich sei der Unrechte, an den er gekommen ist.«

Hansei konnte doch nicht umhin, das leere Bierseidel mit Wehmut zu betrachten. Das bleibt nun leer, wer weiß, wie lang, vielleicht auf ewig, und es ist keine Kleinigkeit, im Dorfe vom Wirtshaus ausgeschlossen zu sein, es ist fast so hart, wie in einer kleinen Residenz, wo der Fürst Gastereien gibt, nicht hoffähig zu sein. Es ist frisch angestochen! wird's heißen: Es ist ein Weinkauf! Es sind unterhaltsame Fremde da ... Vom Besten, was nun im Dorfe vorgeht, hat er nichts mehr. Betrübt schaute Hansei auf sein Deckelglas und spürte schon jetzt all den Durst, den er ins künftige nicht wird löschen können.

Es dauerte nicht lange, da kamen Holzschläger, bevor sie in den Wald gingen, zu Hansei und erzählten ihm voll Mitleid, was alles gestern über ihn und seine Frau gesprochen worden. Sie schimpften weidlich auf die Leute, die dem Gemswirt zu Gefallen einen braven Mann, dem man doch nichts nachsagen kann, so verunehrten.

»Schadet nichts,« erwiderte Hansei, »im Gegenteil, man wird gescheiter, wenn man sieht, was die Menschen heraussprudeln, wenn man ihnen die Zunge hebt.«

»Und die Jägdler, deine Kameraden haben gesagt, sie hätten dich immer nur zum Narren mitlaufen lassen.«

»Meinetwegen. Ich will ihnen schon zeigen, daß ich bei ihnen gescheit worden bin.«

»Hat denn gar niemand gut von uns gesprochen?« fragte Walpurga.

»Doch, doch,« erwiderte der Spinnerwastl, der es mit Hansei gut meinte, aber es auch mit dem Gastwirt nicht zu verderben wagte, »der Doktor, das ist ein Herzfreund von euch, der hat gesagt, rechtschaffen recht hat die Walpurga gethan, das ist noch ihr gescheitester Streich. – Und er hat gesagt, er kommt bald mit seiner Frau expreß, um dich zu begrüßen.«

Nun ermahnten die Holzhauer Hansei noch und erzählten, wie auch andre mit einstimmten: es sei schon lang nichts mehr mit der alten Wirtschaft, er solle doch selber um die Wirtsgerechtigkeit einkommen: es könne ihm ja gar nicht fehlen, daß sie ihm gewährt würde, und dann könne er den Gemswirt trockenlegen, daß seinen Fässern die Reifen abspringen.

Hansei nickte fröhlich. »Wart du, dich wollen wir!« knirschte er vor sich hin, ballte die Fäuste, streckte die Arme und hob sich in den Schultern, als wollte er jetzt gleich den Gemswirt mit einem Schlag zu Boden werfen, daß er das Aufstehen vergesse. Aber Walpurga sagte: »Wir thun niemand was, lassen uns aber auch nichts anthun.«

»Hast du nichts zum Trinken?« fragten die Holzhauer. Sie wollten doch auch einen Lohn für ihre Nachrichten.

»Nein, ich hab' nichts,« schloß Hansel, »und ich muß auf meine Wiese, Heu wenden.«

Die Männer gingen davon und bis weit in die Berge hinein schimpften sie nun auf Hansei: »So ist's, wenn der Bettelmann auf den Gaul kommt; nicht einmal einen Trunk gibt er, wenn man ihm Nachrichten bringt.«

Der Spinnerwastl hatte nicht den Mut zu widersprechen, er wußte, daß Hansei ihm wohl gern etwas gegeben hätte, aber nicht den andern.

Hansei starrte noch lange auf sein verwaistes Deckelglas. Endlich sagte er:

»Meinetwegen. Ich hab' allein mit dir auf der Welt sein wollen, Walpurga. Jetzt sind wir's. Ich brauch' gar nichts von der Welt.«

»Der Gemswirt ist noch nicht die Welt,« tröstete Walpurga.

Hansei schüttelte den Kopf, als wollte er sagen, eine Frau kann nicht verstehen, was es heißt, vom Wirtshaus ausgeschlossen zu sein, wie ein Trunksüchtiger, dem es von Gerichtswegen verboten ist.

»Er kann mir's eigentlich gar nicht verbieten,« polterte er, »ich weiß auch, was Rechtens ist; ein Wirt muß jedem Gast einschänken, der kommt; aber ich thu' ihm die Ehre nicht an, ich geh' gar nicht mehr zu ihm.«

Walpurga ging mit ihren Gedanken den Holzhauern nach, sie ahnte, wie sie bös reden.

»Wir hätten den Holzhauern doch was geben sollen, sie schimpfen jetzt gewiß auf uns.«

»Man kann nicht allen Leuten die Mäuler stopfen,« erwiderte Hansei. »Laß sie schimpfen. Und fang' jetzt nur nicht mit Reumütigsein an. Jetzt müssen wir fest hinstehen. Was gemäht ist, ist gemäht.« Mit verändertem Tone fuhr er fort:

»Wenn wir uns tapfer dazu halten und fleißig wenden, an dem Berg brennt die Sonne so gut, da können wir noch heute abend Heu einführen. Es ist heute ein Wetter, das Gras wird einem unter der Sense zu Heu. Aber es braut etwas im See, wir können im Handumdrehen ander Wetter kriegen und ich möcht' mein Heu gern trocken unter Dach bringen. Willst du mit hinaus?«

Walpurga war mit Freuden bereit. Aber auch die Mutter wollte mit, und nun wurde zu essen mitgenommen für den Mittag, und die ganze Familie wanderte nach der Bergwiese. Hansei trug das Kind, Walpurga führte den Schubkarren und die Großmutter trug das Essen im Handkorb. So wanderten sie dahin. Der Hund, der ungeheißen auch mitgegangen war, ging von einem zum andern. Der Tau war bereits aufgesogen von Feld und Wiese, sie gingen durch den schattigen Wald.

»Daß ich den Schubkarren führe, ist mir lieber, als wenn ich in der Kutsche fahre,« sagte Walpurga einmal.

Als es bergan ging, wechselte man, die Großmutter nahm das Kind, Walpurga das Essen und Hansei führte den Schubkarren. Erst als das Kind schlief, konnte es Walpurga auf den Arm nehmen, und sie war glückselig, ihr Kind durch den grünen Wald zu tragen. Einmal schlug es die Augen auf und sah sie an, aber es schloß die Augen schnell wieder und schlief weiter.

Auf der Wiese wurde das Kind an einem schattigen Platze, wo man es immer im Auge hatte, niedergelegt, der Hund wachte bei ihm. Hansei und die beiden Frauen arbeiteten nun emsig. Hansei rief Walpurga zu, sie solle nicht so schnell wenden, sie werde sonst auch bald müde, sie sei es ja nicht mehr gewohnt. Sie arbeitete nun gemächlicher.

»Die Wiese ist von deinem Geld,« sagte er einmal.

»Sag' das nicht, versprich mir, daß du das nie mehr sagst. Gelt, du sagst so was nie mehr?«

»Nein, ich versprech' dir's.«

Es wurde heiß bei der Arbeit und Walpurga sagte einmal, als sie Hansei wieder nahe kam:

»Die Sonne, die das Gras trocknet, treibt uns die Schweißtropfen aus. Auf der Sommerburg wird auch jede Woche Gras gemäht, sie lassen es da nie hoch werden und halten darauf, daß im Gras gar keine Blumen sind: es soll aber kein gutes Futter sein.«

»Du hast viele Gedanken,« erwiderte Hansei, »bist du noch nicht müde?«

»O nein, ich bin lang ausgeruht, und weißt du, was mich am meisten freut? Schau, das!« Sie zeigte eine sich bildende Schwiele in der Hand.

Vom Thale herauf läutete es elf Uhr, das war das Zeichen, sich ans Mittagessen zu machen. Hansei holte schnell Holz aus dem Walde zusammen, es wurde ein lustiges Feuer angezündet, so daß das Kind immer jauchzte und die Großmutter es nur mit aller Kraft auf ihrem Schoß halten konnte; man wärmte die Suppe, und Hansei rauchte derweil seine Pfeife. Die drei aßen auf dem Boden sitzend gemeinsam aus einer Schüssel, und endlich streckte sich Hansei aus und sagte:

»Ich will eine Viertelstunde schlafen.«

Auch Walpurga legte ihr Haupt auf den Boden, nur die Mutter wachte mit dem Kinde.

Hansei schlief nicht lang. Er machte ein fröhliches Gesicht, als er seine Frau neben sich auf dem Boden schlafen sah; er winkte der Mutter, sie sollte Walpurga nicht wecken. Das Kind wurde wieder in seinen Korb gesetzt neben die Mutter, die ruhig weiterschlief, Hansei und die Großmutter arbeiteten nun unten an der Berghalde. Die Sonne warf schon schräge Strahlen, als Walpurga erwachte. Es rührte sie etwas an, das sie wunderbar durchzuckte; sie schlug die Augen auf und in ihre Augen leuchteten die ihres Kindes und seine Händchen spielten auf ihrer Wange. Das Kind war aus seinem Korbe herausgekrochen und zur Mutter hingerutscht. Walpurga hielt sich still, sie wagte kaum zu atmen und schloß die Augen wieder, um das Kind nicht zu verscheuchen. »Mutter!« rief jetzt das Kind; sie hielt noch immer an sich, sie glaubte, das Herz müsse ihr zerspringen. »Mutter! Mutter!« rief das Kind heftiger, und jetzt erhob sie sich und herzte das Kind, es ließ sie gewähren. Vor Freude sank sie in die Kniee und hielt das Kind hoch, es lachte.

Sie sprang wieder auf, hielt das Kind empor mit beiden Händen, eilte zu den Ihrigen und rief: »Hansei! Mutter! das Kind ist mein!« Und das Kind hielt sie mit den Armen fest umschlungen.

»Jetzt thu' gemach in deiner Freude,« ermahnte die Mutter, »du kannst das Kind verwöhnen, wenn du ihm zeigst, daß dir so viel an seiner Liebe liegt. So, Burgei, jetzt ist's genug,« sagte sie zu der Kleinen. »Setz' sie ab, Walpurga und schaff' weiter mit uns.«

Walpurga that wie ihre Mutter befahl, aber sie schaute immer hinüber nach dem Kinde; es wendete sich nicht nach ihr, es spielte mit dem Hunde, der sich zu ihm gesellt hatte. Jetzt kollerte es von dem Heuhaufen herab. Walpurga schrie laut auf, aber die Mutter rief: »Laß es in Ruh'!« Das Kind hob lachend das Köpfchen, rutschte vergnüglich weiter bis zur Großmutter, dann schaute es hinüber zur Mutter.

Das Heu war dürr, Hansei eilte nach Hause, um die Kühe anzuspannen und die Fuhre heimzubringen. Man mußte, um zum Wagen zu gelangen, der nur auf der Straße halten konnte, das Heu weit hinabtragen auf einen großen Haufen. Walpurga sagte, daß sie lang genug geschlafen und auch lang genug nichts gearbeitet habe; sie ließ die Großmutter nur wenig bei dieser Arbeit helfen.

Hansei kam, es wurde aufgeladen, Großmutter, Mutter und Kind saßen auf dem hohen Heuwagen, auch Hansei setzte sich zuletzt hinauf. Es war schon Abend, der See begann bereits sich dunkler zu färben, und nur manchmal sah man weißblaue Lichter auf ihm spielen.

»Jetzt können die Menschen reden was sie wollen,« sagte Walpurga, »wir sitzen da oben, hoch über allen!«

Die Mutter und Hansei sahen einander an und dieser Blick sagte: »Es ist doch wunderlich, wie die Walpurga aus allem so besondere Gedanken hat.«

Bald war es still in dem kleinen Häuschen am See. Alles schlief arbeitsmüde und glücklich, und das ganze Haus war durchduftet vom frischen Heu.

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