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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
projectid5a468a98
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Vierzehntes Kapitel.

Einst wie war's? Wie soll's einst werden?
Liebchen bitte, laß das sein!
Jetzt nur sind wir ja auf Erden,
Jetzt auch laß uns selig sein.

Schlage auf die holden Augen,
Blick mir tief ins Herz hinein,
Laß uns Blumenhonig saugen.
Eh' der Winter schneit herein.

So sang Irma mit heller Stimme. Die Welt wird wieder schön, draußen wehen noch Frühlingsstürme und am Tag wird es oft plötzlich finster von vorüberjagenden Schneewolken, aber schon beginnen die Wiesen neu zu grünen und einzelne Frühblumen sprossen aus der Erde.

Irma hatte sich schon nach wenigen Tagen erholt, und auch die Bülletins über das Befinden der Königin verschwanden aus den Zeitungen. Gunther, der wochenlang im Schlosse gewohnt hatte, kehrte wieder in sein Haus zurück.

Die Königin, die ihre Gemächer wieder verlassen durfte, weilte viel in dem Wintergarten, wo das letzte Fest gefeiert worden. Die Bäume und Blumen standen wieder an ihrem ruhigen Ort; die Springbrunnen plätscherten, die Fische schwammen wohlig in den marmornen Schalen und die Vögel hüpften und zwitscherten in ihren großen Käfigen. Walpurga durfte mit dem Prinzen stundenlang bei der Königin sein. Diese war von der zärtlichsten Aufmerksamkeit umgeben, die nicht bloß befohlene Unterwürfigkeit war. Irma hatte sich der Königin so aufopfernd bewiesen und diese that ihr innerlich Abbitte; sie hatte oft das Wort auf den Lippen, es laut zu thun, aber sie hielt es zurück; schon ein Verdacht verunreinigt, und die Königin wußte, daß sie für weichmütig und schwankend galt. Das wollte sie nicht mehr sein. Sie erkannte es als Hauptzeichen starken Charakters, die Wandelungen und Entwickelungen im Empfinden und Denken nicht laut werden zu lassen, sondern der Welt mit fertigen Ergebnissen zu imponieren.

Niemand sollte je erfahren, was ihre Seele so schwer geängstigt hatte. Sie wollte stark sein.

Sie hielt Irma viel in ihrer Nähe, und es war stiller Burgfrieden des Geistes in dem grünenden blühenden Wintergarten. Es wurde gelesen und gearbeitet, geplaudert und gesungen, und die Menschen waren so in sich begnügt und still gedeihend, wie die Blumen und Bäume um sie her.

Irma verstand mit biegsamer Stimme vorzulesen. Sie las Goethes »Tasso«. Das entsprach der jetzigen Stimmung und Irma sagte einmal:

»Majestät gleichen in vielem der Prinzessin Eleonore; Sie haben aber das Glück, in wenigen Wochen zu vollenden, was jener Lebensjahre gekostet.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich meine, solches in die Stube Gebanntsein, behutsames Hegen und Umgeben durch andre Menschen, erregt leicht in dem Eingeschlossenen eine Feinfühligkeit und ein andern kaum merkbares Ansprechen des Tones; aber es ist gut, aus dieser Warmhausstimmung wieder herauszukommen ins Freie, wo die Bäume wetterhart im Grunde stehen und das frische Wogen des Aethers alles erneut.«

Auch der König war oftmals bei der Lektüre und knüpfte Betrachtungen über das Tiefste und Höchste an die Lektüre Tassos. Irma bebte oft, ihr kam jedes Wort, das sie sprach, als Frevel vor, sie darf von nichts Reinem und Heiligem mehr reden; aber der König war so unbefangen und heiter. Sie wurde es auch.

»Ihr verwöhnt mich und macht mich ganz stolz,« sagte die Königin. »Ich habe aber wieder einen neuen Wunsch. Es verlangt mich von den Blumen hinweg zu den Werken der Kunst. Ich möchte jetzt oft die Bildergalerie und die Antikensammlung besuchen. Wenn wir atmend und schauend und uns bewegend unter den Bildungen des Künstlergeistes wandeln, fühlen wir doch am tiefsten, daß Menschen, die vor uns lebten, uns das Beste ihres Seins hinterlassen, und Augen, längst gebrochen, ewig offen auf uns niederschauen und bei uns sind in ihren Ewigkeitsblicken.«

Der König und Irma schauten bei dem Worte Ewigkeitsblick unwillkürlich einander betroffen an. Das Wort weckte ein andres. Irma faßte sich und entgegnete: »Ja, ich kann nichts als den Wunsch Eurer Majestät auch als den meinen aussprechen. Von den Blumen und Bäumen hinweg zu den Werken der Kunst! Von Bildern und Statuen umgeben, atmet die Seele den Duft der Ideen, es blüht ewiges Leben um uns, wir stehen im Atem des Genius, der, wenn er auch veratmet hat, doch ewig durch die Welt haucht. Als ich zu der Einsicht gekommen war, daß ich persönlich keinerlei wirkliches künstlerisches Talent habe, da beneidete ich die Könige, denen es vergönnt ist, die Talente und Genies zu fördern. Das ist ein hoher Ersatz.«

»Wie sie alles so schön deuten kann,« sagte die Königin zu ihrem Gatten gewendet, und es war ein aus Wonne und Schmerz gemischter Blick, mit dem der König die beiden Frauengestalten betrachtete. Was ging in ihm vor? Er bewunderte und liebte Irma, und verehrte und liebte seine Gattin. Er war untreu gegen die eine und gegen die andre.

Irma und die Königin gingen durch die Galerie und den Antikensaal und saßen oft stundenlang im Anschauen der Bilder und der Statuen. Zu allen Betrachtungen der Königin hatte Irma eine andre und doch wieder im tiefsten zustimmende Bemerkung.

»Wenn ich euch beide so sehe und höre,« sagte der König, »eure Uebereinstimmung und eure Verschiedenheit, ist's mir immer, als sähe ich in euch die Töchter Schillers und Goethes.«

»Seltsam,« schaltete die Königin ein, und der König fuhr fort:

»Goethe sah die Welt aus braunen und Schiller aus blauen Augen, und so ihr beide, du aus Schillerisch blauen und unsre Freundin aus Goethisch braunen Augen.« »Das wollen wir aber niemand wissen lassen, daß wir einander so schmeicheln,« lächelte die Königin. Irma sah zur Decke auf, wo die gemalten Engel durch die Luft schwebten: es gibt eine Welt des unbegrenzten Raumes, wo kein Verdrängen des einen durch den andern; nur in der gewöhnlichen Welt ist Ausschließlichkeit ...

Je mehr die Königin sich erkräftigte, um so mehr ging die Unterhaltung aus der gedämpften Tonart wieder in die helle und heitere über.

Der Wunsch Irmas schien sich zu erfüllen. Die Frühlingskraft, die Bäume und Pflanzen erneut, schien sich auch auf das Menschenleben ausdehnen zu wollen; es sollte vergessen sein, begraben und ausgelöscht, alles was geschehen.

Am ersten milden Frühlingstage ging man gemeinsam durch den Schloßpark.

»Ich kann mir gar nicht denken, daß je eine Zeit war, wo wir uns nicht kannten, liebe Irma,« sagte die Königin. Sie blieb stehen und schaute Irma freudestrahlenden Blickes in die Augen. »Sie haben mir einmal von einem griechischen Philosophen gesagt« – wandte sie sich zu dem Arzte, der mit dem Schloßhauptmann hinterdrein ging, »unsre Seelen sollen schon einmal eine Existenz vor unsrem jetzigen Dasein geführt haben, und das beste, was wir erleben, sei ein Erinnern an etwas, das wir schon erlebt und vorgeträumt haben.«

»Auch ohne diese phantastische Erklärung,« erwiderte der Arzt, »kann man vieles Bestimmung nennen. Ich glaube, daß alles, was uns in Wahrheit zu eigen wird, für uns bestimmt war; unser Gemüt, unsre ganze Seelenverfassung ist dazu bestimmt oder gestimmt. Wir sind zu dem bestimmt, wozu wir gestimmt sind. Ich bitte aber, Majestät, es jetzt als Bestimmung anzusehen, daß Sie sich in den Wagen setzen. Wir dürfen den ersten Ausgang nicht so weit ausdehnen.«

Die Königin und Irma setzten sich in den Wagen, der in der Nymphenallee ihrer wartete. Der Wagen fuhr im Schritt und die Königin sagte:

»Sie können sich gar nicht vorstellen, liebe Irma, wie bang mir war, als ich hierher kam.« Sie erzählte, wie sie in die Augen der vielen Menschen gesehen, die sie umdrängten und wie sie sich gefragt habe: Wer wird dir in Wahrheit zu eigen sein? und wie es sie anmutete, als Irma allein mit ihren warmen braunen Augen zu ihr spräche.

»Und ich habe zu Ihnen gesprochen,« erwiderte Irma. »Ich hätte Ihnen gern gesagt: Du holdes Menschenbild, laß dich dünken, wir kennen uns schon jahrelang, und sei in der ersten Stunde mit mir wie mit einer alten Freundin. Ich glaube, wir fanden uns nur so, weil uns beiden so bang zu Mute war. Ich war damals zum erstenmal am Hof und ich meinte, ich müßte dem Hofmarschall seinen Stab aus der Hand nehmen und mich darauf stützen.«

»Wunderbar! Ganz denselben Gedanken hatte auch ich,« sagte die Königin, »jetzt erinnere ich mich deutlich und ich weiß noch, wie der Hofmarschall nur immer mich ansah.«

Die Herzensneigung der beiden Frauen knüpfte sich an hundert kleine Erinnerungen; der Wagen ging im Schritt, aber die Seelen flogen dahin durch Tage und Monate. Der Wagen hatte gewendet; man war eben an der Stelle, wo die Bildsäule zertrümmert worden war.

»Das war eine böse Nacht,« sagte die Königin, »als das hier geschah, und ich finde, Walpurga hat in ihrer Einfalt recht, es paßt nicht für uns, solche freie Menschengestalten offen auszustellen.«

»Majestät gestatten mir andrer Meinung zu sein,« erwiderte Irma. »In die freie Natur gehört nur der freie, warum sollen wir's nicht sagen – der nackte, schöne Mensch; jede Bekleidung ist ein Zeitgeschmack, der Mode und Vergänglichkeit unterworfen, der Mensch, wie er aus der Hand der Natur kommt, paßt allein in die ewige Natur und zwischen Bäume.«

»Sie sind eine freie Seele, viel freier als ich,« sagte die Königin. Man stieg aus, Irma geleitete die Königin noch in ihre Gemächer, dann kehrte sie in die ihrigen zurück und hier als sie allein war, streckte sie die Hände empor und rief: »Nicht die Hölle, nicht der Verdammungsort, wo andre Schuldige neben uns leiden, ist die höchste Strafe! Nein, verdammt sein und neben einer reinen Glücklichen stehen, die in voller Unschuld empfindet, das ist die Hölle der Hölle!«

»Pfüt di Gott, Irma! Pfüt di Gott, Irma!« rief plötzlich der Papagei. Irma schrak zusammen.

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