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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel.

»Und für deine Mutter baue ich nach dem Garten zu ein sonniges Stüble, da soll sie's gut haben: ich hab's schon vordem, aber das Jahr, wo du fort gewesen, doch erst recht gesehen, was wir an ihr haben. Wenn sie nur unser Herrgott uns noch lang läßt. Ja, die beste Stube im Haus gehört deiner Mutter!«

So sprach Hansel und sah seine Frau strahlenden Antlitzes an. Walpurga fragte: »Wo willst du denn bauen?«

Hansei schaute um, was denn da noch zu fragen sei. Er hat seiner Frau freilich zugestanden, daß nichts ohne ihren Willen geschehe; dabei ist's nun aber auch genug, jetzt macht man die Sache fertig, wie sie im Gang ist.

Mit großer Selbstbeherrschung sagte er:

»Natürlich, an der alten Baracke da baue ich nicht; droben an unserm Wirtshaus. Ich hab' aber schon gesagt, sie dürfen mir beim Bau dem Nußbaum nichts thun. Du wirst staunen, wie voll der ist, drei Malter Nüsse kriegen wir dies Jahr, und ein Nußjahr ist ein gut Bubenjahr.«

Walpurga hielt ihm die Hand vor den Mund und sagte vor sich niederschauend: »Du bist ein herzguter Mensch. Glaub mir, ich kenn' dich besser, als du dich selber. Recht so, daß du jetzt viel schneidiger bist; ich hab' dir's immer gesagt: sei nicht so verzagt, stell' dich nicht immer hinten hin: du hast so viel Verstand, ja noch mehr als die andern. Wenn du nur einmal hinter der Thür gestanden hättest, wie ich der Königin von dir erzählt habe; und das nächste Jahr, wenn die Königin ins Gebirg kommt, besucht sie uns, sie hat mir's in die Hand hinein versprochen.«

Hansei schluckte behaglich an den guten Worten, die ihm seine Frau gab, er schmunzelte lang vor sich hin.

Die beiden Eheleute lobten und erhoben einander gegenseitig, was sonst nicht der Brauch sein soll, am wenigsten unter Bauersleuten, die sich dessen schämen würden, wenn sie davon wüßten. Aber es war unter ihnen nach der langen Trennung wie neues Freiwerben und neue Hochzeit. Sie wurden sich dieser Verfremdung und gewaltsamen Einigung nicht bewußt, denn zunächst stand der Wirtschaftskauf in Frage, und dabei handelte sich's um ihren ganzen ehelichen Frieden.

»Also du bist einverstanden, daß wir wirten droben im Gemsli?« fragte Hansei.

»Hab' dir schon gesagt, wir wollen's beraten. Also du meinst, du seist tauglich zum Wirt?«

»Freilich nicht so, wie du zu der Wirtin, das sagen alle Leute, und die Wirtin ist immer die Hauptsache. Du wärst die beste Wirtin, du kannst dein Brot mit dem Maul verdienen, wie der Pfarrer. Du kannst so gut reden mit den Leuten und da kann man den Wein schon um ein paar Groschen teurer geben und alles. Schau, du hast die Art, du kannst dich so in alle Leute hineindenken und ihnen alles abnehmen und wieder dafür geben; das ist das beste Zeichen, daß du zur Wirtin wie geformt bist.«

Es war Hansei unfaßlich, wie Walpurga noch zögern konnte. Das höchste Ideal eines jungen Gebirgsbewohners ist, Wirt zu sein: die Welt speisen und tränken und davon selber seine Nahrung haben, Lustbarkeiten geben und dabei selber am lustigsten sein, und wo die andern Geld ausgeben, einnehmen und überhaupt in seinem Hause der Sammelpunkt des zerstreuten Lebens, der Helfer, der Berater aller zu sein, mit dem sich jeder gut halten muß, der von allem weiß, von Kauf und Lauf und von jeder Kuh und jedem Acker und jedem Haus, die in andre Hände übergehen, auch seinen Vorteil hat, fast wie ehedem der Gutsherr und was andere Leute essen und trinken, das schmeckt ihm auch und er wird nicht mager davon. Und dann wieder, wie der Pfarrer von Taufen, Hochzeiten und Todesfällen immer eine schöne Abgabe ziehen, und erst gar die Fremden im Sommer, die dem Wirt eine Steuer geben müssen, weil die Berge so hoch und der See so tief, und sie das alles ansehen dürfen. Ja, so eine Wirtschaft ist der große See, da fließen alle die Bächlein von den einzelnen Bergrinnsen zusammen.

Walpurga sah ihren Mann mit großen Augen an, da er ihr die ganze Glückseligkeit und den Vorteil eines Wirtshauses so lebhaft und ausführlich schilderte. Es mutete sie fast selbst an, sie sagte sich: Das ist doch wohl das Gescheiteste, denn in das alte kleine Leben findest du dich doch nicht mehr ganz, du bist auch anders geworden und mußt was andres haben. Sie beteuerte daher nochmals und mit aufrichtigem Tone, daß sie nichts gegen die Sache habe, man müsse sie nur bedachtsam in die Hand nehmen.

»Und weißt du,« schloß Hansei, »was noch das beste ist? Eine Post bekommen wir hierher, der Landrichter selbst sagt's; und wenn's doch noch fehlen sollte, kannst du das ja leicht machen, und du machst unsern ganzen Ort berühmt und machst eine Stadt daraus und die Häuser werden das Doppelte wert.«

Er wollte sofort mit seiner Frau in das Dorf hinaufgehen und das Wirtshaus einsehen, aber Walpurga sagte:

»Laß mich erst zur Ruh' kommen in unserm alten Haus, das Wirtshaus läuft uns nicht davon. Ich kann dir gar nicht sagen, wie wohl mir ist in unserm Haus, ich möcht mich immer von einem Stuhl auf den andern setzen. Es ist alles so gut daheim. Ich meine, jeder Stuhl und jeder Tisch hätt' Augen und schaut mich so getreu an und sagt: ja, wir kennen dich noch und haben auf dich gewartet. Jetzt bitt' ich dich, laß mich noch in Ruh' da.«

»Ja, ja, bleib nur,« entgegnete Hansei und ging in der Stube auf und ab. Plötzlich, als ob er gerufen worden wäre, ging er hinaus und spaltete noch einige Stöcke, die er beiseite gestellt hatte.

Walpurga kam heraus und sah ihm vergnüglich zu.

»Ja,« sagte er, »geschafft wird vor wie nach. Ich werde kein faulenzerischer Wirt, da kannst du ruhig sein, und ans Trinken gewöhne ich mich auch nicht. Gehst jetzt mit mir ins Dorf?« fragte er endlich.

»Ja, komm nur herein.«

Hansei war bald zuweg, und er war nicht wenig stolz, jetzt mit seiner Frau ins Dorf hineinzugehen. Am großen Rohrbrunnen beim Rathause standen Frauen und Mädchen mit ihren Kübeln; sie kamen auf Walpurga zu, begrüßten sie und wünschten ihr Glück.

Die Kinder kamen eben aus der Schule. Walpurga rief das eine und andre an, gab ihm die Hand und trug ihm Grüße an die Eltern auf. Sie hörte mit schwerem Herzen vom Tode dieses und jenes. Die andern Kinder standen in Gruppen beiseite und schauten sie staunend an; die Abholung der Walpurga ins Schloß war für die Dorfkinder ein Märchen geworden, und jetzt stand das Märchen am hellen Tag da und sprach wie andre Menschen.

Als Walpurga endlich fortging, riefen ihr die Kinder nach: »Walpurga!« Sie wollten beweisen, daß sie sie noch kennen.

Im Weitergehen mit ihrem Mann sagte dieser leise, auf das Rathaus deutend:

»Schau, da hinauf komm' ich auch bald; es ist so gut wie gewiß, daß sie mich zum Gemeinderat wählen. Ich könnte Bürgermeister werden, aber das nehme ich nicht an; das bringt einem Wirt manche Ungelegenheiten.«

Walpurga merkte, daß der Wirtsgedanke schon nach allen Seiten Wurzel geschlagen; sie erwiderte nur: »Ich seh', du hast dich in diesem Jahr viel in der Welt umgesehen. Du hast aber gewiß auch gelernt: Jeder muß zuerst an sich und die Seinen denken, und wenn man nichts hat, oder in ein Unschick fällt, hilft einem kein Mensch.«

»Wohl, wohl, aber gottlob, wir brauchen jetzt niemand; im Gegenteil.«

Man kam am Hause des Großbauers Grubersepp vorüber. Der Großbauer, der Reichste in der Gemeinde, ein langer, hagerer Mann mit allzeit verdrossenen Mienen, stand auf der Vortreppe seines Hauses. Hansei grüßte ihn zuvorkommend, aber der Grubersepp kehrte sich mit rascher Wendung um nach seinem Stall. Es schickt sich nicht für einen Großbauern, solch ein Taglöhnerkind, wie die Walpurga, zu bewillkommnen; das ganze Dorf mag an ihr zum Narren werden, was ein Großbauer ist und weiß, was er zu bedeuten hat, der thut da nicht mit; das wär' schön, wenn man sich jetzt um ein Geschöpf kümmerte, das früher froh gewesen ist, wenn man ihm ein paar Schoppen Milch auf Borg gegeben hat.

Hansei rief laut: »Grüß Gott, Grubersepp, meine Frau ist wieder da.«

Grubersepp that, als ob er's nicht gehört hätte, und ging in den Stall.

Wie herzensfroh war Walpurga gewesen von den Begrüßungen im Dorfe, aber all das that ihr nicht so wohl, als ihr jetzt diese Geringschätzung wehe that. Freilich ist das nur ein einfältiger verkniffener Bauer in seinem dummen Bauernstolz, der sich so benimmt, und der König hat ja mit dir gesprochen und mit so einem Klotz nicht; aber was hilft das? Der Mann ist der erste im Dorf und seine Mißgunst und Wegwerfung läßt sich nicht so wegblasen.

»Für dich, du Gabelstock,« sagte Walpurga gegen das Haus gewendet, »für dich wirte ich nicht; dir schänke ich keinen Schoppen ein und sage gesegne's Gott!«

»Was sagst du?« fragte Hansei, da Walpurga diese Worte nur in sich hineinmurmelte.

»Wenn wir dem einfältigen Gabelstock da sein Gut abkaufen könnten, das wäre mir lieber als das Wirtshaus,« antwortete sie.

»Das wär' freilich noch schöner, aber dazu haben wir das Geld nicht, und wenn wir's auch hätten, der Grubersepp verkauft nicht; im Gegenteil, wo ein Armer zu einer Wiese kommen will, da springt er herzu und nimmt's ihm weg.«

Als die beiden beim Wirtshaus ankamen, fanden sie schon viele Leute, die am Freitrunk des Weinkaufs teilnehmen wollten.

»Ah! Da kommt die neue Wirtin,« hieß es.

»Dank schön,« sagte Walpurga, »mein Mann hat den Kauf noch nicht abgeschlossen.«

Auch der Jäger von Zeil war da, und Walpurga übersah raschen Blickes, wie ihr Mann in ein ganzes Nest von Schmeichlern eingefangen war. Sie machte sich bald aus der Stube. Der Wirt und seine Frau begleiteten sie und Hansei durch alle Zimmer und durch den Keller. Walpurga fand alles ganz gut, nur sagte sie immer, daß man bauen und neu herrichten müsse.

»Du bist verwöhnt,« wendete der Gemswirt ein. »Bei uns auf dem Land ist es anders, wie in deinem Schloß; das weißt du nur nicht mehr; in dem Haus braucht man in fünfzig Jahren keinen Nagel einzuschlagen.«

Walpurga ließ sich auf keine Erörterungen ein, sie sagte auf dem Heimweg nur ihrem Manne, daß man das Haus von einem Bauverständigen untersuchen lassen müsse, denn sie beide verständen nichts rechts davon, und vom Gemswirt etwas erwerben, das heiße doch der Katz den Speck abkaufen.

Hansei war eigentlich unwillig, daß die Sache nicht gleich ins reine gebracht wurde: er meinte, er könne keine Stunde mehr im alten Hause bleiben. Walpurga wollte indes die Sache einstweilen nur hinziehen. Daneben hatte sie in der That auch viele gerechte Bedenken, das mußte Hansei doch auch eingestehen und er ward ruhiger.

Am Nachmittag stellte Walpurga ihr Besitztum und ihr Erwerbnis sauber auf ein Blatt zusammen, es war eine schöne Summe; das Gemswirtshaus mit dazugehörigem Ackerland, Wiesen und Wald konnte fast ganz bezahlt, und was noch darauf stehen blieb, in einem oder zwei guten Jahren abgetragen werden.

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