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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
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Zwölftes Kapitel.

Die Königin war krank. Sie wurde gerettet. Eine Hoffnung ging verloren.

Es war ein stürmischer Frühlingsmorgen, da trug der Lakai Baum einen kleinen Sarg mit der Leiche eines totgeborenen Kindes die Hintertreppe des Schlosses hinab. Baum ging so leise, er trat so unhörbar auf, daß er seine eigenen Schritte nicht hörte. Ihm folgte Madame Leoni, die Kammerfrau der Königin, die sich ein weißes Tuch an die Augen hielt. Drunten hielt ein Wagen. Baum mußte dem Kutscher, der keine Hoflivree trug, erst sagen, wohin er zu fahren habe. Fast niemand im Schlosse wußte, was hier vorgeht.

Man fuhr zur Stadt hinaus auf den Kirchhof. Was nicht Namen hat, kommt nicht in die Gruft, das wird im öffentlichen freien Kirchhof begraben. Der Totengräber wartete, die kleine Leiche ward in die offene Gruft gesenkt, namenlos, zeichenlos.

Um dieselbe Stunde, als Baum und Madame Leoni draußen auf dem Kirchhof waren, schrieb Walpurga nach Hause:

.... »Gott sei Lob und Dank, daß das nun vorbei ist. Jetzt seh' ich doch wieder hinaus, wie es einmal anders wird, das waren schreckliche Zeiten. Wenn alles gut geht, ist nur noch siebenmal Sonntag, bis ich wieder bei Euch daheim bin. Ich kann's gar nicht glauben, daß es möglich ist, daß ich wieder von hier fortgehen muß, und doch will ich Gott tausendmal danken, wenn ich wieder bei Euch bin. Ich werde hier noch ganz dumm von dem vielen Denken, und Elend ist überall, und die Menschen freuen sich, wenn eines schlecht ist, und wenn's auch nicht wahr ist, so denken sie sich's doch aus und das schmeckt ihnen gut.

Es ist davon die Rede gewesen, daß wir hier eine Anstellung bekommen sollen, wo wir es alle gut haben sollen für unser Leben lang, aber meine Königin hat gesagt, es ist besser, ich gehe wieder heim, und was die sagt, ist gut, sie ist die wahre Königin, so muß eine sein, die hat Gott dazu gemacht.

Ich möchte nur wissen, warum sie so viel leiden muß.

O! was haben wir ausgestanden! Wir haben jede Minute gemeint, die Königin – so gibt's keine Seel' mehr auf der Welt, und sie hat auch viel auszustehen gehabt, und Menschen sind wir alle. Aber jetzt ist gottlob alles vorbei. Der Leibarzt hat mir gesagt, daß keine Gefahr mehr ist, freilich, was man gehofft hat, auch nicht. Ich kann Euch nicht sagen, wie mir's gewesen ist, daß ich so gesund bin und hab' immer gemeint, ich muß hin zur Königin und muß mir alle Adern schlagen lassen und ihr mein Blut geben, daß sie gesund wird.

So oft ich gekonnt hab', bin ich hinunter in die Kirche, wir haben hier die Kirche im Haus, und hab' gebetet für die Königin. Und meine Gräfin hat sich gar nicht bei mir sehen lassen, die soll aussehen wie der Schatten an der Wand. Hier sind alle Hausgänge geheizt, das ganze Haus ist wie eine einzige warme Stube, und alles, was im Schloß einander begegnet ist, hat einander angesehen, als ob man gar nicht da wäre.

Und die Königin hat den Abend, wo sie geglaubt hat, daß sie sterben müßte, mich rufen lassen und ihr Kind. Sie hat nicht viel gesprochen, aber die Augen haben alles gesagt.

Und jetzt, Hansei, halt Dich bereit, Du mußt mich holen. Wenn ich Dir wieder schreibe, geb' ich Dir gleich den Tag an, wann Du kommen mußt.

O, ich mein', ich muß über die Tage wegfliegen. Tief im Herzen weh thut mir's, daß ich meinen Prinzen verlassen muß, er ist gar gut zu mir, aber ich kann nicht, ich hab' mein eigen Kind und meinen eigenen Mann und meine eigene Mutter daheim, und möcht' nicht mehr dienen und draußen sein in der Welt.

Ist bei Euch auch so grausamer Sturmwind? Ach, der Wind weht so schnell! Wenn ich nur mit ihm heimfliegen könnte! Vergangene Nacht hat's vor meinem Fenster einen Baum umgerissen, ein schöner mächtiger Baum war's, und hat eine Figur zerschlagen, und alle sagen, die sei sehr schön gewesen; ich hab's nicht glauben können, daß so was schön ist, im Gegenteil, recht unverschämt ist sie dagestanden, daß man sich geschämt hat. Ich hab' den Baum und die Figur von meinem Fenster aus immer gesehen, und jetzt eben sind schon Leute daran, alles sauber zu machen, aus dem Weg und fort, was verdorben ist. Das machen sie hier gar schnell, sei es ein Baum oder eine Steinfigur oder ein totes Menschenkind.

Verzeiht, daß ich so untereinander schreibe. Wenn ich wieder komm' und wenn ich hundert Jahr alt werde, ich kann nicht alles erzählen, was ich hier erlebt hab'.

Und also, lieber Hansei, wenn Du kommst, zieh nur die Kleider an, die Dir der König geschickt hat, und auch ein feines Hemd von denen, die ich Dir zu Deiner Aussteuer gemacht hab', sie liegen im blauen Schrank oben links mit dem roten Band. Verzeih, daß ich Dir das alles so schreibe, Du hast ja leider Gottes fast ein Jahr lang allein für Dich sorgen müssen, und ich hab' Dir nichts helfen und herausthun können. Jetzt soll wieder alles sein. Ich mein', ich wäre schon wieder daheim und zupfe Dir den Hemdkragen zurecht, wenn wir am Sonntag den See entlang hinaufgehen zur Kirche. Ich mein', daß ich's gar nicht selber erlebt hab', und es wär' ein andrer Mensch gewesen, und ich mein', die Tage wären ein hoher Berg, wo man gar nicht drüber hinüber kommt. Aber es wird schon werden, und dann wollen wir lustig und glücklich sein, und gottlob, wir haben unsre gesunden Glieder und sind gut zu einander, von Herzen gut. Verzeihet mir alle, wenn ich Euch je mit einem Worte beleidigt habe.

Wenn ich Dich da bei mir hätt', lieber Hansei, thät' ich Dich jetzt um den Hals nehmen und Dich abküssen, bis genug. Du bist mein Einziges auf der Welt, und mein Kind und meine Mutter. Ich spür's erst jetzt, wie lieb ich Euch hab', ich kann gar nicht begreifen, wie ich so viele Monate hab' von Euch sein können und bin nicht gestorben vor Jammer und Heimweh.

Und bring auch eine große Kiste mit, ich hab' gar viel Sachen bekommen.

Und bring mir auch etwas mit aus unsrem Garten, oder eine von meinen Nelken, die daheim gewachsen sind, und einen Schuh von meinem Kind. Aber ich schreib' Dir alles noch genauer, wenn ich Dir wieder schreibe.

Ich kann mich gar nicht drein finden, wie die vornehmen Leute leben. Ich habe mir sagen lassen, daß sie ihre eigenen Toten gar nicht mehr anrühren und einkleiden; das lassen sie alles von fremden Menschen thun, die dafür bezahlt werden.

Ich habe diesen Winter auch Flachs gesponnen zu Hemden für meinen Prinzen, und das hat sie alle sehr gefreut und sie sind zu mir gekommen und haben mir zugesehen und sich gewundert, wie wenn das ein Kunststück wäre.

Ich freue mich darauf, wieder im Feld zu schaffen. Man ist doch wohler dabei. Aber es fehlt mir nichts, da seid ohne Sorgen, nur hab' ich jetzt gar arg Heimweh.

Und jetzt lebet wohl und gesund, und lebet tausendmal wohl!

Eure

Walpurga Andermatten.«

Unter der Walpurga, die mit schwerer Hand diese Zeilen schrieb, in den Gemächern des Erdgeschosses saß Gräfin Irma an ihrem Schreibtisch und schrieb mit fliegender Feder:

»Meine Emmy!

Das war eine Nacht – es muß eine Riesenkraft in mir sein, da ich den Tag noch erlebe.

Ich war in der Unterwelt. Ich habe den Ungeheuern ins glühende Auge gesehen, die über, unter unserm Alltagsleben hausen und urplötzlich hervorbrechen. Du mußt es hinnehmen, daß ich wieder zu Dir komme und Dir schreibe. Ich weiß nicht, wie lang das nicht geschah. Du bist mir eine Burg, ein Fels, eine schützende Hütte draußen in der Welt, fest, unbewegt, wartend, treu. Ich komme, wenn meine Seele in Not, ich flehe zu Dir, mein Fels, meine Hütte, mein Hort, mein Schutz, meine Zuflucht.

Das war eine entsetzliche Nacht. Der Baum steht fest, eine junge Blüte ist geknickt. Ich kam aus dem Gemach der Königin. Beten konnte ich nicht, aber ich stand am Fenster und dachte in die ewige Natur hinaus: Du, die du alles wieder erneuest, aus dem Winter die Erde erweckest, Bäume und Blumen wieder neu werden lässest, und was verwelkt und vermodert vom vergangenen Jahr – laß auch ein Menschenherz sich erneuen, laß Vergangenes vergessen, verschwunden, laß vernichtet, vermodert, verflogen sein, was wir gethan; laß auch ein Menschenkind wieder neu und frisch sein, ganz, auferweckt, erlöst! So stand ich am Fenster und draußen heulte der Wind. Da, es war, als ob die Welt über mir zusammenbrechen wollte, da kracht eine Eiche vor meinem Fenster und knickt zusammen, und zerschlägt im Sturz das Götterbild der Venus unter ihr in Trümmer. Mir war's, als träumte ich im Wahnsinn, und als ich hinsah und alles deutlich erkannte, da war mein einziger Wunsch: hättest du dort gestanden, statt des Steines, und wärest in Trümmer geschlagen worden – es wäre besser mit dir ...

Ich weiß nicht, was ich Dir sagen soll. Ich weiß nur, es kann eine Zeit kommen, heute, morgen, in der Nacht, am Tage – und ich bin bei Dir; ich sinke vor Dir nieder, Du hebst mich auf, ich ruhe an Deinem Herzen, Du beschützest mich, Du rettest mich vor den Dämonen. Du fragst mich nicht, Du speisest und tränkest und bettest weich die fremde Seele und fragst nicht, von wannen sie kommt.

Emmy, was sind wir? Was ist die Welt? Wir sehen alles, wir wissen alles, und doch, und doch ...

Wie kunstreich, wie ausgeklügelt ist alles zur Betäubung, zur Einschläferung, zum Gewissensschlummer ... Wenn nur das Aufwachen nicht wäre! Das Aufwachen ... Am Morgen ... der Morgen ist das schrecklichste!

Es ruht ein ewiger Kuß auf einer Bildsäule am Zeughaus, die Sterne schauen darauf, der Mond und die Sonne. Könnte ich hinauf und mich hinunterstürzen, zerschmettern, alles, alles ... Wenn Du stürmisch läuten hörst in Deinem Kloster, so denke, das ist meine Totenglocke. Wenn es leise an Deine Thür klopft, so denke: das ist eine arme Seele, eine arme, die so reich war, sein konnte, ist – – Wer nimmt, wer gibt einem Menschen sich selbst wieder? Wer zieht ihn heraus aus dem See – aus dem See – – –

Warum nur immer der See mir vor den Augen schwimmt? Ich seh' mich darin. Ich sinke. Hilf mir! Rette mich, Emmy! Hilf mir! Rette mich! Ich sinke ...«

Als Irma dies schrieb, schrie sie plötzlich laut auf, das Kammermädchen kam herein: Irma lag am Boden in Ohnmacht.

Als sie erwachte, fragte sie, was geschehen sei. Der Leibarzt saß an ihrem Bette und sagte:

»Sie haben geschrieben, hier ist der Brief. Ich habe ihn zu mir genommen, da ich vermutete, daß dieses Schreiben Sie so aufgeregt. Ich habe die ersten sechs Zeilen gelesen. Ich mußte das. Mein Wort darauf: ich habe keinen Buchstaben weiter gelesen. Ich habe den Brief zu mir genommen, damit ihn kein fremdes Auge sehe. Nun halten Sie sich ruhig. Hier ist der Brief.«

Irma richtete sich auf und las ihn. Dann warf sie einen großen Blick auf den Arzt.

»Ich glaube Ihnen,« sagte sie. »Ich glaube Ihnen,« wiederholte sie.

Sie ließ sich Licht bringen und verbrannte den Brief.

»Wollen Sie mir ein Versprechen geben?« fragte sie dann.

»Welches?«

»Daß Sie mir Gift geben, wenn ich wahnsinnig werde.«

»Sie spielen mit Extremen,« entgegnete der Arzt. »Das thut man nicht ungestraft.«

Es trat eine längere Pause ein; dann fuhr der Arzt fort:

»Sie müssen vor allem sich selbst beherrschen, und Ihr eigentliches Selbst sind nicht Ihre wildschweifenden Gedanken. Ich glaubte, daß Sie sich von mir beraten ließen; ich irrte mich. Sie sind selbst Ihr bester, Ihr einziger Arzt. Zwingen Sie sich zur Ruhe, zum Ausdenken stiller begnügter Bilder des Lebens.«

Irma stützte das Haupt auf die Hand, aus ihrem Auge leuchtete eine irre Glut, sie schloß das Auge, aber plötzlich erhob sie sich, mit beiden Händen wild ihre aufgelösten Haare fassend.

»Ich will mir die Haare kahl abschneiden lassen!«

»Das ist noch einer der wildspielenden Gedanken,« beruhigte der Arzt, ihre Hand fassend, »Sie wollen immer alles mit Gewaltsamkeiten erzwingen. Sie müssen Ruhe lernen!«

»Ja, das Leben erwächst still und allmählich, und der Tod, auch der Tod bei lebendigem Leibe, ist ein Moment,« sprach Irma in die Luft hinein, ihr Blick war unstet.

»Und nun schlafen Sie und Sie werden gesund sein,« schloß Günther. Er wollte gehen; aber Irma hielt ihn noch auf und fragte:

»Wie lebt Ihre Frau? Ihre Familie?«

»Ich danke. Ruhig und gefaßt.«

Irma wollte den Arzt bitten, daß seine Frau zu ihr käme; aber sie brachte das Wort nicht heraus. Der Arzt ging. Er selber hatte gedacht, daß wenn Irma sich ihr erschlösse, der gerade starke Sinn seiner Frau die Verwirrte heilen könnte; aber er wußte, daß seine Frau sich nicht dazu verstehen werde, Irma zu besuchen: sie war bei aller Güte doch erbarmungslos gegen Ueberhebung, und Irma hatte in guten Tagen versäumt, das ihr freundlich geöffnete Haus wieder zu besuchen. Es blieb ihr verschlossen, zumal seit Irma abermals den Vater verlassen und an den Hof zurückgekehrt war; auch galt ja Irma als die Urheberin der Klostererneuerung und der Einsetzung des reaktionär-kirchlichen Ministeriums Schnabelsdorf.

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