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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
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Zweites Kapitel.

»Majestät,« sagte eines Tages Gräfin Irma zum König, als sie mit ihm in der Veranda auf und ab ging – im Musiksaal übte die Königin mit ihrer Kammervirtuosin ein klassisches Stück – »Majestät, es ist doch rätselhaft, manche Menschen sind uns um so bedeutender und liebenswerter, wenn wir fern von ihnen nur ein Erinnerungsbild in der Seele haben; andre dagegen erscheinen uns um so tiefer und anmutender im persönlichen, alltäglichen Umgänge, und wenn wir von ihnen entfernt sind, haben wir kaum eine rechte Vorstellung von ihnen, können denen, die ihre persönliche Bekanntschaft nicht haben, kein Bild ihres Wesens geben, ja nicht einmal der Erscheinung. Worin liegt das?«

»Ich meine,« erwiderte der König, – »aber ich muß gestehen, ich habe noch nie darüber nachgedacht – ich meine, daß die einen mehr Detailnaturen sind mit lauter kleinen Zügen, die andern dagegen haben eine gesamte ganze Physiognomie. Oder auch: diejenigen sind uns in der Ferne bedeutsamer, in deren Wesen noch ein Problem für uns ist und uns dadurch mehr zu denken gibt. Meinen Sie nicht auch?«

»Allerdings. Aber ich möchte doch auch sagen: Die einen sind imponierende und dadurch schon in der Gegenwart ferngerückte historische Menschen; sie können sterben und bleiben. – Wenn jemand fern von uns ist, ist er schon wie ein Stück gestorben – ; die andern dagegen leben nur, solange sie atmen, und leben für uns nur, solange wir in einer Atmosphäre mit ihnen atmen.«

»Konnten Sie mir Beispiele zu diesen imponierend historischen und zu den Momentfiguren nennen?«

»Ich wüßte im Augenblick nur die eine Art, die historische, zu nennen.«

Ein leises Rot fuhr über die Stirn des Königs. »Nun?« fragte er, da Irma zögerte, »ich bitte –«

»Zu der ersten Gattung rechne ich vor allen meinen Vater. Ich kann Euer Majestät nicht sagen, wie mir sein großes Wesen stets vor Augen steht.«

»Ja, ich höre allgemein, er soll ein höchst bedeutender Mann sein. Es ist für ihn und noch mehr für uns zu beklagen, daß er unsre ganze Staatsbildung negiert. Und wohin würden Sie mich rechnen? Ich traue Ihnen Wahrhaftigkeit genug zu, daß Sie mir das geradezu sagen, und Sie sind meiner ... meiner ... Verehrung so sicher, daß Sie alles unumwunden aussprechen können.«

»Majestät sind ein Anwesender,« erwiderte Irma, »und doch zugleich auch ein Abwesender, denn die Höhe Ihrer Stellung hebt Sie immer über uns andre hinweg.«

»Aber die Freundschaft wohnt nicht auf dem Thron, sie ist hier, wo wir auf gleichem Boden stehen, liebe Gräfin.«

»Die Freundschaft urteilt aber auch nicht,« erwiderte die Gräfin, »sie hat kein Richteramt. Nichts finde ich empörender, als wenn Menschen, die einander etwas sein wollen, immer miteinander abrechnen: so viel bist du und so viel bin ich wert, das ist dein und das ist mein –«

»Ach, diese Staatsgeschäfte!« unterbrach der König, da ein Lakai die Ankunft des Ministers meldete. »Wir setzen das Thema fort,« fügte er hinzu, verabschiedete sich bei Irma, grüßte unterwegs höflich die begegnenden Herren und Damen und reichte dem Ministerpräsidenten die Hand; er ging mit ihm in das Innere des Schlosses.

Seit der Rückkehr Irmas hatte ihre freundliche Beziehung zum König neue Frische gewonnen. Ihre tägliche Begrüßung war die Freude des Wiedersehens und Willkomm nach langer Trennung.

Wenn der König: guten Morgen, Gräfin! sagte und Irma antwortete: ich danke Majestät! so lag in diesen einfachen alltäglichen Worten eine unausgesprochene Gedankenreihe. – Der König war voll Laune und milden, schönen Geistes, wie noch nie. Und Irma? Man sagte mit Recht, sie bringe den Atem des Hochgebirges mit. Die Königin vor allen war's, die bald zu einer Hofdame, bald zu einem Kavalier ihre Freude über diese waldfrische Natur ausdrückte, die doch von dem höchsten Geiste belebt war.

Wie in tiefer Seele vernommene Melodien, die erst nach und nach wiederkehren und harmonisch sich fügen, so gingen jetzt Irma die Worte und Gedanken ihres Vaters auf. Sie war wochenlang in einer strengen Denkerschule gewesen, wo kein müßiges Plaudern und Tändeln galt, alles mußte fest und klar sein. Vordem hatte man Irma wie ein Naturkind betrachtet, das eben heraussprudelt, was ihm in den Sinn kommt; jetzt erkannte man einen Geist, der aus einem Hintergrund umfassender Weltbetrachtung entsprang und dabei den einfachen Naturmut behielt. Sie war voll teilnehmender Güte, fragte aber nichts nach dem modisch Geltenden, sie sprach aus, was ihr anmutend und was ihr zuwider war, und man mußte anerkennen, daß hier nicht bloß eine Originalität, ein naiver Springinsfeld war, sondern auch ein starkes geistiges Selbstbewußtsein.

Irma veränderte oftmals ihre Frisur. Das schalt man natürlich Koketterie, sie wolle die Blicke auf sich ziehen; es war aber bei ihr einfach die Lust, alle Tage neu auf die Welt zu kommen und sei es auch in einer ganz untergeordneten Sache.

Jetzt kam es Irma sehr zu gute, daß sie sich so eng an Walpurga angeschlossen, denn die Königin ließ Walpurga in den sonnigen Mittagsstunden fast nie von sich, und da saß auch Irma dabei und las der Königin bisweilen vor, oder sang mit Walpurga schöne Lieder aus dem Gebirge.

In freudigem Glanze leuchteten die Augen des Königs, wenn er zu solcher Stunde kam und Irma mit seiner Gattin sah.

»Du siehst betrübt aus,« sagte die Königin, als der König eben jetzt aus dem Ministerrate zu ihr und Irma in den Park trat.

»Ich bin es auch.«

»Darf ich wissen?«

Irma wollte sich entfernen, aber der König sagte:

»Bleiben Sie nur, Gräfin; es handelt sich um eine Angelegenheit, die durch Ihre Freundin Emmy jetzt zur Entscheidung gebracht wird. Hat dir,« wendete er sich zur Königin, »unsre Gräfin von dem gräßlichen Geschick ihrer Freundin erzählt?«

»Allerdings, und wenn ich daran denke, habe ich das Gefühl, als stünde ich vor einem Abgrund.«

Der König hatte seltsamerweise noch nichts von der Sache mit Irma gesprochen und auch ihres Briefes keine Erwähnung gethan. Irma hatte in den Zerstreuungen seit ihrer Rückkehr auch kaum mehr daran gedacht.

»Unsre Freundin,« begann der König wieder, »hat auch mir die Sache mitgeteilt, und ich danke ihrem Zartgefühl, daß sie jedes weitere Drängen zurückhielt; denn in Staatsgeschäften dürfen uns keinerlei persönliche Sympathien leiten. Die Freude, sich in seiner Ehre von Befreundeten gewahrt zu sehen, bleibt aber eine der schönsten.«

Irma schaute vor sich nieder, Er fuhr fort: »Ein Fürst muß es seinen Freunden danken, wenn sie ihn von den Thatsachen des Lebens benachrichtigen, aber in der Entschließung darf kein Einfluß, auch der beste nicht, sich geltend machen.«

Irma wagte noch immer nicht, den Blick aufzuheben.

»Die Sache liegt so,« fuhr der König fort: »Wir haben die Befugnis zur Aufnahme neuer Nonnen vorläufig suspendiert. Die Minister verlangen nun von mir, daß ich meine Genehmigung zu einer Gesetzesvorlage an die nächstens zusammentretenden Stände gebe, wodurch vor allen das Kloster Frauenwörth endgültig auf den Aussterbe-Etat gesetzt werde. Die Minister glauben nur damit, natürlich neben manchem andern, gegen die immer stärker werdende Opposition standhalten zu können.«

Der König schaute bei diesen Worten auf Irma und diese fragte:

»Und Majestät haben dem Gesetzentwurf Ihre Zustimmung gegeben?«

»Noch nicht. Ich habe keine besondere Neigung für Erhaltung der Klöster, aber ich kann doch nicht so leicht die Art an einen Raum legen, der durch Jahrtausende erwachsen ist. Es ist die besondere Aufgabe des Königtums, Dinge zu pflanzen und zu erhalten, die über die Zeitdauer eines Geschlechts und eines Jahrhunderts hinausgehen. Und ein Frauenkloster – wie denkst du darüber, Mathilde?«

»Ich meine, daß es einem Frauenherzen, das alles verloren hat, nicht verwehrt sein sollte, sich der Einsamkeit und Andacht zu widmen. Doch darf ich mir vielleicht nicht erlauben, darüber zu urteilen. Vom Klosterleben habe ich Jugendeindrücke oder vielmehr Jugendlehren erhalten, die nicht immer gerecht sein mochten. Ueber das Bestehen eines Frauenklosters sollten wohl nur Frauen bestimmen dürfen. Wie meinen Sie, Gräfin Irma? Sie sind ja in einem Kloster erzogen, und Emmy ist Ihre Freundin.«

»Ja,« nahm Irma auf, »ich war bei meiner Freundin in Frauenwörth, wo sie leben oder vielmehr sterben will, denn das Leben dort ist tägliches Warten auf den Tod. Es erschreckte mich auch, daß man eine vielleicht nur vorübergehende Stimmung zum unabänderlichen Lebensgesetze, ja zur Lebensbestimmung machen soll, aus der es keine Rettung mehr gibt; und doch sind viele andre heilige Institute dasselbe. Ich sehe nun, welch ein hoher, schwerer Beruf es ist, König zu sein. Sollte ich jetzt bestimmen, ein Gesetz geben, ich gestehe, ich wüßte mich nicht zu entscheiden. Wenn je, so sehe ich nun, daß wir Frauen nicht zum Herrschen geboren sind.«

Die sonst so klare und feste Stimme Irmas war verschleiert und zitternd. Sie war auf einen Gipfel gestellt, wo sie nicht festen Fuß fassen konnte. Sie schaute zum König auf, wie zu einem höheren Wesen. Seine Haltung war so fest, sein Auge so klar. Sie wäre gern vor ihm niedergekniet.

»Kommen Sie näher, Graf Wildenort,« rief der König jetzt.

Irma erschrak. Ist ihr Vater da? In dieser Erregung schien ihr alles möglich.

Sie hatte in dem Augenblick ganz vergessen, daß ihr Bruder Bruno Flügeladjutant des Königs sei. Er hatte in einiger Entfernung gestanden und trat jetzt näher, um sich bei der Königin zu verabschieden, da er auf einige Zeit verreiste.

Der König ging mit der Königin davon, Irma mit ihrem Bruder. –

Das Benehmen des Königs war rätselhaft, aber er selbst hatte dafür seine Erklärungsgründe; der erste und mächtigste war ein unzerstörbares Mißtrauen. »Allen und jedem mißtrauen« – das war die große Lehre, die ihm von Jugend auf eingeflößt worden. – »Man kann nie wissen, welche egoistische Absichten die Menschen bei allem edlen Anschein haben.« Diese Lehre entsprach einem Charakterzug im Wesen des Königs; er wollte selbst sein, sich von niemand in seinen Entschlüssen bestimmen lassen. Das ist der Kernpunkt der heroischen Natur. Darum ist ihm auch bei aller Freiheitsliebe der Konstitutionalismus zuwider; er hebt die große, in sich machtbegabte Persönlichkeit auf, man soll nur Träger des Zeitgeistes oder, noch tiefer, Vollstrecker der öffentlichen Meinung sein. Das widersprach seinem starken persönlichen Bewußtsein. Wenn nun irgend jemand ihn zu einer Meinung und Entschließung drängen wollte, war er mißtrauisch, er war es selbst gegen Irma. Sie weiß es gewiß selbst nicht, daß sie Werkzeug einer Partei ist, aber sie ist es, wahrscheinlich, ja gewiß; man hat ausgekundschaftet, daß sie viel bei ihm gilt und nun den Klostereintritt Emmys benützt, um ihn zur Entscheidung zu drängen. Das will er nicht dulden, selbst Irma sollte fühlen, daß er sich zu nichts von einem fremden Menschen bestimmen lasse, auch von der schönen Freundin nicht. Alte Zeiten können nicht wiederkehren; sie finden einen neuen Menschen in ihm, der keinen Fraueneinfluß auf die Staatsgeschäfte duldet.

Aus diesen ineinander laufenden Erwägungen von Mißtrauen und Selbstherrlichkeit hatte der König bis jetzt von dem an ihn gerichteten Briefe Irmas geschwiegen, und nun endlich in der eben vernommenen Weise gesprochen.

Auf dem Wege mit seiner Gattin genoß der König noch den Triumph, den er über die Frauen errungen, selbst über die, die er so starken Geistes glaubte. Er sprach wiederholt von den Bitten Irmas wegen ihrer Freundin und wie er sich dadurch nicht bestimmen lasse; es schimmerte eine Mißlaune gegen Irma durch. Die Königin pries die Freundin mit innigen Worten. Der König lächelte.

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