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Auf der Höhe Vierter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Vierter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Vierter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
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Heute ist der Jahrestag meiner Rückkehr ins Sommerschloß.

Damals träumte mir, daß ein Stern auf mich niederfiel, und ein Mann stand abgewendet, der mir die Worte sagte: Du bist auch einsam –

Es gibt eine Tiefe in der Seele, wohin kein Grubenlicht kommt, sie verlöschen da alle. Ich kehre um –hier hausen die wilden Wetter.

*

Ich denke meiner Kindheit. Ich war drei Jahre alt, als meine Mutter starb. Ich habe keine Erinnerung daran, als daß mich ein Rücken und Rutschen im Nebenzimmer so sehr erschreckte. O Mutter, warum bist du so früh gestorben? Wie ganz anders wäre ich geworden ...

Ich? Wer ist dies Ich? Wenn es ein andres hätte werden können, wäre ich's nicht. Es mußte so sein.

Sie zogen mir schwarze Kleider an, mir und meinem Bruder, und ich erinnere mich nur, daß der Vater uns geleitete; er sagte nur, daß es zu unsrem Glück wäre, wenn wir nicht bei ihm, nicht allein aufwachsen; beim Abschied küßte er uns, er küßte mich und meinen Bruder, dann wiederum mich –jetzt ist mir's, als wenn er meinen Kuß zuletzt behalten wollte.

Was sind die Erinnerungen meiner Kindheit? Ein stilles Kloster, meine Tante Aebtissin, Emmy meine Freundin. Nur so viel weiß ich: Wenn Fremde kamen, sagten sie, zu mir gewendet: Ach, welch ein schönes Kind! Diese großen braunen Augen! Emmy sagte mir, daß ich nicht schön sei, daß die fremden Leute mich nur neckten, ja verhöhnten; aber ich sah mich im Spiegel, ich sah, daß ich schön war; ich sagte es Emmy ehrlich, und sie gestand mir, daß ich schön sei; auch mein Vater kam, er kam aus Amerika, er betrachtete mich lange. Nicht wahr, Vater, ich bin schön? sagte ich zu ihm.

Ja, mein Kind, das bist du, und es wird viel von dem gefordert, der schön ist; es ist eine schwere Aufgabe, schön zu sein. Halte dich immer so, daß du es verdienst, daß die Menschen Freude an dir haben.

Ich verstand ihn damals noch nicht. Schönsein eine schwere Aufgabe? –Jetzt verstehe ich's.

Ich weiß nicht, wie die Jahre vergingen. Ich kam zum Vater zurück. Bruno, der Landwirt hatte werden sollen, trat gegen den Willen des Vaters in die Militärcarriere. Der Vater lebte ganz für sich, in seinen Studien und Arbeiten, und ließ uns gewähren; er war stolz darauf und sagte es oft, daß er keine Autorität üben und uns ganz als freie Naturen aus uns heraus erwachsen lassen wolle. Ich kehrte ins Kloster zurück und blieb, bis die Tante starb.

Und hier –verzeihe mir, du großer und reiner Geist –hier liegt dein Vergehen. Du hast deine väterliche Majestät abgelegt und wolltest von freier Liebe leben –und wir? Bruno wollte es nicht verstehen, und ich konnte es nicht. Und so warst du einsam und wir elend.

Bruno war an den Hof gekommen. Er war schön, heiter und voll Uebermut. Er führte auch mich an den Hof, der Vater stellte es mir frei –und da, da begann mein Elend. Ich war schön, ich war's, ich weiß es, und ich hatte Mut, ich dachte nicht wie die andern, ich war die freie Natur geworden, die mein Vater gewollt. Aber wozu? –

*

Ich übersehe, was ich geschrieben. Ach, wie wenig Ausbeute gibt solch ein Jahr, und wie viel hat man gelebt, wie lange daran gearbeitet; aber –auch die Blume braucht lange zum Blühen, die Frucht lange zum Gedeihen; die sonnigen Tage und die tauigen Nächte stecken darin.

*

Ein Regenbogen! Ruhe und Friede sind nirgends auf der Welt, keine faßbaren Gegenstände, sie liegen nur in unsrem Auge, und wie sich uns die Dinge stellen. Jetzt verstehe ich, warum in der Bibel nach der Sündflut der Regenbogen als Friedenszeichen bezeichnet wurde: die sieben Farben sind nicht wirklich, sie sind nur dem Blicke da, der im richtigen Sehwinkel das gebrochene Licht empfängt. Ruhe und Friede lassen sich nicht zwingen, sie sind reine Gaben aus dem Himmel in uns, an dem es weint und lacht, Regenwolke und Sonnenschein sich begegnen.

*

Oft befällt mich noch die Angst, ich möchte die ganze Bildung meines Wesens verlieren, weil ich niemand habe, mit dem ich meine eigene Sprache reden kann –ich weiß nicht, wie ich's nennen soll –mich, mein eigentliches Wesen wieder finde. Und doch, was den Menschen zum Menschen macht, haben die um mich her so gut wie die Höchstgebildeten. Woher also diese Angst und wozu diese Bildung? Will ich noch etwas damit in der Welt? Ich verstehe mich nicht.

Da ist der Punkt, warum unsre moderne Bildung die Religion nicht ersetzen kann: die Religion macht alle Menschen gleich, die Bildung ungleich. Es muß aber eine Bildung geben, die die Menschen gleich macht; erst dann ist sie die richtige, die wahre. Wir stehen noch im Anfang.

*

Ich habe ein großes Werk vor. Es muß mir gelingen.

Hansei hat den kleinen Peter auf den Schimmel gehoben und ihn ein paar Schritte reiten lassen. Das war eine Freude! Und wie mein Wodan umschaute nach Vater und Sohn! Ich habe das festgehalten und arbeite an der Gruppe. Hansei, Peter und der Schimmel, sie sind beisammen –Wenn mir's nur gelingt! Es läßt mich fast nicht schlafen.

*

Die Gruppe ist mir gelungen. Freilich nicht so, wie ich wollte. Die menschlichen Figuren sind steif und nichtssagend, das Pferd aber ist wieder lebendig, und alles im Hause ist ganz glücklich über die Arbeit.

Hansei will, ich soll auch mit auf die Jagd gehen, um Hirsche, Rehe und Gemsen nachmachen zu können, das seien doch die Hauptstücke.

*

Ich habe es auch mit den Tieren des Waldes versucht. Es gelingt mir nicht so, wie mit dem Pferd. Ich kann nur festhalten, was keine Scheu vor mir hat und was ich darum auch liebe. Ich bleibe bei meinen Pferden und Kühen, Alle Bergspitzen, die ich sehe, haben Namen, und so bezeichnende und wunderliche. Wer hat sie ihnen gegeben? Wer hat sie angenommen? Was für Namen könnten wir heute noch erfinden? Die Erde und die Sprache sind bereits erstarrt, nichts ist mehr flüssig. Ich meine, etwas Aehnliches wurde damals zum Thee bei der Königin gesprochen.

*

Fastnacht ist ein großes Fest, die eigentliche Lustbarkeit. Es kamen auch Bauern aus dem Dorf zum Besuch. Sie kommen oft am Sonntag. Ich hörte sie aber noch nie etwas andres sprechen, als vom Vieh, oder was man geerntet und wie die Getreidepreise sind. Ich sitze manchmal in der Stube beiseit und höre sprechen. Ich höre gern Menschenstimmen.

Die Geschichten, die sie einander erzählen, scheinen einfältig, aber im Grunde genommen wird auf dem Parkettboden nichts Besseres vorgebracht.

*

Warum habe ich mein Leben nicht rein ausgelebt? Ich war zu einem schönen Dasein geschaffen.

*

Draußen läuft mein Schimmelfüllen frei umher, hier sitze ich und forme es nach. Den Blick des Auges zu bleibenden Gestalten machen –das ist menschlich allein. Wir haben Worte für alles um uns her und können alles nachbilden, und weiter hinauf Musik und reines Denken. Welch eine überströmende Fülle ist es, Mensch zu sein.

*

Das war eine schwere Zeit. Die Großmutter war krank. Alles im Hause in Angst. Hansei wollte sich gar nicht vom Hof entfernen, er fürchtete das Schlimmste. Mir war's ein Trost, daß der Großmutter meine Pflege so wohlthat.

Hansei hatte den Großbauernstolz ganz abgelegt; er wollte doch auch etwas für die Mutter thun und spaltete das Holz, mit dem man ihre Stube heizte, und trug es selbst herbei.

Dem Doktor sagte er immer, er solle ja nichts sparen, für die Großmutter sei nichts zu teuer.

Der Doktor erklärte mir die Krankheit der Großmutter, als wäre ich ein Arzt.

Die Großmutter schickte mich mit dem Ohm oft fort in den Wald. Es war noch rauh draußen, wir kehrten bald wieder heim.

Jetzt ist die Großmutter genesen und sitzt im Frühlingssonnenschein.

»Ja, man muß aus der Welt gewesen sein, um wieder dankbar daheim zu sein. Wer nicht hinauskommt, kommt nicht heim,« sagt sie. Und heut erzählte sie mir viel vom Tod ihrer fünf Kinder. »Der wäre jetzt so alt und die so alt,« sagte sie immer –sie hat sie in Gedanken mit sich fortwachsen lassen; und dann erzählte sie vom Tod ihres Mannes, wie er damals bei der Holzflöße im See ertrunken, und wie dann der Hansei dageblieben. »Er war ein Wunderlicher« –sagt sie immer von ihrem Mann –»aber grundgut.«

Am verzweifeltsten von uns allen war das Pechmännlein bei der Krankheit seiner Schwester.

»Sie ist der Stolz von unsrer Familie gewesen,« sagte er immer, als wäre sie schon lange tot. Jetzt ist er aber auch fast der Glückseligste von uns, und als die Großmutter zum erstenmal auf meiner Bank beim Ahornbaum saß, sagte er: »Für die Bank da krieg' ich einen goldnen Stuhl im Himmel. Das ist ein Platz, der König hat ihn nicht schöner, der kann den Himmel auch nicht blauer und die Wälder nicht grüner anmalen lassen.«

*

Das Pechmännlein bringt mir schwere Kunde. Wie soll ich mir heraushelfen? Der Abnehmer meiner Arbeit läßt mir sagen, daß er zu mir kommen wolle, er habe eine große Bestellung: ein neues Jagdschloß des Königs soll mit geschnitztem Getäfel geschmückt werden, und ich soll da große Arbeit bekommen.

Wie weiche ich dem aus?

*

Die gute Mutter hat mir ausgeholfen. Sie hat den Arbeitgeber selbst aufgenommen und ihm erklärt, daß ich niemand sehen wolle. Sie hat sich zu keiner Lüge verstanden, zu der Walpurga leichter geneigt war.

Nun habe ich die große Zeichnung vor mir und schöne Hölzer.

Ich habe einen Teil der Arbeit übernommen.

*

Es ist gleich, wie man sein Dasein auslebt, wenn es nur in Selbsterweckung und Bewußtsein geschieht. Alle Künste, alle Wissenschaften sind doch nur dazu da, um an fremdem Bewußtsein unser eigenes zu wecken. Wer das aus sich selbst kann, hat genug. Wer des Morgens zur Stunde, da er an die Arbeit gehen will, von selbst aufwacht, braucht sich nicht vom Nachtwächter wecken zu lassen.

*

Hansei ist Geschworener geworden. Walpurga ist stolz darauf, er selbst nahm auch mit einem gewissen feierlichen Stolz Abschied.

Es ist eine schöne Sache, daß das Gewissen des Volkes zum Rechtsprechen angerufen wird.

*

Hansei ist zurück. Er weiß viel Schauderhaftes zu erzählen.

Mir ist, als wäre das ganze Leben, alle die Schicksale der Menschen, nur ein Schattenspiel an der Wand.

Hansei war sehr bewegt, als er erzählte:

»Ja, da sind mir alle meine Sünden eingefallen und ich hab' hart gebüßt, wie ich da hab' Urteil sprechen müssen. Wir alle können nur von Glück sagen, wenn wir nicht in Sünde verfallen und auch dort auf der Marterbank sitzen.«

*

(Sonntag, 28. Mai.) Die Großmutter ist tot.

Ich kann nicht davon erzählen. Es erstarrt mir die Hand.

Sie küßte mich auf die Augen und rief: »Ich küsse deine Augen und wünsche, daß sie nie mehr weinen!«

Noch zwei Stunden vor ihrem Tod sagte sie zu Hansei:

»Mach der Burgei einen Schlitten, sie hat solches Verlangen danach; es freut mich, wenn du das thust, sie wird keinen Schaden dabei leiden. Ich bitte dich, thu's.«

»Ja ja, Großmutter,« erwiderte Hansei –es erstickte ihm fast die Stimme, daß die Großmutter jetzt noch an das Kind dachte und nichts wollte, als ihm eine Freude machen.

*

Der Todesschrecken liegt auf mir, so schwer, und doch fühle ich innerlich eine Freiheit. Ich habe den schönen Tod gesehen. Meine Hand hat ein erstarrendes Auge zugedrückt. Ich habe das Schwerste vollzogen, was der lebendigen Kraft auferlegt ist. Ich hätte nicht geglaubt, daß ich es kann. Damals konnte ich es nicht, ich selber lag am Boden, tief unter der Erde und neben mir mein todesstarrer Vater.

Der Tod der Mutter hat mir alle Schrecken von der Seele genommen. Ich habe die Kraft, Walpurga beizustehen. Ihre Klage hat keine Grenze. »Ich bin jetzt auch eine Waise wie du,« rief sie und warf sich an meinen Hals. Dann rief sie der Toten: »O, Mutter, kannst du mir das anthun, daß du mich verlässest? Ach lieber Gott, und da springt der Vogel noch im Käfig! Ja, du kannst springen, die Mutter aber nicht mehr.«

Sie nahm ein Tuch und hing es über den Käfig des Kreuzschnabels und sagte dann: »O, liebes Tierchen, ich möchte dich gern fliegen lassen, aber ich kann nicht; meine Mutter hat dich so gern gehabt, ich kann dich nicht lassen,« und dann wieder zur Leiche gewendet, sagte sie: »O, Mutter, kann's denn wieder Tag werden, wenn du nicht da bist? Ja, die Uhr tickt, die geht weiter, die kann man aufziehen, o, du lieber Gott, und da werden die Stunden kommen und vergehen und ich hab' dich nicht, o verzeih' mir's, daß so viele Stunden gewesen sind, wo ich nicht bei dir war!«

Der Kleiderschrank sprang plötzlich auf, und Walpurga erschrak ins Herz hinein; dann aber faßte sie sich wieder und sagte: »Ja, ja, ich trag' deine Kleider, ich trag' sie und will sie zu Gutem tragen, und es soll mir kein böser Gedanke ins Herz kommen und kein böses Wort in den Mund, halt' mich nur, daß ich immer dein bin. O, lieber Gott, jetzt sagt niemand auf der Welt mehr ›Kind‹ zu mir; ich denk' an dein Wort, wie du gesagt hast: So lang man noch Vater und Mutter sagen kann, so lange ist noch eine Liebe auf der Erde, die einen auf den Armen trägt; erst wenn die Eltern gestorben sind, wird man auf den harten Boden hingesetzt. Ich will deine Worte alle behalten, und meine Kinder sollen sie auch behalten. Nicht wahr, Irmgard, du weißt auch noch viele gute Worte von ihr?«

So klagte Walpurga und ich konnte nur erwidern:

»Ja, und halte das fest, daß sie gesagt hat: Man kann sich auch mit Worten versündigen. Klage nicht so sehr!«

*

Walpurga holte das Gebetbuch der Verstorbenen und las darin das Gebet für eine abgeschiedene Seele.

Nachdem sie gelesen, gab sie das Buch auch mir. Ich las, mit Dank und Andacht. Wir singen auch Lieder und Weisen, die andre gesetzt, –wir können in den höchsten Erregungen nichts Eigenes fixieren –wir nehmen die Lieder von Dichtern auf die Lippen, sie singen, dichten und empfinden uns vor; in Dichterherzen ist in Wahrheit das zweite Jerusalem der Bildung. Die ganze weite Welt, wodurch sich der Mensch vom Tier, von Pflanze und Stein unterscheidet, ist eben, daß ein Mensch dem andern vorempfindet und nachempfindet. Es tönt ein ewiges Lied durch die Menschheit, von Anfang bis jetzt, und es ist auch mein, und meine Stimme ist ein Ton darin; es leuchtet eine ewige Sonne von Geschlecht zu Geschlecht und ich bin ein Strahl darin. Die Berge überdauern die Geschlechter stumm, es kommt kein neuer dazu; aber aus der Seele der Menschheit steigen von Geschlecht zu Geschlecht neue Hochwarten des Geistes empor.

*

Schön sterben ist das Beste. Wunderbare Kraft der Religion! Ueber dem Lager des Kranken hängen vom Himmel herab Glockenzüge, an denen er sich aufrichtet, und sind sie auch nicht da, er glaubt sie, er hält sie, und das gläubige Halten und Fassen richtet ihn auf.

*

Eine wundersame Ruhe trat im Hause ein, als die Großmutter begraben war. Es ist Walpurga ein Trost, daß so viele beim Leichenbegängnis zugegen waren.

»Ja, sie haben sie alle geehrt, alle, aber sie haben sie doch nicht ganz gekannt. Du und ich, wir haben sie gekannt. Weißt du noch, Hansei, wie man uns daheim die Kartoffeln gestohlen hat im Feld? Da hat sie gesagt: ›Wenn man nur die Leute wüßt', die sie gestohlen haben.‹ Und da hab' ich gesagt: ›Mutter, wollt Ihr sie verklagen beim Amt?‹ –›Du einfältig Ding,‹ hat sie mir darauf vorgehalten, ›wie kannst du denken, daß ich's so meine? Ich meine, wenn man nur wüßt', wer die Leute sind, die bei Nacht uns die Kartoffeln stehlen; sie müssen doch auch wissen, daß wir selbst wenig haben. Das müssen aber gar unglückliche Leute sein, denen müßte man aushelfen, so viel man kann.‹ Ja, das hat sie gesagt. Hat's noch je eine Seele gegeben, die so was ausdenken kann? So müssen die Heiligen gewesen sein, die an alle so gut denken. Gar keinen Ekel vor einem Kranken hat sie gehabt und gar keinen Haß auf einen Schlechten; sie hat nur immer gedacht: wie viel müssen die Menschen Elend leiden, daß sie so krank sind, und die anderen, daß sie so schlecht sind. Wenn ich nur auch so werden könnte, wie meine Mutter. Ermahne mich nur immer, Irmgard, wenn ich wieder zornig bin und schreie. Gelt, du hilfst mir, daß ich so werde, wie meine Mutter war, und daß einmal meine Kinder auch so an mich denken? Ach, wenn man nur immer so brav war', wie man sein möchte. Aber sie hat recht gehabt, wie sie immer gesagt hat: Wünschen in die eine Hand und blasen in die andre Hand ist gleichviel.«

*

Jetzt will ich wieder an die Arbeit.

Das ist das Harte und das Tröstliche der strengen Arbeit: Walpurga und Hansei müssen arbeiten, sie können sich dem Schmerz nicht hingeben, es liegt zu viel auf ihnen.

In den höchsten Affekten ist die Tonart des Königs und des Bettlers, des phantasiegetragenen Dichters und des einfältigen Herzens ganz dieselbe.

Die Klage Walpurgas war aus demselben Accord wie die Lears um Cordelia, und doch wieder wie ganz anders. Einem Vater, dem sein Kind stirbt, stirbt die Zukunft, einem Kinde, dem eines seiner Eltern stirbt, stirbt die Vergangenheit. Ach, wie dürftig ist jedes Wort!

*

Wie hat mich heut ein Wort des Hansei erschreckt! Also auch in diese Herzen ist der Zweifel eingedrungen? Und sie thun ihre Pflicht auf der Welt ohne Glauben an das Jenseits, wenigstens ohne den festen.

Der Pfarrer hatte am Sarge gepredigt und gesprochen: »Seht die Bäume, vor wenig Wochen waren sie tot, aber sie leben auf im Frühling.« Das hätt' der Pfarrer nicht sagen sollen, klagte Hansei, so nicht. Das ist ein Trost, den man einem Kinde geben kann, aber uns nicht, so nicht. Was will er da von den Bäumen? Die Bäume, die noch Leben haben, die grünen wieder im Frühjahr, die aber tot sind, die grünen nicht mehr, die werden umgehackt und neue dafür gepflanzt oder gesäet.

*

Es ist uns allen wunderbar einsam im Haus. Jedem fehlt etwas. Am untröstlichsten ist aber der Ohm Peter.

»Jetzt lauf' ich allein in der Welt herum und hab' kein Geschwister mehr. Sie war der Stolz von unsrer Familie,« wiederholt er dann oft.

Er hat bisher auf der Bodenkammer bei den Knechten geschlafen, nun hat ihm Hansei die Stube des Auszüglers angewiesen und er ist ganz stolz damit; oft aber klagt er auch wieder: »Warum komm ich erst so spät zu dem da? Wie dumm sind wir doch gewesen, meine Schwester und ich. Wir hätten da miteinander hineinziehen sollen; könnte es etwas Schöneres geben? Wie gut hätten wir da miteinander gelebt und du wärst auch mit. O, wie dumm, wie dumm ist das Alter! Man sieht die vielen guten Nester erst, wenn die Bäume kahl sind und nichts mehr drin ist. Man kriegt was zu beißen, wenn man keine Zähne mehr hat, hat meine Schwester immer gesagt.«

»Meine Schwester hat gesagt« –setzt er jetzt immer hinzu, wenn er etwas vorbringen will, worin er sich nicht gern widersprochen sieht, und ich glaube, er meint auch, seine Schwester habe es wirklich gesagt. Er hat ihren Schrank geerbt und klopft allemal erst mit dem Schlüssel an die Thür, ehe er aufschließt.

*

Mein Pechmännlein ist ein guter Bienenvater. Er weiß die Bienen zu warten und nennt sie das Weidevieh des armen Mannes.

»Seit dem Tod meiner Schwester,« klagte er mir heut, »hab' ich lauter Unglück mit den Bienen, sie wollen nichts mehr von mir.«

*

Ich habe monatelang nichts geschrieben. Für wen sollen diese Blätter? Wozu quäle ich meine Seele, die flüchtigen Erscheinungen um mich her und die Regungen in mir festzuhalten? Das hatte mich wirr gemacht. Jetzt bin ich ruhig. Ich habe monatelang gearbeitet und nur gearbeitet.

Mir ist, als müßte ich bald sterben, und ich fühle mich doch in der Fülle meiner Kraft. Auch daß die Menschen mit meinem Wahnsinn spielen, ängstigt mich oft.

*

Jetzt erst fühle ich, daß meine Ruhe hier keine volle war, sie konnte jede Minute verscheucht werden. Nun aber komme, was da wolle, ich bleibe.

*

Ein Gewitter! Wir, die wir immer mit Sonne und Mond und allem Witterungswechsel leben, für uns ist ein Gewitter etwas ganz andres, als für die Menschen in ihren Häusern, die nur nach dem Wetter schauen, wenn sie müßig sind oder eine Lustpartie vorhaben.

Es ist ein Gefühl, als wenn man in den Moment der Schöpfung zurückversetzt wäre, alles ist wieder dem Chaos preisgegeben, noch ist nichts Festes da, die Unendlichkeit des großen Weltorganismus und seiner gebundenen Mächte spricht in Donnern und leuchtet in Blitzen.

Ich sah einmal an einer öffentlichen Spielbank, während es Schlag auf Schlag donnerte und blitzte und die ganze frivole Welt sich vom Spieltisch zurückzog, eine einzige vornehme Dame fortpointieren. Die Croupiers mußten weiter arbeiten. Diese Dame gibt große Gesellschaften, und eine Magd, die ihr einen silbernen Löffel gestohlen, muß ins Zuchthaus. Wie gemein diese Diebin! –Und sie?

Allerdings, das darf ich nicht vergessen: die Dame hört jeden Morgen, bevor sie zum Spieltisch geht, eine Messe.

*

Der schönste Tod wäre doch der, von einem Blitz erschlagen zu werden. An einem schönen Sommertag plötzlich vom großen Schützen Blitz getroffen zu werden.

*

Ich habe einen Menschen aus der Bildungswelt gesehen. Ein junger, schöner, lebhafter Mann mit feinen, wohlgepflegten Händen –er ist Musiker –übernachtete heut auf unserm Hof. Das Gewitter hatte ihn überrascht. Er blieb hier und erzählte:

»Ich habe meinen Arzt ehrlich und aufs Gewissen gefragt –sehen Sie, auf diesem Auge bin ich schon erblindet –auf dem andern werde ich's in einem Jahre sein. Da will ich nun noch einmal die große, weite, schöne Welt sehen; wer die Alpenwelt nicht gesehen, weiß nicht, wie schön unsre Erde ist. So fasse ich sie noch einmal in mich hinein und habe sie in mir geborgen, ich fasse die Sonne, die Berge, die Wälder, die Wiesen, die Ströme und die Seen und das Menschenantlitz vor allem. Ja, Kind,« sagte er zu mir, »und das deine werde ich behalten, du bist das lieblichste Bauernmädchen, das ich je gesehen; ich lerne dein Gesicht auswendig, wie ich Gedichte auswendig lernte, um mir sie einst in Nacht und Einsamkeit vorzusagen und vorzustellen.«

Ich war sehr befangen, er war überaus lustig. Nur warf er manchmal einen seltsamen fragenden Blick auf die Binde um meine Stirne. Was mochte er davon denken?

Ich hätte ihm gern gesagt, daß ich einst ein von ihm komponiertes Lied gesungen habe im Hause Gunthers. Er erwähnte seinen Namen nicht.

Ich kann nicht sagen, wie mich das Bild des schönen, jungen Mannes rührte, und es war so viel Kraft in ihm, keine Spur von weichlicher Empfindsamkeit. Er ist aus dem hohen Norden und hat etwas von der herben Schönheit der nordischen Stämme; er hat salzige Seeluft eingeatmet, und das macht ihn so stramm, wie sie es dort nennen. Mir sind diese strammen Naturen tief ansprechend und erwecklich. Man kann nicht schlaff, brütend, selbstgefällig sein in ihrem Umkreise.

O, was vermag ein starker Wille! Wie ringt der Menschengeist mit den Naturmächten und besiegt sie ...

*

Ich habe seit dem Tod der Großmutter heut zum erstenmal wieder geweint, jetzt ist mir leicht und frei.

Der Erblindende ist abgereist und ich habe ihn noch lange auf dem Thalwege jodeln hören.

Wenn ich im Leben einem Menschen außer mir noch etwas sein dürfte ... Wer meine Stirn nicht sehen, meine Schönheit nicht loben könnte, dem könnte ich doppelt gut sein.

Vorbei! –

Welche wundersame Schatten wirft das Spiel des Lebens auch zu uns herauf!

*

Bei diesem Besuch habe ich gesehen, daß in Walpurga noch eine starke Portion Eitelkeit steckt. Sie hat es nicht lassen können, das Gespräch darauf hinzulenken und dem Fremden endlich deutlich zu sagen, daß sie die Amme des Kronprinzen gewesen ist und fast ein Jahr lang im Schloß gewohnt habe. Es ist etwas in ihr, wie in einem Manne, der viel hohe Orden hat und nun undekoriert einhergeht, wie ein General in Zivil; er lehnt es bescheiden ab, Excellenz genannt zu werden, aber er will's doch. Das Jahr Hofluft ist nicht spurlos an Walpurga vorübergegangen.

Hansei, der den Fremden auch gern hatte und tiefes Mitleid für ihn zeigte, war offenbar ärgerlich über die Prahlsucht seiner Frau, aber er unterdrückte es. Er ist stark in der Selbstbeherrschung. Heut aber, als sie miteinander zur Kirche gingen, fragte Hansei:

»Willst du nicht an einem Band das Bild um den Hals hängen, wo du mit dem Kronprinzen als Amme abgebildet bist, damit ja niemand vergißt, was du einmal gewesen?«

Ich glaube, daß Walpurga nie mehr von ihrer glänzenden Vergangenheit sprechen wird.

*

Beim Tod und Begräbnis der Großmutter habe ich den Schulmeister im Dorf näher kennen gelernt. Er hatte eine ziemlich gute Bildung, nur prunkt er damit und bringt gern große Worte vor, um immer zu imponieren und zu zeigen: Seht, ihr versteht mich doch nicht ganz. Aber die Art, wie er mit wahrer Herzlichkeit unsre Trauer teilte, hat ihn mir wert gemacht, und ich habe ihm das unbefangen gezeigt. Und da sagte er mir einmal: »Deine Fertigkeit im Holzschnitzen ist so viel wie ein Heiratsgut; du kannst viel Geld verdienen.« Ich ahnte nicht, was er damit wollte.

Am letzten Sonntag zeigte sich's.

Er kam angethan mit schwarzem Frack und weißen baumwollenen Handschuhen und machte mir einen förmlichen Heiratsantrag.

Er wollte mir gar nicht glauben, daß ich nie heiraten wolle, und wiederholte dringend seinen Antrag, von dem er nur abstehen wollte, wenn ich einen andern liebe.

Glücklicherweise kam mir Walpurga zu Hilfe. Der gute Mann ging wie zerbrochen wieder aus dem Hause. Warum muß ich noch einem armen Menschen Herzeleid bereiten? Von meinem eigenen will ich nicht reden.

*

Die Geschichte mit dem Schulmeister geht mir doch nach.

Walpurga sagte mir, warum ich denn so einsam bleiben wolle; wenn ich auch nicht mehr in die große Welt zurückkehren wolle; so könnte ich doch einen guten Menschen glücklich machen und könnte viel Gutes thun an den Kindern und Armen im Dorf. Da lernte ich mich neu kennen. Ich bin nicht zur Wohlthätigkeit geartet. Ich bin keine barmherzige Schwester. Ich kann keine Kranken besuchen, die ich nicht kenne und nicht liebe. Die Großmutter konnte ich hegen und pflegen –sonst aber niemand. Mir sind die Bauernstuben zuwider –diese dumpfe Luft in den Wohnungen der Simplicität. Ich bin keine wohlthätige Fee. Meine Sinne sind zu leicht verletzt. Ich will mich nicht besser machen als ich bin. Nein, besser machen möchte ich mich wohl, aber man kann nur das Gute besser machen, und dieses Gute ist nicht in mir. Ich muß ehrlich sein. Eher könnte ich in einem Kloster leben. Diese Erkenntnis macht mich nicht unglücklich, aber schwermütig. Die Sucht, zu genießen, mein Selbst zu empfinden, ist so stark.

*

Franz, der Bräutigam der Gundel, ist einberufen.

»Es gibt Krieg mit den Franzosen!« bringt mein Pechmännlein die Kunde aus der Stadt, und er berichtet, daß jetzt auch unser Geschäft schlecht gehen würde, die Leute wollen nichts mehr kaufen, unser Arbeitgeber will nur die Hälfte des Preises zahlen. So arbeite ich nun auf Vorrat –ich muß auch die Lasten der Welt mittragen.

Seltsam aber geht mir's durch den Sinn, daß ich von meinem Vaterland und meiner Zeit so gar nichts mehr weiß. Den einen Trost habe ich dabei: man wird jetzt in Kriegszeiten nicht nach einer Verlornen forschen.

*

Jeder Mensch, wo er auch stehe, steht ungeahnt auf einer Höhe, wo er die Gräber nicht sieht. Sähe man sie immer, es gäbe keine Arbeit in der Welt und keinen Gesang.

Selbstvergessen oder Selbsterkennen –darum dreht sich alles.

*

Ich sehe beständig, auch im heißesten Sommer, die Berge mit den Schneespitzen vor mir. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber es gibt mir das stets eine eigentümliche Mischung der Empfindung; ich sehe immer über das Datum hinaus, über die Jahreszeit; ich habe alle zusammen.

In meiner Seele ist auch eine Stelle, darauf ewiger Schnee liegt.

*

Ich bin nun im dritten Jahre hier. Ich habe einen schweren Entschluß gefaßt. Ich ziehe noch einmal in die Welt hinaus. Ich muß die Stätten meines vergangenen Daseins noch einmal sehen. Ich habe mich streng geprüft.

Ist es nicht Abenteuersucht, jener gemeine, vornehme Kitzel, etwas Ungewöhnliches, Gefahrvolles vorzunehmen, und die Lust, den Schauer auszukosten, als eine Gestorbene noch einmal durch die Welt zu wandern?

Nein, nichts davon. Was ist es denn? Ein inniges Verlangen, wieder in die Weite zu ziehen, nur auf Tage. Ich muß das Verlangen töten, sonst tötet das Verlangen mich.

Woher auf einmal diese Sehnsucht?

Jedes Handwerkszeug brennt mir in der Hand.

Ich muß fort!

Ich will nicht grübeln, ich folge. Ich habe keine Ordensregel, mein Wille ist mir Gesetz. Ich thue niemand etwas zu leide, wenn ich folge; ich fühle mich frei, die Welt hat keine Macht über mich.

Ich scheute mich, Walpurga mein Vorhaben mitzuteilen. Aber wie sie dann sprach, Ton, Wort, die ganze Art, ja daß sie zum erstenmal »Kind« zu mir sagte, alles war mir, als ob ihre Mutter noch zu mir spräche.

»Kind,« sagte sie, »du hast recht. Geh' du, es wird dir gut sein. Ich glaube, daß du wieder zu uns kommst und bei uns bleibst; aber wenn du auch nicht wiederkommst und dir vielleicht doch noch ein ander Leben aufgeht –du hast schwer gebüßt, schwerer als du verschuldet.«

Mein Pechmännlein war ganz glücklich, als es hieß: wir reisen von Sonntag bis Sonntag. Als ich ihn fragte, ob er denn nicht neugierig sei, wohin wir reisen, erwiderte er:

»Mir eins! Mit dir reise ich durch die ganze Welt, wohin du willst, und wenn du mich fortjagst, komm' ich dir nach wie ein Hund und ich finde dich.«

Wir reisen ab. Ich nehme meine Blätter mit. Ich will jeden Tag aufschreiben.

*

(Am See.) Es wird mir schwer, ein Wort niederzuschreiben.

Die Schwelle, die ich überschreiten muß, um in die Welt hinauszugehen, ist mein eigener Grabstein.

Ich kann's nicht fassen. Wie fröhlich war das Wandern thalwärts. Mein Pechmännlein sang, und auch mir stiegen Lieder auf; aber ich sang nicht. Plötzlich unterbrach er sich und sagte:

»In den Wirtshäusern, da bist du meine Bruderstochter, nicht wahr?«

»Ja.«

»Da mußt du mich aber auch Ohm heißen.«

»Natürlich, lieber Ohm.«

Er nickte auf dem ganzen Wege vor sich hin und war voll Glückseligkeit.

Wir kamen zum Wirtshaus an der Anlände. Er trank und ich trank mit aus seinem Glase.

»Wohin geht der Weg?« fragte die Wirtin.

»Nach der Hauptstadt,« sagte er, und ich hatte ihm doch gar nichts darüber mitgeteilt; leise sagte er zu mir:

»Wenn du auch anderswohin willst –die Leute brauchen nicht alles zu wissen.«

Ich ließ ihn allein.

Ich suchte die Stellen auf, die ich damals gewandelt. Da –da ist der Felsen –darauf ein Kreuz –auf dem Kreuz lese ich in goldenen Buchstaben:

Hier verunglückte
Irma Gräfin von Wildenort
im 21. Jahre ihres Lebens,
Wanderer, bete für sie und ehre ihr Andenken.

Ich weiß nicht, wie lange ich da gelegen. Als ich erwachte, waren mehrere Menschen um mich beschäftigt, unter ihnen mein Pechmännlein, der jammerte und klagte.

Ich hatte die Kraft, nach dem Wirtshaus zu gehen, und mein Pechmännlein sagte den Leuten:

»Meine Bruderstochter ist's nicht gewöhnt, so weit zu laufen; sie sitzt das ganze Jahr in der Stube, sie ist eine Holzschnitzerin und was für eine!«

Die Menschen waren alle sehr freundlich gegen mich. Es gingen viele ab und zu in der Wirtsstube, und sie erzählten meinem Pechmännlein, daß der schöne Gedenkstein da draußen ein großer Vorteil für das Wirtshaus sei; im Sommer kämen Hunderte von Menschen, Männer und Frauen, die den Gedenkstein besuchen, und auch eine Nonne vom Kloster käme jedes Jahr mit einer andern Nonne und bete am Kreuz. »Wer hat denn den Bildstock gesetzt?« fragte das Pechmännlein.

»Der Bruder der Verunglückten.«

»Nein, der König!« hieß es.

Das Gespräch brach oft ab, spann sich aber immer wieder neu an.

Ich sah in ein sich bildendes Sagengewebe hinein. Die einen sagten: es sei doch nicht geheuer, damals habe sich auch eine schöne Person ertränkt, die man die schwarze Esther genannt, sie sei eine Tochter der Zenza gewesen, die über dem See drüben im Wahnsinn lebt! und wer weiß, ob nicht auch das schöne Fräulein, denn sie sei gar schön gewesen, sich ertränkt habe. Dagegen aber eiferte die Wirtin: die Gräfin habe viele goldene Ketten und Diamanten an sich gehabt und besonders einen diamantnen Stern auf der Stirne, und man habe ja das Pferd gesehen, das sie abgeworfen habe, und der Bruder habe das Pferd erschießen wollen, weil es das gethan, das Pferd sei aber verhext gewesen und habe von dem Tag an nichts mehr gefressen, bis es tot umgefallen sei. Wieder andre erzählten: der Vater der Gräfin habe ihr befohlen, sich zu ertränken, und sie sei ein folgsames Kind gewesen und habe es gethan.

»Und warum soll denn das der Vater befohlen haben?« fragte mein Pechmännlein.

»Weil sie einen Ehemann geliebt. Man darf nicht davon reden.«

»Man darf schon,« flüsterte ihm ein Schiffer zu. »Sie und der König haben einander gern gehabt, und um nicht schlecht zu werden, hat sie sich ertränkt,«

Wie soll ich sagen, wie mir's war bei all diesen Reden?

Vielleicht fährt nach Jahren ein einsames Kind über den See und singt ein Lied von der schönen Gräfin mit dem diamantnen Stern auf der Stirne.

Ich weiß nicht, wie es Nacht wurde und wie ich eingeschlafen. Ich erwachte und hörte das Lied von der ertrunkenen Gräfin. Es hatte mir im Traum geklungen, aber so wehmütig, so tief. Alles, was ich erlebt, war mir wie ein Traum. Ich schaute zum Fenster hinaus –ich sah über den See, und drüben blinkte die goldene Schrift im Morgenschein.

Was sollte ich thun? Sollte ich umkehren?

Mein Pechmännlein war wohlauf, als er mich wieder so frisch sah. Die Wirtin bot mir eine Abbildung des Gedenksteins an, die alle Reisenden kauften. Mein Ohm handelte darum, und erhielt sie um die Hälfte des geforderten Preises und schenkte sie mir. Ich trage das Bild meines Grabsteins auf der Brust.

Ueber ein zweites Grab mußte ich wandern. Ich sah das Grab meines Vaters. Ich legte die Hand auf den Hügel, und in mir sprach es: Du wirst versöhnt sein –ich sühne und büße.

Wie mich all die Erinnerungsorte erschütterten –ich kann nichts davon aufzeichnen, es bricht mir das Herz. Ich fühle ohnedies ein stetes ängstliches Herzklopfen. Ich will den Bericht abkürzen. Ich halte die Aufzeichnung nicht aus. Ich werde diese Blätter nie wieder ansehen ...

Wir wanderten nach dem Frauensee; wir setzten über nach dem Kloster. Ich sah unter den Nonnen meine geliebte Emmy, die alljährlich zu meinem Grabstein wallfahrtet. Ich betete mit ihr hier seit vielen Jahren zum erstenmal wieder in der Kirche. Was ist denn für ein Unterschied, ob man noch lebt oder tot ist, wenn nur der Gedanke ...

Ich schreibe mit zitternder Hand weiter, aber ich will ...

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