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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel.

Es war am Abend. Die Großmutter war in der Kammer und sang mit bewegter alter Stimme ihr Enkelchen in Schlaf; auch sie sang das Lied:

»Wir beide sein verbunden
Und fest geknüpfet ein.«

Walpurga und Hansei saßen allein am Tisch und so schnell aß er nicht die Kartoffeln, als Walpurga sie zu schälen verstand, und immer die besten und schönsten legte sie ihm vor. »Schau, Hansei,« sagte sie, und sah gar froh dabei aus, »schau, Mann, der König und die Königin haben die besten Sachen von der Welt auch nicht besser als wir. Da ist zuerst der Schlaf und das Sonnenlicht und das Wasser und Eier und gesottene Kartoffeln und Salz, die sind im Schloß und in der Hütte immer gleich, und das beste ist auch gleich – weißt du, was das ist?«

»Ja, ein guter Kuß, der schmeckt von der Königin nicht besser als von dir, und da bin ich auch dem König gleich, besonders wenn mir der Bart gut rasiert ist wie heut,« setzte er hinzu, und führte die Hand seiner Frau über sein glattes Kinn.

»Hast recht, aber ich hab's anders sagen wollen; die Liebe ist auch gleich, die können sie da droben auch nicht anders haben als wir.«

»Ich weiß gar nicht, wie's mit dir ist,« sagte Hansei, »ich hab's gar nicht gewußt, daß du so eine Hexe bist; gescheit und schneidig wie der Tag. Es ärgert mich, daß die Menschen noch Du zu dir sagen und so thun dürfen, als ob du noch die alte Walpurga wärst.«

»Sei froh, daß ich die noch bin, sonst wär' ich ja nicht mehr deine Frau.«

Hansei hielt die Kartoffel im Munde und zerkaute sie nicht, er schaute seine Frau starr an; endlich sagte er, die fast unzerkaute Kartoffel schnell hinabwürgend: »Jetzt, der Spaß, der gefällt mir nicht; über so etwas darf man keinen Spaß machen!« Beide schwiegen.

Drin sang die Mutter:

»Mein Herz trägt eine Ketten,
Die du mir angelegt,«

und jetzt, da sie schwiegen, traf die beiden das Lied.

»Ich muß dir noch was sagen,« begann Hansei wieder, »es ist meine Gewohnheit, ich hab's die ganze Zeit so gehalten, allemal nach dem Nachtessen bin ich noch ein wenig zum Gemswirt hinauf, besonders am Samstag Abend. Manchmal hab' ich noch was getrunken, manchmal auch nicht. Jetzt heut ist Samstag, da sind alle da, und da mein' ich, ich geh noch hinauf, ich thu's dir zulieb.«

»Warum mir zulieb?«

»Weil die Leut sonst sagen: jetzt muß er unterducken, weil seine gnädige Frau daheim ist.«

»Was geht's dich nur immer an, was die Leute sagen? Und im Gegenteil, die Leute werden sagen: was ist das für ein Mann, der am zweiten Abend, wo seine Frau nach einem Jahre wieder daheim ist, ins Wirtshaus lauft?«

Hansel sah sie starr an, auf diese Drehung wußte er nichts zu sagen; endlich aber brachte er vor: »Ich mein', ich geh' doch noch. Nicht wahr, du nimmst mir's nicht übel?«

»Geh du nur!« erwiderte Walpurga und Hansei ging rasch davon. Walpurga sah ihm nach und Thränen drangen ihr ins Auge. »Also das ist's, wonach du dich gesehnt hast, und jede Minute war dir zu lang und du hättest die Stunden gern gejagt, daß sie schneller laufen?«

Die Mutter kam herein, legte leise die Thür an und sagte: »Es schläft prächtig.«

In Walpurgas Antlitz glänzte der Widerschein des Abendrots ganz anders als heute der Schein der Morgenfrühe, da diese Sonne aufstieg.

Das Kind schrie nochmals in der Kammer, die Großmutter ging zu ihm, und rasch, als ob sie etwas gestohlen hätte, verließ Walpurga die Stube und eilte nach dem See.

Es war Nacht, die Wellen schlugen leise an das Gestade, der Rohrsperling plauderte noch gar emsig, die Wasserhühner zwitscherten, auf den Bergen hoch oben bei den Almen brannten helle Feuer, die Almerinnen erwarteten heute zur Samstagnacht ihre Liebsten und jetzt stieg der Mond über der Gamsbühelkuppe herauf und blinkte in den See. Walpurga starrte geraume Zeit wie verloren in den See, dann kehrte sie wieder ins Haus zurück, aber sie ging nicht in die Stube, sondern schlich leise nach dem Keller. Mit übermächtiger Kraft rollte sie die steinerne Krautbütte von ihrem Platze, grub die Erde auf, legte das Gold hinein, das sie von Irma bekommen, und rollte die Krautbütte wieder darauf.

Sie stand noch am Brunnen und wusch sich die Hände, als sie sah, wie die Mutter drin in der Stube Licht anzündete. Sie ging zu ihr und starrte in das Licht.

»Was siehst du so ins Licht?« fragte die Mutter.

»Ja, Mutter, ich bin so ein einzig Licht nicht mehr gewohnt; im Schlosse, da sind immer so viel.«

»Aber mehr als zwei Augen haben die Menschen dort auch nicht,« entgegnete die Mutter. »Nein, Kind, das ist's doch nicht, warum du so verstört aussiehst. Sag ehrlich, was ist's?«

Walpurga gestand, wie es ihr das Herz abstoße, daß ihr Mann schon am zweiten Abend es nicht daheim aushalte und ins Wirtshaus müsse.

»Gib mir die Hand,« sagte die Mutter. »Ja, über deine Hand habe ich nachgedacht, ich hab's schon gemerkt, du waschest dir so oft die Hände, sobald du was angerührt hast; ist schön, aber bei uns geht das nicht. Schau, deine Hand ist fein und weich geworden dies Jahr über, und die meine ist rauh wie Leder und du mußt auch bald wieder eine rauhe Hand kriegen. Mach um Gottes willen deinen Mann nicht kopfscheu und gib ihm ja kein Unwort. Glaub mir, es hat ihn wie mit sechs Rossen hingezogen, zumal heut am Samstag abend. Er hat sich daran gewöhnt und Gewohnheiten sind stark, das kann man nicht nur so wieder umbiegen; und schlecht ist er nicht, das weiß ich. Laß ihm nur jetzt seinen Lauf, wie er's gewohnt ist, er kommt schon von selbst wieder ins alte Geleis.«

Walpurga antwortete nichts. Sie schälte auch der Mutter mit großer Behendigkeit Kartoffeln, und diese sagte:

»Nicht wahr, was eigentliche Gottesgaben sind, die haben sie im Schloß auch nicht besser?«

»Da haben wir eine arme Seele erlöst,« erwiderte Walpurga lächelnd; »ganz das gleiche habe ich vorhin meinem Mann gesagt.«

Mutter und Tochter hatten die Kartoffeln zum morgenden Tag gerichtet und die Mutter sagte:

»Weißt du was? Wir schließen die Vorderthür und setzen uns hinten im Grasgarten auf das Bänkchen, wo dein Vater auch immer so gern gesessen. Da können wir ruhig mit einander reden, es kommt niemand mehr, wenn sie kein Licht sehen, und wir wollen auch keinen Besuch, wir brauchen keinen fremden Menschen, wir beide sind uns allein genug.«

»Ach Gott, wenn's nur auch mit meinem Mann so wäre!«

»Laß jetzt deinen Mann ruhig im Wirtshaus. Gottlob, daß wir zwei jetzt allein bei einander sind. Thu nur nicht, als wärst du eine abgesetzte Königin, du thust dir am wehesten damit.«

Mutter und Tochter gingen durch das Haus nach der Hinterthür, die auf den kleinen Grasgarten führte. Hier stand vor dem Stallfenster an der Wand eine Bank. Sie setzten sich und ließen die Hinterthür offen, damit man das Kind höre, wenn es etwa schreie; man hörte aber nichts als das ruhige Fressen der beiden Kühe im Stall. Der Mond war voll heraufgekommen und strahlte glitzernd in den See; von fern hörte man manchmal ein Jodeln, das Bellen eines Hundes und einen Ruderschlag von einem Kahn, der noch über den See fuhr.

»Wenn nur schon die ersten vierzehn Tage vorüber wären,« klagte Walpurga, »dann wäre ich doch schon eingewöhnter.«

»Wünsch dir keine Zeit herum, sie kommt und geht allein.«

»Ja, Mutter, befehlet mir immer alles, was ich thun soll, ich will jetzt gar keinen eigenen Willen haben.«

»Das geht nicht; sobald man allein laufen gelernt hat, muß man auch allein fallen.«

»Ich will mich recht zusammennehmen.«

»Gut, erzähl mir auch was. Wie ist's um diese Zeit im Schloß?«

»Um diese Zeit? O lieber Gott, ich mein', ich wär' schon zwei Jahr fort. Jetzt sind schon lang in allen Gängen Lichter angezündet und drunten bei den Herrschaften stehen sie jetzt von der Tafel auf, davon wissen wir aber nichts. Die Mamsell Krämer liest in ihrem Buch, sie liest jeden Tag ein ganzes Buch aus, und mein Prinz – o du armes Kind –« fing Walpurga plötzlich an zu weinen. Im selben Augenblick schrie ihr eigenes Kind drin im Hause. Nie beiden Frauen gingen hinein,

»Es hat nur geträumt,« sagte die Mutter leise. »Das Kind spürt doch, daß seine rechte Mutter gekommen ist.«

Walpurga fühlte aufs neue, welch ein doppeltes Leben sie führte; sie lebte noch dort und war doch hier daheim; alles wirrte sich ihr durcheinander, und als sie wieder bei der Mutter auf der Bank saß, mußte sie sich besinnen, wo sie war.

»Ich mein',« sagte die Mutter, »wer so viel Zeitliches hat, wie der König und die Königin und die hohen Herrschaften, der kann gar nicht ans Ewige denken.«

Walpurga erzählte, wie fromm sie dort seien, besonders die Königin, und die sei doch lutherisch.

Geruhig und still sprachen die beiden mit einander, und Walpurga lag am Herzen ihrer Mutter und schlief endlich ein. Die Mutter wagte kaum zu atmen und hielt sie an ihrem Herzen in ihren Armen. Nach einer Weile weckte sie Walpurga und sagte, sie könne sich erkälten und möchte lieber zu Bette gehen. Walpurga erwachte verwirrt, sie wußte wieder nicht, wo sie war; sich den Schlaf aus den Augen reibend, fragte sie! »Mein Mann ist noch nicht daheim?«

»Geh du nur zu Bett, ich helf' dir,« sagte die Mutter und entkleidete Walpurga wie ein kleines Kind, dann saß sie vor ihrem Bette, faßte die Hand der Tochter und begann: »Schau, es ist eine eigene Sache, wenn Menschen, die zusammengehören, einmal lange Zeit von einander gelebt haben. Wer fortgewesen, hat sich gewöhnt, ohne das andre zu sein, und das andre daheim auch. Da muß man eben warten, bis es wieder zusammenwächst. Gib ja recht acht, daß du nicht einmal ein Unwort sagst, laß ja nie den Gedanken in dir aufkommen: wenn ich nur wieder fort wär', und ich kann ja draußen in der Welt sein! Läßt du das zu, so bist du wie ein Baum, dem man die Wurzel abgehauen hat und ihn dann verpflanzen will – er muß verdorren. Merk', was ich dir sage: was du ändern kannst nach deinem Sinn, mach'; was du nicht ändern kannst, laß wie es ist, und denk' es muß so sein und füg' dich drein. Nichts Dümmeres auf der Welt, als wenn die Menschen sich etwas wünschen, was sie nicht machen können. Du kannst bei Wind und Regen oft hören: wenn nur heut schön Wetter wäre! Ja, das Wetter draußen können wir nicht machen, aber in uns können wir gut Wetter machen. Jetzt, das habe ich dir sagen wollen: mach' du in dir gut Wetter, dann ist alles gut.«

»Ja, was thu' ich? Was soll ich denn?«

»Gleich heut nacht mach' die Probe. Da, gib mir die Hand drauf, daß du deinem Mann, wenn er heimkommt und du bist noch wach, mit fröhlichem Sinn: Grüß Gott, Hansei! zurufst.«

»Mutter, das kann ich nicht, das kann ich nicht!«

»Ich sag' dir aber, das mußt du können, sonst bist du keine brave Frau und keine brave Mutter, und in jedem Goldstück, das du heimgebracht hast, steckt ein feuriger Teufel. Du hast gesagt, du willst mir folgen, und jetzt gleich beim ersten willst du nicht?«

»Ja, Mutter, ich will; ich will mir alle Mühe geben.«

»So, jetzt gute Nacht,« sagte die Mutter und ging in ihre Kammer.

Walpurga lag still im Bett, aber Zorn und Kummer nagten in ihr. Ihr Kind hat sich ihr entfremdet und ihr Mann hat böse Gewohnheiten, er muß seiner Gesellschaft nachgehen und kann nicht bei ihr aushalten. Für wen hat sie sich denn all das Schwere auferlegt, unter fremden Menschen draußen das alles zu erwerben und so brav zu bleiben? ... Sie weinte bittere Thränen in ihr Kissen. Aber plötzlich sprach es in ihr: auf dein Bravsein bildest du dir auch was ein? Bist du denn für andre brav oder für dich? Und haben die nicht auch zu leiden gehabt, daß sie alles haben allein auf sich nehmen müssen? Mußt du nicht Gott danken, daß sie nicht vor Kummer gestorben sind? ... Ja, das wohl, aber jetzt müßten sie sich von Herzen freuen und dankbar sein. – Vom Kind kann ich's nicht verlangen, das hat keinen Verstand, aber mein Mann, ja er hat doch Verstand, wenn er will. Alles das soll ich erobert haben, um als Wirtin der ganzen Welt zu dienen? Nein, die Errungenschaft ist von mir da und ich hab' das Recht ... Um Gottes willen! Recht, Recht ... da ist das Elend. Wenn eines immer sein Recht haben will gegen das andre, dann ist die Hölle da ... Ich will kein Recht, ich hab' kein Recht, ich will gar nichts, ich will nur eine gehorsame Frau sein und eine gute Mutter ... Lieber Gott, hilf mir, wenn ich's nicht bin –

Es näherten sich schwere Schritte. Hansei trat ein und Walpurga rief mit fröhlicher Stimme: »Grüß Gott, Hansei! Es freut mich, daß ich noch wach bin, wenn du heimkommst.«

»Gewonnen hab' ich! Gewonnen!« schrie Hansei mit mächtiger Stimme, »draußen am Kammerfenster, da stehen zwei Männer; wir haben gewettet – um sechs Maß Wein haben wir gewettet. Sie haben gesagt, die Probe drauf, wie eine Frau zu einem ist, zeigt sich, wie sie einen anredet, wenn man aus dem Wirtshaus heimkommt oder gar, wenn man sie aus dem Schlaf weckt. Ich hab' gesagt: ich kenne meine Frau: wenn ich heimkomme, ist sie freundlich und gut und da haben sie mir's nicht geglaubt – und da hab' ich gewettet und jetzt hab' ich gewonnen und aller Wein auf der ganzen Welt, wenn aller mein wär', wär' mir nicht so lieb, als daß ich recht hab'.«

Hansei öffnete den Fensterladen, der hinaus nach dem Seeufer ging, und rief: »Jetzt habt ihr's gehört, ihr Mannen. Ihr könnt gehen. Der Wein ist mein. Gut Nacht!«

Walpurga zog die Bettdecke über den Kopf, draußen hörte man lachen und zwei Männer entfernten sich. Der Mond blickte eine Minute gar fröhlich in die niedere Hütte, dann wurde der Laden wieder geschlossen.

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