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Auf der Höhe Vierter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Vierter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Vierter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
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Drittes Kapitel.

Es scheint auch im ruhigsten Leben, als ob es Tage gäbe, an denen sich die ganze Welt wie verabredet hätte, daß ein störender Besuch nach dem andern die Thür in die Hand nimmt.

Gunther hatte kaum Zeit, sich in seinem Zimmer auf den Brief der Königin zu fassen. Es ist offenbar, daß der König hier etwas anlegt, um durch den verabschiedeten Freund einen Ausgleich zwischen ihm und seiner Gattin zu bewerkstelligen. Gunther war bereit, mitzuwirken, aber in keiner Weise dadurch sein Leben wieder ändern zu lassen. Die Andeutung der Königin in Bezug auf Bronnen stimmte mit seinen eigenen Beobachtungen zusammen, und jetzt eben hörte er –zum erstenmal in diesem Jahr bei offenem Fenster –Paula laut und hell singen, und in ihrem Ton lag ein Ausdruck von bräutlicher Stimmung. Er wußte, daß Paula des besten Lebens würdig war, er konnte dem so hoch gestiegenen Freunde und dem eigenen Kinde nichts Besseres wünschen als ihre Vereinigung; aber auch wenn diese einträte, stand der Entschluß bei ihm fest, den Heimatsort nicht mehr zu verlassen.

Günther saß, still vor sich hinsinnend.

Da meldete der Diener die Freihofbäuerin.

»Nein, die Walpurga!« rief es draußen und noch ehe der Diener die Rückmeldung brachte, drang Walpurga in das Zimmer.

»Ach, Herr Leibarzt. Sie sind unser Nachbar? Ich Hab' erst vor einer Minute erfahren, daß Sie hier wohnen und es ist doch kaum vier Stunden von unserm Hof. Ja, so ist's hier herum, da lebt man in den Einöden, von einander wie abgestorben.«

Sie streckte Günther die Hand entgegen, aber Günther raffte mehrere Papiere zusammen und fragte:

»Lebt deine Mutter noch?«

»Leider Gottes, nein. Ach, wenn die es noch erlebt hätte, den Herrn Leibarzt wiederzusehen, und wer weiß, ob sie nicht noch am Leben wäre, wenn man in ihrer Krankheit Sie hätte rufen können.«

Walpurga weinte in der Erinnerung an ihre Mutter. Günther setzte sich und fragte:

»Was ist dein Begehr?«

»Wie? Was?« fragte Walpurga, sich schnell die Thränen trocknend. »Und wie mir's geht, fragen Sie gar nicht?«

»Du bist im Wohlstand und hast dich wenig verändert,«

»Erlauben Sie, daß ich mich setze,« sagte Walpurga mit beklommener Stimme.

Dieser abweisende Empfang dieses sonst so wohlwollenden Mannes traf sie so schwer, daß sie kaum aufrecht stehen konnte. Sie schaute sich wie verwirrt in der Stube um. Endlich sagte sie:

»Und weiter hätten Sie mich gar nichts zu fragen? Nicht einmal, wo ich daheim bin jetzt? Und wie es meinem Mann und meinen Kindern geht?«

»Walpurga,« sagte der Arzt aufstehend, »laß jetzt dein altes Komödienspiel,«

»Was –Komödienspiel? Ich weiß nicht, was das ist? Was hab' denn ich mit Komödienspiel zu thun?«

»Das gehört jetzt nicht hierher. Hast du mich etwas zu fragen oder mir sonst etwas mitzuteilen?«

»Freilich, deswegen bin ich ja gekommen,«

»So sprich.«

»Ja, mir hat sich aber alles im Kopf verwirrt, weil Sie so sind. Mein Hansei weiß nichts davon, daß ich zu Ihnen bin, und es soll auch sonst niemand in der Welt etwas davon wissen, als Sie, Sie allein. Ich kann ein Geheimnis bewahren, ich hab's bewahrt, mir kann man vertrauen, ich bin verschwiegen.«

»Das weiß ich!« sagte der Arzt mit scharfem Tone.

»Das wissen Sie? Woher? Das können Sie nicht wissen. Und ich sag's Ihnen auch jetzt noch nicht ganz. Ich hätt's Ihnen vielleicht gesagt, aber nach so einem Empfang kann ich nicht.«

»Thu' ganz, wie du es für gut hältst. Sprich oder schweige, aber mach's kurz, ich habe nur wenig Zeit.«

»Da will ich lieber ein andermal kommen,«

»Ich kann dich zu Plaudereien nicht annehmen. Sprich jetzt, was du hast,«

»Gut. Also, Herr Leibarzt ... o lieber Gott, daß Sie mir nicht einmal eine Hand geben, ich komme nicht darüber hinaus, aber ich sehe schon, so ist's bei den vornehmen Herrschaften; meinetwegen–ich weiß gottlob, wo ich daheim bin.«

»Laß deine Redensarten,« unterbrach Günther noch schärfer. »Was hast du mir mitzuteilen? Soll ich dir in etwas helfen?«

»Mir? Mir fehlt gottlob nichts. Ich hab' nur sagen wollen, draußen auf der Meierei, da wohnt der Unterförster Steingaßinger, und seine Frau ist die Stasi, mein Gespiel, und die hat mir berichtet, schon anfangs Winter, daß der König den Sommer hierher kommen will, und da hab' ich nur sagen wollen, daß der König ganz frei auf den Freihof kommen kann, wenn er mich besuchen will. Ich hätte noch etwas zu sagen, aber ich sehe schon, es ist besser, ich sage nichts, ich möchte nicht einen Eid brechen.«

Günther nickte.

»Wenn der König dich besuchen will, werde ich ihm deine Mitteilung machen.«

»Und kommt denn unsre gute liebe Königin nicht auch mit? Es hat mich oft in der Nacht aus dem Schlaf geweckt aus Aerger und Verdruß, daß sie sich so gar nicht um mich kümmert, und sie hat mir's doch so heilig versprochen. Ich verstehe nicht, wie es möglich ist, daß sie so gar nicht mehr an mich denkt. Aber es ist schon gut so. Und wie geht's denn meinem Prinzen? Und ist's denn wahr, daß Sie in Ungnade sind und verbannt vom Schloß und darum hier in dem kleinen Nest wohnen?«

Der Leibarzt gab ausweichende Antwort und sagte, daß er andres zu thun habe.

Walpurga stand auf, aber sie konnte nicht vom Fleck, sie begriff nicht, was das ist, und nur weil sie sich's vorher ausgedacht hatte, sagte sie noch, der Leibarzt sollte sie bei Gelegenheit auch einmal besuchen, und ob sie wohl die gute Frau Gunther auch noch auf eine Minute sprechen könne. Sie hatte die Hoffnung, bei ihr wenigstens freundliche Aufnahme und eine Erklärung für das abwehrende Benehmen des Leibarztes zu finden.

»Geh zu ihr,« erwiderte Gunther; er wendete sich ab, nahm ein Buch, und Walpurga verließ das Zimmer.

Auf dem Hausflur stand sie und mußte sich besinnen, ob sie nicht träume. Sie, die ehemalige Amme des Kronprinzen, wurde jetzt so angesehen, als ob man sie nie gekannt habe, und sie, die Freihofbäuerin –ihr Stolz empörte sich, da sie an ihr großes Heimwesen dachte –sie wird jetzt hinausgeschickt wie ein Bettelweib.

Sie wollte Frau Gunther nicht mehr sprechen und ein tiefer Gram machte ihre Lippen beben, indem sie denken mußte, wie gar so schlecht die vornehmen Menschen seien. Und da rühmt man dieses Haus, und sie selbst hatte es einst gerühmt, als ob lauter heilige Menschen darin wohnten.

Sie verließ das Haus, aber im Garten traf sie auf Frau Gunther, die zurückprallte, als sie Walpurga erkannte.

»Sie kennen mich nicht mehr?« sagte Walpurga, ihr die Hand entgegenstreckend.

»Wohl erkenne ich Euch noch,« sagte Frau Gunther, die dargebotene Hand nicht erfassend. »Wo kommt Ihr her?«

»Von meinem Hof. Ich bin jetzt die Freihofbäuerin und, Frau Geheimrätin, wenn Sie zu mir gekommen wären, ließe ich Sie nicht so draußen stehen. Ich thät' Ihnen sagen: kommen Sie herein in meine Stube.«

»Aber ich sage es nicht,« erwiderte Frau Gunther. »Ich lege den Menschen, die nicht den geraden Weg gehen, nichts in den Weg, aber ich ziehe sie nicht in mein Haus.«

»Wann bin ich denn nicht den geraden Weg gegangen? Was hab' ich denn gethan?« »Ich bin Euer Richter nicht.«

»Es kann jedes mein Richter sein. Was hab' ich denn gethan? Sie müssen mir's sagen.«

»Ich muß nicht, aber ich will. Ihr werdet es vor Euch selbst zu verantworten haben, wie das viele Geld erworben ist, von dem Ihr den großen Hof gekauft habt. Adieu!«

Sie ging nach dem Hause.

Walpurga stand allein. Die Häuser, die Berge und Wälder und Felder schwammen vor ihr, und in ihrem Auge standen schwere Thränen.

Gunther hatte von seinem Fenster aus Walpurga bei seiner Frau im Garten gesehen und an den zurückweisenden Bewegungen wohl gemerkt, daß seine Frau der Bäuerin die Wahrheit gesagt haben mußte. Jetzt sah er Walpurga des Weges dahin wandeln, oft stille stehen und mit der Schürze die Thränen trocknen. Wenigstens ehrliche Reue hat dieses Weib aus dem Volk doch noch, dachte er für sich, und immer wieder zeigt die Verkettung des Uebels, daß die Verdorbenheit auch andre verderben muß.

Nur schwer hatte sich Gunther überzeugen lassen, daß Walpurga für schlimme Dienste eine große Summe Geldes bekommen, aber es war gerichtlich festgestellt, daß sie in neugeprägtem Golde –wie nur die Fürstlichkeiten solches verausgaben –das Gut bar bezahlt habe. Und eben weil Gunther an die einfache Treuherzigkeit Walpurgas geglaubt und sein Wort dafür eingesetzt hatte, war er um so empörter gegen sie.

Er war entschlossen, eine nächste Gelegenheit zu ergreifen, alles ins klare zu setzen.

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