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Auf der Höhe Vierter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Vierter Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Vierter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
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Sechzehntes Kapitel.

Während des ganzen Tages hatte es im Thal fast unausgesetzt geregnet. Was hoch oben als Schlossenwetter niedergefallen war, verwandelte sich in der Niederung zu Regen, der nur bisweilen lichte Himmelsbläue durchblicken ließ, so daß man wissen konnte, oben ist schön Wetter.

Gegen Abend heiterte sich der Himmel ganz auf. Die Königin mit den Damen vom Hof, zu denen jetzt auch Frau Gunther und Paula gehörten, saß im großen Musiksaal, dessen Thüren geöffnet waren. Paula hatte zum erstenmal vor der Königin gesungen. Sie war befangen und Frau Gunther bat, ihre Tochter nun für heute nicht mehr aufzufordern.

Zwischen der Königin und Frau Gunther hatte sich ein eigentümliches Verhältnis gebildet. Die Königin erfreute sich an der geraden und tüchtigen Natur, aber sie gewöhnte sich doch schwer daran, einer vollen Unabhängigkeit gegenüber zu stehen, ja sie war einmal versucht, diese Unabhängigkeit als Kleinlichkeit aufzufassen, denn Frau Gunther hatte schon am Tage, nachdem sie die Busennadel empfangen, zur Königin gesagt: »Majestät, es thut nicht gut, bis Sie ein Gegengeschenk von mir empfangen« –und sie übergab der Königin ein schön gebundenes Buch, das ihr Bruder, der als Arzt in Amerika lebte, über die Sklavenfrage und die Geschichte der Sklaverei überhaupt verfaßt. Die Königin hatte das Buch dankend angenommen und Frau Gunther fühlte sich nun freier, obgleich es ihr noch oft Mühe machte, alles, was sie sagen wollte, gewissermaßen zu übersetzen und in das allgemein vorgeschriebene Hofkostüm zu kleiden, denn sie setzte einen Stolz darein, keinerlei Formen zu verletzen.

Die Königin fragte, warum die ältere Tochter, die Witwe des Professors, sich so sehr zurückziehe; Frau Gunther erwiderte, daß jetzt, da Bronnen und der Neffe zu Besuch seien und überhaupt viel im Hause zu wirtschaften, Cornelie sich gern diesen Verpflichtungen unterziehe. Immer aufs neue vernahm es die Königin wie eine Kunde aus fremder Welt, daß die Zurichtung des täglichen Lebensbedarfs eine besondere Thätigkeit in Anspruch nimmt und sich nicht von selbst erledigt.

Im Gemüte der Menschen war auch etwas Verregnetes. Die Gewitterspannung, die sich hoch oben gelöst hatte, schwebte hier noch teilweise in der Luft. Beim Landaufenthalt und zumal hier in der kleinen Meierei, wo viele Bequemlichkeiten fehlten und man sich in den Räumen nicht ausbreiten und zerstreuen konnte, war die Störung des Wetters besonders auffällig und hindernd.

Um so mehr freute man sich schon des morgenden Tages, der allen Anzeichen nach ein heller werde.

Es war verabredet, daß man morgen mittag mit dem König, der von der Jagd dahin kommen wollte, in der Nähe des zweiten Wasserfalles, den der Bach in den Bergen bildete, zur Mittagstafel zusammentreffen wollte.

Der König arbeitete mit Bronnen im Kabinett, der neue Telegraph trug jetzt viele Botschaften hin und her; Gunther, der Intendant, Sixtus und mehrere Kavaliere wanderten, Cigarren rauchend, zwischen den noch tropfenden Bäumen der Allee, auf denen jetzt das Abendrot tausendfältig glitzerte.

Die Damen im Musiksaal behaupteten, daß man heute Alpenglühen sehe, was man natürlich täglich schauen wollte, obgleich es eine äußerst seltene Erscheinung.

Die Nacht war hereingebrochen, der König saß mit Gunther und zwei Kammerherren am Spieltisch.

Da wurde Gunther durch einen Lakaien benachrichtigt, daß ein Mann draußen warte, der ihn augenblicklich sprechen wolle. Gunther übergab seine Karten dem allzeit gefälligen Intendanten und ging hinaus; hier stand, auf seinen großen Alpstock gelehnt, den breiten, viel zerdrückten Hut in der Hand, den Teppich überworfen, das Pechmännlein. Er hielt die linke Hand in der Tasche, und als Gunther vor ihm stand, sagte er:

»Hier ist ein Zettel für Sie.«

Gunther las, rieb sich die Augen und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als ob er sich erst wecken müsse.

»Wer hat dich geschickt?« fragte er.

»Es wird da drin stehen –Unsre Irmgard.«

Gunther schaute sich erschreckt um, als er den Namen hier nennen hörte, hier vor der Thür, und drin sitzt der König, die Königin ...

Er ging nochmals an die im Korridor brennende Lampe und las den Zettel wiederholt, da stand's:

»Die Tochter Eberhards ruft Gunther.«

Der Mann, der sich seiner stets ruhigen Fassung wohl rühmen durfte, mußte sich am Treppengeländer halten und konnte geraume Zeit kein Wort hervorbringen. Er schaute um, der Blick des Pechmannleins begegnete ihm.

»Wer bist du?« fragte er endlich.

»Ich bin vom Freihof, die Walpurga ist mein Schwesterkind –«

»Gut, geh vor das Haus, warte auf mich, ich komme sogleich.«

Das Pechmännlein ging, und Gunther sammelte all seine Kraft, um wieder hineinzugehen in den Speisesaal, sich dort zu beurlauben und zu sagen, daß ein Schwerkranker ihn rufe; er wußte nicht, wie er das mit ruhiger Stimme vorbringen sollte vor allen denen, die das so nahe angeht, aber er hoffte, daß es ihm gelingen werde.

Da traten glücklicherweise Bronnen und seine Braut, die noch im stillen Abend durch den Garten gewandelt, in das Thor.

»Gut,« rief Gunther ihnen entgegen. »Paula, schicke mir meinen Hut heraus, und Sie, lieber Bronnen, entschuldigen mich bei Ihren Majestäten, ich muß augenblicklich zu einem Schwerkranken. Ich bitte aber, jedes Aufsehen zu vermeiden, und Paula, sage der Mutter erst davon, wenn ihr nach Hause geht; ich komme heut Nacht nicht nach Hause.«

»Kann nicht Doktor Sixtus gehen?« fragte Bronnen.

»Nein. Bitte, fragen Sie nichts mehr. Morgen früh bin ich wieder gut zu Hause, oder wenn ich nicht komme, so werde ich mich bei der Tafel am Wasserfall einfinden.«

Das Brautpaar ging in die inneren Gemächer und bald brachte ein Lakai den Hut Gunthers heraus.

Gunther ging rasch mit dem Pechmännlein davon, nur einmal schaute er zurück nach den hell erleuchteten Fenstern der Meierei und dachte der Menschen, die dort sorglos und nichts ahnend sitzen. Wie wird erst sie das erschrecken, was ihn so mächtig faßte! Auf dem Weg bis zu seinem Haus sprach er nur oberflächlich mit dem Pechmännlein; er wollte nichts Näheres fragen, denn er konnte nicht wissen, ob nicht eine Antwort des Boten etwas ausspreche, das, von einem Lauscher gehört, das Geheimnis vorzeitig verrate, und er arbeitete noch in sich selbst daran, wie das alles zu ordnen und zu schlichten sei.

Erst in der Nähe seines Hauses fragte Gunther:

»Was fehlt der Kranken? Worüber klagt sie?«

»Sie klagt über nichts, sie hat nur ein hitziges Fieber und hüstelt schon lang.«

»Ist sie bei vollem Verstand?«

»Wie immer, ganz ordentlich, im Schlaf ruft sie nur manchmal Viktoria! sagt die Gundel; das ist meine Tochter –«

»Gut, warte hier,« sagte Gunther am Hause, »ich werde dir etwas zu essen und zu trinken herabschicken; sprich aber zu niemand davon, wer dich hergeschickt.«

Cornelia saß, ihrem blinden Vetter vorlesend, bei der einsamen Lampe. Der Blinde hatte nur von dem Schrecken des Hagelwetters erzählt; was er im Herzen erlebt, verschwieg er. Er hatte fast den ganzen Tag geschlafen, jetzt war er wieder erfrischt. Cornelia erschrak, als sie den Vater sah, aber er beruhigte sie. Schnell war seine Handapotheke, erfrischende und stärkende Nahrungsmittel in wohlverschlossenen Kapseln bereit, alles wurde auf das Maultier gepackt. Gunther ritt davon, das Pechmännlein schritt neben ihm her; man sah dessen Antlitz kaum, denn sein breitkrämpiger Hut hatte das Gewitter von gestern noch nicht verwunden. Erst als man die Häuser des Städtchens hinter sich hatte, fragte Gunther:

»Wie weit ist es bis zu der Kranken?«

»Zum Fußgehen wär's bergan in drei Stunden zu machen, ich bin schon oft weniger daran gegangen, aber zum Reiten ist's eine gute Stunde mehr.«

Als man in den Wald einritt, hielt Günther an und sagte:

»Komm näher. Also du bist der Ohm von der Walpurga?«

»Freilich, der leibliche Bruder von ihrer Mutter und auch der einzige, zwei andre sind schon jung gestorben.«

»Wie nennst du die Kranke?«

»Wie sie heißt –Irmgard.«

»Und seit wann ist sie bei euch?«

»Seitdem der Hansei den Hof gekauft hat. Sie ist damals gleich vom See aus mit uns gekommen. Sie ist aber krank gewesen, sie sagen, sie sei ein bißchen verrückt; ich glaub das nicht, sie hat ihren rechten Verstand, eher zu viel als zu wenig,«

»Und weißt du nicht, wie sie mit ihrem Familiennamen heißt?« fragte Günther.

»Ich hab' nie danach gefragt.« Und nun erzählte das Pechmännlein in redseliger Weise vom Leben der Irmgard und wie sie jahrelang eine Binde um die Stirn getragen und nie abgelegt habe, bis sie auf die Alm gekommen sei. Das Pechmännlein schilderte das ganze Leben der Irmgard so herzergreifend, daß Gunther anhielt, dem Alten die Hand reichte und sagte:

»Du bist ein guter Mann.«

Ohm Peter ließ sich das gefallen, behauptete aber, so gut wie die Irmgard gebe es niemand auf der weiten Welt.

Ueber den Weg rannten überall schnelle Wässerlein, und das Pechmännlein erzählte von dem Gewitter von gestern abends, wie das so grausig sei, wenn die Luft plötzlich zu Steinen wird und auf einen loshämmert, und wie er dem Blinden geholfen und was der ihm versprochen. Oft nahm er das Maultier am Zügel, führte es eine steile Vertiefung hinab, durch einen Bach und dann wieder aufwärts.

»Sie müssen auch schon vieles erlebt haben, Herr Doktor,« sagte das Pechmännlein; er hätte sich auch gern von dem Manne unterhalten lassen auf dem langen Weg, und er könnte, auf dem Maultier sitzend, besser sprechen, als er, der nebenher geht; er spürte es auf der Brust, daß ihm das Sprechen bergauf nicht gut ist. Als hätte Gunther das erraten, stieg er ab, da man jetzt auf einer Hochebene anlangte, und hieß das Pechmännlein aufsitzen. Ohm Peter machte viel Umstände, gab aber zuletzt nach und stieg auf; als es aber jetzt wieder bergan ging, stieg er schnell ab und Gunther mußte wieder reiten.

»Wenn unsre Irmgard jetzt von uns fort will,« sagte das Pechmännlein, »dem Herrn Doktor übergeb' ich sie gern; sie kann auch gar schön Zither spielen, und wenn sie wieder gesund ist, die kann man alle Künste lernen lassen, der ist gar nichts verborgen. Aber ich hoffe, sie bleibt bei uns, sie ist verscheucht und geht nicht gern unter Menschen.«

Es war, als ob er die Gedanken Gunthers geahnt, denn dieser hatte sich eben in die Vorstellung versenkt, wie er Irma noch vor dem Hof verborgen halten wolle, um sie dann zu sich ins Haus zu nehmen; er sah sie im Geist schon neben seiner Frau und Cornelia sitzen, und er hatte für Paula wieder eine Tochter gewonnen.

Im Walde war es dunkel und nur die Sterne glitzerten darüber.

»Jetzt ist Mitternacht vorüber,« sagte das Pechmännlein, als man wieder auf der Höhe eines Vorberges anlangte, »da drüben geht der Mond auf.«

Gunther schaute zurück und sah den Halbmond sich erheben, er sah aus wie ein Trümmer im weiten Aether ...

»Da sind schon von unsern Kühen,« sagte das Pechmännlein, und seine Stimme wurde heller, »das ist die Amsel, die hat die bimbelige Schelle und verlauft sich immer am weitesten, aber es ist keine halbe Stunde mehr, bis wir daheim sind.«

Wortlos ging es des Weges weiter, und endlich war man bei der Alm angekommen. Ein Lichtschimmer drang durch den Ausschnitt im geschlossenen Laden am Kammerfenster.

Gunther stieg ab.

»Ich will zuerst hineingehen und ihr sagen, daß der Herr da ist,« sagte das Pechmännlein leise.

Gunther nickte.

Bald kam er wieder heraus und sagte:

»Sie schläft, aber sie hat flammrote Backen, und die Gundel sagt, sie hat oftmals aus dem Traum gerufen: Vater! und auch Viktoria! sie muß Gutes träumen,«

Gunther ging in die Hütte. Er stand erstarrt, als er Irma sah.

»Was ist das?« fragte er das Pechmännlein, da sich das Gemszicklein zu Füßen Irmas aufrichtete und den Fremden groß anschaute.

»Das ist ein Gemszicklein, das ich gestern gefunden hab', sie hat's gern,« erwiderte das Pechmännlein leise.

Gunther hieß das Pechmännlein und Gundel das Zimmer verlassen, er setzte sich still neben das Bett. Er befühlte den Puls Irmas, er betastete ihre Stirn; das Pechmännlein fragte noch leise: »Wie steht's?«

Gunther zuckte die Achseln und bedeutete ihm, hinauszugehen.

Das Pechmännlein eilte auf den Heuboden, weckte Franz und befahl ihm, hurtig zum Bauer und zur Bäuerin hinabzugehen und zu sagen, sie möchten gleich heraufkommen, die Irmgard sei schwer krank.

Er legte sich selbst in das Heu, er war wie zerbrochen in allen Gliedern, so müde war er sein Lebtag nicht gewesen; aber er fand weder Ruhe noch Schlaf, und bald stand er wieder vor der Hütte, am Ladenfenster lauschend.

Gunther saß indes bei der Kranken. Sie bewegte sich manchmal hin und her, aber sie öffnete die Augen nicht; auch das Zicklein zu ihren Füßen schlief wieder.

Gunther hatte das Licht aus dem Zimmer gebracht und saß im Dunkeln.

»Es wird Tag! Ich will den Tag sehen!« rief Irma, plötzlich sich aufrichtend.

Ein dämmeriger Strahl fiel durch den Ladeneinschnitt.

»Ich will den Tag sehen!« rief Irma nochmals, und das Pechmännlein draußen öffnete die nur angelehnten Fensterladen. Ein breiter Lichtstrom drang herein. Ueber das Antlitz Irmas zog ein Glanz, sie streckte Gunther beide Hände entgegen, er faßte sie, sie küßte ihm mit fiebernden Lippen die Hände.

»Du hast Großes vollbracht,« sagte Gunther, »du hast eine Kraft bewährt, die ich bewundere. Halte sie fest.«

»Ich danke dir. Mein Vater kommt in dir zu mir. Lege deine Hand auf meine Stirn.«

»Ich halte meine Hand auf deine Stirn und segne dich im Geiste deines Vaters, und mit diesem Kusse küsse ich dir alle Schwere weg. Du bist frei.«

Irma lag ruhig und Gunther hielt seine Hand auf ihrer Stirn und draußen stieg das Morgenrot immer höher und das Licht umfloß im goldenen Schein das Gemach.

Gunther ging hinaus und holte Irma eine stärkende Medizin. Sie fühlte Labung und Erfrischung.

»Ich weiß, daß ich jetzt sterbe,« sagte sie mit klarer Stimme. »Ich bin glücklich, daß ich im Bewußtsein gelebt, im Bewußtsein sterben kann.«

Sie übergab Gunther das Tagebuch und sagte, daß ihr darin niedergeschriebener Wunsch, wo sie beerdigt sein wolle, nicht gelten solle; der Ohm wisse, wo ihr Lieblingsplatz gewesen, dort wolle sie begraben sein, und kein Merkmal solle ihr Grab bezeichnen.

Günther hatte ehedem gesagt, daß er schon viele im Tod erstarrende Hände in der Hand gehalten –an einem Totenbett wie das Irmas hatte er noch nicht gesessen.

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