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Auf der Höhe Zweiter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Zweiter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel.

»Heut abend geh' ich auch ins Theater,« sagte Baum am 22. Januar mittags zu Walpurga. »Es soll ein merkwürdiges Stück sein. Schade, daß du nicht auch hingehst.«

»Ich hab' Maskeraden genug gesehen,« versetzte Walpurga. »Ich bleib' bei meinem Kind; mein Kind ist noch das einzige vom ganzen Hofe, das sich nicht vermaskieren kann.«

Das Hoftheater war schon lange vor Beginn des Stückes bis auf den letzten Platz besetzt und im Publikum war lebhaftes Geplauder, das sich wie Brausen der See anhörte. Man sprach davon, was das bedeute, daß es auf dem Theaterzettel hieß: Zur Geburtsfeier Lessings, auf Allerhöchsten Befehl »Emilia Galotti«. Man sprach in halben Worten zu einander, verstand sich aber ganz. Soll diese Aufführung eine schlagende Antwort auf mancherlei Gerede sein? Wird der Hof kommen? Wer wird im Gefolge sein?

Drei dumpfe Schläge ertönten. Sie sind das Zeichen, daß der Hof die Verbindungsgalerie zwischen Schloß und Theater betreten. Alle Augen, alle Operngläser richteten sich nach der königlichen Loge.

Die Königin trat ein. Sie strahlte in jugendlicher Schönheit. Der Adel, der den ersten Rang einnahm, erhob sich. Die Königin dankte freundlich. Sie setzte sich und las mit großer Aufmerksamkeit den auf der Brüstung angehefteten Zettel. Der König kam alsbald nach ihr und setzte sich neben sie; auch er grüßte den stehenden Adel und dieser setzte sich mit ihm, als ob er an ihn gebunden wäre.

Der König reichte mit der Hand rückwärts und ließ sich sein Augenglas geben. Er betrachtete das Publikum, während das Orchester die Ouvertüre spielte. Der Wunsch Irmas war in Erfüllung gegangen. Seit der neuen Intendanz gab es wieder Musik vor den Schauspielen und in den Zwischenakten.

Wer sitzt hinter der Königin?

Die Gräfin von Wildenort.

Sie trägt eine einzige Rose im braunen Lockenhaar. Sie spricht einige verbindliche Worte mit dem Oberst Bronnen. Sie lächelt und zeigt ihre Perlenzähne.

Ein junger Kritiker im Parterre sagte zu seinem Nachbar:

»Die Gräfin Wildenort hat wohl nicht ohne Absicht nur eine Rose ins Haar gesteckt, wie Emilia Galotti.«

Von Musikfreunden wurde oft Ruhe gezischt, denn die Gespräche im Hause waren so lebendig, daß man die schöne Musik der Ouvertüre kaum hörte. Das Ruhebieten half nichts, erst als der Vorhang aufrollte, trat Stille ein.

Der erste Akt bot nur am Schlusse Gelegenheit für einen besonderen Applaus. Die Hast und Eingenommenheit des Prinzen zeigt sich, indem er ein Todesurteil schnell – der Wagen ist vorgefahren – unterschreiben will; der alte Kabinettsrat Rota zieht das Aktenstück zurück.

Der Intendant hatte, um die Festlichkeit des Abends zu bezeichnen, zwischen jeden Akt ein Musikstück eines namhaften Komponisten eingelegt. Boshafte Zungen wollten behaupten, daß dies nur geschehen, um die Besprechung des seit Jahrzehnten hier nicht aufgeführten Stückes zu verdecken; wäre dies die Absicht gewesen, so wäre sie vereitelt worden, denn die Gespräche gingen lebhaft, im Publikum wie in der Hofloge.

Der König sprach mit dem Intendanten und dieser sagte: »Lessing hat in diesem Rota eine ebenso kleine als beifallsichere Rolle geschrieben. Darin bewährt sich der Meister. Und es hat noch das Gute, daß man die Rolle von einem Veteranen spielen lassen kann.«

Die Königin schaute verwundert um. Sind denn das nur Rollen, nicht lebenerschütternde Thatsachen?

Das Stück nahm seinen weiteren Verlauf. Die Scene zwischen Appiani und Marinelli wurde stürmisch beklatscht. Die Königin, die sich sonst in den Zwischenakten immer in den Salon neben der Loge zurückzog, verließ heute ihren Platz nicht; auch Irma als erste dienstthuende Hofdame mußte bleiben.

Der Oberhofmarschall sagte zwischen dem dritten und vierten Akt im Korridor zu Bronnen: »Wenn nur dies verdammte Demokratenstück schon abgespielt wäre. Der süße Pöbel da unten kann demonstrativ werden.« Es kam der vierte Akt, die Scene zwischen Orsina und Marinelli. Die Königin hielt ihren Fächer krampfhaft in der Hand. Es war eine übermächtige Anstrengung in ihrer Seele. Sie hörte und sah, was auf der Bühne vorging, und lauschte mit angestrengter Aufmerksamkeit auf den Atem Irmas hinter ihr, wie er schneller, wie er lauter ging; sie wollte sich plötzlich umwenden und ihr ins Angesicht schauen, aber sie wagte es nicht; sie sah die Gestalten auf der Bühne und streifte mit dem Blick das Antlitz ihres Gatten. Es war doppeltes Hören und doppeltes Sehen in ihr. Sie mußte sich zwingen, ihren Atem ruhig zu halten. Die Scene ging weiter. Orsina und Odoardo – wenn jetzt Irma hinter ihr in Ohnmacht sinkt ... was dann? Was hat sie gethan, daß sie das Stück aufführen ließ? Die Scene geht weiter, Orsina gibt dem Vater den Dolch, sie steigert sich zuletzt zur Wutphantasie. »Wenn wir einmal alle – wir, das ganze Heer der Verlassenen, wir alle, in Bacchantinnen und Furien verwandelt, wenn wir alle ihn unter uns hätten, ihn unter uns zerrissen, zerfleischten, sein Eingeweide durchwühlten – um das Herz zu finden, das der Verräter einer jeden versprach und keiner gab! Ha! das sollte ein Tanz werden! das sollte!«

Wenn jetzt Irma laut aufschreit? ... Die Königin faßte krampfhaft die Brüstung, es ist ihr, als müßte sie Hinausrufen ins Volk.

Es blieb alles ruhig.

Als die Scene vorüber war, wendete sich der König zu Irma und sagte in leichtem Tone:

»Die Müller spielt vortrefflich.«

»Ueberraschend, Majestät, im einzelnen aber etwas chargiert. Die Worte: »Ich habe hier nichts zu verzeihen, denn ich habe hier nichts übelzunehmen,« hat sie zu scharf geknirscht: sie hat ihre Stimme zu sehr geschminkt. Die offen Gekränkte müßte mehr wie Dolchzücken sprechen, man müßte den Dolch schon in den Worten sehen, bevor er als scharfes Eisen gezeigt wird.«

Irmas Stimme war fest und klar, nichts zitterte in ihr. Die Königin breitete ihren Fächer aus und fächelte sich in schnellen Bewegungen Kühlung ins Antlitz.

So könnte niemand sprechen, der sich an die Brust schlagen müßte. Die Stimme wäre zerbrochen und das Antlitz versteinert bei solchem Anblick ...

Die Königin wandte sich um und nickte Irma freundlich zu.

»Ich bin stärker, als ich wußte,« sagte sich Irma und glättete ihre Handschuhe. Als sie Odoardo hatte sprechen hören, breitete sich's ihr wie Nebel vor die Augen: wenn das ihr Vater wäre – und er konnte es sein .... In ihrem Innern schrie etwas auf, aber der Schrei kam nicht auf die Lippen. Jetzt war sie wieder gefaßt und ruhig.

Das Schauspiel ging ohne Zwischenfall zu Ende! nur ließ sich's das Publikum nicht nehmen, den Darsteller des Odoardo Galotti dreimal herauszurufen. Auch der König applaudierte.

Der Hof begab sich nach dem Schlosse zurück: man versammelte sich zum Thee bei der Königin.

Die Königin war heiter, wie nach einer überstandenen Gefahr. Es war eine Beweglichkeit und Freiheit in ihrem Wesen, die man lange nicht an ihr bemerkt hatte: eine dämonische Last war von ihrer Seele genommen – sie war jetzt frei und gelobte sich, nie mehr niedrig von jemand zu denken, von ihren Nächsten vor allem nicht.

Man saß beim Thee und die Königin fragte ihren Gatten:

»Du hast das Stück wohl auch zum erstenmal gesehen?« »O nein, ich habe es auf der Reise gesehen, ich weiß nicht mehr wo. Ich finde es sehr angemessen,« wendete er sich zum Intendanten, »daß Sie, lieber Schöning, das Stück im Kostüm des vorigen Jahrhunderts geben ließen: ich habe es früher in moderner Tracht gesehen. Das macht sich höchst unpassend. Trotz der Klassizität liegt auf all dem etwas Puder, den man nicht wegblasen darf, sonst wird die ganze Affaire, alles, was gethan und gesprochen wird, unnatürlich.«

Der Intendant war glücklich.

»Wie finden Sie das Stück?« fragte der König den Leibarzt.

»Majestät, das Stück ist ein klassisches.«

»Sie sind doch sonst nicht orthodox.«

»Und bin es auch hierin nicht,« entgegnete Günther. »Ich darf sagen, daß ich Lessing von ganzer Seele verehre, ja vielleicht etwas zu ausschließlich: aber in diesem Stück ist Lessing noch nicht zur Ruhe der Freiheit durchgedrungen, es ist ein Produkt der edelsten Melancholie, was man in unsern Tagen auch Zerrissenheit nennt: denn die Rechnung schließt am Ende nicht ab, es bleibt ein tiefer Bruch. Das kommt aber wesentlich davon her, daß ein großer weltgeschichtlicher Stoff aus der Römerzeit in Kabinett und Lustschloß eines kleinen italienischen Fürsten verlegt ist.«

»Wie meinen Sie das?« fragte der König. Der Leibarzt setzte auseinander:

»In diesem Stück ist ein Pathos der Verzweiflung, das sich bis zur Schlußfrage spitzt: ›Ist es nicht genug, daß Fürsten Menschen sind, müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen?‹ Man könnte annehmen, daß das Gefühl dieser Erkenntnis eine Strafe ist, die der Fürst sein Leben lang nicht mehr los wird. Der Fürst muß ein andrer werden von da an. Aber diese epigrammatisch gefaßte Erkenntnis der eigenen Schwäche und der Schlechtigkeit der Umgebung erscheint mir nicht als volle und faktische Sühne. Eine Frage, und eine solche am Schlusse des Dramas, das uns versöhnt mit dem ewigen Gesetze entlassen soll – ist nur möglich, weil der Grundton des Ganzen sarkastisch ist und in den bittern Worten liegt: ›Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.‹ Der ganze Mangel des Stückes – es entspricht dem Wahrheitsgesetz Lessings, wenn man sich autoritätslos verhält – der unbeglichene Bruch liegt darin, daß Lessing die That des Virginius vom römischen Forum auf das Parkett, aus der leidenschaftlichen Hand des Bürgers, der eben das Schlachtmesser in der Hand hat, in die des malcontenten Obersten Galotti verlegt hat. Die That des Virginius ist die Wendung einer großen politischen Katastrophe – nach ihr bricht die Revolution herein und sühnt: hier aber ist diese That folgenlos an den Schluß gesetzt und sühnt nichts. Darum entläßt uns dieses Stück mit einer Frage, die eigentlich eine Dissonanz ist.«

Man war befriedigt von dieser Auseinandersetzung, trotzdem anfangs sich eine seltsame Schärfe eingemischt hatte. Sie hob die ganze Sache und den doch etwas peinlichen Eindruck in die kühle kritische Atmosphäre.

»Mir ist etwas besonderes aufgefallen,« sagte Irma: sie glaubte nicht still bleiben zu dürfen. »Ich habe zwei Ehegeschichten in dem Stücke gefunden.«

»Ehegeschichten? Und sogar zwei?« wurde gefragt.

»Allerdings. Emilia ist das Kind einer unglücklichen, oder ehrlicher gesagt, einer bösen Ehe. Diese rauhe Tugend Odoardo und diese konziliante Claudia haben eine entsetzliche Ehe geführt und sich endlich anständig getrennt. Er lebt auf dem Gute, sie läßt der Tochter in der Stadt die letzte Politur geben; Emilia muß sehr viel Klavier üben. Papa Odoardo sitzt immer auch moralisch zu Pferde; Madame Claudia ist eine sehr weltlich gesinnte Gesellschaftsdame. Das Kind dieser Ehe ist nun Emilia, und ihre Ehe mit Appiani wäre ganz dieselbe geworden, wie die ihrer Eltern.«

»Fein ergründet,« sagte der König, und von seinem Zuruf belebt, fuhr Irma fort:

»Die Großmutter Emilias hat vielleicht gesagt: Ich bin nicht glücklich, meine Tochter Claudia soll es werden mit dem braven Odoardo, damals eben erst Hauptmann. Und nun sagte Mutter Claudia: Ich bin nicht glücklich, meine Tochter Emilia soll es werden, und Emilia würde künftig auch gesagt haben: Ich bin nicht glücklich, meine Tochter u.s.w. Das ist eine ewige Kette von Elend und Resignation. Wer ist denn dieser Herr Appiani? Ein hypochondrischer Legationsrat außer Dienst, der seine Frau eigentlich um des biedern Schwiegervaters willen heiratet und ihr geradeso predigen wird, wie weiland Odoardo, und ebensoviel Wirkung haben wird, wie weiland Odoardo. Appiani war den Schuß Pulver wert, oder auch noch einen zweiten, wie Marinelli meint – warum hat er kein Auge für die Toilette seiner Braut! Im nächsten Winter auf dem Lande wäre Emilia Appiani vor Langeweile gestorben, oder hätte sich verwandelt und eine Kleinkinderschule auf ihrem Gute errichtet. Wenn Emilia singen würde, sie müßte ähnliche Melodien haben, wie Mozarts Zerline, und Masetto-Appiani spürt's, daß er dahin nicht paßt, und er hat recht – obgleich er sich's nicht erklären kann – daß er vor der Trauung so schwermütig ist. Appiani dürfte nur eine Witwe mit sieben Kindern heiraten; der Mensch hat von Natur eine Witibseele. Wenn er sich mit seiner Frau gezankt hat, wird er nach dieser Motion auch sagen, wie nach dem Zank mit Marinelli: ›Ah, das hat gut gethan, mein Blut ist in Wallung gekommen, ich fühle mich anders und besser.‹ Emilia liebt den Prinzen, darum fürchtet sie ihn; ihr notariell verschriebener Bräutigam wird nur ihr Mann, war nie ihr Geliebter. – Ich würde Appiani zum Landtags-Abgeordneten, aber nicht zum Gatten wählen. Solch ein Mann darf gar nicht oder nur eine Frau heiraten, die Suppenanstalten gründet, aber keine Emilia, die kokett genug ist, zu wissen, was ihr gut steht.«

Die Wangen Irmas glühten, als sie so sprach; sie hatte das Gefühl, als ob sie auf einem wilden Renner durch Wald und Feld reite, und in der That, als sie einmal mit Bitterkeit begonnen, trug ihre Phantasie sie von selbst weiter und kühn über alles hinweg. Sie hatte sich alles Bangen weggesprochen, und mit stolzem Selbstgefühl empfand sie jetzt, wie sie das Leben und alles um sie her beherrschte.

Der Abend, der so gewitterschwer gedroht hatte, brachte nur erfrischende Kühlung und reinigte die Atmosphäre.

Die Königin atmete leicht auf und fühlte sich glücklich, in den Kreis guter und geistig bedeutender Menschen versetzt zu sein.

Baum war nach dem Theater noch zu Walpurga geeilt und erzählte ihr:

»Das war heute ein Stück! Mich wundert's, daß man so etwas frei daherspielen darf. Da ist ein Prinz, der will eben eine Prinzessin heiraten und hat eine alte Geliebte – sie ist aber noch schön – die will er abschaffen und sich einstweilen eine neue anschaffen, die ist gar schön, aber an dem Tag ist ihre Hochzeit. Und da hat der Prinz einen Kammerherrn, der ist der Freund vom Prinzen, aber der Prinz geht hart mit ihm um, wenn er ihm nicht gleich herbringt, was er mag! er spricht per Er mit ihm und heißt ihn einen Narren, und nachher fällt er ihm gleich wieder um den Hals. Also der Kammerherr läßt den Bräutigam totschießen und die Braut rauben: aber da kommt die alte Geliebte und trifft den Vater der Emilia Galotti und hetzt ihn auf, und der Vater sticht seine Tochter tot.«

»Und was geschieht nachher dem Prinzen und dem Kammerherrn?« fragte Walpurga.

»Das weiß ich nicht.«

»Sag noch einmal,« fragte Walpurga, »wie hat der Name geheißen von der Braut?«

»Da hast du den Zettel, da steht alles drauf.«

Walpurga las den Zettel, er zitterte in ihrer Hand. Da stehen Namen, die der König und Irma damals miteinander gesprochen, wo sie nichts davon verstanden hat.

»Also die Geschichte habt ihr aufführen lassen? O ihr ... o ihr alle miteinander seid ... ich weiß schon –«

Die Warnung der Mamsell Krämer half – Walpurga wagte nicht die Worte hinzuzusetzen, die sie in Gedanken hatte....

Am andern Abend war Hofkonzert. Der große Saal im Mittelbau mit seiner vortrefflichen Akustik war reich gefüllt mit Männern in Uniform und Dekorationen und schön geputzten Frauen. Der engere Hofkreis befand sich im Saal, die Geladenen in den Nebenräumen und auf den Galerien.

Diejenigen, die zum kleinen Zirkel der Königin gehörten und erst gestern sich zusammengefunden hatten, begrüßten einander mit einer gewissen familienhaften Vertraulichkeit; man hielt heute nicht zusammen, man hatte die Pflicht, mit den nur seltener Geladenen zu sprechen. Der König war in Husarenuniform und in bester Laune; während der Pausen ging er durch die Säle und sprach bald diesen, bald jenen an und hatte für jeden ein beglückendes Wort. Die Königin sah leidend aus und that sich offenbar Zwang an, ihre Haltung zu bewahren.

Irma hatte die Gewohnheit, mit Sängern und Sängerinnen, die auf einem abgeschlossenen erhöhten Sitz ihre Stücke vortrugen, sich heiter zu besprechen. Böse Zungen behaupteten, sie wolle sich dadurch nur vor aller Welt in ihrem Leutseligkeitsschmucke zeigen, aber Irma glaubte einfach, sich den Künstlern und Künstlerinnen menschlich nahestellen zu müssen.

Der Leibarzt stand mit dem Direktor der Kunstakademie und dem Generalintendanten Schöning in einem Gespräch. Es handelte sich um Entwürfe zur malerischen Ausschmückung des neuen Parlamentshauses, denn auch ein solches hatte der König bereits gebaut. Der Künstler sprach sein Bedauern aus, daß sich keine feste Gestalt für die Darstellung der Verfassung geben lasse; eine weibliche antike Figur mit einem Blatt Papier und dergleichen bleibe immer unzulänglich und allegorisch kalt.

»Sie erwecken in mir einen alten Gedanken,« erwiderte der Intendant, »es fehlt uns die mythenbildende und, erlauben Sie mir den Ausdruck, hier speziell die hofcharge-bildende Kraft. In gleicher Weise, wie es einen Feldmarschall gibt, sollte es eine Hofcharge geben, die – ich meine es im Ernst – als Verfassungsherold oder dergleichen bei wichtigen Aktionen immer den Vortritt hätte und bei Hofe immer die Verfassung repräsentierte. Glauben Sie mir, die Verfassung ist nicht hoffähig, ich meine, sie ist nicht repräsentiert und bleibt deshalb fremd bei Hofe. Stimmen Sie mir nicht auch bei, Herr Geheimrat?«

Der Leibarzt antwortete, sich aus einer Zerstreuung gewaltsam fassend: »Es geht nun einmal nicht mehr, dasjenige, was wir mit Maß und Wage oder gar als klaren Gedanken erfaßt, in mythische und symbolische Gestalten zu übersetzen; das käme auf den gleichen mißlungenen Versuch hinaus, eine Göttin der Vernunft darstellen zu wollen.«

Er sprach zerstreut, denn er schaute immer hinüber zu Irma. Jetzt ging sie in die Gesellschaft zurück, der Leibarzt trat ihr in den Weg und sie sagte:

»Ach! heutigestags ist alles nur Programm. In alten Zeiten hieß der König einen Sänger mit der Harfe zu sich kommen und der Alte mit dem weißen Barte sang seine überraschenden Lieder; heutigestags muß ein ganzes Orchester her und ein Dutzend Sänger und Sängerinnen, und man hat das musikalische Menü in der Hand.«

Der Leibarzt schien nicht geneigt, hierauf einzugehen, er erwiderte:

»Ich habe viel über Ihre gestrigen Bemerkungen nachgedacht.«

»Ich denke nie über eine gestrige Bemerkung nach.«

»Aber ich bin Pedant und muß das. Sie haben recht, Emilia wäre mit Appiani nicht glücklich geworden.«

»Es freut mich, daß Sie mir recht geben.«

»Glauben Sie, daß Emilia mit dem Fürsten glücklich geworden wäre?«

»Ja.«

»Und wie lange?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sie wäre bald enttäuscht worden, denn dieser Fürst ist ein Genießling, der überall nur herumnascht, in der Kunst, wie im Leben, mit einem Wort: ein Dilettant. So lange der Dilettant jung ist, gibt ihm die Grazie der Jugend, die Schnellkraft seiner Bewegungen das, was man interessantes Air nennt; aber wird der Dilettant älter, dann kopiert er sich selbst, kaut die paar Phrasen wieder, die er von andern gehört oder sich selbst zurechtgestümpert hat; er legt sich das Rot jugendlicher Schwärmerei wie eine Schminke auf die Seele, darunter aber ist alles welk, nichtig, morsch und brüchig. Lessing hat nicht umsonst Hettore jung und schön geschildert, der eben erst eine legitime Heirat abschließen soll, er will ja Appiani zum Gesandten bei seinem Schwiegervater machen – sind Sie nicht auch meiner Meinung?« fragte der Leibarzt endlich, da Irma gar nicht antworten wollte.

»Ach, entschuldigen Sie,« versetzte sie, »ich habe mich heute so voll Musik getrunken, daß ich keine Erinnerung mehr habe an die trockene Speise von gestern.«

Sie grüßte freundlich und verschwand im Gewühl.

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