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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
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Fünftes Kapitel.

Als Hansei am Morgen erwachte, waren die Kühe bereits gemolken und im Hause war es so sauber und hell, als ob eine von den ???saligen Jungfrauen, die in den Bergen hausen, hier alles geordnet hätte. Auf dem Tisch in der Stube lag ein weißes Tuch und mitten darauf stand der Nelkenstock voll blühender roter Nelken, und der schwarze Topf, darin sie standen, war um und um mit einem Blätterkranz umwunden.

»Du bist fleißig gewesen,« sagte Hansei, und Walpurga erwiderte:

»Ja, ich bin in Gedanken heut schon in der ganzen weiten Welt gewesen und wieder heimgekommen. Schau, die vornehmen Menschen haben alles, was man wünschen mag, aber weißt, was sie nicht haben?«

»Nein, das weiß ich nicht.«

»Sie haben keinen Sonntag, und weißt du, warum nicht?«

»Das weiß ich wieder nicht.«

»Weil sie keine eigentlichen harten Werktage haben. Wenn man im Schloß aufsteht, da stehen Stiefel und Schuh von selbst gewichst vor der Thür, der Kaffee hat sich selbst gekocht, das Brot hat sich selbst gebacken, die Wege haben sich von selbst gekehrt und das ist alles da, man weiß nicht wie. Aber jetzt alles mit der eigenen Hand machen ... Schau, ich hab' dir heut schon die Händ' unter die Füße gelegt; ich hab' dir deine Schuhe geputzt.«

»Das darfst du nicht, das ist nichts für dich. Thu' das nicht mehr.«

»Gut, will's nicht mehr thun, aber heut hab' ich alles und es war mir so wohl, ich kann dir's gar nicht sagen, wie ich den ersten Kübel Wasser geholt habe. Es ist mir schwer geworden, ist aber doch gegangen, und jetzt freu' ich mich auf den Imbiß; seitdem ich von da fort gewesen, hab' ich keinen so mächtigen Hunger gehabt, wie jetzt.«

Als die Großmutter mit dem Kinde kam, war auch sie überrascht und sagte: »Walpurga, du machst aus unsrer Hütte noch ein Schloß.«

Hansei berichtete mit Freude, was Walpurga geschafft habe, und die Mutter sagte: »Recht hat sie, am besten daheim macht, wenn man recht schafft, und grad weil ihr jetzt etwas im Vermögen habt, müßt ihr umsomehr schaffen, denn wo man nicht schafft, hat das Vermögen keine rechte Heimat und will wieder fort; wenn man aber zu dem, was man hat, etwas hinzubringt, so wenig es auch sei, bleibt das Alte gern da.«

»Ich mein', wir brauchen heut gar nicht in die Kirch' zu gehen,« sagte Hansei, »die Mutter gibt uns den besten Morgensegen.«

»Ja, wir gehen aber doch in die Kirch',« erwiderte Walpurga. »So lang ich fort gewesen bin, hab' ich mich auf diesen ersten Kirchgang gefreut, und es ist ja heut gottlob ein Wetter, ich mein', es wär' früher gar nie so schön gewesen.«

Es war ein gedeihliches Beisammensein, nur das Kind blieb noch widerwillig.

Walpurga sagte ihrer Mutter, daß sie alles recht gemacht, über eins aber sei sie bös.

»Was ist's? Was hab' ich gemacht?«

»Daß ihr euch keine Magd angeschafft habt.«

Die Alte lächelte: das könnte sie nie, sie wisse gar nicht, wie sie dazu kommen sollte, einer Magd zu befehlen. Nun sagte Hansei, er dulde nicht, daß seine Frau sich so abarbeite, es müsse eine Magd ins Haus. Die Großmutter empfahl eines ihrer Bruderkinder vom jenseitigen Gebirge. Es wurde beschlossen, daß man dem Ohm Peter Bescheid sagen lasse, er solle mit einer seiner Töchter kommen.

Der Morgen war frisch, und Hansei, der sein schneeweißes Hemd anhatte, sagte, seine Pfeife ansteckend:

»Walpurga, laß deine Mutter auch etwas arbeiten und komm du zu mir in den Garten.«

Er saß draußen unter dem Kirschbaum auf der Bank und bald kam auch Walpurga und sagte nach Frauenart, sie bleibe nur kurz, es sei noch mancherlei zu thun und man müsse zeitig zur Kirche.

Nun saßen die beiden am hellen Morgen auf der Bank und Hansei sagte: »Red' auch was, du mußt doch viel zu erzählen haben.«

»Ich weiß jetzt nichts. Wart' nur, mit der Zeit kommt's schon. Es ist genug, daß wir bei einander sind. Wenn nur alles gesund bleibt. Ich mein', unser Kirschbaum sei gewachsen.«

»Und jetzt glaub' ich, du hast dies Jahr noch gar keine Kirschen von ihm gehabt. Ich steig' hinauf und hole dir, und wenn ich vom Baum noch weiter hinaufsteigen und dir das Blau vom Himmel herunterholen könnt', ich thät's.«

Er stieg auf den Baum und rief: »Schu! Fort ihr Spatzen! Ihr habt genug gehabt. Jetzt ist meine Alte wieder da, sie ist aber eine Junge und die will auch was haben, und ihr habt das ganze Jahr eure Weiber bei euch gehabt und ich nicht!« Er pflückte hastig die schönsten Kirschen und sang dabei:

»Zur Kirschenzeit bist fort von mir,
Zur Kirschenzeit bist wieder hier,
Die Kirschen die sein schwarz und rot,
Ich lieb' mein'n Schatz bis in den Tod!«

aber plötzlich rief er: »Walpurga, ich muß herunter, ich kann dir nicht noch mehr holen, mir wird schwindlich.«

Er stand schnell wieder auf dem Boden und sagte: »Das ist mir in meinem ganzen Leben nicht passiert und bin doch manchen halben Tag da oben gesessen; aber die Freud' und unser Glück, das macht mich jetzt so schwindlich. Ich steig' mein Lebtag auf keinen Baum mehr, das versprech' ich dir. Es wär' doch grausam, wenn ich stürzte. Wir müssen uns hüten, daß wir gesund und gerad bei einander bleiben. Ich will kein Bein brechen, ich will noch mit dir tanzen. Auf der Hochzeit von unsrer Burgei tanz' ich mit dir. Ich mein', ich hör' schon Musik; horch, hörst du nichts?«

»Nein, aber das dauert noch lang, bis die Hochzeitsmusik von unsrer Burgei aufgespielt wird!«

»Und einen rechten Mann muß sie kriegen, das thu' ich nicht anders. Was meinst du zu einem Prinzen? Ich will aber still sein, sonst schwätz' ich lauter dummes Zeug. Ich weiß nicht mehr, was ich sag', wo ich bin, und wer ich bin, und – –«

»Wir sind daheim und du bist mein Mann; damit ist alles bei einander. Wirst sehen, ich hab' dir noch was gutes.«

»Sag' mir nichts und versprich mir nichts mehr, ich hab' genug. Ich kann mir gar nicht denken, daß wir ein Kind haben, ich mein', wir hätten heut erst Hochzeit gehabt.«

Mit ganz leiser Stimme, so daß kein Vorübergehender es hören konnte und nur sie allein wußten, daß sie sangen, stimmten sie das Lied an:

»Wir beide sein verbunden
Und fest geknüpfet ein,
Glückselig sein die Stunden,
Wann wir beisammen sein.«

Sie sangen denselben Vers wieder und immer wieder, wie der Fink auf dem Baum immer dasselbe Lied schmettert; sie haben nichts zu sagen, als die eine glückselige Lust.

Oben vom See erscholl jetzt die Kirchenglocke und die Töne wallten und flossen dahin über den breiten Spiegel des Sees und hinan zu den Bergen und Wäldern. Vom Dorfe her kam ein Fuhrwerk und Walpurga sagte: »Wir müssen uns rüsten zur Kirche.«

Beide gingen in das Haus. Die Mutter hatte Hansei schon sein königliches Sonntagsgewand zurecht gelegt. Nach kurzer Weile hörten sie Peitschenknallen vom Gartenzaun her und eine Stimme rief: »Kommet bald!« Hansei fragte zum Fenster hinaus: »Was gibt's?« Auch Walpurga sah aus dem niedrigen Kammerfenster und verhüllte sich mit einem Tuche. Von der Straße antwortete der Großknecht des Gemswirtes, der neben dem Fuhrwerk stand:

»Mein Meister schickt euch sein Fuhrwerk, ihr sollet damit zur Kirche fahren.«

»Walpurga, willst du fahren?« fragte Hansei an der verschlossenen Kammerthür.

»Nein, ich geh'. Ich bitt' dich, Hansei, schick' das Fuhrwerk zurück; ich bin genug gefahren.«

Hansei ging hinaus. Eben kam der Gemswirt sorgfältig gekleidet, seine Soldaten-Denkmünze blinkend auf der Brust.

Hansei sagte dankend, daß seine Frau nicht fahren wolle, aber der Gemswirt ließ sich nicht so schnell abwendig machen; er wartete, bis Walpurga kam.

Sie ließ nicht lange auf sich warten beim Anputzen, und das will viel heißen, denn sie zeigte sich ja heute zum erstenmal wieder und wußte, wie aller Augen auf sie gerichtet sein werden. Als sie nun schön geputzt kam, sagte der Gemswirt:

»Du mußt mir schon die Ehre anthun, daß ich dich und deinen Mann nach der Kirche fahre.«

»Ich bin noch gut zu Fuß und freue mich, einmal wieder tüchtig laufen zu dürfen.«

»Das kannst du schon noch, aber nicht an diesem ersten Sonntag. Wir müßten uns schämen vor denen auf den Einöden da drüben und da auf der Windenreute, wenn wir ihnen nicht zeigen, daß wir eine Frau, wie du bist, zu ehren verstehen. Wir sind alle stolz auf dich –«

»Danke, nehmt's ja recht nicht übel, aber ich fahre nicht,«

Walpurga ließ sich nicht zureden. Der Gemswirt war nahe daran, scharf gegen sie loszufahren, aber er bezwang sich, denn das könnte vielerlei zerstören. Mit lächelnder Miene sagte er:

»Hätt' mir's denken sollen; für die Vornehmen ist das Zufußgehen ein besonderer Leckerbissen, ja, ja!« Er lachte über seine Gescheitheit und schickte das Fuhrwerk zurück; er lächelte, bis er sich umwendete, dann aber machte er ein grimmiges Gesicht. Er ging heim, zog seinen Rock mit der Denkmünze aus, hing ihn in den Schrank und wünschte, daß er sich selber heut so in den Schrank hängen könnte; wer weiß, ob die Walpurga ihm nicht den ganzen Spaß und die schöne Einnahme heut verdirbt.

Walpurga ging mit ihrem Manne die Straße am See dahin, die Großmutter stand mit dem Kind am Zaun und schaute ihnen nach; sie sagte dem Kinde leise vor: »Mutter,« das Kind rief plötzlich laut: »Mutter!« Nochmals kehrte Walpurga um und wollte das Kind herzen, aber es verbarg sich wieder vor ihr und schrie, als sie es küssen wollte. Hansei stand grimmig dabei und holte mit der Hand aus gegen das Kind, aber Walpurga beruhigte ihn und sagte: »Man muß warten!«

Es begann bereits zum zweitenmal zu läuten, man machte sich rasch auf den Weg. Unterwegs schlossen sich Männer, Frauen und Kinder, die aus dem Dorfe und den Einzelhöfen auf die Straße kamen, den beiden an. Hansei hätte sie gerne fortgejagt und sagte einmal leise: »Ich möchte mit dir allein gehen.«

»Sei geduldig,« tröstete Walpurga, »gönne es ihnen, daß sie Freude haben an unserm Glück.« Sie war von Grund aus herzlich und zutraulich mit allen. Hansei schaute über den See hin und an den Himmel hinauf, und dann wieder auf seine Frau, als wollte er sagen: Seht, sie ist wieder da! Er lächelte, als er die mitwandelnden Kinder untereinander sagen hörte: »Das ist jetzt die fürnehmste Bäuerin, die kommt gleich nach der Königin.«

Das sogenannte Dritte, oder das Zusammenläuten, das eine gute Viertelstunde lang dauert, begann eben, als Hansei und seine Frau an der Kirche anlangten. Auch hier standen viele Gruppen, die sie bewillkommten. Es war noch gute Zeit, hier einstweilen zu plaudern. Walpurga faßte die Hand ihres Mannes und ging mit ihm hinein in die Kirche. Sie waren die ersten. Walpurga setzte sich in die Frauenabteilung auf ihren gewohnten Platz und Hansei in die Männerabteilung. So saßen sie selbander und doch jedes für sich in der Kirche. Ueber ihnen läuteten die Glocken und sie saßen still in sich gekehrt. Nur einmal nickte Hansei seiner Frau zu, sie schüttelte abwehrend den Kopf. Keines von beiden schaute mehr um, nicht rechts nicht links. Die Orgel erklang, und die Kirche füllte sich mit Menschen. Walpurga wußte, daß diese und jene neben ihr, aber sie wollte hier von niemand bewillkommt sein und niemand grüßen. Sie fühlte das Auge des Unsichtbaren auf sich gerichtet.

Der Pfarrer predigte von der Heimkehr in die ewige Heimat. Es war, als ob er heute nur für Hansei und Walpurga predigte: er sprach nur zu ihnen.

Als nach dem Schlusse der Predigt das Gebet für den König und die Königin und die ganze königliche Familie gesprochen wurde, war ein seltsames Wispern in der Kirche. Walpurga spürte, wie die Blicke aller auf ihr ruhten, sie schaute nicht auf.

Die Kirche war zu Ende, die Gemeinde strömte hinaus; Walpurga wurde abermals von den später Gekommenen bewillkommt.

Der Küster kam mit der Botschaft, Walpurga und Hansei sollten zum Pfarrer in die Sakristei kommen. Sie traten ein; der Geistliche hieß sie nochmals willkommen, pries ihr Glück und mahnte sie zur Demut.

»Ja, ja,« sagte Hansei, »meine Schwiegermutter hat uns fast das gleiche gesagt, wie der Herr Pfarrer.«

Der Pfarrer versprach, sie bald zu besuchen, er sei stolz darauf, solch eine Frau unter seinen Pfarrkindern zu haben. Hansei fuhr mit der Hand dazwischen, als könnte er das Wort des Pfarrers mit der Hand ablehnen, er wollte zurückgeben: »Was nützen eure Ermahnungen zur Demut, wenn ihr selbst einem solche Sachen sagt?« Der Pfarrer winkte ihm und fuhr fort: »Ich reise nächste Woche nach der Residenz, und da mußt du so gut sein, Walpurga, mir ein Briefchen an die Gräfin von Wildenort mitgeben.«

»Von Herzen gern,« erwiderte Walpurga.

Draußen betrachtete Hansei seine Frau von Kopf bis Fuß. Also der Pfarrer bittet um Fürsprache seiner Frau! Ja, eine prächtige Frau ist's, daß sie bei all dem nicht verdorben wird.

»O Hansei,« sagte Walpurga plötzlich, »was ist die Welt für ein Narrenspiel! Da thun sie alles, um einen stolz zu machen, und wenn man's nachher wäre, thäten sie nichts als schimpfen.«

Hansei hatte ein gutes Wort darauf zu erwidern, wie er das fast auch so gedacht, aber es war nicht Zeit dazu, denn vom Berg herab kam der Schneider Schneck mit seiner großen Baßgeige. Das schmächtige Männchen sah gar wunderlich aus mit dem großen Instrument auf dem Rücken.

»Heidi! Da sind ja die Hochzeitsleute!« rief der Schneider Schneck noch am Wiesenweg und rannte schnell auf die Straße, und gab Hansei und Walpurga die Hand.

»Was ist das? Was hast du denn?«

»Heut spiel' ich euch auf!«

»Uns? Wer hat dich denn bestellt?«

»Schade, daß das meine Frau nicht mehr erlebt hat. Die thät sich freuen! Wißt ihr denn nichts davon? Mich und noch sechs Musikanten hat der Gemswirt bestellt, heut wird das große Fest gefeiert, weil du heimgekommen bist, Walpurga. Der Förster und der Oberförster und das ganze Landgericht und sechs Stunden weit im Umkreis ist alles eingeladen. Es ist dumm, daß ich nur die Baßgeige habe, sonst thäte ich da gleich auf der Straße eins aufspielen.«

»Da hast du's,« sagte Walpurga leise zu ihrem Mann. »Der Gemswirt macht aus allem Geld. Wenn es anginge, er ließe mir Violinsaiten über den Buckel spannen zum Geigen und dir ließ' er die Haut abziehn zum Trommeln!«

»Geh voran, wir kommen schon nach,« sagte Hansei zum Schneider Schneck. Auf dem Heimwege duldete er's nicht, daß andre sich ihm anschlossen; er wollte mit seiner Frau allein sein, kein Mensch hat Anteil an ihr, sie gehört ihm ganz allein.

»Jetzt wird's bald ein Jahr, daß wir da auf dem Steinhaufen gesessen haben, weißt noch? Da herum muß es gewesen sein,« rief Hansei mit fröhlicher Stimme.

Walpurga gab keine rechte Antwort. Sie erklärte Hansei, was für eine dumme Geschichte das sei, daß der Gemswirt aus ihrer Heimkehr ein Fest mache; sie ginge aber mit keinem Schritt ins Wirtshaus zur Musik.

Hansei hatte die Lustbarkeit gar nicht so uneben gefunden, im Gegenteil, er freute sich schon, mit seiner Frau so mitten drin zu sitzen und alle scherwenzeln um ihn herum: so etwas kriegt der Grubersepp mit all seinem Geld doch nicht. Es war eine große Ueberwindung, als er zuletzt sagte:

»Wie du willst; du mußt am besten wissen, ob sich's für dich schickt.«

Bald nach der Mittagskirche begann ein Fahren, Reiten und Laufen durchs Dorf, und vom Wirtshaus herab erscholl Musik, die Baßgeige des Schneider Schneck brummte gewaltig.

»Wenn ich mich nur wohin verkriechen könnte,« klagte Walpurga.

»Da ist leicht geholfen,« jubelte Hansei. »Recht so, wir beide gehen allein miteinander.«

Er ging durch die Hinterthür in den Grasgarten und löste den Kahn vom Pflock. Als die Kette über Bord rasselte, sagte Walpurga, die Hand auf die Brust legend:

»Du thust mir die Kette vom Herzen.«

Sie stiegen in den Kahn und fuhren hinaus in den See. Wie ein Pfeil schoß der schlanke Kahn dahin über die glatte Wasserfläche.

»Der Pfarrer hat ja auch kommen wollen,« sagte Walpurga, als sie schon eine gute Strecke weg waren.

»Der kann wiederkommen, der bleibt im Ort,« meinte Hansei. »Jetzt fahren wir wieder ganz allein miteinander, wie damals, wo der Verspruch gehalten worden ist.«

Auch Walpurga faßte die Ruder. Sie saß ihrem Manne gegenüber, Aug' im Auge, die vier Ruder hoben und senkten sich, als wär's eine einzige Hand, die sie bewegte. Die beiden sprachen kein Wort; sie stemmten sich vor- und rückwärts im gleichen Takt, und der Ruderschlag war nur einer. Sie hatten sich nichts zu sagen, sie schauten nur fröhlich einander an, und der gleiche Ruderschlag sagte alles.

Als sie in die Mitte des Sees gekommen, hörten sie vom Ufer laute Musik und sahen mit der Musikbande eine große Menschenmenge an ihrem Hause.

»Gottlob, daß wir davon sind,« sagte Hansei.

Sie fuhren weiter und weiter, drüben legten sie an, stiegen aus und gingen Hand in Hand den Berg hinan. Sie saßen lange auf einer Anhöhe und redeten kein Wort. Endlich begann Hansei:

»Walpurga, ich mein' – sag' mir's ehrlich, ich mein', du wirst nicht gern Gemswirtin? Sag's frei heraus!«

»Nein, aber wenn du's durchaus willst –«

»Ich will nichts, was dir nicht recht ist.«

»Und ich auch.«

»Also lassen wir den Gemswirt springen?«

»Gern!«

»Wir können warten.«

»Wir bleiben einstweilen, was wir sind.«

»Es wird sich schon ein guter Schick finden.«

»Das Geld wird nicht altbacken.«

»Und du auch nicht! Ich hab' eine frischbackene Frau! Juchhe! Juchhe!«

Fröhlich sangen die beiden, wie wenn ihnen eine Last abgenommen wäre, die sie sich selbst aufgebürdet hatten.

»Die Leute können über mich spotten, wie sie wollen, wenn wir nur zusammen sind in Ehren,« begann Hansei wieder.

»Es soll gar nichts mehr kommen, es soll nur alles dableiben.«

Sie saßen lang auf der Anhöhe im Walde, und Walpurga rief:

»O, wie schön ist's doch auf der Welt! Wenn wir nur ewig so bei einander bleiben könnten! Es gibt doch nichts schöneres, als so durch das grüne Laub und die grauen Stämme hinab auf den See zu schauen. Da sind zwei Himmel, und ich mein', der hier unten wäre noch schöner.«

»Ja, aber die Freude macht mir Hunger und Durst; ich muß was in den Magen haben.«

Sie gingen hinab ins nächste Dorf. Es lag still und öde, nur da und dort saßen Leute vor den Thüren und plauderten und gähnten im heißen Mittag; Walpurga aber sagte:

»O Hansei, wie ist alles so schön! Sieh einmal den Schubkarren dort, und das aufgeschichtete Holz und das Haus – ich weiß nicht, mit mir geht alles herum und es ist mir, wie wenn mich alles anlachen möcht.«

»Komm, du mußt auch was essen und trinken, du bist ja wie aus der Welt draußen.«

In der Wirtsstube trafen sie niemand, als eine Unzahl Fliegen.

»Die haben viele Gäste, sie zahlen aber nichts« – sagte Hansei, und so unbedeutend das Wort war, die beiden lachten aus vollem Halse; die Freude lachte eben aus ihnen heraus und hatte nur auf einen Anstoß gewartet.

Nach langem Rufen kam endlich die Wirtin und brachte etwas sauren Wein und altes Brot; aber es schmeckte den beiden gut.

Sie gingen wieder davon, und als es Abend wurde, ruderten sie noch lange auf dem See herum. Der Abendtau senkte sich nieder und Hansei sagte, auf eine entfernte Waldblöße deutend: »Das ist unsre Wiese.«

Walpurga schien in ganz andren Gedanken, denn sie hielt die Ruder an und rief:

»Dort das kleine Häuschen, da sind wir daheim, und da ist unser Kind – ich weiß gar nicht, wie das so ist –«

Sie konnte nicht weiter ausdrücken, wie ihr zu Mute war, als ob sie immer über den See und über die Berge mit allem, was sie hat, fliegen und schweben müsse: sie schaute nur Hansei groß an, bis dieser sagte:

»Freilich ist das unser Häuschen, und drin sind unsre Kühe und Tische und Stühle und Betten. Walpurga, du bist ein närrisch Ding geworden, dir ist alles so fremd.«

»Hast recht, Hansei; hab' nur Geduld mit mir, ich komm' eben zu allem erst wieder heim.«

Es hatte sie bei den ersten Worten Hanseis fast kränken wollen, daß er so trocken und kalt war und gar nicht verstand, wie hoch hinaus sie getragen war; aber schnell faßte sie sich wieder und erkannte, wie sie in der That seltsam geworden, und das nicht hierher gehört.

Sie kehrten heim und schlichen durch die Hinterthür in ihr eigenes Haus; sie fanden alles wohlgeordnet und in guter Ruh. Sie wollten nichts von der Freude und den Menschen draußen, sie hatten genug an sich.

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