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Auf der Höhe Vierter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Vierter Band - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Vierter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
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Siebzehntes Kapitel.

»Ich hab's gewußt, ich hab's geahnt!« jammerte Walpurga, als Franz die Nachricht von der schweren Krankheit Irmas auf den Freihof brachte. »Ich hab's gewußt, daß sie nicht wiederkommt,« wiederholte sie oft und weinte und rang die Hände und kniete an dem Stuhl nieder und preßte den Kopf auf die gefalteten Hände.

»Das hilft jetzt nichts,« sagte Hansei und legte seine Hand auf ihre Schulter. »Steh auf, du bist doch sonst nicht so. Komm, es wird nicht so arg sein, und was es auch sei, jetzt ist nicht Zeit zum Weinen und Jammern; jetzt wollen wir thun, was zu thun ist.«

»Was kann ich thun? Was soll ich thun?« wendete Walpurga ihr thränendes Antlitz zu Hansei.

Er half ihr auf, daß sie stand und er sagte:

»Der Franz berichtet ja, es ist ein Doktor oben, der eine Apotheke bei sich hat, und jetzt wollen wir essen und dann wollen wir auch hinauf.«

»O lieber Gott, ich kann ja keine drei Schritte gehen; mir sind meine Knie wie abgeschlagen.«

»So bleib du da und ich geh' allein.«

»Allein willst du mich lassen? Was soll ich denn dann machen?«

»Das weiß ich nicht; leg dich ins Bett, vielleicht kannst du schlafen.«

»Ich will kein Bett, ich will keinen Schlaf, nichts will ich, ich geh mit, und wenn ich unterwegs sterbe, ist mir auch recht.«

»Sag so was nicht, du versündigst dich an mir und an den Kindern,« lag Hansei auf den Lippen, aber er machte eine schnelle Bewegung mit der Hand, als drücke er die Worte wieder zurück; es ist nicht nötig, daß sie laut werden. Wenn Frauen zu klagen anfangen, untermischt mit Mitleid über sich selber, wissen sie nicht, was sie sagen.

Hansei brachte seiner Frau die besseren Kleider herbei, denn sie war so benommen, daß sie nicht mehr wußte, wo etwas liegt und wie man's anzieht. Hansei zeigte sich als gar nicht ungeschickter Kammerdiener.

»Jetzt, andre Schuhe mußt du dir selber anziehen,« sagte er endlich.

Unter Thränen lächelnd schaute ihn Walpurga an; sie merkte erst jetzt, wie er ihr so treulich und demütig geholfen hatte. Mit frischer Stimme sagte sie:

»Ja, ich kann! Du hast mir geholfen, daß ich's spüre, ich kann gehen.«

Hansei ließ das Essen hereinbringen und setzte sich geruhig nieder, nachdem er Bergstock, Weidsack und Hut neben sich zurecht gelegt. Auch Walpurga mußte sich an den Tisch setzen, sie aß nur wenig, Hansei aber hatte die Tugend, zu jeder Zeit gehörig essen zu können; er lud tapfer auf und seine Mienen sagten: wenn man sein gehörig Essen im Leib hat, dann kann man schon fester alles auf sich nehmen, mag kommen, was will.

Er schnitt sich noch zu guter Letzt ein tüchtig Stück Brot ab, steckte es ein und stand auf.

Die Kinder wurden der Obermagd übergeben und noch einer Taglöhnerin befohlen, auch im Hause zu bleiben. Die beiden Eheleute gingen davon.

Als man schon eine große Strecke gegangen war, kam Burgei den Eltern nachgelaufen und schrie: »Ich will auch mit! Ich will auch mit zur Base Irmgard!«

Es war nichts anders zu machen, man mußte das Kind mitnehmen, denn die große Strecke wollte man es nicht allein zurückgehen lassen, und keines von den Eltern wollte es zurückführen.

»Du bist ein böses Kind, ein arg böses, jetzt muß ich dich tragen und du bist schon so groß,« sagte Walpurga und nahm das Kind auf den Arm. Hansei nickte. Es ist gut, wenn das Kind dabei ist, da wird seine Frau, die über alles hinaus ist, doch nicht gar so ???sturm sein können, wenn das Aergste eintritt.

Walpurga, die nicht geglaubt hatte, allein gehen zu können, trug nun das Kind, und schritt rasch fürbaß.

»Jetzt laß die Burgei wieder laufen, und wenn sie dann müd' ist, trag ich sie,« sagte Hansei.

So lang der Weg Raum bot, ging das Kind zwischen den Eltern, als es schmal wurde, ließ man es vorausgehen. Man kam nur langsam vorwärts wegen des Kindes; Hansei nahm es auf den Arm und es schlief bald ein.

Leise begann Walpurga:

»Jetzt muß ich dir's sagen, Hansei, jetzt mußt du mir's abnehmen, wer unsre Irmgard ist.«

»Und ich sag' dir nochmals, ich will's nicht wissen: sie allein muß mir's sagen, wenn sie am Leben bleibt, und wenn sie tot ist, kannst du mir's nachher auch noch sagen.«

»Tot!« schrie Walpurga, »du weißt mehr? Hat dir der Franz was im geheimen gesagt?«

»Der Franz hat mir nichts gesagt, was du nicht auch gehört hast.«

»Warum sprichst du aber so vom Tod?«

»Weil eines, das schwer krank ist, auch schnell sterben kann. Sei doch ruhig.«

»Ja, ja, ich weiß gar nicht mehr, daß das der Wald ist, und ich mein', ich seh' gar nichts mehr. Steh einmal still. Es ist ein Doktor oben, der kennt sie, es werden noch andre kommen, die sie kennen: der bei uns gewesen, ist ihr Bruder, und jetzt werden sie kommen und werden unsre Irmgard holen und mit fortnehmen.«

»Wenn sie fortgehen will und mit klarem Verstand zustimmt, da können wir nichts dagegen,« beruhigte Hansei, »das aber sage ich und da bringt mich niemand davon: so lang sie so krank ist, daß sie nicht selber sagen kann, was sie will, da leid' ich's nicht, daß sie etwas mit ihr anfangen. Ich bin der Hansei und ich bin ihr Annehmer, ich laß ihr nichts geschehen –jetzt da bitt' ich dich, steh' mir bei und red mir nichts drein; du weißt, was ich sag', das ist,«

»Ja, ja, du hast recht,« stimmte Walpurga ein, und die entschlossenen Worte Hanseis schienen ihr körperliche Kraft einzuflößen, daß sie den steilen Bergweg hinanstieg ohne die mindeste Beschwer, ja es war fast, als ob Hansei sie selbst mit auf den Arm genommen hätte zu dem Kind. Aus diesem Gedanken heraus sagte sie plötzlich:

»Weißt noch? Du hast mich auch einmal tragen wollen, daheim am See. O lieber Gott, ich mein', wir müssen ganz andre Menschen gewesen sein damals, da haben wir noch gar nichts von der Welt gewußt,«

»Es ist uns just nicht übel bekommen, daß wir etwas davon wissen und etwas davon haben,« entgegnete Hansei.

Seine Stimme war laut und das Kind erwachte. »So, jetzt lauf wieder,« schloß er.

Man machte Rast; Hansei erinnerte sich seines Stück Brotes, und einen guten Bissen davon in den Mund steckend, sagte er, mit dem Messer nach dem Thale zeigend:

»Da drüben lauft unser Bach, und von hier aus ist's nur eine Stunde nach dem Städtchen, wo die Stasi wohnt.«

»Nur eine Stunde von hier aus?« fuhr Walpurga auf, »da lauf' ich hin. Das ist ja die beste Hilfe, die einzige. Hansei geh du voraus mit dem Kind, geradswegs auf die Alm; ich komm' bald nach, vom Städtchen aus, und ich bringe Gutes mit.«

»Weib, bist du närrisch geworden? Mach mich nicht auch verrückt. Jetzt willst du fort? So nah bei der Totkranken?«

»So muß ich dir sagen: Die Königin ist unten, und die Königin allein kann helfen. Behüt dich Gott, Hansei, und behüt dich Gott, Burgei, ich komm' bald nach.«

Fort rannte sie, den Wald hinab, nach dem Bach, am Ufer entlang, dem Städtchen zu.

»Wo ist die Mutter? Mutter, Mutter!« klagte das Kind.

»Sei ruhig,« tröstete Hansei, »die Mutter hat da unten noch ein Kind, und das ist ein Prinz, und der schickt dir goldene Kleider.«

»Ist das ein verzauberter Prinz, den die Mutter erlöst? Was ist er denn jetzt?«

»Ja, er ist verzaubert,« beschwichtigte Hansei; er glaubte damit fertig zu sein.

»In was denn aber ist er verzaubert?« fragte das Kind.

»In einen Kuckuck. Aber jetzt laß mich in Ruh'. Kein Wort mehr! Sei still!«

In seltsamen Gedanken gingen Vater und Kind den Berg hinan. Hansei begriff nicht, wie seine Frau jetzt die Freundin verlassen und zur Königin gehen kann –vielleicht ist da etwas zusammengebandelt.

Hansei schüttelte den Kopf, Dinge, die er nicht auseinander wirren konnte, warf er von sich. Man muß jetzt einmal sehen, was man für die Kranke thun kann. Das ist die Hauptsache. Er hob sich schon in den Schultern, er war entschlossen, wenn der Arzt es für gut hielte, Irmgard auf den Armen herabzutragen nach dem Freihof.

Das Kind aber wandelte, mit großen Augen dreinschauend, dahin.

»Er ruft, er ruft!« sagte es leise. »Meine Mutter erlöst dich.«

Ein Kuckuck rief durch den von der Mittagssonne durchschimmerten Wald; sein Ruf war bald näher, bald entfernter, und jetzt flog er über die Wandelnden weg und rief nach seiner Art im Fliegen.

Hansei kam mit dem Kinde auf der Alm an. Der Ohm und Gundel gingen ihm traurig entgegen.

»Sie lebt noch, aber nicht mehr lang,« berichtete der Ohm und trocknete sich mit dem Aermel die Thränen. »Der Doktor läßt niemand von uns mehr zu ihr. Wo ist denn die Bäuerin?«

»Sie kommt bald nach,« erwiderte Hansei; er hatte zu thun, die Kühe abzuwehren, denn sie kannten ihren Herrn und kamen zu ihm heran, um, wie sonst immer, eine Handvoll Salz von ihm zu bekommen; aber diesmal hatte er vergessen, es mitzubringen, und was man hier oben hatte, lag drin in der Kammer, die man jetzt nicht betreten durfte.

Hansei befahl dem Handbuben, die Kühe weit weg zu treiben, damit die Kranke das Schellengeläute nicht höre. Das war alles, was er jetzt für Irma thun konnte. Er setzte sich traurig auf die Bank vor der Hütte, hob ein Stück Schnitzholz vom Boden und betrachtete es hin und her, als ob er wunder was daran sehe. So saß er lange. Dann übergab er Burgei der Gundel und ging auf den Weg, der am andern Abhang des Berges nach dem Städtchen führte, seiner Frau entgegen. Sie kam lange nicht. Er ging weiter im Wald, und heute, wie immer, wenn er hier heraufkam, ärgerte er sich, daß da drüben auf den Felsen, die zu seinem Grunde gehören, so schöne Bäume stehen, denen man nicht beikommen kann, um sie zu fällen. Eine Elster, die oben auf einer schönen Tanne saß, schnatterte und schien ihn zu verspotten. Indem er mit der ganzen Hand sich mehrmals über das Gesicht auf und ab fuhr, wurde Hansei erst inne, an was für Dinge er jetzt mitten in diesem Elend gedacht hatte. Es war nichts Unrechtes –das ist es nie, aber das gehört jetzt nicht hierher, und aufs neue, als ob er das Elend jetzt zum erstenmal erführe, kam wieder der Jammer über ihn.

Er kehrte um und ging nach der Hütte zurück. Der Leibarzt trat heraus.

»Ihr seid wohl der Bauer?« fragte er.

»Ja. Und Sie der Herr Doktor?«

»Ja.«

»Und wie steht's?«

»Ich glaube, daß sie nicht vor dem Abend stirbt.«

Hansei traten die Thränen in die Augen.

Der Ohm bat Gunther um die Erlaubnis, das Gemszicklein heraus zu holen. Es ward ihm gewährt. Er brachte es, kaum hörbar auftretend, gab ihm zu trinken und trug es wieder hinein zu Füßen der Kranken.

»Sie hat die Augen aufgemacht und mir zugewinkt, sie hat aber kein Wort gesprochen, dann hat sie die Augen wieder zugemacht,« berichtete der Ohm.

Hansei bat, daß er Irmgard nur noch einmal sehen dürfe. Er durfte durch den Spalt sehen, während Gunther wieder ins Krankenzimmer eintrat. Hansei wendete sich wieder auf den Weg nach dem Städtchen, und auf seinem ganzen Gang weinte er, daß es ihm immer Herzstöße gab.

»Der Ohm hat recht, sie ist wie ein Engel geworden,« sagte er vor sich hin.

Das am ersten Almtage geborene Stierkalb schien sich besonderer Anrechte auf den Bauer bewußt; es lief ihm trotz allen Zurückjagens immer wieder nach und blökte ihn bettelnd an um Salz. Hansei befriedigte es durch das letzte Stück Brot, das er noch bei sich hatte.

Er mußte sich im Wald niedersetzen, und hier weinte er und schaute manchmal verwirrt um sich: wie ist es nur möglich, daß die Sonne noch so schön scheint und der Kuckuck ruft und der Habicht krächzt, und dort veratmet ein Mensch ...

»Was nur Walpurga jetzt von der Königin will? Da oben ist ihr Platz,« dachte er dann immer wieder in sich hinein.

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